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Markranstädt gewährt Sowjetbürger Unterschlupf

Wie geil ist das denn? Unter den 263 Flüchtlingen aus aller Herren Länder, die gegenwärtig in Markranstädt gemeldet sind, befindet sich auch ein Bürger der Sowjetunion! Und nein: Es handelt sich nicht um die Verwechslung eines ewig gestrigen Aufnahmebeamten, der im Geiste noch im Jahr 1988 lebt. Sechs andere Flüchtlinge aus der Russischen Förderation sind darüber hinaus nämlich extra noch erfasst , ebenso wie acht aus Russland, was eigentlich das Gleiche ist. Da muss man sich doch mal näher mit den Zahlen beschäftigen.

Markranstädt gibt einem Bürger der Sowjetunion Asyl. Das geht aus einer Liste hervor, die das Rathaus jetzt in Beantwortung einer Bürgerfrage bei der Stadtratssitzung verlesen ließ.

Was eigentlich weltweit für Schlagzeilen sorgen müsste, dürfte allein den Bewohnern des Zschampert-Gaus ein tiefes Sicherheitsgefühl verleihen. Sagt doch dieser Fakt ganz deutlich, dass Stalins langer Arm nicht bis hierher reicht.

Das zumindest wäre eine Erklärung für all die Mitmenschen, die sich solch unerklärliche Phänomene gern schöndenken. Da hat’s also wieder mal jemand geschafft, vor den linientreuen Komsomolzen aus einem der berüchtigten Gulags zu fliehen. So weit die Füße tragen … also bis nach Markranstädt, wo die Zwangskollektivierung noch Übernahme heißt.

Die Problemdenker oder ständig Meckernden fragen sich hingegen, wie es jemand aus einem seit 30 Jahren nicht mehr existierenden Land auf die Markranstädter Flüchtlingsliste schaffen konnte. Fast glaubt man, die Szene am Eintrittschalter der Flüchtlingsroute vor sich zu sehen.

Da fragt der Beamte am Tor zu Europa: „Woher du kommen?“ und als Antwort gibt’s dann „Sowjetunion“. Der Europa-Pförtner strahlt vor Freude. Einerseits, weil er wenigstens schon mal von diesem Land gehört hat, andererseits ist es eine willkommene Abwechslung unter all den „Nix verstehen“, „Kann nicht erinnern“ oder „Passport verloren“. Also buchstabiert er konzentriert das Wort „S-o-w-j-e-t-u-n-i-o-n“ in seine Liste und winkt Aljoscha durch.

Natürlich hätte dem Mann am Einlass auffallen können, dass es mit „Russische Föderation“ und „Russland“ bereits aktuelle Alternativen in seiner Liste möglicher Herkunftsländer gibt.

Für alle drei Varianten gilt: Der Russe an sich ist ein friedlicher Mensch. Nur im Keller, da ist der Russe gefährlich!

Aber wie der Europa-Portier auf Wikipedia erfuhr, ist mit beiden Begriffen sowieso das Gleiche gemeint. Der Unterschied zwischen Bürgern aus Russland und der Russischen Föderation ist der selbe wie zwischen Niederländern und Holländern. Nur dass die Käsköppe nicht fliehen müssen aus einem Land, in dem der Himmel voller Gras hängt.

Hier die vollständige Liste der „Berichterstattung Stadtrat zur Flüchtlingsproblematik“

Zudem lassen auch andere Herkunftsdaten auf der Liste eindeutige Kategorien vermissen. So liegt der Unterschied zwischen „Herkunftsland ungeklärt“ oder „Herkunftsland nicht bekannt“ ganz sicher nur in einem Paragraphendetail des europäischen Gesetzesdschungels, mit dem sich Rechtsanwälte ihre eigenen beruflichen Perspektiven gesichert haben. Wie schön, dass man zumindest bei den als staatenlos Gemeldeten weiß, woher sie kommen.

Das mit der Sowjetunion wirft derweil auch auf die Flüchtlinge aus Afghanistan ein zweifelhaftes politgeografisches Licht. Die Afghanen stellen mit 34 Personen nach Syrien (36) die größte Gruppe der in Markranstädt aufgenommenen Flüchtlinge.

Aber Afghanistan ist, um im Zeitalter der aktuellen EU-Datenerhebung zu bleiben, von der Sowjetunion besetzt (weshalb die DDR im nächsten Jahr die Olympischen Spiele boykottieren wird).

Jeder flüchtet vor jedem

Da stellt sich also die Frage, wer hier eigentlich vor wem flüchtet: Der Sowjetbürger vor den Afghanen oder die Afghanen vor dem Sowjetnik? Die gleiche Frage ist übrigens auch bei den zwei Türken erlaubt, von denen man nicht weiß, welcher der Kurde ist und wer hier also vor wem in Markranstädt Schutz sucht.

Was allerdings die Flüchtlinge aus dem Herkunftsland Tunesien angeht, da liegt es auf der Hand, vor wem sie geflüchtet sind. Über 200.000 deutsche Urlauber überfluteten dort zuletzt das Land, Tendenz steigend. Wohin also sollten die Tunesier fliehen als dahin, wo man quasi Platz gemacht hat? Hier greift endlich mal das Verursacherprinzip.

 



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4 Comments to Markranstädt gewährt Sowjetbürger Unterschlupf

  1. Der Seebenischer sagt:

    Klasse geschrieben wie immer und dazu noch gut recherchiert! 🙂 🙂 🙂
    ( die Liste ist doch echt, oder ? )

  2. Mark Ranzi sagt:

    Da Teile von Markranstädt inzwischen schlechthin als Enklave des Landkreises Leipzig bezeichnet werden können, ist es nur recht und billig, dass sich hier selbst Bürger eines untergegangenen Staates Zuhause fühlen. Wichtig ist, dass der Geldtransfer inner- und typisch deutsch vom Steuerzahler hin zum aktuell politisch Begünstigten, hier halt einem ehemaligen Stasioffz, stattfindet. Ein Comeback von Altgedienten bis hin zu Altsystemen erscheint hier möglich. Vorzeichen einer neuen alten Zeit vielleicht. Der christlich, demokratische Knabenchor unter weiblich majestätischer Leitung singt „Vorwärts, und nicht vergessen…“ oder „Die Partei, die Partei…“, wie groß der interne Zweifel auch ist. Passend wäre allerdings „Völker hört die Signale…“, ist aber aufgrund des Wortes „Volk“ aktuell nicht so erwünscht in GroßAfrEurAsien.

  3. Nachbar sagt:

    Konnte in der Liste keinen Polen finden, Aber einige Bewohner der GU fahren Autos mit polnischen Kennzeichen.
    Kann mich jemand aufklären?

  4. FDGH sagt:

    Immer mehr Deutsche bringen sich offenbar aus dem Urlaub einen Tunesier mit.
    Hier ist die Legislative gefordert, höhere Einfuhrzölle könnten zum Beispiel Abhilfe schaffen.
    Der einzelne Sowjetunione tut mir da leid, als einziger kann er sich ja nicht vermehren und stirbt dann aus.
    Hat die Ausreise nicht rechtzeitig geschafft, damals 91. Wer zu spät geht, den bestraft das Leben.

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