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Gestrandet in Markranstädt: Heimweh trotz Ormig-TV - Markranstädter Nachtschichten

Gestrandet in Markranstädt: Heimweh trotz Ormig-TV

Fast hätten wir uns diese einmalige Chance entgehen lassen. Zum Glück hat uns unser Leser Paule via Kommentar noch rechtzeitig auf den richtigen Trichter und damit auf die rettende Idee gebracht. Also ist ein Reporter-Team nochmal gen Bahnhof aufgebrochen, um einen der Passagiere aus dem D-Zug zu interviewen, der am Dienstag mit 42 Jahren Verspätung in Markranstädt einfuhr. Allerdings entwickelte sich das Gespräch anders als gedacht. Nicht wir stellten Fragen, sondern unser Gesprächspartner. Logisch, wenn man nach so langer Abwesenheit mit einer völlig neuen Welt konfrontiert wird.

Passagier: Welches Jahr haben wir?

Nachtschichten: 2021.

Echt? Da hab ich wohl viel verpasst. Wie ist die politische Weltlage? Haben wir den Klassenkampf gewonnen?

Wie man’s nimmt. Das Land, in dem sie losgefahren sind, gibt’s jedenfalls nicht mehr. Sie befinden sich jetzt auf dem Territorium der BRD.

Wie jetzt? Und der antifaschistische Schutzwall?

Tja, Mielke hatte den Bauplan im Suff verkehrtrum gehalten. Die Republik wurde quasi von der falschen Seite dicht gemacht. Wir kamen nicht raus, aber die imperialistischen Besatzer konnten von der anderen Seite problemlos eindringen. Jetzt haben wir den Salat.

Und da kann man nichts mehr machen?

Ein paar versuchen’s noch. Mauer wieder hochziehen und so. Aber die Fachkräfte werden immer knapper. Es gibt kaum noch welche, die eine Kelle schwingen können.

Und haben die Kapitalisten wenigstens was gemacht hier im Osten? Wiederaufbau, Modernisierung und so?

Ja klar, schauen sie sich doch mal um.

(Lässt seinen Blick über den Bahnhof schweifen und wird nachdenklich). Hatte Marx also doch recht mit dem sterbenden, faulenden und parasitären Imperialismus…

Marx ist tot.

Ich weiß. Und Honecker? Immer noch Staatsratsvorsitzender?

Nein.

Wer dann?

Eine ehemalige FDJ-Funktionärin.

(Atmet erleichtert auf) Na wenigstens haben wir die führende Rolle verteidigt. Und wer sitzt sonst noch so an den Hebeln?

Keiner weiter. Der Bundestagspräsident sitzt nicht am Hebel, sondern im Rollstuhl.

Dann wäre der Bahnhof hier für ihn sozusagen Endstation, oder? Was gibt’s sonst noch Neues aus Bonn?

Nicht Bonn, Berlin. Ja, was gibt’s da noch? Wie gesagt: Der Präsi im Rollstuhl, ein Sozi als Finanzminister und eine Weinkönigin als Bauernministerin. Ach ja, der Gesundheitsminister ist homosexuell.

Schaut sich vorsichtig um und flüstert hinter vorgehaltener Hand: Wissen das die Leute?

Das ist heute nicht mehr so schlimm. Fällt kaum noch auf unter den 63 anderen Geschlechtern.

Oh. Und sonst noch was, also personell?

Wir hatten zwischendurch sogar einen Papst.

Was? Das ging doch bestimmt nicht mit rechten Dingen zu. Wo war der denn vorher?

In der Hitlerjugend.

Fängt an herzhaft zu lachen. Ja, ja, sie Lustiger, sie. Und zwischendurch hatten die Amis dann sicher auch einen Neger als Präsidenten (schüttelt sich weiter vor Heiterkeit).

Richtig!

(Sein Lachen verstummt schlagartig)

Neger darf man übrigens auch nicht mehr sagen.

Echt nicht? Auch nicht zu den Guten? Ich meine, die Angela Davis damals, die wir bei den Amis rausgehauen haben, das war doch eine gute Negerin, oder? … Auch nicht mehr?

Kann sein. Lange nichts gehört von ihr.

Und die Russen? Sind die wenigstens noch da?

Ein paar noch. Die halten sich mit Diskos, Wanderapotheken und so Zeugs über Wasser. Aber seit die Nordafrikaner da sind und die Albaner …

… Stopp! Nordafrikaner, wie konnte das denn passieren?

Tja, die haben gut aufgepasst damals. Von Rommel lernen, heißt siegen lernen. Aber keine Angst, unsere FDJ-lerin hat das Jugendprojekt „Wir schaffen das!“ ausgerufen.

Was ist das, was die hier alle in den Ohren stecken haben und was sind das für Dinger in den Händen, wo die alle drauf starren?

Das sind sozusagen … ja also … wie erkläre ich ihnen das? Eine Art kleine Plattenspieler. Aus den Stöpseln in den Ohren kommt dann Musik.

(Haut sich auf die Schenkel und lacht ungläubig). Sie sind ein Spaßvogel, stimmts? Am Ende wollen sie mir dann vielleicht noch erzählen, dass man mit den Dingern auch telefonieren kann? (lacht weiter)

Stimmt!

Sein Gesicht schläft ein, er verstummt schlagartig und starrt mich fassungslos an.

Man kann sie sogar als Navi nutzen.

Als was???

Das sind so Dinger, mit denen man sich verfahren kann. Und Whatsappen kann man auch damit.

Whats … was?

Sie müssen sich das so vorstellen wie … also das ist praktisch wie eine Ormig-Kopie, die übers Fernsehen kommt.

Und wozu ist dieses Ormig-Fernsehen gut?

(Langsam nervt er) Na ja, wissen sie, es wurden in den letzten 40 Jahren ganz viele Dinge erfunden, durch die wir viel Zeit einsparen. Da muss man jetzt natürlich auch Dinge erfinden, mit denen wir die eingesparte Zeit auch irgendwie nutzen können. Beispielsweise mit Ormig-Fernsehen.

Der arme Mann blickt geistesabwesend aufs leere Gleis. Wenn … wenn der Zug zurück kommt, darf ich da wieder einsteigen … bitte?

Da müssen sie den Zugbegleiter fragen.

Den … wen?

Ja, ganz früher war das mal der Schaffner, bei ihnen damals wohl eher der Facharbeiter für Fahrscheinentwertung. Heute heißen die Zugbegleiter.

Zugbegleiter … Die Züge fahren also deshalb so langsam, weil die armen Kerle nebenher rennen müssen? Das erklärt natürlich die lange Verspätung. Ich will trotzdem wieder zurück, verstehen sie das?

Ja, ich verstehe sie. Grüßen sie das Jahr 1979 von mir, wenn sie angekommen sind.

 

14 Kommentare

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    • Nachbar auf 13. Februar 2021 bei 11:34
    • Antworten

    Also hier im Heim kommen die neuen „Gäste“ nach wie vor immer pünktlich und zahlreich an, wie auch diese Woche wieder. Trotz oder an oder mit Corona? 😉
    Aber die sind auch nicht auf die Reichsbahn angewiesen, die fahren Taxi :))
    Ob die Grenzschließungen wegen Mutationen auch für deren Reiseruten gelten, würde mich interessieren, ebenso die 15km-Regel. Aber das ist wieder zu neugierig, oder gibts neue offizielle Zahlen?

    Der Artikel ist wahrlich Klasse, Danke dafür !

    1. Ihrer Ausführung „…hier im Heim“ entnehmen wir, dass Sie dort noch wohnen. Passen Sie auf, dass Sie beim Lesen der Nachtschichten nicht von der Erzieherin erwischt werden.

    • Lachlerche auf 12. Februar 2021 bei 20:02
    • Antworten

    „Briefe in die chinesische Vergangenheit “ (Herbert Rosendorfer), „Er ist wieder da“ (Timur Vernes), „Gestrandet in Markranstädt“ (Markranstädter Nachtschichten)- alles köstliche und nachdenkenswerte Zeitreisen. Eines haben sie für mich gemeinsam: unterhaltsam und klug, jedoch bin ich froh, im Hier und Jetzt bleiben zu können.
    Dankeschön für die super Unterhaltung zum Einstieg ins Wochenende und die lauten Lacher, die mich fröhlich gemacht haben 🙂

    1. Mit unserem Tun ist es wie mit Ikea. Die bearbeiten das ganze Jahr über tonnenweise Holz. Ist ja klar, dass da irgendwann auch mal ein Stuhl dabei rauskommt (Timur Vermes).

    • Biker auf 12. Februar 2021 bei 13:17
    • Antworten

    Sehr treffend unsere heutige Zeit beschrieben! Macht weiter so!

    1. Eigentlich wollten wir die vergangene Zeit beschreiben.

    • Harti Lamers auf 12. Februar 2021 bei 12:33
    • Antworten

    Ein Rückblick mit lustigem Tiefgang und zum Nachdenken. Danke !

    1. Tiefgang? Haben wir unser gefährliches Halbwissen tatsächlich so formuliert, dass man den Beschreigungen mehr entnehmen kann als wir geschrieben haben? Danke für das Lob!

    • Bekannt auf 12. Februar 2021 bei 11:15
    • Antworten

    Ormig Fernsehen … den Begriff müsst Ihr Euch patentieren lassen.
    Hab jetzt überall Kaffeeflecken, weil ich vor Lachen über diese Zeitreise die Tasse nicht halten konnte…

    1. Patente braucht man nur, wenn einem die Idee geklaut werden könnte. Kann hier nicht passieren. Von den geistigen Langfingern weiß doch keiner mehr, was Ormig ist. Und wenn sie’s wüssten, würden sie sich nur den Geruch reinziehen.

    • EddiHerkules auf 12. Februar 2021 bei 10:26
    • Antworten

    Glauben sie ja nicht, wer wir sind!

    1. Wir sind die, die guten Willens sind.
      Geführt von Ahnungslosen
      versuchen wir für die Undankbaren
      das Unmögliche zu vollbringen.
      Wir haben so viel mit so wenig
      so lange versucht, dass wir jetzt qualifiziert sind,
      fast alles mit nichts zu bewerkstelligen.

    • Tilo Lehmann auf 12. Februar 2021 bei 9:09
    • Antworten

    …Köstlich!…

    1. Das haben die Passagiere auch erst gedacht. Aber dann gabs lange Gesichter, als auf dem Bahnhof niemand war, der Bananen verteilt hat.

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