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Der Aufstand der Gartenzwerge

Das für den 13. Juni geplante Promenadenfest fällt aus. Wie die Stadtverwaltung gestern mitteilte, trifft dieses Schicksal auch zahlreiche andere Veranstaltungen. Doch inzwischen besinnt sich der Sachse längst auf eine Alternative, die ein Landsmann (wer auch sonst?) schon vor über 150 Jahren zur Welt gebracht hat. Moritz Schreber, der Architekt postmoderner Agrar-Liturgie mit Laube statt Festzelt, ist der neue Heiland bei der Privatisierung der Feten. Aber wie lange lässt sich der Staat diesen Kontrollverlust noch gefallen? Er droht jetzt mit Lockerung.

Zunächst nochmal zum Promenadenfest und anderen Events. Es wird am Ende wohl noch mehr treffen als die, die in der Pressemitteilung der Stadt erwähnt wurden, weil deren Absage schon offiziell ist. In der Mitteilung heißt es:

Für den 13. Juni 2020 war in diesem Jahr das Promenadenfest am Westufer des Kulkwitzer Sees geplant. Leider macht die aktuelle Coronakrise auch nicht halt vor dem Markranstädter Veranstaltungskalender. Deshalb muss die Stadt das fröhlich bunte Familienfest in diesem Jahr absagen.

Die Entscheidung ist der Verwaltung dabei nicht leicht gefallen. Die Gesundheit und die Fürsorge für der Mitmenschen haben jedoch oberste Priorität. Nicht nur das Promenadenfest wird in diesem Jahr nicht stattfinden, auch viele Volksfeste in Markranstädt und den Ortschaften nicht, so beispielsweise das Räpitzer Pfingstbier, das Mühlenfest in Frankenheim und unser Markranstädter Kinderfest.

Weiterhin bleibt die Bitte, die Regelungen zur Eindämmung der Pandemie zu befolgen. Je besser das gelingt, umso mehr besteht wieder die Aussicht auf ausgelassene Feste.

Anno 2020 kein Promenadenfest wie im vorigen Jahr.

Ja, da droht ein trüber Sommer. Kein Wunder, dass die Kleingartenvereine zur Zeit Hochkonjunktur haben und sogar Parzellen reißend Absatz finden, die in den letzten Jahren zu Filmkulissen für das Dschungelbuch gereift sind. Versuch’s mal mit Gemütlichkeit…

Der deutsche Michel hat die Heimparzelle als alternatives Festgelände wiederentdeckt. Das ist oft nicht nur finanziell günstiger, sondern auch hinsichtlich der Gestaltung und Wahrnehmung des Hausrechts.

Keine langen Eröffnungsansprachen von Amtsinhabern, kein Defilee von Wahlbewerbern, kein Infostand der Krankenkasse und auch keine wählerischen Nichtmichel auf der Gästeliste, deren Tofu-Steaks man zuerst auf den Grill legen muss, damit sie bloß nicht mit dem Stimmungskiller Schweinefett kontaminiert werden.

Statt dessen Roster, Bier und Gesänge im Kleingarten. Als Hüpfburg für die Kids kann Opas Bierbauch gute Dienste leisten und zur traditionellen Kopulation hinter dem Festzelt kommt es nun direkt neben der Laube, vorzugsweise gleich mit der sich gerade erbrechenden Nachbarstochter (wo sie sich eh grade über den Zaun bückt), was zugleich die Herkunft des Zitats vom „guten Verhältnis über dem Gartenzaun“ kaum bildhafter erklären kann.

Auch das ist eine Folge der Corona-Pandemie: Die deutsche Feier-Kultur wird gerade von den Fremdeinträgen vergangener Jahre und Jahrzehnte entschlackt.

Heim ins Gartenreich

Anknüpfend an alte Traditionen – die letzte echte germanische Fete soll ja schon vor über einhundert Jahren im Münchener Hofbräukeller stattgefunden haben – üben einige Freigeister schon wieder, wie man zu vorgerückter Stunde ein Bierglas auf dem Schädel des politischen Gegners zertrümmert. Wichtig ist allein, dass man sich am nächsten Tag mit dem Arschloch wieder verträgt.

Diese plötzliche Rückbesinnung auf alte Werte hat allerdings nicht nur Vorteile. Im Gegenteil, verrät sie doch, dass die Verschwörungstheorien über die bewusste Freisetzung des Corona-Virus und die von langer Hand geplanten Folgen des Lockdowns jeglicher Grundlage entbehren.

Wenn der Staat eines nicht will, dann ist das doch der Kontrollverlust über auch nur einen einzigen Menschen. Darum hat er doch gerade neben Personalausweisen und Smartphone-Apps mit eingebauter Datenspende solche Massenfeiern wie das WGT, Promenaden- und Kinderfeste oder die Fußball-Bundesliga erfunden!

Da kommen die Leute ganz freiwillig an einen zentralen Ort, wo man sie mit wenig Aufwand unter Kontrolle hat. Wenn da auch nur einer die Nationalhymne anstimmen will oder die Deutschlandfahne auspackt, hat man ihn ruck-zuck rausgefiltert, diesen patriotischen Quertreiber.

Was statt dessen jetzt passiert, ist staatlicher Kontrollverlust in Reinkultur und das kann der Berliner Hofstaat nie und nimmer gewollt haben.

Statt eine Festwiese mit einer Hundertschaft Polizei zu umstellen und alles mit einer Trillerpfeife im Griff zu haben, müssen die Ordnungshüter jetzt in Zweier-Gruppen durch Kleingartenanlagen patroullieren, begleitet nur von der steten Angst, aus diesen Labyrinthen nicht wieder herauszufinden.

Wenn sie Glück haben und sie einen Wildpinkler an dessen eigenen Komposthaufen überführen können, rechnet sich wenigstens die Abschreibung des Feldstechers. Ohnehin ist es kaum möglich, in der Kleinstaaterei einer Gartensparte einheitliche Rechtssprechung auszuüben.

Statt Obstgehölze ragen dort heute Fahnenmasten in den Himmel, an deren Wipfeln im Winde wehende Flaggen bekunden, welche Ethnien zu Füßen der jeweiligen Stange gerade siedeln.

Ferrari, RB Leipzig, das Deutsche Reich … es ist selbst für erfahrene Staatsanwälte kaum noch überschaubar, welche Nationalitäten sich im Vielvölkerstaat einer Kleingartenanlage so versammelt haben.

Und ewig lockt die Lockerung

Kein Virus der Welt kann für ein System auch nur annähernd so gefährlich sein wie Menschen, die sich selbst organisieren. Die einzige Alternative wäre ein Gesetz, wonach Gartenfeten vorher beim Ordnungsamt anzumelden sind.

Allein die drohende Bearbeitungszeit (einige der angemeldeten Personen würden am Tage der Bewilligung nicht mehr leben) würde das Volk nur noch tiefer in die Wälder hin zu noch weniger kontrollierbaren heidnischen Kultplätzen treiben.

Wie auch immer man es dreht: Das ist Kontrollverlust und sowas lässt sich ein Staat nicht gefallen. Wir können uns also getrost zurücklehnen und fest darauf bauen, dass es schon bald wieder rauschende Feste an zentralen Orten geben wird. Sehr bald sogar.

 






7 Comments to Der Aufstand der Gartenzwerge

  1. Allesbleibtbesser sagt:

    Risiken und Nebenwirkungen:
    als neuer Abonnent stellt sich mir die Frage, wie konnte ich nur bis jetzt ohne eure satirische Kurzweil auskommen, einfach köstlich?! Einen Hinweis bzw. eine Warnung vor dem Lesen des Newsletters wäre allerdings nett gewesen, es empfiehlt sich NICHT diesen mittels Handy auf der Latrine zu lesen, die Gefahr, dass Reparaturkosten ins Unermessliche steigen ist einfach zu groß…mein Tipp: ausdrucken und im guten alten Zeitungsständer neben dem Örtchen deponieren, der nächste Besucher braucht dann dort zwar etwas länger aber er/sie kommt lächelnd von zurück!
    Habt vielen Dank, ich freue mich auf Neues!

    • CvD sagt:

      Na dann erst mal herzlich willkommen im Kreise der wahrhaft Informierten. Wie Sie schon richtig erkannt haben, ist das Portfolio der Markranstädter Nachtschichten eher für die altmodischen Nutzer ganz normaler PCs programmiert. Die Dinger passen nicht durchs Klo, mitunter nicht einmal durch die Brille.
      Es drängt sich die Frage auf, ob Sie ein Markranstädter sind? Die warten nämlich normalerweise so um die zehn Jahre, bis sie hier mal einen Kommentar hinterlassen. Ein Neuer und gleich so offen zugewandt … das riecht förmlich nach fremdländischer Übervölkerung. Am Ende gar Leipziger Gene?
      Egal, willkommen noch mal und viel Spaß bei und mit uns!

      • Allesbleibtbesser sagt:

        Liebes MN-Team,

        vielen Dank für die aufnehmenden Zeilen. Euer CRM-System scheint zu funktionieren, es ist aber eher eine Mischung aus allem. Leipziger Gene mit 13-jähriger „Prägungsphase“ in Lallendorf, um dann, dem schnöden Mammon geschuldet, die Hausanschrift ins benachbarte Sachsen-Anhalt zu verlegen. Ohne vorher natürlich seine Bürgerpflichten zu vernachlässigen und die Einwohnerzahl der pulsierenden Metropole Markranstädt wieder zu kompensieren sowie nach wie vor, nicht nur seinen finanziellen Obolus an das Vereinsleben zu entrichten. Nun hoffe ich euren investigativen Hunger gestillt zu haben und wünsche euch weiterhin allenthalbend Inspiration!!!

        Von Einem der auszog um zu bleiben…

  2. Ute Weigand-Münzel sagt:

    Der Artikel ist total klasse und trifft den metaphorischen Nagel auf den Kopf.

  3. Wiki1303 sagt:

    Moin allerseits.
    Ich glaube die rauschenden Feste an zentralen Orten wird es erstmal nicht geben. Außer vielleicht in der näheren Umgebung von Moscheen….. Denn bis 31.08. sind ja alle Großveranstaltungen untersagt, jedenfalls für uns Bundesbürger.
    Andererseits gibt es auch positive Nebenerscheinungen der „Krise“. Eltern erinnern sich daran das man mit Kindern noch mehr machen kann als in die Schule schicken, zum Reiten oder sonstwas fahren dann zu Hause vor den Computer oder Fernseher setzen und dann ins Bett nötigen und das in der Freizeit oder am Wochenende auch andere Dinge getan werden können als Spaßbad oder Gaudipark oder sowas. Man sieht Familien gemeinsam spazieren gehen. Kinder spielen auf der Straße Ball oder fahren Rad oder Rollschuhe. So wie früher, also ganz früher. Selbst die alte „Bude“ im Wald, die mein Sohn (24) vor mehr als 10 Jahren sich mit seinen Kumpels gebaut hatte, bekam neue Interessenten. Und dazu zählt auch die Rückbesinnung auf die nähere Umgebung ins auf den so genannten Schrebergarten. Ding die verachtet und vergessen waren Gewinne wieder Interesse. So, zum Beispiel, gibt es in Jena derzeit kein Gärten mehr zu pachten geschweige denn zu kaufen. Alles vergeben in den letzten 8 Wochen. Selbst die fast verwaiste Gartenanlage in Meerane, wo mein Schwager einen Garten intensiv bewirtschaftet, belebt sich wieder. Also, wie gesagt, es gibt auch positive Begleiterscheinungen der Krise. Die Menschen erinnern sich wieder an das wesentliche.
    Abgesehen davon, eigener Garten eigene Scholle. Und egal wer oder was sich darauf begibt, herrscht dort Hausrecht und noch andere Grundrechte, wie der BGH immer mal wieder bestätigt.
    In diesem Sinne, allen einen schönen Tag und bis bald

  4. Volker Schack sagt:

    Als eine weitere Alternative für Abwechslung und Lockerung wäre „Waldbaden“ zu empfehlen, Ordnungshüter könnten nicht gleich folgen.

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