Die lallischen Dörfer haben ihren Zaubertrank fertig

Nach den Kommunalwahlen im Mai mussten über drei Monate ins Land gehen, bevor sich die neuen Generalstäbe in den Ortschaften so formiert hatten, dass jeder seinen festen Platz am Kartentisch hat. Konstituierung nennt man das Gerangel um Posten, die eigentlich gar keiner haben will. Ortsvorsteher, das sind Generäle ohne Armeen. Jeder Friedhofsgärtner hat mehr Leute unter sich. Trotzdem gab es beim Konstituieren diesmal reichlich Brisanz. Erklärungsversuche mit Asterix und Obelix.

[Titelfoto: Helfmann, CC by SA-4.0]

Erstmal tauchte kurz nach der Wahl ein völlig neues Problem auf. Ein neues Problem, das so neu war, dass es die meisten Strategen gar nicht auf dem Schirm haben konnten.

Sogar die Stadtverwaltung ist davon scheinbar so überrascht worden, dass sie sich seither in medialer Schockstarre befindet und bis zum heutigen Tage ihr Rats- und Bürgerinformationssystem dahingehend nicht aktualisiert hat.

Um es mal mit Asterix und Obelix zu erklären: Der Freistaat hat einen gelben Passierschein A 38 ausgeschieden und die neugewählten Ortschaftsräte damit ins Haus, das Verrückte macht geschickt.

Weil nämlich ein Ortsvorsteher auch aus den Reihen des nicht gewählten Bürgertums gewählt werden kann, ist für dessen Sitz ab dieser Legislatur ein zusätzlicher Stuhl an die jeweilige Ratstafel zu stellen. Heißt also, dass die Ortsparlamente der lallischen Dörfer nun aus sechs statt bisher fünf Ratsdamen und -herren bestehen.

Wenn nun eine Dorf-Duma ihren Vorsteher aus den Reihen der Gewählten wählt und der somit auf den Chefsessel rückt, muss aus der gleichen Partei ein Folgekandidat auf den frei gewordenen Ratssitz nachrücken. Okay, das hätte man auch vor der Wahl schon bekanntgeben können, aber das wäre a) zu einfach gewesen und hätte b) den Satirikern jede Menge Spaß verdorben. Wie sagt doch Obelix immer?

Die spinnen, die Dresdner

Da sich in allen lallischen Dorfparlamenten die neuen Vorsitzenden aus den vom Volke gewählten Führungsstab rekrutieren, muss es folglich in allen Gremien auch Nachrücker geben, und zwar aus dem gleichen Verein, aus dem der Vorsitzende geschlüpft ist. Wohl dem, der für solche Fälle auch einen Nachrücker hat und noch wohler dem, dessen Nachrücker dann auch bereit ist, nachzurücken.

In Räpitz zum Beispiel war das knapp. Dort hatte die CDU mit Ronny Rackwitz nur einen. Wenn der abgewunken hätte, wäre ein Sitz im Ortschaftsrat unbesetzt geblieben.

Als sei das konstituierende Vorgeplänkel in Räpitz nicht ohnehin schon originell genug gewesen, musste eigens für diese Personalie eine zweite Sitzung einberufen werden, weil das neue Regularium so neu war, dass es bei der Vorbereitung der ersten Sitzung noch gar nicht bekannt gewesen ist.

Im Grunde genommen wäre allein das schon ein ausreichender Grund, die Kommunalwahlen grundsätzlich anzufechten, weil die Bürger – ohne es zu wissen – Abgeordnete gewählt haben, die rückwirkend betrachtet gar nicht wählbar waren. Einfach irre.

Aber umsonst war das Prozedere zumindest in Räpitz nicht. Wahrscheinlich wäre man im Rahmen der ersten konstituierenden Sitzung sowieso nicht dazu gekommen, sich mit einem Nachrücker zu beschäftigen. Allein die Wahl des stellvertretenden Ortsvorstehers entwickelte sich hier zur ersten Kraftprobe des neuen Gremiums.

Kraftprobe in Räpitz

Annett Zausch, die diesmal für die BfM antrat, machte ihren Anspruch auf den Posten geltend und begründete ihn mit den 269 Stimmen, die bei der Wahl auf sie entfielen. Niemand, auch keiner aus den Reihen der CDU, konnte mehr bieten. Damit hatte Räpitz zwei Wahlsieger: die CDU als Partei und Zausch als Person.

Nachdem die christdemokratische Parlamentsmehrheit Roland Vitz als Majestix inthronisiert hatte, wollte Zausch dann wenigstens Vize-Vitz werden. Möglicherweise hat die Bürgerin für Markranstädt ihr Begehren nur etwas zu forsch vorgebracht und die Postenvergabe an sie als etwas zu selbstverständlich angesehen? Nicht auszuschließen aber auch, dass die CDU einfach nur mal die Muskeln spielen lassen und zeigen wollte, wer Herr im Hause am Sportplatz ist.

Angesichts der Bedeutung des Stellvertreterpostens, die dem Erfasser umgefallener Reissäcke auf einem chinesischen Fischkutter gleichkommt, war die Auseinandersetzung jedenfalls bemerkenswert. Am Ende darf Annett Zausch jetzt die Reissäcke zählen, weil das Interesse der CDU an dieser Aufgabe plötzlich erlosch. Viel Lärm um nichts.

Das Dorf bin ich!

Auch in Großlehna bahnte sich was an. Hier hatte sich doch tatsächlich jemand gewagt, Carina der Großen die Stirn zu bieten und ihr den Vorsitz des Ortschaftsrates streitig zu machen. Und weil die Konkurrenz auch noch aus den eigenen Reihen kam (was in Großlehna selbst unter Anwendung der Relativitätstheorie gar nicht anders möglich ist), machte unter den Kriegsberichterstattern zunächst die Mär von einer inszenierten Truppenübung die Runde. Ein scheindemokratisches Gefecht sozusagen, um der führenden Rolle der CDU einen basisdemokratischen Charakter zu verleihen.

Erst später gelangte an die Öffentlichkeit, dass es an der A 9 tatsächlich ernsthafte Bestrebungen zu einer Verjüngung der von demografischen Wandel gezeichneten Institution gab. Der Putschversuch scheiterte 1:3, auch weil das Rebellen-Team nur in halber Mannschaftsstärke an der finalen Abstimmung teilnahm. Besonders tragisch: Die Sache mit dem Jugendparlament hat sich damit für immer erledigt. Bei der nächsten sich bietenden Möglichkeit sind auch die dann schon wieder vier Jahre älter.

Vae victis: Wehe den Besiegten

Und noch einmal müssen Asterix und Obelix strapaziert werden. Schließlich ist scheinbar ganz Lallien von Christdemokraten besetzt. Ganz Lallien? Nein! Ein vom unbeugsamen Stamm der BfM bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten. Göhrenz heißt der Ort.

Auch hier musste dem neuen Majestix Jens Schwarzer (BfM) ein Nachrücker folgen. Und auch hier gilt: Zum Glück war eine vorrätig. Frau Pietrowsky wird jetzt als Gutemine ihren Teil dazu beitragen müssen, dass der Zaubertrank in der Schnellen Spritze auch künftig ordentlich angerührt wird.

Zaubertrank ist fertig

Und hier zusammenfassend noch einmal alle örtlichen Anführer und ihre Stellvertreter sowie der jeweils nächste in Frage kommende Nachrücker. Ob letztere das am Ende auch wirklich werden oder inzwischen schon geworden sind, das erfahren wir wohl erst, wenn die regierenden Römer in der Hauptstadt ihr Ratsinformationssystem für die lallischen Provinzen in Ordnung gebracht haben.

Räpitz & Kulkwitz

In Räpitz regiert Roland Vitz, Annett Zausch ist als Vize-Vitz bestätigt und als Nachrücker wurde Ronny Rackwitz ins Boot geholt. In Kulkwitz hat Carmen Osang die Hosen an, vertreten von Erik Munkelt und von der Ersatzbank müsste Dr. Manja Mergner eingewechselt werden.

Großlehna & Frankenheim

Zepter und Reichsapfel von Großlehna hat Carina Radon fest in den Händen, muss sie im Bedarfsfall nur an Matthias Prautzsch ausleihen. Nachrücken müsste nach Lage der Dinge Gerhard Schmidt. In Frankenheim wärmt Jens Schwertfeger den Thron, vertreten von Jörg Frommolt. Mit einem dreifach gepfiffenen Horrido auf den Lippen sollte laut Wahlergebnis dann Ralf Buttig zielsicher auf den frei gewordenen Ansitz am Tisch zusteuern.

Göhrenz und Quesitz

In Göhrenz tritt Jens Schwarzer das Erbe von Ingrid Barche an, sekundiert wird er von Marco Müller. Schwarzers Sitz müsste gemäß Liste an Grudrun Liane Pietrowsky gehen. Bliebe noch Quesitz. Ortsvorsteher Mike Hienzsch kann sich hier auf Stellvertreterin Anja Merkel stützen. Als erster Nachrücker steht Peter Bär auf der Liste.

 

7 Kommentare

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    • Beobachter auf 11. September 2019 bei 10:55
    • Antworten

    Sorry aber ich sage mal das ist doch wieder verarsche am Wähler, oder will hier irgendwer allen ernstes Behaupten dass er von diesem Vorgang gewußt hat?
    Schlimmer noch wenn es bekannt geworden wäre hätten bestimmt auch viele Wähler anders gewählt.
    Aber MN wie immer Top und das Ohr am Puls der Zeit.

    • Rena auf 11. September 2019 bei 9:03
    • Antworten

    Soviele Daumen zum Hochhalten hat ein Mensch ja gar nicht!!! Und wenn man die Großzehen noch dazu erhebt, reicht es noch laaaaaaaaange nicht!
    Da kann sich die Qualitätspresse echt was abgucken, wie man interessiertem Volk wichtiges Polit-Trockenfutter (sogar noch mit mehrfarbigem Bildchen garniert!) schmackhaft machen kann.
    Wo kann man Vorschläge für den Jurnalistenpreis des Jahres einreichen?

    • Lebräb auf 11. September 2019 bei 8:31
    • Antworten

    Kompliment! So schwere Kost lässt sich wahrscheinlich nicht einfacher/leichter verständlich erklären. Dass man trotzdem alles zweimal lesen muss, um es zu verstehen, liegt an den eingestreuten satirischen Elementen, die von der Konzentration ablenken. Dafür sind die allerdings WELTKLASSE. Habe ich schon bei der Wortschöpfung „Vize-Vitz“ aufgeschrien vor lachen, wars dann bei „Das Dorf bin ich“ endgültig aus. Auf sowas muss man erstmal kommen. Echt Spitze!!!

    • Bentin auf 11. September 2019 bei 7:01
    • Antworten

    @Paule: nicht nur er. Wunderbar geschrieben und erklärt (für Leute, die in der Schule noch „verstehendes Lesen“ beigebracht bekommen haben und es trotz Alexa & Freundinnen immer noch tun). Plus das Titelfoto!

    • Uta lüngen auf 11. September 2019 bei 6:33
    • Antworten

    Um das zu lesen und auf Anhieb zu verstehen hätte ich heute einen Zaubertrank gebraucht. Wer ist denn eigentlich der Obelix der das auch ohne schafft?

      • CvD auf 12. September 2019 bei 10:39
      • Antworten

      Der Obelix ist leicht erkennbar. Betreiber von Geschäften in der Kernstadt erkennen ihn sofort. Bevor er eintritt, kommt erst sein Bauch durch die Tür.
      Und hier die Ursache dieses biologischen Desasters: Asterix sitzt mit Obelix in einer Taverne. Als der Wirt kommt, bestellt Asterix: „Zwei Wildschweine bitte!“ Darauf ergänzt Obelix: „Für mich bitte auch zwei.“

      Na, wer isses?

    • Paule auf 10. September 2019 bei 22:04
    • Antworten

    In dieser Menge und Satire-Dichte nahe am schwarzen Loch! Stephen Hawkins hätte seine Freude daran!
    Gomblimänt!

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