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Das Bombendrama von Markranstädt: Die Chronologie

Mit Ausnahme von Bombenstimmung und Bombenwetter oder vielleicht noch einer Eisbombe sind Sprengkörper, wie alle Waffen, die traurigsten Erfindungen der Menschheit. Insofern war das heute auch ein trauriger, ja ein verlorener Tag. Aber zum Glück haben sich die Medien geradezu überschlagen, um uns in diesen dunklen Stunden etwas Licht ins Antlitz zu senden.

Lassen wir den Tag also noch einmal in medialer Zeitlupe Revue passieren. Solch ein Ereignis kommt (hoffentlich) so schnell nicht wieder. Und wenn doch, dann wissen Sie jetzt, was Sie an Informationen zu allerletzt brauchen:

9:00 Uhr: Zunächst wird ein Sperrkreis von 1000 Metern rund um die Bombe festgelegt, in dessen Innerem alles evakuiert werden soll.

10:30 Uhr: Ein Mitarbeiter im Lagezentrum meldet Bedenken hinsichtlich der politischen Dimensionen an. Ihm ist aufgefallen, dass der Sperrkreis lediglich genauso groß ist wie der gesetzliche Abstand von Windkraftanlagen zu Wohngebieten. Dieses Argument löst im Kontrollraum hektische Betriebsamkeit aus.

11:12 Uhr: Nach telefonischer Rücksprache mit dem Bundesministerium für Umwelt und Reaktorsicherheit wird der Sperrkreis auf 1,5 Kilometer erweitert.

11:30 Uhr: Die ersten Dölziger richten sich gerade in der Notunterkunft Disco SAX ein, da platzt die Information in den Saal, dass dieser Ort nicht geeignet ist, weil sich kein BOS-Funkturm in der Nähe befindet und dadurch keine Kommunikationsmöglichkeiten bestehen. Die Evakuierten sollen nun ins ADAC-Trainingszentrum umziehen.

11:50 Uhr: Handelsvertreter Silvio G. (43) freut sich darüber, am Ort seiner Not-Unterbringung gleich ein paar Punkte in Flensburg abbauen zu können. Seine Laune wird immer bombiger.

11:56 Uhr: Die Mitarbeiter des SAX nutzen inzwischen die Gelegenheit, ihren Laden auf Vordermann zu bringen und fangen nach Informationen der Dölziger Feuerwehr an, die Location zu streichen. Das ist den Einsatzorganen sogar eine Twitter-Meldung wert.

12:15 Uhr: Seit rund 20 Minuten nichts Neues. Bei den Qualitätsmedien macht sich langsam Verzweiflung breit. Auf der Suche nach berichtenswertem Leid beginnen mobile Pressekommandos mit der Erstürmung privater Rückzugsorte.

12:16 Uhr: Bei einem dieser Einsätze decken Reporter die unglaubliche Geschichte einer Frau auf, die mitten beim Kartoffeln kochen aus ihrem friedlichen Heim gerissen wurde. Bombenstimmung in der Redaktion: Der nächste Pulitzerpreis für investigativen Journalismus geht nach Sachsen!

12:40 Uhr: Richtigstellung via Live-Ticker: Das SAX bleibt nun doch Anlaufstelle für die Dölziger. Enttäuscht packt der DJ Pinsel und Farbe wieder ein. An den Fenstern der Dölziger Erstaufnahmeeinrichtung beobachten Flüchtlinge interessiert das Hin- und Herwandern der Ureinwohner. Auf ihrem Rückweg ins Sax werden sie mit einem herzlichen „Welcome“ begrüßt.

13:52 Uhr: Der Tag entwickelt sich für den medienaffinen Schkeuditzer Oberbürgermeister zum Höhepunkt seiner politischen Karriere. Zeitweilig übernimmt er sogar die Funktion des Pressesprechers der Stadt Markranstädt. In dieser Eigenschaft hat er soeben verkündet, dass Markranstädt komplett evakuiert werden muss.

13:55 Uhr: Die internationale Presse wertet diese Ankündigung als indirektes Eingeständnis, dass es sich bei dem Fund möglicherweise um eine Atombombe handelt. Dass wegen dieser Nachricht nur Minuten später vorsorglich eine Grundschule in Ribnitz-Damgarten evakuiert wurde, bestätigt sich vorerst nicht.

14:02 Uhr: Weil es nichts Neues gibt, beginnen die ersten Medien mit der Einblendung von Wiederholungen. Eine Boulevard-Blatt zwingt die Frau aus Frankenheim, nochmal Kartoffeln zu kochen.

14:11 Uhr: Es wird ernst! Der Schkeuditzer Oberbürgermeister hat jetzt offenbar auch den Posten als Sprengmeister an sich gerissen. Fachkompetent informiert er die Presse, warum man eine Bombe nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr sprengen kann. Insider vermuten allerdings, dass die Explosion auf morgen verschoben werden soll, damit die Pressefotografen den Pilz der Detonation ohne Kontrastverlust aufnehmen können, was das anschließende Interview mit dem OBM auch optisch spektakulärer erscheinen lässt.

15:00 Uhr: Um Leser, Zuhörer und Zuschauer bei Laune zu halten, werden jetzt die Wiederholungen wiederholt und dabei immer wieder darauf hingewiesen, dass die Bombe gesprengt werden muss. Inzwischen müssen schon acht Frauen immer wieder mit möglichst sorgenvollen Gesichtern Kartoffeln kochen.

15:30 Uhr: Die Spannung steigt. Um 16 Uhr soll die Bombe gesprengt werden, bis dahin müssen auch die Rückmarsdorfer evakuiert worden sein. Ob sie es alle schaffen werden, ist noch unklar. Auch die Medien lassen die Frage offen, wie die Chancen um die verbliebenen Rückmarsdorfer stehen. Die Aussicht auf spritzendes Blut sorgt für einen erneuten Anstieg der Klicks in den sozialen Medien. Die Sache beginnt sich zu rechnen.

15:34 Uhr: Der Sprengmeister hat den vermutlichen Krater nach der Explosion berechnet. Zwei Meter tief und neun Meter im Durchmesser. Ernüchterung bei einem RTL-Team, das mit seinem kugelsicheren Übertragungswagen auf dem Leipziger Augustusplatz in Stellung gegangen ist. Offenbar bleibt das Zentrum der Messestadt doch verschont.

15:49 Uhr: Allein der MDR will den Berechnungen des Sprengmeisters nicht trauen und stellt trotzdem die Rufnummer eines Bürgertelefons für ausgebombte Leipziger ins Netz.

16:00 Uhr: Blaulicht und Sirenen erfüllen die Luft in Markranstädt. Wer sich jetzt nicht am Rande des Sperrkreises befindet, wird nicht einmal die Detonation hören können und ist somit gezwungen, sich auf die gefakten Berichte der Lügenpresse zu verlassen.

16:03 Uhr: Um den verbliebenen Rückmarsdorfern eine realistische Überlebenschance zu geben, wird der Termin für die Sprengung der Bombe auf 16:30 Uhr verlegt. Die Kameraden der örtlichen Feuerwehren überprüfen vorsorglich trotzdem schon mal die Scheibenwischer an ihren Fahrzeugen.

16:17 Uhr: Es ist ein Tag, an dem Helden geboren werden. Eine Schulleiterin berichtet gegenüber Journalisten, dass in einem Rückmarsdorfer Hort sechs Lehrer und zwei Hausmeister „bis jetzt Stellung gehalten“ hätten. Der Chef eines Chemnitzer Metallwarenbetriebes lässt daraufhin spontan acht Eiserne Verdienstkreuze mit Eichenlaub am Bande prägen.

16:22 Uhr: Der MDR meldet, dass die Stimmung in der Markranstädter Notunterkunft im Sportcenter gut sei. Es gebe Hühnersuppe. Was der Sender nicht meldet: Weil über Lautsprecher zu allem Unheil auch noch MDR Radio Sachsen dudelt, muss der Hallensprecher den Insassen via Megaphon mehrfach verkünden, dass Ausbruchsversuche zwecklos sind.

16:28 Uhr: Nur noch zwei Minuten bis zur Sprengung. Der Endzeit-Stimmung und den Warnungen der Medien zum Trotz laufen in den Markranstädter Straßen noch jede Menge Todesmutige herum. Manche gehen sogar einkaufen, als wäre das an einem Tag wie diesem völlig selbstverständlich.

16:47 Uhr: Ein fernes, in der Kernstadt kaum hörbares Grummeln verrät den Markranstädtern, dass das Drama ein Ende hat. Die Bombe ist detoniert und jetzt kann man sich in Ruhe auf die beiden Täter konzentrieren, die den Sprengkörper beim illegalen Sondengehen gefunden haben. Sowas darf man nämlich nicht machen, jawollnein! Das überlässt man gefälligst den Bauern, die im Märzen den Boden bestellen. Es heißt ja nicht umsonst „Schwerter zu Pflugscharen“.



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5 Comments to Das Bombendrama von Markranstädt: Die Chronologie

  1. woki1302 sagt:

    Also Leute, wenn das Bild, das ihr am Anfang eures Beitrags gestellt habt und das die Bombe sein soll, hat man euch wiedermachen verarscht. Das Ding was da auf dem Bild zu sehen ist ist eine Granate. Gut zu sehen an dem Führungsring im hinteren Teil des Geschosses. Bomben werden im Normalfall ganz profan abgeworfen und nicht durch ein Rohr geschossen.
    Wenn das Bild nicht mit dem Objekt der Begierde übereinstimmt – auch gut. Der Artikel dazu ist jedenfalls Wiederwahl spitzenmäßig. Großes Lob an euch Satiriker
    Weiter so

    • -st- sagt:

      Sach ma … glaubst Du echt, dass wir für die drei Kommentare hier und ansonsten für lau unsere Ärsche riskieren und da vor Ort auflaufen (noch dazu wo ein Oberbürgermeister als Sprengstoffexperte agiert), nur um ein Foto zu schießen? Klar ist das auf dem Titelfoto eine Sex-Granate aus dem Fotostock! Selbst wenn wir die echte 250 kg-Bombe hier zeigen, würde und das eh keiner glauben. Also muss das so gehen.

  2. Paule sagt:

    Früher war das ein Problem, heute gibts da eine App dafür. Gibt man im Google ein „Tutorial Fliegerbombe entschärfen“ wird man rasch fündig. Ein guter Beitrag des Bayrischen Rundfunks, mit GEZ Mitteln finanziert, stellt eine 2 Schritte-Lösung vor.
    1. Blindgänger finden
    2. Blindgänger entschärfen
    Stimmt! Genau so geschehen in Dölzig
    Weiterhin glänzt der Beitrag mit dem Fachwissen, das vor allem dort mit Blindgängern zu rechnen sei, wo Bombardierungen stattgefunden haben. Aha.
    Also demnächst nicht überreagieren und evakuieren, einfach googeln und mit der FFW selber entschärfen 🙂

    • ein Frankenheimer sagt:

      In dem Tutorial fehlt leider ein entscheidender Schritt:
      1a. Bevölkerung im Umkreis von x Kilometern evakuieren. (x = die Zahl darf jeder selbst auswürfeln, gestern standen die Würfel wohl auf ‚Kante‘, wie sind sonst die 1,5 zu erklären?)
      Vor allem sollte man den Betroffenen bloß nicht erzählen, daß sie am Abend vielleicht auswärts schlafen müssen – für diese Art Informationen gibt es ja schließlich das Internet. Das ist keine Satire, sondern war die Realität gestern Nachmittag…. Aber vielleicht wußten das die Jungs selber nicht???

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