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Historische Kameradenbrache wird zum modernen OBZ

Kulkwitz hat seit heute ein neues Ortsbegegnungszentrum (OBZ). Okay, so ganz neu ist es nicht mehr, aber dafür hat das einst von der Freiwilligen Feuerwehr Seebenisch genutzte Objekt eine bewegte Geschichte und die ist fast noch unterhaltsamer als die heutige Einweihungsfeier. Deshalb wollen wir zunächst mal einen Blick in die Historie werfen, bevor wir zur eigentlichen Eröffnung durch Ortskommandantin Carmen Osang (Titelfoto) kommen.

Der eindrucksvolle Gebäudekomplex am idyllischen Westufer des Löschteiches wurde, wenn man den alten Sagen trauen will, einst von freiwilligen Feuerwehrleuten in noch freiwilligerer Feierabendarbeit errichtet. Doch würde man die dabei freiwillig geleisteten Stunden heute zusammenrechnen, müsste man die Mathematik neu erfinden.

Da seinerzeit jede einzelne Stunde jedes einzelnen Mannes sowohl von der Feuerwehr als freiwilliger Arbeitseinsatz als auch vom Bürgermeister als Subotnik, dann vom Rat des Kreises als Feuerwehrdienst, von der SED-Kreisleitung als Beitrag zum Programm „Schöner unsere Städte und Gemeinden“ und nicht zuletzt von Egon Krenz als Einsatz der Jugendbrigaden im FDJ-Sommer abgerechnet wurde, sind da fast eine halbe Million Stunden zusammengekommen.

Die Bauherren des am 7. Oktober 1978 offiziell eingeweihten „Schulungszentrums“ der FFW Seebenisch.

Wer jetzt aber lacht und meint, dass es allein schon wegen sowas nichts werden konnte in der Zone, ist auf dem Holzweg. Heute dauert bereits die Erstellung eines Naturschutzgutachtens mit Umweltverträglichkeitsprüfung des Vorhabens und anschließender Anhörung zum Genehmigungsverfahren länger als die seinerzeit vom Politbüro mit sich selbst multiplizierte Gesamt-Bauleistung aus den 70-er Jahren.

Denkwürdige Feiern

Aber weiter im Text: Als das Bauwerk dann vollendet war, soll eine Einweihungsorgie zelebriert worden sein, von der die Alten des Ortes noch heute voller Andacht schwärmen. Ein ganzer Jahrgang neuer Kameradinnen und Kameraden soll in jener legendären Nacht vom 7. zum 8. Oktober 1978 unter den nagelneuen Zapfhähnen der eindrucksvollen Herberge gezeugt worden sein.

Auf dem Grunde des Löschteiches liegt angeblich noch heute eine ganze Magenladung fossiler Bratkartoffeln, die von einem Truppführer noch während der Feier mit kühnem Schwung über den Zaun gegöpelt wurde, munkelt man im Dorf.

Annektiert: Der Traditionsverein bleibt weiter präsent im neuen OBZ. Wolfgang Rackwitz im eigentlich als Lagerraum geförderten Vereinszimmer, dessen Wände historische Artefakte zieren.

Aber genauso freizügig, wie die Früchte der Lenden damals in wilder Freude weitergegeben wurden, so entwickelten sich selbige später auch. Es kam zu eklatantem Nachwuchs- und schließlich auch Fachkräftemangel in der Seebenischer Wehr. So war zu befürchten, dass sich irgendwann im einst so prachtvollen Bau nur noch die uniformierten Reste eines greisen Traditionsvereins treffen.

Ein letztes Aufbäumen gegen den demografischen Wandel erfolgte dann vor sechs Jahren beim Fasching der Seebenischer Narren. Nachdem der Büttenredner seine Glaskugel beschwor, folgte er der Eingebung aus dem Jenseits und ließ verlauten:

Wer unsre Feuerwehr gut kennt,
der kann sicher sein, wenns brennt.
Doch nicht nur Schlauch und Löschbehälter,
auch Kameraden werden älter.
So stehen bald auf diese Weise
an der Spritze nur noch Greise.

Wartet’s ab, in ein paar Jahren,
kann niemand dort mehr Auto fahren.
Brennt dann irgendwo ein Haus,
rückt man mit Rollatoren aus
und der Hausherr muss sich regen
und nochmal Briketts nachlegen,
damit noch wenigstens was glimmt,
bis die an Ort und Stelle sind.

Wenn satirisch verkleidete Botschaften im Rathaus auch sonst gern überhört werden, hatte man diesen verzweifelten Hilferuf jedoch ausnahmsweise mal vernommen. Kurz darauf wurden die Feuerwehren von Seebenisch, Gärnitz und Albersdorf in einem Akt gesellschaftlicher Organtransplantation vereint und seither wächst zusammen, was zusammenwachsen muss.

Was früher unter den Zapfhähnen der Bar geschah, ist Geschichte. Heute ging es gediegener zu. Mandy Sörgel wechselte vom Rathaus an den Tresen und füllte vor einem Tulpenstrauß die Sekt-Tulpen. Die Zapfhähne durfte sie aber nicht krähen lassen, das ist Sache der Ureinwohner.

Damit war gleichzeitig eine Art demografische Baufreiheit für eine Umnutzung der betagten Kameradenbrache in Seebenisch geschaffen.

Seelisch sicher nicht ganz einfach für die heute noch lebenden Bauherren von damals. Dabei zusehen zu müssen, wie ihr Lebenswerk als einstiges Volkseigentum nun ganz ohne Treuhand-Tamtam in Volkseigentum übergeht, ruft sentimentale Erinnerungen wach.

Beim Lindenfest wurde geblasen

Da wäre zum Beispiel das jährliche Event rund um die 1987 vor dem Areal gesetzte Friedenslinde. Auf über 30 Folgen hat es das Seebenischer Lindenfest inzwischen gebracht. Was waren das für Ereignisse!

Da wurde bis zum Abwinken gefrüh- und gefrohschoppt, gegessen, getrunken, geredet, getanzt und geblasen. Letzteres natürlich inzwischen gesellschaftskonform in Instrumente, zum Takt von Polka, Marsch oder Walzer.

Nicht nur Landrat Graichen (r.) und Ortschefin Carmen Osang (2.v.r.) lauschten gespannt den Kinderliedern. Auch der Bürgermeister hörte aufmerksam zu und versuchte, sich die Texte zu merken. Bald muss er selber am Bettchen sitzen und vorsingen.

Dass natürlich auch jede Menge offizielle Feuerwehrdienste abgeleistet und so manche Löscheinsätze gefahren wurden, muss wohl nicht explizit erwähnt werden. Auch für die Heranbildung des Nachwuchses – als es solchen noch gab – war die Seebenischer Feuerwehr berühmt.

Es sind schöne, romantische und bisweilen auch abenteuerliche Geschichten, die sich um das Objekt am Ufer des Seebenischer Löschteiches ranken. So soll irgendwo im Fundament noch eine Flasche ruhen, die ein Dokument mit den Unterschriften von Arndt Weizmann und Günther Kling enthält. Ein Zeugnis für die Nachwelt. Ein bisschen Wehmut war deshalb sicher auch dabei, als heute das neue OBZ eingeweiht wurde und damit die Tage als Feuerwehrzentrale endgültig gezählt waren.

Aber jede Medaille hat zwei Seiten und damit auch eine glänzende. Durch die weitere Nutzung bleibt das Bauwerk erhalten und damit auch die daran hängenden Erinnerungen und ehrenden Gedanken an seine Erbauer. Das Gebäude wird wieder mit Leben erfüllt. Ohne diese Weiterverwendung würde das Bauensemble irgendwann verfallen und mit ihm auch die Erinnerungen untergehen. Am Ende würde vielleicht nur der Schlauchturm überleben, umgewidmet zum Minarett.

Jens Spiske sagte, dass jede Ortschaft ein OBZ erhalten soll und als nächstes Göhrenz dran sei. Bauamtsleiter Sven Pleße  (rechts hinten) scheint in Gedanken gerade die Chancen für eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuspielen.

Der Umbau zum Ortsbegegnungszentrum erfolgte mit Hilfe einer Förderung aus dem LEADER-Programm „Entwicklungsstrategie“ in Höhe von rund 55.000 Euro sowie durch Eigenmittel der Stadt. Damit erfüllte sich ein Wunsch ansässiger Vereine und des Ortschaftsrates.

Kita gestaltet Einweihungsfeier

Entsprechend breit aufgestellt war denn auch das Spektrum der Gäste. Neben den „üblichen Verdächtigen“ wie Landrat und Bürgermeister waren auch Ortsvorsteherin Carmen Osang, Schulleiter René Schulz vom Gymnasium, Pfarrer Michael Zemmrich, Mitglieder des Ortschaftsrates, Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr, Vertreter ansässiger Vereine und die Kinder der örtlichen Kita gekommen. Letztere führten sogar ein kleines, sehr emotional und selbstbewusst dargebotenes Programm auf, für das es viel Beifall gab.

Von so einer Küche träumt sogar ein Bürgermeister. Oder ist es doch eher der Neid auf die Geschirrspülmaschine?

Im erweiterten Sinne irgendwie auch um Kinder ging es übrigens zuvor im Grußwort des Bürgermeisters. Die neue Küche im Seebenischer OBZ sei schöner als seine eigene, gab er bekannt. Gut möglich, dass dieser Seufzer einem gewissen Neid auf den Geschirrspüler geschuldet war und Spiskes Frau zu Hause noch immer das analoge Modell „Jens-Reiner“ aus dem Jahre 1964 aktivieren muss.

Andererseits könnte es aber auch sein, dass die Ausstattung eines Kinderzimmers im Hause Spiske derzeit höhere Priorität genießt als eine Küchenzeile. Bei den Liedern der Kinder hat er jedenfalls schon mal recht aufmerksam zugehört. Beste Voraussetzungen, um traditionelles Kulturgut an die nachfolgende Generation weiterzugeben.

 






12 Comments to Historische Kameradenbrache wird zum modernen OBZ

  1. Paule sagt:

    Danke für den Beitrag!
    Ihr habt es drauf!
    Danke aber auch an die ganzen Macher welche etwas tun oder getan haben, vom Ortsvorsteher bis zu den altgedienten Kameraden der FFW.

  2. Der Seebenischer sagt:

    …. ein ganzer Jahrgang sei damals gezeugt worden …. munkelt man im Dorf.

    Ich liebe immer Eure versteckten Insiderinformationen.

    🙂

    • CvD sagt:

      Das gabs aber nicht nur bei der Feuerwehr, sondern auch beim Kulkwitzer Fußball. So wurde beispielsweise die Mannschaftsaufstellung der damaligen TSG „HLB“ Kulkwitz später in den USA von Steven Spielberg verfilmt. Mal sehen, wer als erster hier den Filmtitel errät.

      • Der Seebenischer sagt:

        Die Antwort lautet Schindlers Liste, obwohl manch ein Auftritt eher einer unheimlichen Begegnung der dritten Art glich und man nach dem Fluten des zugehörigen Sportplatzes in vergangenen Jahren getrost den Weissen Hai Teil 20 hätte drehen können.

  3. Ilona sagt:

    Da kann ich mich voll und ganz dem vorigen Kommentar anschließen. … Ihr schreibt sehr anschaulich und köstlich amüsant über Themen, die den homo makransis momentan interessieren oder interessieren könnten bzw. müssten oder ähnliches. … Für Alteingesessene oder neu Hinzugezogene einfach ein Muss, um up to date zu sein. In diesem Sinne – macht weiter so!

  4. Uwe sagt:

    „Eine ganze Magenladung fossiler Bratkartoffeln“ – kann man eigentlich auch ohne Alkohol auf solche Formulierungen kommen? Ich habe mich jedenfalls wieder mal schräg gelacht.
    Überhaupt habe ich den Eindruck, dass Eure Beiträge seit dem Jahreswechsel an Qualität zugenommen haben. Neben viel Spaß erweitern sie einem auch die Horizonte im Allgemeinwissen. Die Berechnung des Dieselverbrauchs durch Markranstädt, warum die Holländer heute keine Seemacht mehr sind oder warum im Juni 1979 in Seebenisch so viele Kinder geboren wurden: Das alles bei Wikimarkranst. SUPER!!!

    • Rena sagt:

      Auch von mir ein dickes Lob für die aktuellen Infos in humorvoller Verpackung und den freundlichen Aufmacher. Nur eine klitzekleine Kritik muss ich schreiben:, Duftende Brötchen ok., aber dampfender Kaffee? – ne, den möchte ich lieber nicht trinken, mal bei Wikipedia „Brühtemperatur Kaffee“ nachschauen, oder gucken, ob die Kaffeemaschine i.O. ist u. sicherheitshalber schon mal prophylaktisch die Feuerwehr alarmieren.
      Aber, die neuesten Infos bei duftendem Kaffee,und knackfrischen Brötchen, na, das wäre doch ein Start ins Wochenende!

      • CvD sagt:

        Dann googeln Sie mal nach Bliemchengaffee. Da hängt man eine Kaffeebohne so ans Rollo, dass der Mondschatten genau in die Tasse fällt. Genau 3 Minuten ziehen lassen, sonst wird er zu stark! Probiernses ruhig mal. Wenn man die volle Tasse undreht, muss man die Schwerter noch erkennen können…

    • CvD sagt:

      Jetzt nicht gleich übertreiben, von wegen Allgemeinwissen und so. Tragen Sie lieber mal dazu bei und berechnen Sie, wieviel Kubikmeter CO2 oder Feinstaub das mit dem Diesel ergibt. Wir können nur schreiben, (nach)rechnen müssen die Leser schon selber.

      • Rena sagt:

        Ob Grob- oder Feinstaub in den Filter muss, hängt von der Maschine ab.
        Wieviel Feinstaub nach dem Einschalten heraus fliegt, hängt vom Füllstand des Wassertanks ab.(bei Selbstversuch bitte vorher die Putzfrau zur Sonderschicht bestellen!)
        und ´ne Dieselkaffeemaschine hat doch noch keiner erfunden oder? –

        Dagegen ist doch Omas auf dem Kohleherd gekochtes „Sächssches Bliemchen“ ein wahrer Muntermacher, dessen CO2-Ausstoß, zumindest für die heimischen Herde, ja inzwischen zu 99% abgeschaltet wurde, weshalb nun man wegen der Schwerter wieder nach Meißen fahren muss…Wie soll die Menschheit das jemals in den Griff bekommen???

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