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Der Kirche werden die Glocken geliftet

Als Erna B. (68) am Dienstagmorgen über den Marktplatz läuft, bleibt sie stehen und lässt ihren Blick sehnsuchtsvoll am Baugerüst zur Spitze des Kirchturmes empor schweifen. „Kirche müsste man sein“, seufzt sie. „Da hängen die Glocken sogar nach 500 Jahren noch dort, wo sie hingehören.“ Unbewusst hat die Seniorin mit dieser sentimentalen Erinnerung an ihre Konfirmationsbluse eine Frage angestoßen, die derzeit viele Markranstädter bewegt. Warum ist der Kirchturm eingerüstet?

Das Gerüst ist Teil der Baustelleneinrichtung, die der gegenwärtig laufenden Sanierung der Läuteeinrichtung im Kirchturm dient, teilt Pfarrer Michael Zemmrich mit.

Derzeit befindet sich in der St. Laurentiuskirche Markranstädt ein Geläut aus einem Stahlglockenstuhl mit drei Eisenhartgussglocken. Sie ersetzen jene Bronzeglocken, die für den ersten und zweiten Weltkrieg abgegeben und eingeschmolzen wurden.

Der Stahlglockenstuhl stammt ungefähr aus der Zeit um 1885 und ist durch Wechselzugbeanspruchung ermüdet und verschlissen. Es bestehe aus statischen Gründen Handlungsbedarf, heißt es.

Gevatter Rost hat ganze Arbeit geleistet. Da könnten auch einer Kirche im Alter die Glocken in den Schoß fallen.

Deshalb werde das Stahlkonstrukt jetzt durch einen traditionellen Eichenholzglockenstuhl ersetzt. In diesem Zusammenhang wird auch der Glockenboden im Turm ertüchtigt, ebenso werden die Glockenarmaturen erneuert.

Am vergangenen Sonntag erklangen die Glocken anlässlich der Konfirmation vorläufig zum letzten Mal. Nach Abschluss der Sanierungsarbeiten sollen die alten Stahlglocken voraussichtlich am Jahresende wieder läuten.

So weit zum offiziellen und seriösen Teil der Meldung. Was in der Mitteilung des Pfarramtes nicht steht: Auch die Zeit bleibt inzwischen stehen, weil die Turmuhr ebenfalls angehalten wurde. In Markranstädt ist jetzt auch laut Zifferblatt ständig finsterste Mitternacht.

Schade eigentlich. Angesichts der aktuellen Lage hätte man die Zeiger sinnftiftender bei fünf vor zwölf anhalten sollen.

Das wäre auch für die Mitarbeiter des Ordnungsamtes besser. Wenn sie die Zeiten der Parkuhren mit der Turmuhr abgleichen, bekommt der Begriff vom „ruhenden Verkehr“ plötzlich ganz neue Inhalte.

Apropos: Da kommen jetzt harte Zeiten auf die Insassen des Rathauses zu. Kein Glockenschlag mehr zur Mittagspause, Dienstberatungen werden zur Mitternachtsmesse und verschlafene Feierabende stehen auf der Tagesordnung.

Zu jeder Tageszeit finsterste Mitternacht. Oder wie es in einem Renft-Hit heißt: „So ist das nun mal: Wenn Zeit beginnt, kommt gleich danach, dass sie verrinnt…“

Bei Amazon wurde schon am Montag ein erhöhtes Aufkommen an Bestellungen von Funkweckern und ähnlichem chronometrischen Equipment mit Lieferadresse Markt 1 registriert. Jede Krise ist auch eine Chance.

Wenn die Spendenbereitschaft weiter anhält oder gar noch zunimmt, ist allerdings auch der Tag nicht mehr fern, an dem die Schlafenden nicht mehr durch die atonale Kakophonie missgestimmter Stahlglocken aus dem Schlaf gejault werden, sondern schon beim ersten tönenden Glockenschlag die Hacken unter den Schreibtischen zusammenschlagen.

Abhängig von Spenden soll der Stahl-Ersatz in Zukunft durch Bronzeglocken ersetzt werden. Damit wären nicht nur die Schäden beider Weltkriege beseitigt, sondern durch die Markranstädter Lüfte würden endlich wieder wohlklingende Harmonien wehen.

Das ausgediente Klangstahl-Geläut soll bald würdigen Bronzeglocken weichen.


 


S P E N D E N K O N T O

Glocken für die St. Laurentiuskirche

Evangelisch-Lutherischer Kirchenbezirk Leipzig

Bank für Kirche und Diakonie – LKG
IBAN: DE 7135 0601 9016 2047 9078
BIC: GENODED1DKD
Verwendungszweck: RT 1928 Glocken St. Laurentius

 

 

 






4 Comments to Der Kirche werden die Glocken geliftet

  1. Neugierige sagt:

    Gibt es von der Turmuhr mit Aufschrift ein Foto oder Zeichnung?

  2. Burkhard Schmidt sagt:

    Auch wenn die Uhr steht, die Zeit läuft trotzdem weiter!
    Die Zeiger der Turmuhr stehen aber auf 12 Uhr Mittags!!
    Sie senden die Hoffnung aus, dass die Markranstädter bald wieder durch das Mittagsläuten, der dann neu aufgehangenen Glocken, aus einer gefühlten finstersten Mitternacht zum Optimimus aufgeweckt werden können.
    Übrigens: Ein Zifferblatt unserer Kirchturmuhr hatte vor ca.50 Jahren die Aufschrift “ Zeit ist Gnade “ .

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