Wort für(s) Wort: Wie das Runde ins Eckige passt

Mit rechteckigen Steinen Kurven zu verlegen, das klingt erstmal wie der Versuch, drei Bowlingkugeln übereinander zu stapeln. Wer sowas in einer MPU versucht, fällt durch. Aber wenn man sich dann doch mal ein Herz fasst und das scheinbar Unmögliche versucht, kann das zu überraschenden Ergebnissen führen. Pfarrer Michael Zemmrich hat sich zu Ostern mal Gedanken über sowas gemacht. Also über rechteckige Rahmen in unserer Gesellschaft, in die anders geformte Dinge auf den ersten Blick irgendwie nicht reinpassen wollen. Denn es kann funktionieren mit dem Runden im Eckigen. Man nehme: Liebe. Oder wie Atheisten sagen würden: Respekt.

Liebe Leserinnen und Leser, „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Diese Jahreslosung ist eine Provokation. Nur Idealismus? Nur Utopie? Das tun nur die ganz Guten? Die ganz Klugen, die, es am besten wissen? Liebe! Klar!

Aber: Hier meint es jemand anscheinend ernst. Sehr ernst. Denn dieser Satz ist ein Einspruch. Er spricht hinein. Mitten in die Spannungen und Polarisierungen unserer Zeit. In all die Irritationen und Vereinnahmungen, die uns täglich prägen und herausfordern. In all die politischen, wirtschaftlichen und moralischen Konflikte der Gegenwart, die so viel Sprengkraft besitzen. In all die Diskussionen und Streitigkeiten in unseren Familien, auf unseren Arbeitsplätzen, in unserer deutschen Alltagsgesellschaft bis hinein in unsere Gemeinde.

Auch uns ist es nicht verborgen geblieben: Vor allem in den sozialen Medien wird der Umgangston rauer und unbarmherziger. Ja, aggressiv. Es wird über politische Ziele, Ein- und Ausgrenzungen, Geschlechterrollen und Familienbilder, religiöse Zugehörigkeiten und wirtschaftlich drängende Fragen diskutiert und geurteilt. Bis hin zu Demonstrationen und Streiks.

Unsere Jahreslosung hinterfragt jeden einzelnen unserer Sätze, Posts und Transparente. Fragt provokant: „Hast du das aus Liebe gesagt und getan?“ Dabei geht es um eine Liebe, die Macht und Kraft hat, alles zu verändern. Konflikte in Korinth veranlassen den Brief des Paulus an die Gemeinde dort. Nachdem Paulus strittige Themen detailliert angesprochen hat, ist unsere Jahreslosung gewissermaßen sein Schluss-Satz. Zu lieben, das ist etwas sehr Aktives. Kein “wäre aber schön, wenn…”. Sondern eine innere Haltung, in der alles geschieht. Deshalb Straßenkunst. Im wahrsten Sinn des Wortes. Kurven lassen sich ja nicht so leicht verlegen mit rechteckigen Straßensteinen.

Aber schauen wir auf das Titelbild: Da hat offensichtlich einer noch ein bisschen Zeit übriggehabt und ein Herz gefasst. Stellen wir uns die Ziegelpflasterung bewegt, als Fluss vor, dann gibt es da mitten in den Strömungen unserer Lebenswege den Widerstand des Herzens. Einen Störfaktor im Strom des Alltags. Aus dem gleichen Material. Aber doch besonders angeordnet. Zwei große Herzkammern, die den Weg geheimnisvoll beleben.

Wird es uns gelingen, diesem Halt Platz einzuräumen auf unseren Wegen? Einen Liebes-Raum zu eröffnen, den Gott uns eröffnet? Mit beiden Füßen im Fluss der Zeiten zu stehen und doch neu ausgestattet zu sein? Mit Maßstäben der Liebe? Ich lade ein zu einem Gebet: „Herr, mache mich zum Raum deiner Liebe, die den Fluss der Zeit verändert. Schenke mir Widerständigkeit, wo Gewalt und Unrecht stürmen. Damit ich anders bleibe, wie du es uns durch deinen Geist verheißen hast. Amen“.

Osterüberraschung „Made in Markranstädt“: Schwarz-Rot-Gold ~ das neue Auswärtstrikot des DFB

Wer in Markranstädt jetzt noch Osterhasen sucht, hat schlechte Karten. Alles was man halbwegs Schokolade nennen kann, ist ausverkauft und der ungenießbare Rest wird gerade für qualitativ hochwertige Weihnachtsmänner eingeschmolzen. Trotzdem gibt es Hoffnung für all jene, die noch eine kleine Osterüberraschung für ihre Liebsten suchen: Nachdem wegen der neuen lila-pink-rosafarbenen Auswärtstrikots der deutschen Fußball-Nationalmannschaft ein regelrechter Shitstorm ausgebrochen ist, war es ausgerechnet ein Markranstädter Hobby-Schneider, der den DFB in dieser Woche mit einer unschlagbaren Alternative begeistern konnte.

Pink, rosa, lila – gegen die neuen deutschen Nationalfarben gab es nicht nur aus Fankreisen heftigen Widerstand.

Sogar die Holländer wollten am Dienstag in Frankfurt ihren Augen nicht trauen, glaubten, dass ihnen vor dem Abflug aus Amsterdam im Coffee-Shop gestrecktes Zeug angedreht wurde. Die Folge: Zwei Lachanfälle der gesamten holländischen Innenverteidigung besiegelten die Niederlage der Elftal.

Gegner wird totgelacht

Leider ist die Idee der neuen deutschen Trikotgestaltung nicht konsequent bis zu Ende gedacht worden. Wenn man schon solche Farben wählt, dann muss auch der Bundesadler wenigstens Strapse, einen Tanga sowie lackierte Krallen tragen und als Nationalhymne sollte dann auch eine Neuinterpretation von Wolfgang Petry’s „Schwarz, rot, gold – hab ich nie gewollt“ aus den Stadionlautsprechern schmettern. Und natürlich muss der Kapitän die Rückennummer 175 tragen, sonst wird das nix mit dem Hashtag „#verloren aber woke“.

Markranstädter Entwurf

Zu viele Defizite in der Außendarstellung, die in Fankreisen sowohl am patriotischen Geist als auch am D im Kürzel des DFB ernsthafte Zweifel aufkeimen ließen. Das hat den Markranstädter Hobby-Textildesigner Klaus-Bärbel Schneider keine Ruhe gelassen. Tag und Nacht brütete er über einem Trikot-Entwurf, der einen tragfähigen gesellschaftlichen Kompromiss zwischen der multibunten politischen Haltung der Spieler und den patriotischen Fundamenten der Fankultur einer Nationalmannschaft bilden kann.

Textile Revolution

Was er dem DFB am Mittwoch schließlich vorgelegt hat und den Markranstädter Nachtschichten jetzt von internen Kreisen zugespielt wurde, ist nicht mehr und nicht weniger als die Fashion gewordene Zukunft des deutschen Fußballs.

"Hacke - Spitze - eins, zwei drei": Schwarz-rot-gold, modisch geschnitten und der DFB-Elf geradezu auf den Leib geschneidert ist der zukunftsweisende Entwurf des Trikot-Sets "DFB divers" eines Markranstädter Hobby-Designers.

„Hacke – Spitze – eins, zwei drei“: Schwarz-rot-gold, modisch geschnitten und der DFB-Elf geradezu auf den Leib geschneidert, ist der zukunftsweisende Entwurf des Trikot-Sets „DFB divers“ eines Markranstädter Hobby-Designers.

Das Set besticht schon auf den ersten Blick durch eine ebenso sinnstiftende wie modisch elegante Kombination der Farben Schwarz (Schuhe), Rot (elegant geschnittene Hose) und Gold (Hemdchen).

Das Trikot-Set „DFB divers“

Die entscheidenden Vorteile zeigen die Textilien allerdings erst im praktischen Einsatz. Beginnen wir von unten:

Die Schuhe

Prädestiniert für Fritz-Walter-Erfolgswetter: Das neue DFB-Schuhwerk.

Prädestiniert für Fritz-Walter-Erfolgswetter: Das neue DFB-Schuhwerk.

Die Schuhe sind geradezu prädestiniert für die typisch deutsche Erfolgswitterung, das Fritz-Walter-Wetter. Mit diesen Absätzen finden die Kicker sowohl in tiefstem Morast als auch einem Eisstadion problemlos Halt und können jeden Gegner sprichwörtlich auf einem Prosecco-Deckel austanzen.

Das Höschen

Keine sexuelle Gewalt im Fußball: Das neue DFB-Höschen hat Backstage sogar eine Öffnung, damit der Gegner beim Tackling sowohl schmerzfrei als auch gefühlvoll "hinten reinrutschen" kann.

Hat Backstage sogar eine Öffnung, damit der Gegner beim Tackling gefühlvoll „hinten reinrutschen“ kann.

Das Höschen ist genial geschnitten, erlaubt selbst spagatähnliche Blutgrätschen ohne im Oberschenkel einzuschneiden und bietet auch ausreichend Schutz bei Freistößen, da sich die Innereien des Spielers aufgrund des schmalen Zwickels nie dort befinden, wo sie der Gegner vermutet.

Geniales Accessoire für schmerzfreies Tackling

Eine raffinierte Öffnung im Backstage-Bereich der Hose soll es dem Gegner außerdem ermöglichen, dem ballführenden Deutschen schmerzfreier „hinten reinzurutschen“, wie die Kommentatoren das Tackling heute gern umschreiben. Ein deutliches Plädoyer gegen sexuelle Gewalt im Fußball!

Der absolute Höhepunkt textiler Gestaltungskultur ist allerdings das Top.

Das Hemdchen

Es bietet nicht nur ausreichend Platz für vor Stolz geschwollene Spielerbrüste, beispielsweise nach einem nur mit 0:3 verlorenen Match gegen die Damenauswahl von Malta. Nein, hier wurde auch in die Zukunft des nahenden Sommermärchens gedacht. „Das eindrucksvolle Dekolleté wurde ganz bewusst so tief geschnitten, damit nach Ende der EM-Vorrunde die herabgefallenen Kinnladen der langen Gesichter darin Platz haben“, wirbt der Markranstädter Designer.

Das tief geschnittene Dekolleté bietet den Kinnladen der langen Gesichter nach der Vorrunde genug Platz.

Das tief geschnittene Dekolleté bietet den Kinnladen der langen Gesichter nach der Vorrunde genug Platz.

Der größte Clou dieses Wäschesets aber liegt im Unsichtbaren: Die nationale Verbundenheit des DFB-Teams mit dem ur-deutschen adidas-Konzern, die zuletzt von einem Ausrüstervertrag mit dem us-amerikanischen Nike-Konkurrenten überschattet wurde, lässt sich nahezu unsichtbar wiederherstellen.

Der geheime Adidas-Deal

„Nach einem Testeinsatz im Probetraining haben wir beim Opfer einer Blutgrätsche die drei adidas-Stripes im Innern seines Höschens gefunden“, frohlockt ein DFB-Manager, der für diese Werbemaßnahme sofort eine achtstellige Rechnung nach Herzogenaurach geschickt hat.

So, genug geworben – jetzt kommen wir zur Osterüberraschung. Das komplette Set „DFB divers“ gibt es ab morgen in einer limitierten Auflage als Easter-Edition im Fan-Shop der Markranstädter Nachtschichten. Last minute sozusagen und zum Oster-Sonder-Aktionspreis von nur 189,99 Euro! Für Fetischisten gibt es die Spielerhose übrigens auch als getragenes Einzelstück – dann allerdings zu Preisen zwischen 299,99 Euro für Fußball-Romantiker (Modell „Riediger“) und 800 Euro für das Beinkleid „Jogi“, das man allerdings auch als Taschentuch benutzen kann.

In diesem Sinne: Schlagen Sie zu, machen Sie ein Schnäppchen und verleben Sie frohe, gesegnete Ostern!

Markranstädter Story der Woche: Ganz große Geste aus dem Hinterhof

Das war mal eine Markranstädter Woche mit gaaanz viel Herz! So viel Herz und Emotionen, dass die Markranstädter Nachtschichten für diesen Rückblick eigentlich Rosamunde Pilcher oder Utta Danella als Ghost-Writer hätten engagieren müssen. Der Ausgangspunkt ist allerdings weniger erfreulich. Obwohl sich in Markranstädt immer mehr selbsternannte Weltmarktführer ansiedeln, die sich an den Ausgangsmuskeln ihrer Mokkastübchen auch gern von den Zungen der öffentlichen Hand verwöhnen lassen, muss in Bezug auf die Unterstützung Markranstädter Vereine gerade bei diesen Unternehmen eine latente Hartleibigkeit diagnostiziert werden. Die neue Pandemie heißt „morbus geiz“.

Das Krankheitsbild stellt sich so dar: Selbst wenn ein Verein heute nur mal 10 Euro für einen Satz neue Schnürsenkel braucht, kommt er bei den großen Markranstädter Globalplayern mit seinem Bittgesuch nicht mal mehr am Pförtner vorbei.

Zum Glück für den homo marcransis sind normale Menschen, bodenständig gebliebene Handwerker und wirklich lokal verwurzelte Unternehmer gegen diesen Virus immun. Nicht ohne Grund sind Vertreter dieser wahren Elite auf dieser Webseite als zuverlässige Partner der Markranstädter Nachtschichten zu finden.

Das Herz an der richtigen Stelle

Aber es gibt noch andere Heinzelmännchen in dieser Stadt, die ihre Herzen an der richtigen Stelle haben und deshalb nicht ihre großen Klappen, sondern die Zwickel ihrer Sparstrümpfe aufreißen. Und an dieser Stelle beginnt die Markranstädter Geschichte der Woche.

Das rund 100 Kinder und Jugendliche umfassende Tanz-Geschwader der Kulkwitzer Karnevalisten hat in den letzten Monaten Geschichte geschrieben! Nach 5 (in Worten: FÜNF!!!) sächsischen Landesmeistertiteln, vier Vizemeisterschaften und einem dritten Platz, kamen beim Halbfinale um die Deutschen Meisterschaften noch mal ein dritter, ein fünfter, ein siebter und zwei neunte Plätze dazu.

Kulkwitzer Jugend startet bei Deutschen Meisterschaften

Damit waren sowohl die Jugendgarde als auch das Junioren Tanzpaar mit Ella und Ben für das Finale um die Deutschen Meisterschaften im karnevalistischen Tanzsport qualifiziert. Und das fand, wo sollte es anders sein, in der rheinischen Weltmetropole des deutschen Karnevals statt. Kölle Alaaf, mer hole dä Dom nach Markranst!

Ella und Ben haben in Köln gezeigt, wo in Sachsen der Hammer hängt. Am Ende wurde es ein 10. Platz.

Ella und Ben haben in Köln gezegit, wo in Sachsen der Hammer hängt. Am Ende wurde es ein 10. Platz.

Eine Fahrt für die Kinder und Jugendlichen samt Trainerstab und Betreuer nach Köln, Verpflegung sowie Unterkunft, Startgebühren und Rückreise und was sonst noch so dazu kommt– das geht ins Geld. Geld, dass sich gemeinnützige Vereine bei zu gesellschaftlicher Verantwortung geneigten Unternehmen zu erbetteln verdammt sind.

Doch den holländischen Schmieden von Coca-Cola-Flaschen, chinesischen Metallschnitzern oder estnischen Galvanologen geht es wider anderslautender Selbstdarstellungen aktuell offenbar noch schlechter als der Gilde der Markranstädter Bürgergeldler und anderer nicht systemrelevanter Berufsgruppen. Es sind die kleinen Unternehmen, die hier einmal mehr großes Herz zeigen. Aber nicht nur die.

In einem unscheinbaren Markranstädter Hinterhof kommt einmal in der Woche ein kleines Häuflein ehrlicher Arbeit nachgehender Freunde zusammen, die sich hier traditionell zu einem gepflegten Feierabend-Bier treffen. Es sind Bauarbeiter, Klempner, Sanitärer, auch Hausfrauen und Büroangestellte befinden sich darunter. Und ja, selbst die Senioren in der Truppe nutzen ihre Tageszeit noch, um statt gepflegt abzurentnern lieber einer wertschöpfenden Arbeit nachzugehen.

Großes Herz für Markranstädt: Die Hinterhof-Wochenrunde mit Mario Hödt, Roland Bressau, Heinz Hering, Ines Hödt, Jens Radtke und Kai Thieme (v.l.). Der ebenfalls zur Truppe zählende Dieter Lange hatte diese Woche mal ausgesetzt.

Großes Herz für Markranstädter Vereinskinder: Die Hinterhof-Wochenrunde mit Mario Hödt, Roland Bressau, Heinz Hering, Ines Hödt, Jens Radtke und Kai Thieme (v.l.). Der ebenfalls zur Truppe zählende Dieter Lange hatte diese Woche mal ausgesetzt.

Diese wöchentlichen Treffen wurden bereits in den 1980er Jahren von den Vätern der heutigen Teilnehmer ins Leben gerufen. Eine Tradition, nicht tot zu kriegen durch Wiedervereinigungen, EU-Vorschriften, Gender-Gaps oder Pandemien. Wahrscheinlich auch deshalb so lebensfähig, weil es hier keinen Vorsitzenden gibt, dessen Chefsessel auf Grundlage des Einigungsvertrages von einem Wessi besetzt werden konnte, der das Ganze an die Wand fährt. Aber das nur nebenbei.

Die bei den Wurzeln bleiben

Das Solidarprinzip in dieser sympathischen Gemeinschaft beruht auf einer einfachen Grundlage: Es darf friedlich und vorurteilsfrei über alles gequatscht werden und für jede Flasche Bier, die man sich dabei in den Hals stellt, wandert ein Euro in die auf der Mitte des Tisches platzierte Kasse.

Wenn pro Bierkasten sechs Euro übrigbleiben, läppert sich im Laufe der Zeit ganz schön was zusammen.

Eine schöne Tradition mit gesellschaftlichem Nährwert: Wenn pro Bierkasten sechs Euro übrigbleiben, läppert sich im Laufe der Zeit ganz schön was zusammen.

„Da musste bloß mal nachrechnen“, sagt Heinz Hering, in Sachen Ausschank gastronomischer Stimmungsaufheller die Markranstädter Legende schlechthin. „Pro Kasten bleiben damit immerhin sechs Euro übrig.“ Im Laufe der Zeit hatte sich auf diese Weise allerhand Euromaterial in der kleinen Geldkassette angesammelt.

„Sechs Euro, das läppert sich!“

Weil die wöchentliche Runde nicht als Echokammer für Klagen über die Zustände in diesem unserem Lande (oder der Stadt) dient, sondern man sich auch über wichtige Themen austauscht, kam die Sprache vor einigen Wochen auf einen LVZ-Artikel. In dem ging es um die jüngsten Erfolge der Kulkwitzer Karnevalisten. Inzwischen hatte es sich bereits herumgesprochen, dass nicht nur international agierende privatwirtschaftliche Sponsoren mehr und mehr ihre Geldhähne zudrehen, sondern auch andere, in solchen Angelegenheiten sonst eher zuverlässige öffentliche Einrichtungen wie die am Markt.

„Was die Kulkwitzer Kids da geleistet haben, kann man gar nicht hoch genug würdigen“, hat Mario Hödt in der Wochenrunde festgestellt. Dass die Markranstädter zwar in Köln einen Höhepunkt abgeliefert haben, aber in ihrer Heimatstadt eher unter „was sonst noch geschah“ abgehandelt werden, das hätte man kritisieren und bei einem Bierchen trefflich drüber meckern können. „Aber das Gejammer ist nicht unser Ding“, betont Jens Radtke.

Nicht meckern: Machen!

Also hat er den Vorschlag unterbreitet, die Bierkasse endlich mal zu entleeren und deren Inhalt den kleinen Tänzern … nein, nicht zu spenden. Zu schenken! „Die sollen sich dafür mal was schönes leisten, zusammen Eis essen gehen oder eine Pizza“, hat Ines Hödt, die einzige Frau in der unterhaltsamen Runde, vorgeschlagen.

Was von 33 Bierkästen blieb

Das Ding war schnell durch. „Es gab keine Diskussion darüber“, blickt Roland Bressau auf den Tag zurück, als die Kasse kurzerhand umgestülpt wurde und der Mehrwert aus rund 33 Kästen Bier auf dem Tisch lag. Sofort hakt Kai Thieme mit einer ergänzenden Erklärung ein: „Das sieht jetzt auf den ersten Blick so aus, als würden wir hier nur saufen, aber der Betrag hat sich über Jahre zusammengeläppert.“ Über wieviele Jahre, das kann er allerdings nicht sagen. Zumindest befand sich in der Schenkung keine D-Mark mehr.

Bei der Vorstandssitzung des KFV sollte es an diesem Donnerstag in Gärnitz eigentlich nur um die Auswertung der Karnevalssession gehen, aber das wurde zur Nebensache angesichts der großen Geste aus der Kernstadt.

Bei der Vorstandssitzung des KFV sollte es an diesem Donnerstag in Gärnitz eigentlich nur um die Auswertung der Karnevalssession gehen, aber das wurde zur Nebensache angesichts der großen Geste aus der Kernstadt.

Ja, auch der gesunde dreistellige Betrag hat beim Kultur- und Faschingsverein Seebenisch riesige Freude ausgelöst, aber mehr noch war es die Größe der Geste. Von Gänsehaut war bei der Vereinsversammlung des KFV am Donnerstag die Rede und sogar ein paar Tränen sind gerollt. „Wenn sowas so spontan und überraschend kommt und noch dazu mitten aus der Bürgerschaft, dann ist das überwältigender als jeder Meistertitel“, strahlt KFV-Cheftrainerin Patricia Gollas.

Prosa in den Nachtschichten statt Bundesverdienstkreuz

Auch der Nachtschichten-Chef war völlig ergriffen von so viel Emotion. „Mein Herz weitete sich zu einem saftigen Steak, ich hatte einen Erpelpullover auf den Unterarmen“, räumte er nach seinem Besuch im Hinterhof ein.

Und so hat die Story letztendlich auch das ganze MN-Team dazu bewogen, auf der Suche nach der „Geschichte der Woche“ den Pfad der Satire zu verlassen und ausnahmsweise mal die schönen und vor allem wertvollen Facetten des wahren Lebens zu zeigen.

Grade weil es für sowas keine öffentlichen Auszeichnungen oder Verdienstkreuze gibt, ist das die mindeste Würdigung für so viel moralischen Anstand. Man möchte sich verneigen und rufen: „Hut ab – und trinkt weiter so, diese Stadt braucht Menschen wie Euch!“

Trennungsjahr nach Wahlsieg am Küchentisch, ein Baum als Bus und schwanzlose Menschen

Wenn es abgehalfterte Schlagerbarden oder geronte Mimen nicht mehr schaffen, durch eigene Leistungen ins Fernsehen zu kommen, dann gehen sie ins Dschungelcamp. Käfer fressen gegen das Vergessen. So viel zu den C-Promis. Aber was machen Politiker, um sich wenigstens vor der Wahl mal wieder in Erinnerung zu bringen? Genau, sie kandidieren in Markranstädt! Die Stadt am See ist nach wie vor das beste Podium, um die internationalen Strategiespiele der G7-Gipfeltreffen auf einer unbedeutenden Kleinkunstbühne nachzustellen. Im Lallendorfer Dschungel-Camp will ein Insasse jetzt sogar in seinen eigenen Big-Brother-Container einziehen.

Diese Nachricht war eine Blamage für die gesamte satirische Gemeinde, die nicht einmal auf der Suche nach einem frei erfundenen Aprilscherz auf sowas gekommen wäre: Nadine Stitterich kandidiert für ihren eigenen Stadtrat!

Ja, das geht. Es ist legal, doch ob es auch legitim ist, Kreuze einzusammeln und dann auf Leute zu übertragen, die der Wähler im Zweifelsfall nicht mal kennt, ist eine andere Frage. Das muss der Kreuzemacher aber selber wissen.

Demokratie im Heim

Ich finde den Plan jedenfalls genial und  wollte zu Hause gleich mal testen, ob sowas auch in der Realität funktioniert. Also habe ich mich nach dem Mittagessen bei meiner Familie offiziell darum beworben, den Tisch abräumen und das Geschirr abwaschen zu dürfen. Sowohl meine Frau als auch die beiden Kinder haben sofort zugestimmt, der Kurze hat sogar beide Hände gehoben.

Planspiel für die ganze Familie

Nach diesem überwältigenden Votum hatte ich allerdings sofort die bestehenden Hinderungsgründe geltend gemacht. Gleichzeitig Familienoberhaupt zu sein und den Haushalt zu erledigen, das geht laut § 3 (1) meiner Familienordnung (MFO) nicht.

Der Putsch am Esstisch

Also habe ich die auf mich entfallenen Stimmen zur Wahrnehmung der häuslichen Pflichten an meine Frau und die Kids übertragen. Doch statt eines Dankes erfuhr ich postwendend, dass just in diesem Moment unser Trennungsjahr begonnen hat.

Deshalb sitze ich jetzt in der Garage und habe Zeit, meine Erfahrungen für die Leser der Markranstädter Nachtschichten aufzuschreiben. Im Gegensatz zu einem Wähler hatte ich noch Glück: Nur 12 Monate muss ich jetzt in meiner kalten Garage ausharren, bis die Scheidung kommt. Aber es gilt halt auch in der Ehe: Hinterher ist man immer schlauer.

Viel Zeit zum Lesen

Die Zeit vertreibe ich mir mit der Lektüre unserer lokalen Leidmedien. Aber selbst wenn es dort um das Thema Sport geht, werde ich immer wieder mit der Politik konfrontiert.

Klar, dass beim Tod von Andy Brehme der Elfmeter vom WM-Finale 1990 erwähnt wird. Aber den Nachruf gleich als Schablone für Staatenlenker zu schneidern, wie die mit einem einzigen Schuss zu Popularität gelangen? Weiß ich nicht.

Belangloser Nachruf oder antisemitischer Hinweis darauf, wie der Nahost-Konflikt gelöst werden kann?

Belangloser Nachruf oder antisemitischer Hinweis darauf, wie der Nahost-Konflikt gelöst werden kann?

Zudem ist sowas traditionell Sache eines deutschen Kanzlers. Gut, der letzte Fall ist auch schon wieder eine Weile her, zuletzt anno ‘45 in einem Berliner Bunker. Heute ist das undenkbar. Mit einer deutschen Waffe aus heutiger Produktion würde ein Kanzler wahrscheinlich sogar dann eher einen seiner Koalitionspartner erlegen, wenn er den Lauf direkt in seinen eigenen Mund steckt. Also müssen heute 35 Jahre alte Elfmeter herhalten, zum Taurus nochmal.

Nicht zwischen den Zeilen, sondern im Bild versteckt, ist wohl auch die eigentliche Botschaft, die mit der folgenden Nachricht transportiert werden sollte. Demnach ist ein Transporter mit einem Linienbus zusammengestoßen.

Kerzengerade nach oben gewachsen: So sehen Linienbusse im Zeitalter des Klimawandels aus.

Kerzengerade nach oben gewachsen: So sehen Linienbusse im Zeitalter des Klimawandels aus.

Ich kann mir das nur so erklären: Weil Deutschland Vorreiter beim Klimaschutz ist und man die Gefühle der jungen ebenso wie der letzte Generation nicht durch die stereotype Darstellung mit schädlichem Dieselkraftstoff angetriebener Busse verletzen will, wurde für das öffentliche Verkehrsmittel ein pädagogisch wertvolleres Surrogat in Szene gesetzt. Der Baum als Linienbus: arbora linea vehiculum. Und schon ist ein neues Zeichen gesetzt für ein noch saubereres, CO2-freieres und toleranteres Deutschland.

Womit wir beim letzten Medien-Fundstück der Woche wären. Glaubt man den ebenso aktuellen wie repräsentativen Umfragen, halten rund 86 Prozent aller Teilnehmer an der deutschen Gesellschaft nichts bis gar nichts von der Genderei der Muttersprache in unserem Vaterland. Dass sie von den meinungsbildenden Lehrmedien trotzdem eisern durchgezogen wird, ist daher mit Demokratie nicht zu erklären.

Das Ende einer Marotte: Ohne Schwanz kein Gendern

Unerwartete Rückendeckung bekam die deutsche Presselandschaft jetzt allerdings vom Wissenschaftsmagazin Geo. Mehr noch: Im Rahmen ihrer Untersuchungen haben die Forschenden-Innen und -Innen*riche festgestellt, dass das Ziel der Genderei schon vor deren Einführung längst erreicht war. Zu lesen unter der Überschrift: Wie der Mensch seinen Schwanz verlor.

Schon die alten Gorillas sangen: "Ich hab mein' Schwanz in Heildelberg verloren". Aber wo hat der Mensch sein Hirn verloren?

Schon die alten Gorillas sangen: „Ich hab mein‘ Schwanz in Heildelberg verloren“. Aber wo hat der Mensch sein Hirn verloren?

Und ich hatte schon an den Kriegsberichten aus der Ukraine, dem Nahen Osten und anderen Krisengebieten zweifeln wollen, weil da bei den Opfern immer nur von Frauen, Kindern und Greisen die Rede ist. Jetzt stellt sich heraus, dass der einzige Artikel im Internet, in dem über Männer als Opfer sexueller Gewalt im Krieg geschrieben wurde, frei erfunden sein muss. Was gibt es an Gefangenen noch zu kastrieren, wenn sie schon seit Urzeiten nichts mehr haben, woran sich das Messer anzulegen lohnt?

Der nächste Freitag lacht

In diesem Sinne: Ihnen allen ein schönes Wochenende und wenn der Beginn der neuen Woche auch noch so grau daherkommen mag, denken Sie an das ultimative Wort zum Montag: Wenn morgen rum ist, ist übermorgen schon wieder Freitag.

Die Nummer 13 auf „Kirschners Liste“: J.R. und die Sehnsucht nach der vierten Etage

Und schon hallt der nächste Paukenschlag durch Markranstädt: J.R. ist zurück! Der Mann, der auf den bürgerlichen Namen Jens-Reiner Spiske hört und aktuell sein Dasein als Oberfeldarzt bei der Bundeswehr fristet, hat das Skalpell gewetzt und will in den Reihen der CDU um den Einzug in die vierte Etage kämpfen. Schulter an Schulter mit der Ex-Beigeordneten Beate Lehmann sogar! Bevor ihn der Volksmund zum St. Aesculap auf „Kirschners Liste“ glorifizieren kann, haben wir Jens Spiske auf dem Heimweg hinter einer Hecke aufgelauert und zur Rede gestellt.

Nachdem vorm kommenden Wahl-Marathon schon Bodo Walther bei den Freien Wählern, Nadine Stitterich bei der UWV und Roland Steckel auf der Liste von Sarah Wagenknecht von Harry Potters Vielsafttrank genascht haben, scheint mit Spiskes Kandidatur für die CDU zumindest schon die Frage geklärt, was am 9. Juni in den Markranstädter Küchen zum Mittagessen auf den Tischen steht: Es gibt kommunalpolitisches Omelett!

Hallo Herr Spiske, tolle Überraschung, die sie uns Satirikern da bereitet haben. Lassen Sie uns gleich zur Sache kommen, bevor die nächste Liste veröffentlicht wird und wir womöglich auch noch Anton Hofreiter fragen müssen, warum er im Stadtrat für die AfD kandidiert. Zur Sache: Böse Zungen behaupten, dass Sie mit Ihrem Comeback dem drohenden Marschbefehl in die Ukraine entgehen wollen. Dabei weiß ja jeder, dass es heute sogar in einem Schützengraben am Donbas wesentlich sicherer ist als in der vierten Etage. Also, wie kam’s wirklich dazu?

Anton und die AfD, das wäre mal was. Aber im Ernst, ich beobachte natürlich die Vorgänge in Markranstädt sehr aufmerksam. Was ich dort sehe, gefällt mir so wenig wie die Frisur von Hofreiter. Die wirtschaftliche Entwicklung stagniert, das Personal im Rathaus wechselt schneller als mancher seine Unterwäsche. Aber sich ärgern bringt nix, anpacken ist die Devise, wie bereits 2011, nur diesmal auf der anderen Seite des Ratstisches. Außerdem vermisse ich die vierte Etage in der Tat schon ein bisschen.

Wahrscheinlich mangels erforderlicher Grundinformationen hat in Markranstädt das Gerücht die Runde gemacht, Jens Spiske sei in die CDU eingetreten. Stimmt das?

In die CDU bin ich nicht eingetreten. Aber ich bin der Meinung, dass Menschen, die unsere Demokratie schützen und erhalten wollen, sich in den Parteien engagieren sollten, die unser Land über Jahrzehnte groß gemacht und die Demokratie erhalten haben.

In der Markranstädter CDU soll es ja per se schon mehr Strömungen geben als im gesamten Nil-Delta und jetzt gibt es da auch noch gleich zwei Medizinmänner, über die es bekanntlich heißt: Zwei Ärzte – drei Meinungen. Hält die CDU so viel Meinungsvielfalt aus?

Ich glaube schon. Etablierte Parteien, auch die CDU, haben da meiner Meinung nach zwar schon noch ein wenig Lernbedarf, denn das Zuhören und sich selbst reflektieren und gegebenenfalls aufeinander zugehen, ist zumindest in der sogenannten großen Politik in der Vergangenheit etwas kurz gekommen. Allerdings nicht auf der kommunalen Ebene, da konnte ich schon immer recht gut mit den Kollegen der CDU. Was die mögliche ärztliche Repräsentanz angeht, waren der Doktor und ich uns sowohl politisch und als auch medizinisch oft erschreckend einig.

"Ein Arzt darf alles, was er kann!" Mit dem grünen Kittel sollen sich die Patienten schon mal an die Farbe gewöhnen, wenn sie ins Gras beißen. Die Maske hingegen dient Feldärzten dazu, dass sie bei der OP nicht versehentlich das Skalpell sauberlecken.

„Ein Arzt darf alles, was er kann!“ Mit dem grünen Kittel sollen sich die Patienten schon mal an die Farbe gewöhnen, wenn sie ins Gras beißen. Die Maske hingegen dient Feldärzten dazu, dass sie bei der OP nicht versehentlich das Skalpell sauberlecken.

Der Doktor hatte Ihnen schon öffentlich zu verstehen gegeben, dass er als in der DDR ausgebildeter Mediziner im Gegensatz zu Ihnen, einem friesischen Schamanen mit westelbischem Migrationshintergrund, sogar gynäkologisch tätig sein darf. Hat er da einen Vorteil, weil er direkten Zugriff auf das weibliche Wählerpotenzial hat, während Sie sich mit Rekruten herumschlagen müssen, die sich an der Sturmwand einen Splitter eingezogen haben und in Markranstädt nicht mal wahlberechtigt sind?

Wer sagt denn, dass ich nicht auch gynäkologisch tätig sein darf? „Ein Arzt darf alles, was er kann!“ lautet ein alter Medizinerspruch. Manche werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich sogar Reifen wechseln kann. Und vielleicht will ich ja gar nicht gynäkologisch tätig sein? Ich esse ja auch nicht jeden Tag Sahnetorte, das versaut einem den ganzen Appetit auf mehr.

Beobachter waren verwundert, dass Ihre Nominierung für die Kandidatenliste der CDU so reibungslos über die Bühne ging. Vielfach wurde erwartet, dass es ein Erdbeben gibt, dessen Epizentrum sich beim Blick aus dem Dachfenster Ihres Altranstädter Hauses fast in Sichtweite befindet. Kommt das noch oder dürfen Sie sich in der bei Christen tief verwurzelten Tugend der Vergebung sonnen?

Ganz ehrlich? Das hat auch mich überrascht. Ich hatte mich auf Buh-Rufe, Streitgespräche und faules Verbal-Obst eingestellt. Nichts davon trat ein. Im Gegenteil: mit 25 von 29 abgegebenen Stimmen fiel das Ergebnis ziemlich klar aus. Zwar vermutete mein Seismograph eine baldige Eruption in Großlehna I, aber lediglich ein leichtes Vibrieren war zu vernehmen und am Tag danach schon nicht mehr wahrnehmbar. Ob die Christlichen Demokraten mir vergeben haben, weiß ich nicht, aber sie haben mich in ihrem Kreise aufgenommen und ich fühle mich da wohl, auch ohne Gesangs … ähm … Parteibuch.

Wenn man sich in Markranstädt so umhört, stehen Ihre Chancen bei der Wahl ganz gut. Allerdings droht Ihnen nach dem Einzug in die vierte Etage ein eklatanter Perspektivwechsel. Sie sitzen dann nicht mehr vorn auf dem Glockenstuhl, sondern sind einer von vielen Hinterbänklern. Während Sie früher Ihre Meinung nach Belieben äußern konnten, müssen Sie dann warten, bis Ihnen von der Hausherrin das Wort erteilt wird. Können Sie Ihre Füße stillhalten und was sehen Sie als die größte Herausforderung bei dieser Aufgabe an?

Da ich ja nunmehr seit drei Jahren wieder bei der Bundeswehr tätig und dort nur ein kleines Rädchen im schlecht geölten Getriebe bin, habe ich Demut und Zurückhaltung wieder lernen müssen. Als Bürgermeister hatte ich zwar den Glockenstuhl inne, aber ich glaube, dass ich die Stadträte immer als das respektiert und behandelt habe, was sie sind: Nämlich das höchste Verwaltungsgremium der Stadt und Repräsentanz der Bürger. Diesen Respekt erwarte ich von der derzeitigen Glöcknerin auch. Sollte ich das Gefühl haben, dass dies nicht so ist, werde ich mir schon Gehör verschaffen.

Thema Stadträte: Es heißt ja immer, die würden die Geschicke der Stadt lenken. Für viele Menschen sieht es aber eher so aus, dass die nur als Erfüllungsgehilfen für die Wahrung des demokratischen Scheins gebraucht werden. Wenn der Stadtrat zum Beispiel den Bau einer Kita beschließt, weiß doch heute jeder, dass das kein Beschluss ist, sondern bestenfalls eine demütige Willensbekundung. Ob eine Kita gebaut wird oder nicht, entscheiden Bund und Land, indem sie Fördermittel gewähren oder nicht. Was kann ein Stadtrat in der heutigen Zeit in seiner Kommune eigentlich noch bewirken?

Das Thema Fördermittel ist ein leidiges Thema, über das selbst ein wortkarger Friese stundenlang reden könnte. Als Stadtrat muss man mit den Dingen jonglieren, die einem von der „großen“ Politik vorgegeben werden, und dabei kann man auch gestalten. Aber ich wäre dafür, dass die Landespolitik endlich erkennt, wer im Lande die Wertschöpfung macht, nämlich in erster Linie die Bürgerinnen und Bürger und dann die Kommunen, die eine gute Wirtschaftspolitik machen. Damit das wieder möglich ist, muss diese unsäglich bürokratische Fördermittelpolitik über- und neu gedacht werden.

Wenn ein Lütt so guckt wie hier der Jens, dann hat er dem Papa bestimmt ein Furzkissen auf den Sessel gelegt. Mal sehen, was er sich für den Glockenstuhl in der vierten Etage so einfallen lässt.

Wenn ein Lütt so guckt wie hier der Jens, dann hat er dem Papa bestimmt ein Furzkissen auf den Sessel gelegt. Mal sehen, was er sich für den Glockenstuhl in der vierten Etage so einfallen lässt.

Sie sind vor einigen Jahren bei den Freien Wählern Markranstädt (FWM) ausgetreten. Bei den Freien Wählern Sachsen (FWS) sind Sie aber noch Mitglied geblieben und saßen als Mandatsträger der Unabhängigen Wählervereinigung (UWV) im Kreistag, weil die noch eine Brandmauer zur AfD hatten. Sie tragen aber keine Anstecknadel der FWS mehr an Ihrem Revers. Was ist passiert?

Bis 2020 habe ich mich in der Partei Freie Wähler in Sachsen engagiert. Allerdings war auch dort ein Engagement aus verschiedensten Gründen nicht mehr möglich und ich bin ausgetreten. Aktuell bekennt sich die Parteiführung in Sachsen zu einer möglichen Kooperation mit der AfD und auch deren Spitzenkandidat Berger aus Grimma hat damit offenbar keine Probleme. Gut, dass ich nicht mehr dabei und rechtzeitig ausgetreten bin. Liebäugeln mit Rechtsextremen hat schon 1933 zur Katastrophe geführt und auch der Verbrecher Herr Hitler soll ja im persönlichen Umgang mitunter als ganz netter Mensch wahrgenommen worden sein. Er war aber ein Wolf im Schafspelz und sowas will ich in Markranst nicht haben.

So will die CDU in den Wahlkampf um die Besetzung des neuen Stadtrats gehen. Bei den selbsternannten Buchmachern in den Lallendorfer Hinterzimmern steht allerdings Beate Lehmann klar an der Tabellenspitze.

So will die CDU in den Wahlkampf um die Besetzung des neuen Stadtrats gehen. Bei den selbsternannten Buchmachern in den Lallendorfer Hinterzimmern steht allerdings Beate Lehmann klar an der Tabellenspitze.

Reden wir nicht um den heißen Brei: Seit dem letzten Machtwechsel im Rathaus hat sich die Welt weitergedreht, allerdings nicht immer in die Richtung, in der Sie einst gekurbelt haben. Wo sehen Sie die drängendsten Probleme und was kann der Stadtrat tun, um sie zu lösen?

Leider hat sich in Richtung Wirtschaft nicht viel oder gar nichts bewegt, trotz verfügbarer Gewerbeflächen. Hier möchte ich gemeinsam mit Beate Lehmann ansetzen. Aufgrund der hohen Personalfluktuation im Rathaus dauert insbesondere die Bearbeitung von Bauanträgen zu lange – das muss aufhören. Alle Betriebsansiedlungen, insbesondere in der Ranstädter Mark, sind vor der aktuellen Legislatur angeschoben worden. Der Neubau des Stadtbades hätte schon längst abgeschlossen werden können. Aber ich will nicht alles schlechtreden, in einigen Bereichen hat sich auch eine bemerkenswerte Entwicklung vollzogen: Im Dienstzimmer der Bürgermeisterin gibt es einen neuen Teppich und neue Büromöbel.

Unter Ihrer Ära ist die MN-Serie „Neues aus der vierten Etage“ zum Blockbuster gediehen. Gut, das war von vornherein nicht als Qualitätssiegel für hervorragende kommunalpolitische Arbeit gedacht, aber es hat den Anschein, als sei dem homo marcransis nicht nur der Humor, sondern auch die Leichtigkeit des Umgangs miteinander irgendwie abhanden gekommen. Man hat das Gefühl, als wenn man nur noch daran gemessen wird, wie „woke“ man ist. Wie sehen Sie das als einer, der früher (nicht nur) von uns auch allerhand einstecken musste?

Dass meine Bürgermeisterzeit dazu geführt hat, dass die Nachtschichten einen Boom erlebt haben, betrachte ich schon als Auszeichnung und Zeichen guter Arbeit. Warum? Weil es was zu reden und auch zu kritisieren gab. Dadurch lebt Politik. Das macht Politik transparent und interessant für unsere Bürgerinnen und Bürger. Wenn es dann noch satirisch und humorvoll verpackt wird, dann stehen die Nachtschichten in einer Reihe mit Dieter Hildebrandt und anderen Satirikern. Nuhr kommt dem noch ziemlich nahe, ansonsten gibt es ja nur noch Comedians oder Spaßmacher.

Dass Spiske auch CDU kann, hat er schon 2014 mit der Erfindung der Kanzler-Raute bewiesen, die später durch kulturelle Aneignung von Angela Merkel vereinnahmt wurde.

Dass Spiske auch CDU kann, hat er schon 2014 mit der Erfindung der Kanzler-Raute bewiesen, die später durch kulturelle Aneignung von Angela Merkel vereinnahmt wurde.

Politiker müssen einstecken können, das gehört dazu. Ich erinnere daran, dass die Bundeskanzlerin Merkel öffentlich übelst diffamiert und in Griechenland sogar mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuz abgebildet wurde. Ich habe sie nie klagen hören.

Früher konnte man durchaus mal für Dinge kritisiert werden, die man gesagt oder getan hat. Heute dagegen kann einem schon mal eine Gesinnung unterstellt werden, weil man etwas nicht getan oder gesagt hat, zum Beispiel nicht an einer Demo teilnahm. Das schreckt immer mehr Menschen davon ab, mit anderen über andere Meinungen zu diskutieren. Gleich gar nicht mit Politikern, weil Bauern oder Handwerker, deren Kompetenzen nun mal in der Arbeit und nicht im Labern liegen, denen rhetorisch gar nicht gewachsen sind und dabei von vornherein den Kürzeren ziehen. Der Austausch findet mehr und mehr nur noch im privaten Raum und unter Gleichgesinnten statt. Wie wollen Sie diese Leute im Wahlkampf abholen?

Sie bringen es auf den Punkt. Der Spruch „Das darf man aber nicht laut sagen“ macht mich wütend. Doch, in diesem Land darf man fast alles laut sagen. Man darf und muss streiten, aber respektvoll! Jemanden wegen einer anderen Meinung als der eigenen gleich in eine Ecke zu stellen und ihn gar als Nazi oder Stalinist zu diffamieren, gehört sich nicht. Ich habe Meinungen, die müssen nicht die richtigen sein, aber ich darf sie laut sagen. Das garantiert unser Grundgesetz. Leider findet ein niveauvoller und respektvoller politischer Disput in unserer Gesellschaft und auch der Politik nicht mehr statt. Das muss sich ändern. Mit mir kann man jedenfalls durchaus streiten.

Militärische Spezialoperation "Wahlkampf" war einmal. Die Frontlinien in der Gesellschaft haben sich verändert, der Oberfeldarzt setzt auf Zuhören und Klartext sprechen.

Militärische Spezialoperation „Wahlkampf“ war einmal. Die Frontlinien in der Gesellschaft haben sich verändert, der Oberfeldarzt setzt auf Zuhören und Klartext sprechen.

In der Diskussion mit den Menschen muss sich der Politiker auf sein Gegenüber einlassen können. Selbst wenn er meint, intellektuell und rhetorisch überlegen zu sein, muss er sein Gegenüber mitnehmen und seine Sprache sprechen. Das tun Politiker der Etablierten zu wenig. Sie haben die Bodenhaftung und den Kontakt zum Volk verloren. Wie holt man die Menschen in der Politik ab? Indem man mit ihnen spricht, ihnen zuhört und auch mal Klartext redet.

Sie leben nun schon fast 20 Jahre im Freien Osten, gehen einer geregelten Tätigkeit nach und laut Ihrer Nachbarn trennen Sie sogar ihren Müll. Wie sieht es inzwischen mit Ihren Sprachkenntnissen aus und wie verständigt man sich im Hause Spiske?

Bedingt durch meines Vaters Beruf und meine Tätigkeit bei der Bundeswehr bin ich in der Vergangenheit selten mehr als 3 Jahre an einem Ort geblieben. In Sachsen bin ich angekommen, hier fühl ich mich wohl und seit ich mit einer Görlitzerin verheiratet bin und eine Tochter habe, behaupte ich, dass die Integration des friesischen Migranten gelungen ist. Mittlerweile finde ich sogar den Karneval toll und das will was heißen bei einem Friesen! Da meine Tochter das Ergebnis einer erfolgreichen Ost-West-Vereinigung ist, wächst sie zweisprachig auf, also mit Modschegiebchen und Dackhaas.

Rechte Gedanken links der Mitte durch Greteleien mit Karussellpferden

Über sich und die Welt nachzudenken, kann verheerende Auswirkungen haben. So manche Frau soll dabei erkennen, dass sie sich eigentlich als Karnickelbock fühlt. Noch schlimmer kann es einen Mann treffen, der nach einem Seitenblick auf’s Sofa plötzlich konstatieren muss, dass er seit 30 Jahren neben dem Körper einer Frau gefangen ist. Ganz übel traf es in dieser Woche MN-Chef Claus Narr. Der hat bei sich erschreckende Tendenzen rechter Gesinnung festgestellt. Wie kann das sein bei einem, der bei den Jungpionieren mal Kassierer im Gruppenrat war und seit fünf Jahrzehnten auf dieser Entwicklungsstufe stehengeblieben ist?

Seit ich in mir Indizien gefunden habe, die mein Alter Ego als potenziellen Rechten enthüllen, kann ich kaum noch schlafen.

Auch das Essen schmeckt mir nicht mehr und an Sex ist gleich gar nicht zu denken. Nicht wegen mir, sondern wegen meiner Frau. Ich kann sie schließlich nicht zur Mittäterin machen, weil sie einen potenziellen Nazi bekocht und auch noch mit ihm schläft.

Ich persönlich staune nur, wie lange ich bereits rechter Gesinnung bin, ohne dass es mein Umfeld wahrgenommen oder wenigstens ich selbst bemerkt habe. Schon als 1990 die ersten Wessis in unser Land eingefallen sind und die Posten besetzt haben, die noch heute fest in ihren Händen sind, keimte in mir die Forderung: Alle zurück in ihre Herkunftsländer!

Tja, jetzt sind sie da

Aber meine Stimme war zu leise und so holten sie dann auch noch ihre Familien nach, blockieren mit ihrer Brut seitdem immer mehr Kita-Plätze und verweigern sich der Integration sogar bei der Zeit. Eisern behaupten sie noch heute, dass Viertel drei in Wahrheit Viertel nach zwei sei. Mit Blick auf das Zifferblatt wird die dahintersteckende Charaktereigenschaft deutlich: Sie lesen die Uhr rückwärtsgewandt. Tja, aber jetzt sind sie da und wir müssen es ausbaden.

Nazi und Flüchtling

Wie schnell man in Markranstädt selbst zum Flüchtling werden kann, habe ich letztens am eigenen Leibe erfahren müssen. Nachdem ich in einem der letzten Restaurants am Ort gegessen hatte, fragte mich die Kellnerin, wie ich zu zahlen gedenke. „Mit Karte“, habe ich selbstbewusst geantwortet. In der gleichen Sekunde rückten die anderen Gäste entsetzt von meinem Tisch ab und begannen zu tuscheln. „Ah, wieder einer“, hörte ich aus den Wortfetzen heraus und „… die kriegen ja jetzt kein Bargeld mehr, alles nur noch auf Karte“, oder „… aber fette Steaks fressen und teuren Wein saufen auf unsere Kosten…“

So schnell wird man hier vom Nazi zum Flüchtling. Und nun? Mein Kumpel Uwe rät mir, bei der kommenden Wahl die Augen aufzumachen. Aber was weiß der schon. Gerade Uwe, der in den letzten 30 Jahren von CDU über Linke und Grüne bis SPD schon alles versucht hat und sogar vor der FDP nicht zurückgeschreckt ist, müsste es doch am besten wissen: Alle vier Jahre sein Kreuz an die falsche Stelle zu setzen, ist auch keine Lösung.

Tennisbälle beim Fußball: Die endgültige Entwurzelung

Und jetzt nehmen sie einem noch das letzte bisschen Kultur, das uns geblieben ist. Fußball wird neuerdings mit Tennisbällen gespielt. Kein Wort von kultureller Aneignung oder unerträglicher Verwendung sexistischer Stereotype (Sie erinnern sich? Boris in der Besenkammer), nicht mal die Verschwendung volkswirtschaftlicher Ressourcen wird angeprangert. Nirgendwo gibt es mehr Tennisbälle zu kaufen! Ausbaden müssen das arme Sozialverbände wie der Markranstädter Tennisklub, wo sie jetzt Fußbälle übers Netz schmettern müssen. Wo sind wir nur hingekommen?

Das Leiden unserer Kinder

Die Probleme, mit denen ich beschäftigt werde, nehmen nicht ab. Dass mein Sohn in der Schule nicht mehr gehänselt werden darf, fand ich ja erst ganz okay. Bis er mir stolz mitteilte, dass er jetzt gegretelt wird und sowas wegen des Gender-Gaps in Ordnung ist.

Dafür darf meine Tochter nicht mehr mit dem Kinderkarussell fahren, weil sie auf diese Weise dem unerträglichen Trugschluss aufsitzen könnte, dass man auf Tieren reiten darf. Damit sie sich in der Kita nicht auch noch vor ihren im Präventionsrat „Junge Demokraten“ gesellschaftlich engagierten Spielkameraden rechtfertigen muss, habe ich vorsichtshalber das Wendy-Abo gekündigt.

Auch aus reinem Selbstschutz gegenüber meiner Familie. Nicht auszudenken, wenn mein Nachbar mitbekommen würde, dass wir gegen das Tierwohl gerichtete Literatur aus unserem Briefkasten holen.

Da könnten wir gleich aus Markranstädt wegziehen. Oder wenigstens ich. Obwohl … für mich als Alleinreisenden wäre Berlin schon ein lohnendes Ziel. Seit 1. Februar gibt es dort eine Einsamkeitsbeauftragte. Vollzeit wohlgemerkt! Und was ’ne Fackel, die Braut! Die ist allein für solche wie mich da, muss mir wahrscheinlich vorlesen, mich zwischen den Zehen massieren und was sonst noch so.

Früher gab’s sowas zwar auch schon, aber damals hatten die kein Büro und man musste sie aus eigener Tasche bezahlen. Heute gibt’s nur ein Problem bei der Sache: Annabell Paris ist die einzige Einsamkeitsbeauftragte in ganz Deutschland. Sie wird … einsam sein. So einsam, dass sie sich am Ende selbst betreuen muss. Da kann ich auch gleich in Markranstädt bleiben.

Ein „Heil“ dem Ehrenbürger

Hier ist Einsamkeit kein Thema, hier kann man noch unter Leute kommen. Am Sonntag zum Beispiel findet eine Demo für Menschenrechte und gegen Rechtsextremismus statt. In einer Stadt, in der Hitlers Steigbügelhalter, Reichspräsident Paul von Hindenburg, seit 1933 Ehrenbürger ist und noch immer als solcher gefeiert wird, ist das fast schon wieder lustig.

„Davon haben wir nichts gewusst“

Okay, selbst die Demonstranten werden sich rausreden und behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst. Die Antwort darauf haben sie sich aber bei der Auseinandersetzung mit der Erbsünde unserer Vorfahren schon selbst gegeben. Also lieber nicht drüber reden, lasst bunte Luftballons sprechen.

Ampel aus

Ich werde trotzdem hingehen, auch wenn ich wahrscheinlich Nazi bin und als Flüchtling dort kaum Leidensgenossen antreffen werde. Einerseits bin ich für Menschenrechte und gegen Rechtsextremismus, das passt schon mal. Auf der anderen Seite finde ich aber auch die Aussicht einfach zu verlockend, dass für den Demonstrationszug wenigstens am Markranstädter Marktplatz die Ampel ausgeschaltet wird.