Die Darmspiegel-Saga (4): Ein Finale Furioso!

Was bisher geschah: Für eine Reportage über Gesundheitsvorsorge haben wir einen verdeckten Patienten in eine Praxis eingeschleust. Leider sind die Dinge dort außer Kontrolle geraten und so muss unser Mann, um die Vorgänge für die Nachwelt zu dokumentieren, schließlich im wahrsten Sinne des Wortes seinen Arsch hinhalten. Nun liegt er auf einem Pflaumenbaum, hat die Beine wie eine NASA-Richtantenne ausgefahren und träumt narkotisiert vor sich hin, während der Arzt den Anus unseres Mannes ans lokale Netzwerk anschließt.

Ich bin auf Hawaii. Sonne, Palmen, heiße Girls. Ich sitze an der Strandbar und sehe eine Frau, die mit einer Fußpumpe ihre Luftmatratze aufbläst. Sie stößt gellende Schmerzensschreie aus. Also nicht die Frau, sondern die Matratze. Beim näheren Hinschauen entpuppt sich das Teil als ihr Mann.

Er liegt auf dem Bauch und der Schlauch der Pumpe verschwindet irgendwo zwischen seinen Oberschenkeln. Aus den Lautsprechern am Strand ertönt „99 Luftballons“ von Nena. Die Dame tritt im Takt der Musik auf den Blasebalg unter ihren Füßen und bläht ihren Mann rhythmisch auf. Statt eines Bikinis trägt sie einen weißen Kittel. Der Kerl ist mir ja egal, aber die völlig overdresste Alte muss ich mir nicht antun.

Ich wende mich ab, blicke hinaus auf die Wogen des Meeres, die untergehende Sonne und trinke meinen Caipirinha. Er ist fast alle. Genüsslich schlürfe ich mit dem Trinkhalm das Glas leer. Dieses Geräusch … kennen Sie das auch? Schlüüürp, schlüüürp, sssssch-schlüüürp.

Einmal Hawaii und zurück

Es wird hell um mich. Ich schlage mein Augenwerk auf. Statt Palmen sehe ich zwei Oberschenkel mit Knien, die sich nach einigen Sekunden als mir gehörend erweisen. Das Schlüüürp-Geräusch ist aber immer noch da. Lauter als vorher.

Ich hebe den Kopf und blicke durch das Spalier meiner Beine. Da tauchen von unten – also von da, wo auf Hawaii gerade die Sonne untergegangen ist – nacheinander erst der Scheitel und dann der Bart von Fräulein Hitler auf. „Na, wieder da? Es ist schon alles vorbei. Bleiben sie bitte noch einen Moment liegen, ich sauge nur noch etwas Luft ab, damit es nachher nicht so unangenehm wird.“ Sagts und geht wieder unter.

Phantomsignale von hinten

Während das Schlüüürp erneut lauter wird, melden die Nerven meines Schließmuskels, dass da unten Hochbetrieb herrscht. Rein, raus, rein, raus, schlüüürp, schlüüürp. Obwohl mein irritiertes Hirn weiß, dass Magen und Darm seit über 24 Stunden völlig leer sind, melden die Nerven plötzlich im Sekundentakt, dass ich im Dauerfeuer kacke. Ein ekelhaftes Gefühl der Unsicherheit, vor allem, wenn da unten noch jemand direkt vor der Düse sitzt.

Endlich ist sie fertig. Der Schlauch kommt wieder zurück in den Sud-Eimer. Ich frage mich, woher das Wasser stammt, in dem er untergeht. Lange kann ich zum Glück nicht darüber nachdenken, denn kurz darauf werde ich von der Schwester gezwungen, langsam aufzustehen.

Das funktioniert so halbwegs. Weil ich aber noch ziemlich benommen bin, stützt sie mich auf dem Weg zu meinen Klamotten. Ich komme mir vor wie Jack Nicholson, als er in „Einer flog über das Kuckucksnest“ von der Elektroschock-Behandlung zurückgebracht wurde.

Auf dem Weg zu meinen Beinkleidern lässt die Betäubung weiter nach und so langsam spüre ich den Druck in mir. Ich bin ein Fesselballon. Panisch schaue ich nach unten und suche meinen Bauch nach Schwangerschaftsstreifen ab. Wenn ich da auch nur einen entdecke, wird die Anstalt hier nach Strich und Faden verklagt, nehme ich mir fest vor. In diesem Moment muss ich niesen.

Kernschmelze im Enddarm

Haben Sie schon mal geniest, während die Druckverhältnisse in Ihrem Enddarm mit der Kernschmelze im Reaktor von Tschernobyl vergleichbar sind? Gut, dann wissen Sie bestimmt nicht nur, was da alles gleichzeitig passiert, sondern auch, wie weh das tut. Nicht in der Nase, nein!

Ich nehme mich gewöhnlich nicht zurück, wenn ich niesen muss. Ich bin ein Laut-Nieser. Aber diesmal habe ich von meinem Niesen nichts gehört, obwohl es sehr laut gewesen sein muss. Während ein gewaltiges, multi-oktaves Echo den Raum erfüllt, breiten sich hochfrequente Schockwellen vom analen Epizentrum über meinen ganzen Körper aus.

Vibration und Ton auf „on“

Als meine schmerzbetäubten Sinne zurückkehren und ich wieder hören kann, nehme ich gerade noch das Verklingen eines eindrucksvollen Bass-Akkords in Moll wahr. Aber nur am Rande, denn sämtliche Nerven meines geschundenen Leibes sind einzig darauf gerichtet, die furchtbaren Schmerzen meines gelähmten Schießmuskels zu verarbeiten.

„Ja, das wird noch eine Weile so weitergehen“ , meint Schwester Hitler. Kaum bücke ich mich, um die Unterhose hochzuziehen, folgt schon die nächste pneumatische Auslassung. Erschrocken richte ich mich auf, was eine dritte Flatulenz zur Folge hat.

Ich bin ein Bewegungsmelder

Ich stelle fest, dass jede noch so geringe Veränderung meiner Körperhaltung sofort mit einem unmissverständlichen Signalton quittiert wird. Sogar wenn ich nur mit den Zehen wackle. Ich funktioniere wie die Tastatur eines Smartphones, nur lauter. Beim Zubinden der Schuhe habe ich wahrscheinlich sogar ein paar eingeschlummerte Patienten draußen im Wartezimmer geweckt. Und das soll erst der Anfang sein.

Ich will es mal so sagen: Wenn dir die Schwester nach so einer Koloskopie eine Trillerpfeife in den Hintern steckt, kannst du anschließend den ganzen Tag lang auf dem Hauptbahnhof sämtliche Züge auf einmal abfahren lassen. Zurücktreten und Türen schließen!

Weil man nach so einer Narkose nicht mehr Auto fahren darf, lasse ich mich von meiner Frau abholen. Gern würde ich jetzt sagen, dass ich auf dem Beifahrersitz sitze. Aber sitzen geht nicht, wenn man eine Gasflasche im Darm hat.

Schweben auf dem Beifahrersitz

Man kann ja auch eine Presswurst nicht knicken. Ich lehne drin wie ein Besenstiel. Kontakt zum Auto habe ich lediglich mit den Füßen und an der Kopfstütze, der Rest schwebt dazwischen in der Luft und fängt die Unebenheiten der Straße ab.

Wissen Sie, wie viele Schlaglöcher sich zwischen Leipzig und Markranstädt befinden? Meine Frau hat sie nicht nur alle mitgenommen (wie immer), sondern auch mitzählen können. Sie wurden einzeln, wirklich Stück für Stück, mit erschütternden Registriertönen aus den dunkelsten Tiefen meines Körpers quittiert. Alle 167.

Beifall in der Karlstraße

Weil die Fahrt bei geschlossenen Fenstern nicht mehr fortsetzbar war, ließ meine Frau irgendwann die Scheiben runter. So haben uns dann auf dem Sturzacker in der Karlstraße sogar völlig fremde Menschen gegrüßt, weil sie dachten, dass Katrin pausenlos hupt. Was hab ich mich geschämt. Als ob heute noch jemand mit einer altmodischen Dreiklang-Fanfare rumfahren würde.

Ja, schlussendlich ging das noch den ganzen Rest des Tages so. Katrin musste zum Telefonieren sogar ins Kinderzimmer gehen. Aber am nächsten Tag wurde es schon besser und nur eine Woche später eröffnet mir der Arzt, dass mein Darm jungfräulich in Ordnung sei und zeigt mir die Aufnahmen.

Einfach ein schönes Gefühl

Das Video erinnert mich irgendwie an die „Reise zum Mittelpunkt der Erde“. Es ist aber eher eine Reise ins Ich. Leider hat es der Arzt nicht rausgerückt, obwohl ich schließlich der Hauptdarsteller bin und auch rein juristisch das Recht am eigenen Bild habe.

Andererseits: Was soll ich mit dem Video auch anfangen? Einen Filmabend im Freundeskreis? „Guck mal, das bin ich … und das da auch.“ Heute hatte ich übrigens zum ersten Mal wieder festen Stuhlgang. Es wird wieder. Obwohl ich gesund bin, befinde ich mich auf dem Weg der Genesung. Ein wirklich schönes Gefühl. Koloskopie … können Sie ruhig auch mal machen lassen.

 

Die Darmspiegelung (3): „Schwester, Luft!“

Was bisher geschah: Unser verdeckter Patient steht unmittelbar vor der ersten Koloskopie seines Lebens. Seit der Räumungsaktion des Bauches weiß er jetzt auch, warum das Spiegelung heißt: Das Innere seines Darms, so glaubt er zumindest, glänzt wie ein Spiegelkabinett auf der Kleinmesse. Hoffentlich verblitzt sich der Betreiber des Koloskops nicht die Augen?

Im nächsten Moment stehe ich im Behandlungsraum. Eigentlich ist es eher eine Art Werkstatt. Von Gemütlichkeit keine Spur.

Dafür jede Menge Computer, Monitore sowie Diagnosegeräte für TÜV und Abgas-Sonderuntersuchung. Sieht eher nach einem Labor von Darth Vader in Star Wars aus, wo androide Klon-Mutanten programmiert werden.

Die Schwester verhält sich passend zu diesem Szenario und deutet in Manier einer Domina auf zwei Schemel an der Wand. Auf den rechten Stuhl soll ich alles legen, was ich unterhalb des Nabels an Textilien trage. Die linke Sitzgelegenheit ist für mich, wenn ich mich danach wieder anziehen darf.

Noch während ich mich frage, ob ich die Socken auch ausziehen muss, drückt mir Fräulein Hitler zwei blaue Tüten in die Hand, die ich über die Füße ziehen soll. „Und dann springen sie mal da drauf!“, schließt sie ihre Befehlskette.

Die Folgen des Klimawandels

Da drauf? Das muss ein Irrtum sein! Nicht dass die Hebebühne für einen Oldtimer wie mich zu hoch wäre. Ich könnte da vielleicht sogar noch ohne Anlauf draufklettern. Aber die beiden Accessoires an den Flanken dieser Liege lassen mich kurz zweifeln, ob ich in der richtigen Praxis bin.

Das sind eindeutig die Astgabeln eines Pflaumenbaums und ein solches Gewächs gehört selbst im Zeitalter des Klimawandels nicht in diese Region!

Ich kenne solche Gebilde aus den Kurzfilmen, die immer dann ablaufen, wenn ich das Fenster fürs Internet-Banking schließen will und zufällig mal den falschen Button erwische. Obwohl ich diese Sauereien schon nach wenigen Minuten immer sofort wegdrücke, habe ich selbst da noch nie einen Mann drauf sitzen sehen.

Leider kann ich das offensichtliche Missverständnis nicht ausdiskutieren, weil Schwester Hitler inzwischen das Zimmer verlassen hat und ich alleine bin. Also schaue ich mich erst mal um, welche Alternativen für die Niederkunft eines Mannes dieser Raum noch so zu bieten hat.

Auf der Hebebühne

Bis auf eine Art Anrichte, von der man vorher noch diverses Verbandsmaterial, seltsam designte Besteck- und Geschirrteile sowie den Computer abräumen müsste, entdecke ich aber nichts.

Da öffnet sich die Tür und die Schwester kommt in Begleitung einer zweiten Weißgekittelten zurück. ‚Aha, Hitlers Helfer‘, fährt es mir durch den Kopf. Im nächsten Moment kriege ich an selbigen geknallt: „Na was ist? Rauf da. Hopp, hopp!“

Die Helferin rollt über der Liege eine geradezu gigantische Küchenrolle ab, als wollte sie das Teil verpacken wie Christo einst den Reichstag. Dann klopft sie mit der Hand auf die Sitzfläche und weist mir wortlos meinen Platz zu. Ich folge artig. „Beine hier drauf“, befiehlt sie in ihrem keinen Widerspruch duldenden Ton.

Ich bin wirklich bemüht, allen Anweisungen korrekt zu folgen, weil ich das Personal nicht verärgern will. Sie sollen keinen Grund haben, mir aus Gnatz mehr Schmerzen zuzufügen als nötig.

Trotzdem reicht denen mein Entgegenkommen nicht. Insgesamt 4 (in Worten: vier!) mal werde ich aufgefordert, noch ein Stück vor zu rutschen. Am Schluss reißt ihr der Geduldsfaden und sie zieht mich an meiner Hüfte über die Kante der Liege. Hang over!

Jetzt kann ich mir wenigstens mit den Knien die Ohren zuhalten. Mein Hintern ragt dabei aber so weit über die Hebebühne hinaus, dass er sich wie die Nase eines Kindes fast schon an der davor befindlichen Fensterscheibe platt drückt. Hoffentlich geht jetzt da draußen niemand vorbei, der meinen Arsch erkennt.

Seid ihr alle da?

Während eine der Schwestern an meinem Finger eine Elektrode befestigt, zieht sich Fräulein Hitler mit diabolischem Blick einen Handschuh über, taucht die Hand danach in Vaseline und geht daran, meine Anschlussmanschette für den Zugang der nachfolgenden Untersuchung geschmeidig zu machen. Nicht nur äußerlich.

Und wenn ich sage, nicht nur äußerlich, dann meine ich das auch so! Als ich tief in meinem Inneren das Gefühl habe, ihren Ellenbogen zu spüren, befallen mich Erinnerungen an das Kasperle-Theater aus meiner Kindheit.

Ich komme mir vor wie eine Handpuppe. Jetzt fehlt nur noch, dass sie mich mit ihrem Unterarm aufstehen lässt, ihre Hand an meinem Zäpfchen auf und zu macht und meine Stimme imitiert. „Tri-tra-trallala, gleich ist der Herr Doktor da.“

Kurvenreiches Gebiet

In diesem Moment kommt er wirklich! Aus dem Sud-Eimer holt er den Untersuchungsschlauch raus und erklärt mir, was er damit anzufangen gedenke. Ich kann vor lauter Angst kaum richtig zuhören und frage mich nur, ob das Ding noch von meiner Vorgängerin warm ist. Ob sie überhaupt noch lebt? Sie sah ja gar nicht gut aus, als sie draußen so teilnahmslos an die Theke gelehnt wurde.

Er werde die „Sonde“ also in mich einführen, erklärt der Doc. Da es sich bei einem Darm naturgemäß um kurvenreiches Gebiet handelt und das Gerät keine 90-Grad-Krümmungen bewältigen kann, würde er die entsprechenden Streckenabschnitte durch Zufuhr von Druckluft begradigen. Das könne etwas schmerzhaft werden und damit ich ihm nicht vom Stuhl springe, würde ich jetzt in einen leichten Dämmerschlaf versetzt.

Dafür bin ich ihm dankbar. Nichts wäre peinlicher, als vor den Augen entsetzter Mithäftlinge mit einem Schlauch im Hintern durchs Wartezimmer zu flüchten und im Patientenklo Asyl zu suchen.

Aber ich durchschaue diese Foltermethode. Böse Schwester – guter Arzt. Der will nur, dass ich Vertrauen zu ihm aufbaue. In der Fachsprache nennt sich das Stockholm-Syndrom. Ja ja … und dann soll ich unter Narkose alles gestehen.

Zum Beispiel, dass ich im Fragebogen vor der Untersuchung gelogen habe und ich nicht nur zehn, sondern zwanzig Zigaretten am Tag rauche.

Mit Zuckerbrot und Peitsche

Oder die Sache mit dem Wasserlassen. Mensch – ich bin nun mal über 50 und da muss nicht mehr alles so schnell wie früher gehen. In meinem Alter pullert man entschleunigt. Man macht doch da freiwillig kein Kreuz bei „ja“, wenn damit möglicherweise gleich noch ein zweiter Schlauch droht?

So nach dem Motto: „Oh, was lese ich denn hier? Na dann … wo sie doch schon mal da sind …“ Dann werden Darm und Blase gleichzeitig mit Luft befüllt und du schwebst im Behandlungszimmer wie ein Luftballon. Nö, muss ich nicht haben. Jedenfalls jetzt noch nicht.

Weiter kann ich aber nicht denken. Im nächsten Moment setzt mir Schwester Hitler die Giftspritze an die Vene. Zehn, neun, acht … wirkt! Ich sinke in Morpheus‘ Arme und höre gerade noch die Stimme des Arztes: „Schwester, Luft!“.

Im Traum liege ich mitten im Wartezimmer, die Schwester dreht den Kompressor auf und aus der Bettdecke erschwillt eine Puppe aus dem Orion-Shop. Das Publikum im Wartezimmer krümmt sich vor Heiterkeit.

Ich aber erstarre vor Schreck. Der Seemannsballon hat mein Gesicht! Und er wird größer und größer. Die Schwester grinst und denkt gar nicht dran, den Hahn zuzudrehen. Dann folgt ein gewaltiger Knall. Ich bin geplatzt!

Kacke am Dampfen

Der Knall entpuppt sich als äußerst schmerzhafte Pressewehe, die mir in der Realität wahrscheinlich per Turbolader in den Darm geblasen wurde. „Bleiben sie liegen!“, herrscht mich die Praxis-Führerin an. Offenbar hat der Doc gerade eine Haarnadelkurve strecken müssen.

Die weiße Matrone legt nach: „Hinlegen, es ist gleich vorbei!“ Wie immer sie das gemeint hat, ich zweifle dran. Wenn der Schmerz so groß ist, dass nicht mal ihr Zyklon B in meinen Adern hilft, dann ist sprichwörtlich die Kacke am Dampfen.

Ich flehe benommen um Erhöhung der Dosis, weil mein Bauch von der Natur nicht dafür geschaffen wurde, binnen einer Minute Vierlinge aufzunehmen und sie im nächsten Moment gleich wieder zu entbinden. Die Schwester schraubt am Computer rum und kurz darauf falle ich wieder in den Schlaf. Ein neuer Traum beginnt.

Was ich da träume und was sonst noch so passiert, erfahren Sie im vierten und letzten Teil.

 

Die Darmspiegelung (2) oder: Einer für alle!

Was bisher geschah: Im Rahmen ihrer Aufgabe als Gründer von „medi-leaks“ haben die Markranstädter Nachtschichten einen verdeckten Patienten ins Vorsorgesystem unserer Republik eingeschleust. Die avisierte Darmspiegelung erwies sich aber schon bald als eine über mehrere Tage angelegte Reise ins ich. Die einleitende Wasserfolter war dabei nur ein lächerliches Vorspiel. Lesen Sie heute im zweiten Teil, was passiert, wenn der Patient auf dem Schlauch steht.

Noch bis kurz vor meinem Aufbruch in die Praxis ist mein Darm damit beschäftigt, die letzten Restposten des am Vortag begonnenen Räumungsverkaufs zu verschleudern. Alles muss raus!

Zum Glück muss ich die arg malträtierte Manschette am Auslass nicht mehr mit Abwischen quälen. Es reicht inzwischen, wenn ich die Gegend mit einem Zellstoffbausch aus Katrins Kosmetikfach sanft abtupfe. Trotzdem fühlt es sich an, als würde man mit dem Finger in einer offenen Wunde bohren.

Überhaupt bekommen geflügelte Worte eine ganz neue Bedeutung, wenn man 24 Stunden nonstop auf dem Zylinder sitzt und Zeit hat zum Nachdenken. Sie können mir glauben: Wenn Sie unter der Geräuschkulisse einer Stalin-Orgel sämtliche Elemente aus Land, Luft und Wasser gleichzeitig in die Kanalisation schießen, denken Sie bei dem Begriff Shit-Storm nie mehr an soziale Netzwerke!

Shitstorm mit Liquiditätshilfe

Oder ein anderes Beispiel: Während man da einen Strahl nach dem anderen in die Tiefen der Keramik verabschiedet, kann man quasi körperlich empfinden, was die Banker und Wirtschaftsbosse immer mit Liquidität meinen.

Ja, ich bin jetzt liquid. Das spüre ich nicht nur, sondern kann es auch sehen. Übrigens: Falls Sie auch mal zu einer Darmspiegelung müssen, wundern Sie sich nicht, wenn Sie die Zeugnisse Ihrer finalen Verflüssigung nicht nur auf der Oberfläche des Steinguts finden. Physikalisch ist das schwer zu erklären, weil die Schwerkraft bekanntlich dafür sorgt, dass man stets nach unten kackt.

Trotzdem ist es durchaus als Zeichen erfolgreicher Innenreinigung zu verstehen, wenn sich Rückstände auch unterhalb der Klobrille befinden, wenngleich das theoretisch nicht möglich erscheint. Es sind Dinge, die kann man eben nicht erklären und sollte sie einfach als Wunder hinnehmen.

Das Wunder unter der Klobrille

Ich staune am Schluss jedenfalls nicht einmal mehr darüber, in wieviele Richtungen mein Schließmuskel gleichzeitig zielen kann. Das liquide Flächenbombardement zeigt ein Trefferbild, als hätte ich mit dem Mund voller Kakao mitten in eine Musterausstellung von Villeroy & Boch geniest. Und das alles zum Wohle meiner Gesundheit. Ich glaube noch immer fest daran.

Am Ende dieses eintägigen Räumungsprozesses muss ich jedenfalls nicht mal mehr spülen. Wenn das Wasser unten in der gleichen Farbe rauskommt, wie es oben aus dem Wasserhahn reinläuft, ist man innen nicht nur sauber, sondern porentief rein. Und siehe: Jetzt bist du reif für den Koloskopeur deines Vertrauens.

Butterbemme und Hungerödem

Aber zuvor folgt noch eine ganze, lange und von quälendem Hunger gezeichnete Nacht. Niemals hätte ich gedacht, dass ich im Zeitalter des Überflusses noch einmal von so simplen Sachen wie einer ordinären Butterbemme träumen würde. Was heißt, von einer? Ein ganzes Buffet kreist da in meinem Hirn umher und jedesmal, wenn ich schweißgebadet aufwache, schwöre ich, dass ich diesmal zu Silvester an Brot für die Welt spenden werde.

Das Gardena-Set vom Koloskop-Doktor.

Am nächsten Morgen stehe ich pünktlich um 8 Uhr am Tresen in der Praxis und melde mich, völlig übermüdet und ein imaginäres Hungerödem vor mich her tragend, zum Casting meines Gedärms an. Ich würde aufgerufen werden, meint eine gut genährte Regieassistentin, und ich solle mich erst mal hinsetzen.

Setzen. Auf eine offene Wunde! Auf so brachiale Gedanken kann man nur kommen, wenn man gut gefrühstückt hat und wenigstens mal zwei Stunden in Folge nicht aufs Klo musste. Ich nenne das gefühllose Inster im Geiste „Schwester Hitler“ und lasse sie in Nürnberg aufhängen.

Im Wartezimmer beschleicht mich das Gefühl, dass die Praxis gerade Koloskopie-Wochen veranstaltet. Es geht zu wie bei einer Frühjahrsaktion von Autoteile Unger. Abgas-Sonderuntersuchung mit Familienrabatt: rein – rauf – runter – raus. Der Nächste bitte!

Los Wochos beim Arzt

Während ich so sitze und das Treiben im Wartezimmer verfolge, gehen meine Gedanken in die Werkstatt meines Nachbarn zurück. Gerhard hatte mir anhand seines Gardena-Sets zur Gartenbewässerung erklärt, was eine Koloskopie ist. Da ich definitiv keinen Halbzoll-Anschluss habe, äußerte ich leise Zweifel, die Gerhard nur halbherzig auszuräumen vermochte.

Gerade als der inzwischen neunte koloskopierte Patient benommen aus der Folterkammer geführt wird, durchzuckt mich ein Gedanke, der mich die Sorgen um die Kompatibilität meines Körpers mit den technischen Parametern diagnostischer Geräte schlagartig vergessen lässt.

Bei diesem Durchsatz an Opfern müsste die Praxis über solch immense Schlauchmengen verfügen, dass man damit sogar australische Buschbrände bekämpfen kann. Ich entdecke aber kein Lager von der Größe des Möbelhauses Höffner und somit … Beim Weiterdenken gefriert mir das Blut in den Adern. Einer für alle!“ schießt es mir durch den Kopf.

Entsetzt lasse ich meinen Blick im Wartezimmer kreisen. Mich quält die Frage, wer vor mir dran ist. Im Geiste ziehe ich all den Wartenden die Hosen runter und muss feststellen, dass die Reihenfolge völlig egal ist. Es gibt keinen sympathischen Schließmuskel, durch dessen Ausstrahlung man sich irgendwie damit arrangieren könnte, nach ihm dran zu sein.

Auch bei einer Koloskopie ist es also nicht anders als in der Chirurgie: Wer morgens als Erster da ist, bekommt das saubere Besteck. Da ich letzte Nacht vor Hunger sowieso kaum schlafen konnte, ärgere ich mich jetzt umso mehr, dass ich nicht schon gestern Abend vor der Praxis Stellung bezogen habe. Der frühe Vogel fängt bekanntlich den Wurm. Ich Idiot!

Wer war gleich der Letzte?

Statt dessen droht mir nun die Darmbesichtigung mit einem Schlauch, der heute wahrscheinlich schon in den Innereien von halb Leipzig ganze Kilometer unter Tage zurückgelegt hat. Unser Gesundheitswesen ist definitiv im Arsch, denke ich gerade noch, als mein Name aufgerufen wird.

Im gleichen Moment schleppen zwei Schwestern eine noch halb betäubte ältere Dame aus dem Behandlungszimmer. Bei ihrem Anblick überkommt mich das dringende Bedürfnis, die Nachfolgeregelung an der Rezeption kurzfristig neu zu verhandeln.

Aber noch während die Weißgekittelten versuchen, die benommene Seniorin im 15-Grad-Winkel sicher an den Tresen zu lehnen, weil sie für den Schirmständer offenbar zu dick ist, zerreißt eine markerschütternde Flatulenz die Stille im Wartezimmer.

Darm-TV: Ab in die Maske

„Das ist normal, Frau Meyer“, beschwichtigt eine der Schwestern und ergänzt: „Da wird auch heute den ganzen Tag noch was an Luft kommen. Der Doktor hat da ordentlich was reingepumpt, das muss jetzt auch wieder raus!“

Ich habe nur eine Sekunde, mich zwischen dem Ausgang und der Tür zum Behandlungszimmer zu entscheiden. Mein unentschlossenes Zögern währt leider einen Wimpernschlag zu lange. Im nächsten Moment spüre ich schon die Hände einer Schwester auf meinen Schultern, die mich mit konsequentem Nachdruck ins Analfilm-Studio schieben. Ich bin in der Maske. Jetzt gibt es kein Zurück mehr!

 

Neue Staffel startet mit Darmspiegelung

Nach dem Mega-Erfolg der Serie „Die weiße Religion“ haben sich die Macher der Markranstädter Nachtschichten nun an die Produktion der zweiten Staffel gewagt. Dazu wurde ein Schreiberling als Patient getarnt und zur Darmspiegelung geschickt. Sein Bericht ist eine schockierende Dokumentation über Lügen, Intrigen und Demütigungen – kurzum: eine anale Katastrophe. Aber lesen Sie selbst. Hier und heute das Making off und der erste Teil.

Die Lebenserwartung von Frauen liegt in Deutschland im Schnitt bei 83,4 Jahren. Männer dagegen beenden ihren Weg vom Uterus zur Urne bereits nach 78,4 Jahren und damit ein halbes Jahrzehnt früher. Angeblich liegt das daran, dass Frauen öfter zum Arzt gehen. Vorsorge und so.

Andererseits könnte man diese Statistik auch so deuten, dass Frauen ohne ihre Männer bestenfalls fünf Jahre überlebensfähig sind. Aber es kann auch was dran sein mit dem Untersuchungsquatsch.

Ich frage mich nur, warum all diese Vorsorgemaßnahmen immer nur was mit dem Bereich des Körpers zu tun haben, der gewöhnlich unter der Hose verborgen ist. Hat meine Nase keinen Anspruch auf Vorsorge? Oder meine linke Schulter?

Ab 50 potenziell krank

Eigentlich habe ich mich ja nur wegen der Grippeschutzimpfung zu meiner Hausärztin gewagt. Bei Durchsicht meiner Akte stellt sie aber fest, dass ich schon über 50 bin und damit das Recht auf eine Vorsorge hätte. Da ist mir neu. Also nicht dieses Recht, sondern dass Zahlen mit einer 5 davor schon als potenzielles Krankheitsbild gelten.

Mit einer Überweisung in der Hand stehe ich Minuten später wieder auf der Straße. „Koloskopie erbeten“ lese ich. Und die Unterschrift der Ärztin. Logisch. Sie hat drum gebeten, nicht ich, also muss sie das auch unterschreiben.

Ich weiß ja noch nicht mal, was Koloskopie ist. Vielleicht verkabelt Fahrrad fahren und sich einen abschwitzen, während die Schwestern um einen Monitor stehen und besorgt flüstern?

Schlauchschlucken von hinten

Vor meiner Frau kann ich meine Wissenslücken aus Machtgründen nicht offenbaren, also frage ich meinen Nachbarn. Gerhard steht gerade in seiner Werkstatt und mottet die Gartengeräte für die Überwinterung ein. Nach einem Blick auf den Überweisungsschein grinst er mich an und stellt demonstrativ die Rolle mit dem Gartenschlauch auf die Werkbank.

Als er mit seinem Vortrag fertig ist, starre ich wie versteinert auf das aus seiner Hand baumelnde Schlauchende, dessen Kupplung er als Sonde bezeichnet hat. „Gerhard …“, höre ich mich entsetzt sagen. „Ich … das … äh … dreiviertel Zoll. Da kann ich hinterher nie wieder kacken.“

Gerhard beruhigt mich mit der Überzeugung, dass es in einer gut aufgestellten Praxis sicher auch Halb- oder Viertelzoll-Schläuche gibt.

So viel zum Vorspiel. Und im Grunde genommen war meine erste Ahnung gar nicht so verkehrt. Koloskopie ist also sowas wie verkabelt Fahrrad fahren, nur eben liegend und ohne Sattel, dafür über Stock und Stein. Mit diesem Vorgefühl im Magen beginnt die Tortur.

Nee, eigentlich fängt sie schon vorher an – mit der Suche nach einem Arzt, der die Koloskopie in seinem Portfolio hat. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass es rund um Markranstädt und in Leipzig nur so wimmelt von Gynäkologen und es im Gegensatz dazu keine einzige Praxis für Andrologie gibt? Es ist gewollt, dass wir Männer sozialverträglich früh ableben! Kein Wunder also, dass ich im Internet auch keinen einzigen Koloskopeur gefunden habe.

Von wegen eine Sache von Minuten

Es hätte mir jedoch eine Warnung sein sollen, dass es ausgerechnet ein Chirurg ist, der im näheren Umfeld von Markranstädt Koloskopien macht. Aber man glaubt ja bis zuletzt an das Gute im Menschen und so stehe ich kurz darauf am Tresen dieser Praxis, um mir einen Termin zu holen.

Glauben Sie Ihrer Ärztin nicht, wenn die Ihnen sagt, dass eine Koloskopie nur eine Sache von Minuten ist. Das ist ebenso eine Lüge wie alle anderen Informationen, die nur dazu da sind, dass Sie sich im Bewusstsein des Wohls ihrer Gesundheit freiwillig foltern lassen.

Eine Sache von Minuten. Das ich nicht lache. Dieses Martyrium dauert drei Tage! Es beginnt an Tag eins mit einer Art Wasserfolter. Im Prinzip lautet die ärztliche Anweisung, dass man den Wasserhahn leersaufen soll.

Tag 1: Rollmops an Lindt-Pralinen

Dazu gibt’s ein Pulver, für dessen Anwendung man jede Kochsendung im Fernsehen fristlos absetzen würde. So eine Mischung aus Rollmops und Lindt-Pralinen, mit caramelisiertem Esrom-Käse püriert und über Seetang gedämpft.

Die Wirkung ist allerdings frappierend. Das Zeug befreit nicht nur den Darm, sondern gleich auch den Geist. Selbst wenn man davon überzeugt ist, längst leer zu sein, kommt immer noch was. Da kriegt man erst mal mit, was man den ganzen Tag so alles an sinnlosem Ballast mit sich rumschleppt.

Und während ich so auf der Schüssel sitze, aus der mich alle zehn Sekunden ein Echo wie aus dem Leipziger Hauptbahnhof anbrüllt, komme ich den Verschwörungstheorien dieser Welt auf die Spur. Angeblich sollen Häftlinge in Guantanamo jahrelang inhaftiert sein, um von ihnen Geständnisse zu erpressen.

Was’n Blödsinn! Als ob die Amis nicht auch ökonomisch denken würden und Rollmöpse mit Vanille-Pralinen pürieren könnten? Rein damit in die Gefangenen, ab auf die Keramik und nach spätestens zwei Stunden erzählen die sogar Dinge, nach denen sie gar nicht gefragt wurden.

Zurück zur Koloskopie. Ich hätte am Ende dieses ersten Tages meinen Schließmuskel darauf verwettet, dass der Zeiger nach Betreten der Waage fest auf der Null verharrt. Mehr noch: Im Geiste sehe ich, wie sich die Skala sogar leicht in den Minusbereich neigt, nachdem ich kurz gerülpst habe.

Das Entsetzen ist geradezu schier, als sich die Anzeige nach wenigen Sekunden trotz der vorangegangenen Tortur immer noch bei der mir altbekannten Zahl einpendelt. Das können nur 95 Kilo Wasser sein, schießt es mir durch den Kopf, als mich der Druck dieser Masse erneut auf den keramischen Zylinder zwingt.

Danach waren es wohl nur noch 93 Kilo. Zumindest hat mein Körper aber binnen nur eines einzigen Tages gelernt, aus dem Darm zu pullern. Als ich das meiner Frau erzähle, ernte ich statt Mitleid jedoch nur Spott. Da bräuchte ich ja meinen Penis jetzt überhaupt nicht mehr, meint sie.

Wozu dann eigentlich noch eine Darmspiegelung? Es wäre doch jetzt genau der richtige Zeitpunkt zu sterben. Aber das geht aus zwei Gründen nicht. Rein statistisch darf ich erst in 23 Jahren sterben, um die bundesdeutsche Statistik der männlichen Lebenserwartung nicht zu versauen und zweitens sind an mir bis dahin noch ein paar hunderttausend Euro zu verdienen.

Also nichts mit ableben oder so. Statt dessen muss ich am nächsten Tag pünktlich, nüchtern und mit leerem Gedärm zur Spiegelung antreten. Was da passiert ist, lesen Sie in der nächsten Folge. Vorab lediglich so viel: Rein vom Schmerz her besteht der Unterschied zwischen einer Darmspiegelung und einer Wurzelbehandlung nur in dem Stuhl, auf dem man sitzt.

 

Touristenmagnet Zschampert: Brücken ins Nichts

Sodawasser kennen Sie? Na klar doch. Hat allerdings nichts mit dem gleichnamigen Mineral zu tun und gleich gar nichts mit Waschsoda oder Ätzsoda. Eher mit Speise- oder Backsoda, dem Natriumhydrogencarbonat (NaHCO3). Seit der Mensch Bauplanung betreibt, gibt es allerdings auch Soda-Brücken. Die heißen so, weil sie eben mal „so da“ sind. Völlig sinnentleert, funktionslos, aber eben da. So wie die neuen Zschampert-Viadukte in Göhrenz.

Eine der berühmtesten Soda-Brücken Deutschlands steht bei Euskirchen unentschlossen in der Gegend umher. Sie wurde in den 70er Jahren mitten im Feld gebaut und sollte den Verkehr der geplanten A 56 ertragen.

Gegen die unvollendete Planungsgeschichte dieser A 56 lesen sich der Toilettenbau am Kulki, die Kita am Bad und der Anbau an der Grundschule zusammen wie eine langweilige Kurzmeldung vom Häkelzirkel des katholischen Frauenschweigekreises Worpswede.

Da steht sie also nun thronend im Feld, die Euskirchener Autobahnbrücke. Nur einmal in ihrem fast 50-jährigen Leben hatte sie eine Art Zweck. Am 15. Juni 2001 hatte die Kölner Rockgruppe BAP hier ihren Auftritt und ließ das Bauwerk dann sogar auf dem Cover ihrer Platte in die Musikgeschichte eingehen.

Brücken aus NaHCO3

Fast genauso alt ist die Soda-Brücke in Castrop-Rauxel-Frohlinde. Als der Bau der geplanten vierstreifigen Schnellstraße zwischen Bochum und Dortmund schon nach anderthalb Kilometern aufgegeben wurde, hatte man sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, wenigstens noch den zweiten Brückendamm aufzuschütten. So, da steht sie also so da.

Die Sodabrücke bei Castrop-Rauxel könnte als Frühform des sozialen Wohnungsbaus bald unter Denkmalschutz gestellt werden. (Foto: DerHessi – CC BY-SA 3.0)

Inzwischen ist fast ein halbes Jahrhundert ins Land gegangen. Soda-Brücken sind längst keine Schlagzeilen mehr wert. Als Zeichen des Wohlstands einer Gesellschaft werden heute Soda-Flughäfen gebaut oder unterirdische Soda-Bahnhöfe und ähnliche Geldgräber.

Touristische Anziehungspunkte

Ist ja auch einfach. Wenn das Geld alle ist, wird dem Steuerzahler von hinten in die Tasche gegriffen (CDU rechts, SPD links) und weiter geht die unendliche Geschichte. Noch nie ist ein Bauherr, Planer oder Generalunternehmer zur Verantwortung gezogen worden und auch Jahre nach Fertigstellung des Leipziger City-Tunnels konnte noch nicht ermittelt werden, welcher Rechenfehler aus 400 Millionen Euro eine Milliarde gemacht hat.

Soda-Schleuse bei Wüsteneutzsch. Die Planungsfehler, die hier zum Baustopp führten, lagen auf anderen Gebieten.

Eines der wenigen Soda-Bauwerke, das nicht auf Bauplanungsfehler zurückzuführen ist, steht übrigens ganz in der Nähe von Markranstädt. Die unvollendete Schleuse am Ende des ebenfalls unvollendeten Elster-Saale-Kanals bei Wüsteneutzsch ist wohl eher auf militärische Planungsfehler zurückzuführen als auf mangelnde baufachliche Kompetenzen.

Der Einfallsreichtum der Göhrenzer ist legendär. Schon wird die neue Sodabrücke über den Zschampert als Parkplatz genutzt.

Aber selbst Wüsteneutzsch ist zu weit entfernt von Markranstädt, als dass man damit im touristischen Konzept der grünen Energie- und Sportstadt am See nachhaltig punkten könnte. Schließlich kann man nur selbst vermarkten, was einem auch selbst gehört.

Als die lokale Presse im November Stadträtin und Göhrenzer Ortsvorsteherin Dr. Ingrid Barche mit reichhaltigem Lob für die Sanierung der Ortsdurchfahrt zitierte, wurde das eigentliche Kernelement geradezu sträflich verschwiegen. Jawollja, Göhrenz hat jetzt wenigstens zwei Sodabrücken. Und nicht nur das. Sie führen sogar über Sodawasser hin ins Sodanirvana.

Neues Zschampert-Viadukt: Wer hier drüber fährt, der weiß, wie das Sprichwort entstand: „Ich glaub, ich steh‘ im Wald!“

Gut, so ganz funktionslos sind sie nicht. In Göhrenz ist man einfallsreich, wenn es um die Nutzung nutzlosen Verkehrsraums geht. Man kann Autos drauf abstellen, Container oder sogar mal ein Dixi-Klo. Da bekommt der Begriff vom stillen Örtchen ganz schnell mal völlig neue Dimensionen.

Jede Brücke ist quasi eine Übergangslösung. Schön, wenn sie so verkehrsberuhigt liegt, dass man sie als stilles Örtchen nutzen kann.

Auch wenn sich das Investitionsvolumen dieser Brücken nicht annähernd mit ihren großen Vorbildern wie Stuttgart 21, dem Berliner Flughafen oder den Sodabrücken in Euskirchen und Castrop-Rauxel messen kann, sind die Zschampert-Viadukte doch gut zu vermarkten. Und ganz sicher werden sie sich auch hervorragend ins touristische Konzept integrieren lassen.

Sie erinnern sich? Der Neubau eines Hotels ist zumindest offiziell noch nicht vom Tisch. Da ist es doch schön, wenn man Investoren und künftigen Gästen ein paar Attraktionen zu bieten hat.