Anekdoten aus dem Showroom in der Leipziger Straße

Der 1. April ist für Menschen, die gern lachen, ein besonderes Datum. Ob Brotagonist Udo Wendl anno 2025 deshalb an genau diesem Tag sein Café in Markranstädt eröffnet hat? Sinn für Humor hat er jedenfalls. Aber auch ohne den Konditormeister mit Industriebrot-Allergie kommt man im Genusstempel an der Leipziger Straße auf seine Kosten. Markranstädts Hausgeist Claus Narr spukt fast jeden Tag im Gastraum umher und hat mit diebischer Freude aufgeschrieben, was ihm da so an lustigen Anekdoten widerfahren ist.

Wollte man zu meiner Zeit im ausgehenden Mittelalter Spaß und Unterhaltung haben, musste man abends in eine der Spelunken einkehren, in denen sich Tagelöhner, Nutten, Politiker und anderes lichtscheues Gesindel aufhielten. Denn tagsüber wurde damals gearbeitet.

Das ist heute anders. Schon kurz nach 7 Uhr morgens hat die mit dem Prädikat „Work-Life-Balance“ geadelte Gästeschicht die begehrtesten Plätze besetzt. Meinen Stuhl links hinten am Fenster muss ich mir fast täglich mit einem gepflegten Sprint durch den Gastraum sichern. Im Vorbeifliegen rufe ich der Dampfschaffenden am Kaffeeautomaten meine Bestellung zu und werfe den Obolus gleich am Tresen ab. Da muss ich dann nicht extra noch mal aufstehen und den Verlust meines hart erkämpften Platzes provozieren.

Das ist der Lieblingsplatz des Markranstädter Stadtgeistes Claus Narr. Freie Sicht auf die Leipziger Straße und den Gastraum stets im Blick.

Das ist der Lieblingsplatz des Markranstädter Stadtgeistes Claus Narr. Freie Sicht auf die Leipziger Straße und den Gastraum stets im Blick.

Dann folgt der Griff zur Morgenlektüre. Ob BILD oder LVZ, das macht inzwischen keinen Unterschied mehr. In beiden Blättern erfahre ich, dass Deutschland schon knapp 100 Milliarden Euro an die Ukraine gezahlt hat. Also schnell umblättern, bevor sich die Leber weigert, den Kaffee anzunehmen.

Auf der nächsten Seite steht dann, dass die Bundesregierung wegen knapper Kassen die Rente reformieren will. Gleich darunter beschäftigt sich ein anderer Artikel damit, dass schon zu Jahresbeginn in der Ukraine die Renten um mehr als 12 Prozent erhöht wurden. Woher der ukrainische Kanzler Friedrich Merz das Geld dafür genommen hat, steht in keinem der beiden Blätter. Als Morgenlektüre reicht mir das aber schon. Sie hat mich mit tiefer Demut und Dankbarkeit darüber erfüllt, dass ich mir wenigstens noch meinen Morgenkaffee leisten kann.

Die deutsche Morgenlektüre bekommt man ohne Kaffe nur schlecht runter. Zum Glück sorgt der ukrainische Kanzler Friedrich Merz immer mal wieder für humoreske Erbauung.

Die deutsche Morgenlektüre bekommt man ohne Kaffe nur schlecht runter. Zum Glück sorgt der ukrainische Kanzler Friedrich Merz immer mal wieder für humoreske Erbauung.

Ohnehin wird meine Aufmerksamkeit von einer anderen Situation gefordert. Inzwischen ist es 10 Uhr. Ein älteres Pärchen hat vor einigen Minuten Platz genommen. Offenbar auf ausdrücklichen Wunsch der Dame, denn der Mann macht keinen sonderlich glücklichen Eindruck ob seiner Aufgabe als Begleiter. Schon nach zwei Minuten macht er seinem Herzen Luft: „Das dauert scha hier, wo bleibt’n dor Gaffee? Missen die den erschd noch erndn un reehsdn oder was?“

Szenen einer Ehe – live im Café

Auch als er dann an der Tasse genippt hat, hellt sich seine Stimmung nicht auf. Mit verzogenem Gesicht lässt er seine Frau wissen: „Also, schon dei Gaffee dorheeme schmeggt scheiße, abor där hier schmeggt noch viel scheißer.“ Die Gemahlin geht auf den Vergleich nicht ein, sondern lässt die nur einer liebend Frau eigene Diplomatie walten: „Jetz heere abor ma uff mid dei’m Gemeggre. Immor hasde was auszusedsn, das is scha nich mehr feiorlisch mid dir. Mor schähmds’sch scha iworall wo mer mit dir hingomm tut.“

Wenig später hat die erfahrene Leidensgemeinschaft ihr Mahl beendet. Die Frau erhebt sich und gibt ihrem Gatten mit einem in jahrzehntelanger Koexistenz am Küchentisch gestählten Blick auf das Tablett zu verstehen, dass sich das Geschirr nicht von allein wegräumt. Der Alte folgt dem nonverbalen Hinweis knurrend. Doch das Unheil hat für den geronten Kotzbrocken noch eine finale Herausforderung vorgesehen. Sein Tablett will einfach nicht in das dafür vorgesehene Fach passen. Das Regal ist mindestens 20 Zentimeter schmaler als das Servierbrett.

Geometrie: So geht sächsisch!

Das ist für den Mann der Zeitpunkt, auch das Personal in die Konversation einzubeziehen. Wer sich diesen Scheiß hat einfallen lassen, will er von der jungen Frau hinter dem Tresen wissen. In diesem Laden passe ja gar nichts und der Tischler, der den Tablettschrank geschmiedet hat, sei wohl Elektriker gewesen. „Bei denen tuts uf ä paar Meter nich angomm“, meint er und hält zur Veranschaulichung seiner Konstruktionskritik das große Tablett vor den zu kleinen Einschub.

Die junge Frau zuckt mit den Schultern, lächelt milde und nimmt ihm das Tablett aus der Hand. Dann dreht sie es um 90 Grad, schiebt es mit der schmalen Seite voran in den Schrank und lächelt den Mann verständnisvoll an. Um das Feld zumindest gegenüber seiner eigenen Frau als Sieger zu verlassen, verabschiedet sich der Senior mit den Worten: „Das gennd’n se awor wenichsdns ma dranschreim tun, sonst macht mer sich doch hier zum Ei!“

Geht zum Lachen nicht in den Keller, sondern hinters Nudelholz: Im Gegensatz zu Claus Narr, der als Geist unsichtbar durch den Raum spukt, darf Bäckerei-Chef Udo Wendl seinen Humor offen ausleben.

Geht zum Lachen nicht in den Keller, sondern hinters Nudelholz: Im Gegensatz zu Claus Narr, der als Geist unsichtbar durch den Raum spukt, darf Chefbrotagonist und MN-Fan Udo Wendl seinen Humor offen ausleben.

Es wird ruhiger im Café. Mein Blick wandert durchs Fenster auf die Leipziger Straße. Ein Mann, der mit seiner Tochter gerade für 29 Euro Erdbeertorte gekauft hat, steuert auf sein Auto zu. Weil sich von der anderen Seite in der gleichen Geschwindigkeit eine uniformierte Fachkraft aus dem Ordnungsamt nähert, hat es der Mann plötzlich eilig. Während er mit der rechten Hand in seiner Hosentasche nach dem Autoschlüssel nestelt, übergibt er mit der Linken das wertvolle Kuchenpaket hektisch dem jungen Mädchen.

Motorische Defizite des Kindes waren in diesem Sekundenbruchteil nicht zu erkennen. Was also dazu geführt hat, dass das Kuchenpaket beim Transit zwischen ihm und ihr der Erdanziehungskraft folgte, ist unklar. Leider war durch die Schaufensterscheibe auch nicht das satte „Klatsch!“ zu hören, als die Beeren auf die Erde trafen und sich dort zu Erdbeeren verbanden. Ich rechne kurz nach: Das Knöllchen wäre billiger gewesen als der folgende Ernteeinsatz auf dem Fußweg.

Speed-Dating mit Passanten

Es wird Mittag. Nach dem dritten Kaffee und einem „Dreikäsehoch“ kommt mein Körper langsam auf Betriebstemperatur. Männliche Sehnsüchte regen sich, als eine junge Frau auf der anderen Straßenseite zielstrebig bei Rossmann einkehrt. Blondes Haar, voll entwickelte Herzkranzgefäße und unter der amphoresken Taille mit einem atemberaubenden Fahrgestell ausgestattet. Unter dem Saum des knapp geschnittenen Kotflügels strecken sich wohlgeformte Slicks gen Asphalt. Ich muss schnell zahlen, um ihr drüben an der Kassenschlange noch rechtzeitig einen Platz vor mir anbieten und ihre Dankbarkeit mit einer Einladung zum Kaffee prüfen zu können.

In diesem Augenblick tritt das bezaubernde Geschöpf jedoch schon wieder aus der Drogerie heraus. Noch bevor ich frustriert die Augen von ihr lassen kann, sehe ich, was sie gerade in ihrer Tasche verstaut. „Always ultra“ kann ich aus der Ferne lesen. Gut, denke ich, es eilt also nicht mit der Kontaktaufnahme. Im Geiste prangere ich die menschlichen Jagdinstinkte an. Wie kann man sich als Frau nur so aufdonnern, wenn man als Beute gar nicht in Frage kommt?

Da ich aber nun schon mal bezahlt habe, stehe ich auf und gehe. Zu Hause wartet der Schreibtisch. Irgendwie muss ich das Erlebte schließlich verarbeiten.

Leipziger Straße: Markranstädt von seiner haarigen Seite

Fünf Friseure auf ein paar hundert Metern: In der Leipziger Straße hat sich eine kuriose Monokultur entwickelt, die dem lange vorherrschenden Branchenmix aus Dönerei ernsthaft Konkurrenz macht. Endlich hat der Markranstädter die Wahl zwischen waschen, föhnen, legen oder komplett mit Knoblauch und Zwiebeln. Aber das ist nicht der einzige Vorteil der neuen Vielfalt auf unserer Einkaufsmeile.

 Früher war eine Hauptstraße der Ort, an dem eine Stadt gezeigt hat, was sie unter Zivilisation verstand. Man kam hinein und wusste sofort: Hier gibt es eine Post, einen Schuster, ein Elektrogeschäft. Vielleicht auch ein Kino oder einen Laden für Dinge, die man dringend brauchte, obwohl man noch nicht wusste, wofür.

Markranstädt hat sich von diesem überholten Modell verabschiedet. Wer heute auf der Leipziger Straße durch die Kernstadt flaniert, sieht vor allem zwei Dinge: Essen und Haare.

Friseur, Pizza, Friseur, Döner, Döner, Friseur, Friseur, Friseur. Dazwischen gelegentlich ein Geschäft, das tapfer so tut, als gebe es dort etwas anderes. Kebab zum Beispiel oder Rasuren.

Figaros Hochzeit mit fünf Bräuten

Auf ein paar hundert Metern sitzen fünf Friseure. Fünf! Man könnte die Leipziger Straße eigentlich umbenennen. Vielleicht in „Dauerwelle-Allee“ oder, um dem Phänomen einen internationalen Anstrich zu geben, in „Barber-Lane“. Oder ganz bürgerlich „Zur Barbarei“. Es müsste nur schnell gehen, denn wenn erst das Rathaus mit seiner ihm eigenen Kreativität auf den Zug aufspringt, steht auf dem Straßenschild „Integriertes Zentrum für Modifikationsassistenz von Haarfollikeln“.

Wenn man aus Leipzig kommend in Markranstädt einfährt, ist das die Nummer 1 der Friseurgeschäfte, denen man begegnet.

Wenn man aus Leipzig kommend in Markranstädt einfährt, ist das die Nummer 1 der Friseurgeschäfte, denen man begegnet.

Selbstverfreilich hat diese Ansiedlungspolitik ihre Haarwurzeln in der sozialen Marktwirtschaft. In der gesamten Stadt mit ihren rund 16.000 Einwohnern gibt es zwölf Friseure. Allein in der Kernstadt sind es neun. Allgemeine Arztpraxen gibt es dagegen gerade mal sechs.

Das ist immerhin durch einen gewissen Synergie-Effekt erklärbar. Ein Arzt behandelt Krankheiten, ein Friseur beseitigt deren sichtbarste Folgen. Wenn sechs Arztpraxen in Markranstädt zwolf Friseure versorgen, sagt das viel über die Effektivität unseres Gesundheitswesens und die Leistungsfähigkeit des örtlichen Friseurhandwerks..

Lange Gesichter, teure Rasuren

Die Konzentration auf Haare hat außerdem enorme wirtschaftliche Vorteile. Sie macht die Stadt krisenfest. Wenn in Markranstädt schon die Mieten nicht mehr bezahlbar sind, können sich die Bürger alle paar Meter wenigstens die Illusion frisieren lassen, dass sie ihr Leben unter Kontrolle haben.

Das ist Nummer 2 auf dem Weg ins Zentrum. Befindet sich zwar offiziell in der Eisenbahnstraße, liegt aber trotzdem direkt an der Leipziger Straße.

Das ist Nummer 2 auf dem Weg ins Zentrum. Befindet sich zwar offiziell in der Eisenbahnstraße, liegt aber trotzdem direkt an der Leipziger Straße.

Die Konkurrenz belebt dabei das Geschäft. Fünf Friseure in einer Straße sorgen für eine völlig neue Form der Kundenbindung: Man kennt sich. Man sieht sich. Man beobachtet, wer beim Nachbarn einkehrt. Und ganz aufmerksame (meist stutenbissige) Zeitgeister wollen sogar erkennen können, bei welchem Friseur die Konkurrentin war. Da gibt es dann wertvolle Hinweise an die beste Freundin, wie: „Ich dachte, du warst beim Friseur?“ Oder manchmal auch „Übrigens: Ich kenne einen guten Rechtsanwalt.“

Auch Männer lassen in Markranstädt neuerdings viel Geld beim Barbier ihrer Wahl. Auf die Frage, warum das Rasieren so teuer geworden ist, erfuhr ein Kunde jüngst von seinem Schaumschaffenden: „Weil der Aufwand gestiegen ist. Nach der letzten Wahl sind die Gesichter deutlich länger geworden.“

Ist zwar laut Firmenschild die Nummer 1, aber egal von welcher Seite man durch die Leipziger Straße flaniert, ist es die Nummer 3, an der man vorbei kommt.

Ist zwar laut Firmenschild die Nummer 1, aber egal von welcher Seite man durch die Leipziger Straße flaniert, ist es die Nummer 3, an der man vorbei kommt.

Der Friseurladen ist ein gesellschaftlicher Treffpunkt – ähnlich wie einst der Gottesdienst in der Kirche. Und nicht selten hat man wirklich den Eindruck, als sei die Frisur zur Ökumähne geworden, seit das Tragen von Dreadlocks als kulturelle Aneignung geächtet ist.

Es sieht zwar nach viel aus, was sich in der Markranstädter Friseurmeile angesiedelt hat, aber haartechnisch gesehen gibt es offenbar trotzdem noch reichlich Luft nach oben. Das zeigen die unter dem Radar des Gewerbes fliegenden Stewardessen, die nach Feierabend oder hobbymäßig als eine Art Hair Force One zu ihren Kunden düsen. Schneiden im Tiefflug, bezahlt wird bar. Da schaut auch niemand so genau drauf, dass die Blondierung von Schwarzkopf ist.

Wieder nur ein paar Schritte weiter, kann man sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Nummer 4 waschen, föhnen oder legen lassen.

Wieder nur ein paar Schritte weiter, kann man sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in Nummer 4 waschen, föhnen oder legen lassen.

Aber Markranstädt wäre nicht Markranstädt, wenn die Leute über diese erfolgreiche Monowirtschaft nicht meckern würden. Mal darüber, dass es in der Leipziger Straße keine Post, Milchbar, öffentlichen Toiletten oder ein Kino gibt, dann über fehlende Schumacher (wozu auch Schnellbesohlung bei so kurzen Wegen zwischen den Friseuren?), Elektrogeschäfte oder wenigstens einen Baumarkt. Übrigens gibt’s auch kein öffentliches W-Lan und selbst Arbeitsamt und Jobcenter befinden sich über 25 Kilometer entfernt in einer anderen Stadt.

Immer diese Meckerei. Dabei liegen die Vorteile dieser Situation klar auf der Hand. Wenn der Schuh drückt, der Toaster kaputtgeht, die Blase zwickt oder man einen Sack Zement braucht, bleibt immer noch die Möglichkeit, sich die Spitzen schneiden zu lassen.

Und schließlich wäre das der Fünfte im Bunde. Die haarologische Grundversorgung der Markranstädter Bevölkerung ist zumindest in der Leipziger Straße nachhaltig gesichert.

Und schließlich wäre das der Fünfte im Bunde. Die haarologische Grundversorgung der Markranstädter Bevölkerung ist zumindest in der Leipziger Straße nachhaltig gesichert.

Man kann auch keinen Brief verlieren, wenn man mangels Post gar nicht erst in die Versuchung geraten kann, eine Briefmarke zu kaufen. Und wer zu Hause einen tropfenden Wasserhahn hat, muss sich nicht mit der quälenden Frage beschäftigen, woher er eine Dichtung bekommt.

Das ist der Vorteil des modernen Branchenmix in der Leipziger Straße. Hier hat der Kunde nicht die Qual der Wahl, welche Dienstleistung er in Anspruch nehmen soll. Es reicht, wenn er die Münze wirft: Zopf oder kahl.

Heißer Draht ins Jenseits? Rätsel um Telefon auf Markranstädter Friedhof

Die Szene hatte was: Das Festnetz-Telefon, das Passanten vor einiger Zeit auf dem Alten Friedhof entdeckten, hat zwar nie geklingelt, aber trotzdem für jede Menge Gespräche gesorgt. Die Funktion als Kommunikationsmittel hat das Gerät damit eigentlich erfüllt.

Trotzdem gibt das Relikt aus dem analogen Zeitalter noch immer Rätsel auf. Wer hat es dort hingestellt und zu welchem Zweck? Investigativ-Reporter Claus Narr ist der Sache nachgegangen und hat sich in Markranstädt umgehört.

Die erste Vermutung liegt eigentlich auf der Hand: Heißer Draht ins Jenseits! Schließlich war der Alte Friedhof tatsächlich einmal ein Gottesacker. Sind die Bauarbeiter bei der Verlegung des Glasfaserkabels vielleicht auf eine unterirdische Schnittstelle gestoßen, die es Hinterbliebenen ermöglicht, mit Verblichenen zu kommunizieren?

Ein fiktiver Anruf der Markranstädter Nachtschichten mit den Gebeinen eines hier beerdigten Vorfahren endete jedoch ernüchternd. Denn ein Gespräch mit unseren Ahnen scheitert allein schon an gesetzlichen Hürden, wie der Dialog beweist.


„Hallo, wer ist denn da?“ – „Das kann ich Ihnen nicht sagen.“ – „Warum nicht?“ – „Ich bin 1871 gestorben. Seit der Entfernung meines Grabsteines unterliegen meine persönlichen Angaben dem Datenschutz.“


Home-Office im Park: Meth to go?

Eine zweite Vermutung klingt da schon plausibler: Demnach hat hier ein Dealer sein temporäres Home-Office aufgeschlagen. Weil der Wirtschaftsaufschwung in Markranstädt längst schon die Drogenszene erreicht hat, stehen die zerbrechlichen Vertriebswege unter enormem Druck.

Aus dem Home-Office am Alten Friedhof können nicht nur frische Waren vertickt werden. Gemäß der neuen EU-Richtlinien kann man auch die Verpackungsverordnung direkt vor Ort entsorgen.

Aus dem Home-Office am Alten Friedhof können nicht nur frische Waren vertickt werden. Gemäß der neuen EU-Richtlinien kann man auch die Verpackungsverordnung direkt vor Ort entsorgen.

Mindestlohn für Dealer, gestiegene Spritpreise und lange Lieferketten aus Zwischenlagern in Volkmarsdorf, Connewitz oder Grünau zwingen die Branche, näher an die Verbraucher zu rücken. Das Frische-Versprechen: Produkte aus regionaler Erzeugung sollen auch direkt vor Ort erhältlich sein. Crystal to go aus der Niederlassung Markranstädt: Anruf genügt.

Am wahrscheinlichsten ist aber eine dritte Variante: Demnach hat es sich bei dem inzwischen leider wieder entfernten Apparat um die Beta-Version des jetzt vom Rathaus eingeführten Bürgertelefons gehandelt. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Testlaufs auf dem Alten Friedhof kann der homo marcransis das Ordnungsamt der Stadt seit einigen Tagen unter der Rufnummer 61169 direkt in die Spur schicken.

Neue Rathaus-Hotline: 61169

Damit die Auftragslage nicht gleich inflationär explodiert, wurde mit dem Angebot zunächst nur der überschaubare Kreis von Bürgern angesprochen, der des Beamtendeutschs mächtig ist. Denn angekündigt wurde der Service als „direkter Draht zum gemeindlichen Vollzugsdienst“.

Eine Umfrage der Markranstädter Nachtschichten offenbarte hier eklatante Wissenslücken im niederen Proletariat. „Gemeindlicher Vollzugsdienst? Wozu soll ich die Inkasso-Brigade im Rathaus anrufen, wenn auf dem Alten Friedhof Meth vertickt wird?“, fragt beispielsweise der Markranstädter TelefonberaterTimo Beil.

Hier werden Sie geholfen: Wer nicht weiß, was sich hinter einem „gemeindlichen Vollzugsdienst“ verbirgt, kann man ja mal unter 61169 mal die Auskunft anrufen.

In der Tat vermuteten 14 von 20 Befragten hinter dem ominösen „gemeindlichen Vollzugsdienst“ einen kommunalen Geldeintreiber. Weitere vier Bürger waren sich sicher, dass es sich um Wärter im Strafvollzug der JVA „Vierte Etage“ handelt. Von keiner Ahnung getrübt, lagen lediglich zwei der Befragten richtig und tippten zufällig auf Politessen und Politessriche.

Allerdings hatten auch diese beiden Bürger erhebliche Bedenken bezüglich dieser neuen Evolutionsstufe des Markranstädter Sicherheitskonzeptes. Egal ob es sich um illegale Grillfeuer am Kulki, körperliche Auseinandersetzungen an einem der Hotspots der Stadt oder nächtliche Drogengeschäfte direkt auf der Leipziger Straße handelt: Die 61169 wäre die letzte Option, die sie als Notruf wählen würden.

„Aus rein humanitären Gründen“, meint Anna Bolika. Sie würde es sich nie verzeihen können, wenn sie wehrlose Vollzugsbedienstete in einen Konfliktherd geschickt hätte, in dem sie mit Gefahren für Leib und Leben konfrontiert werden. Ihr Lebensgefährte Axel Schweiß formuliert es deutlicher: „Wie soll man mit der Schuld weiterleben, wenn man jemanden bewusst mit Pfefferspray zu einer Schießerei schickt?“, fragt er.

Stummer Protest gegen lautes Gelaber 

Zurück zum Alten Friedhof: Obwohl das Festnetz-Telefon inzwischen wieder deinstalliert wurde und nie jemand durch dessen Mikrofon gesprochen hat oder durch den Hörer zu hören war, hat es für Gespräche gesorgt. Ist das nicht geil?

Vielfältige Geschichten wurden um das Phänomen gestrickt, Menschen haben sich Gedanken gemacht, miteinander kommuniziert. Welches Ziel der Installateur dem Gerät auch immer zugedacht hatte, einen Zweck hat es erfüllt: Den einer gesellschaftskritischen Kunstinstallation.

Kunst im freien Raum: Ohne klangloses Rufzeichen die Stille eines Selbstgesprächs im Kontext mit der Konversation in Flora und Fauna als verbindendes Element der stimmenlosen Vergänglichkeit des Ewigen erleben.

Kunst im freien Raum: Ohne klangloses Rufzeichen die Stille eines Selbstgesprächs im Kontext mit der Konversation in Flora und Fauna als verbindendes Element der stimmenlosen Vergänglichkeit des Ewigen erleben.

Es war ein Plastik gewordener Spiegel unserer Gesellschaft: Man kann hineinsprechen, was man will, keiner hört zu. Und widersprechen kann schon gar keiner. Das Gerät war der perfekte Partner für das moderne Selbstgespräch in den Bubble-Blasen unserer Gesellschaft. Mit Garantie, dass am anderen Ende niemand dazwischenquatscht oder gar eine andere Meinung hat.

Und vielleicht lag genau darin die große Botschaft dieser Installation. In einer Zeit, in der alle ständig etwas zu sagen haben, aber immer weniger Menschen zuhören, brauchte es auf dem Alten Friedhof nicht einmal einen Anschluss, um für Gespräche zu sorgen.

Das Fazit ist geradezu eine Offenbarung für den Satiriker: Man muss nur ein Stück Plaste auf eine Mauer stellen und schon beginnen die Menschen,  wieder miteinander zu sprechen.

Ein Schiri pfeift Bürgermeister-Wahlkampf in Markranstädt an

Ein Jahr vor der Bürgermeisterwahl sorgt ein Markranstädter Schiedsrichter für den endgültigen Anpfiff zum Showdown vor der Urne. Seine Mission: Statt Selfies sollen Bilder künftig aus dem Videokeller kommen und Tatsachenentscheidungen nicht durch den Kapitän getroffen werden. Regierungserfahrung bringt er jedenfalls schon mal mit: In seiner Zeit als Entwicklungshelfer im Westen saß er schon als Weinkönig auf dem Thron und war Mitglied des ersten ostdeutschen Dreigestirns im rheinischen Karneval.

Zwar finden die nächsten Bürgermeisterwahlen in Markranstädt erst in 12 Monaten statt, doch haben jetzt schon drei Bewerber ihre Hüte in den Ring geworfen. Neben Titelverteidigerin Nadine Stitterich, die als amtierende Bürgermeisterin in Lostopf 1 als gesetzt gilt, hatte sich vor drei Monaten schon Gerichtsvollzieher Matthias Hanke beworben.

Dessen ungewöhnlich frühe Kampfansage hat jetzt den nächsten Bewerber aus der Deckung gelockt, obwohl bis zur Wahl noch ein Jahr Zeit ist. Punkt 9 Uhr hat am Dienstag Dr. Rico Kanefke sein Bewerbungsschreiben an die Presse geschickt.

Der Dritte im Bunde

In der Vergangenheit hatten die Kandidaten mit ihrer offiziellen Bewerbung gern bis zum letzten Tag gewartet, damit den Gegnern möglichst wenig Zeit bleibt, die Vita nach eventuellen Mitgliedschaften in der FDJ oder der Pionierorganisation zu durchforsten, antikommunistische Äußerungen aus ihrer Jugendzeit aufzuwärmen oder Klassenarbeiten auf der Suche nach Plagiaten zu zerpflücken.

Kanefke sitzt zwar seit knapp zwei Jahren im Stadtrat, aber den Markranstädtern ist der erfolgreiche Manager wohl eher aus einer anderen Sparte bekannt. An Wochenenden reist der 48-Jährige als Fußball-Schiedsrichter durch die Region. Erst am Sonntag hat er in Kitzen die Begegnung zwischen Blau-Gelb und dem Leipziger SV Südwest geleitet. Als Unparteiischer ist Kanefke also im Umgang mit Streithähnen und Gegnern ebenso gestählt wie in Sachen Spielführung und Tatsachenentscheidungen.

Wem Schiri Dr. Rico Kanefke hier die Rote Karte zeigt, ist nicht bekannt. Der Platzverweis in seinem Bewerbungsschreiben als Kandidat für die Bürgermeisterwahlen ist allerdings klar adressiert.

Wem Schiri Dr. Rico Kanefke hier die Rote Karte zeigt, ist nicht bekannt. Der Platzverweis in seinem Bewerbungsschreiben als Kandidat für die Bürgermeisterwahlen ist allerdings klar adressiert.

Obwohl der promovierte Ingenieur viele Jahre als Entwicklungshelfer im rheinischen Exil verbracht hat, ist ihm der sächsische Heimatklang nicht abhanden gekommen: Also Markranstädt, nicht Markraaahnstädt. Wer Kanefkes Bewerbung liest, spürt förmlich den Atem des gelernten Naturwissenschaftlers: Verstehen, warum etwas nicht funktioniert, effiziente Lösungen entwickeln und diese dann umsetzen. Das klingt auf dem Papier super, wirft in der kommunalen Praxis aber sofort die erste Frage auf.

Wie wird der in Weltkonzernen wie Bayer und Veolia gereifte Geist reagieren, wenn sich sein hocheffizienter Masterplan zur Digitalisierung der Stadtkasse zu einem achtbändigen analogen Papierwerk auswächst? Wer internationale Konzernstrukturen gewohnt ist, unterschätzt gern das Beharrungsvermögen einer deutschen Amtsstube. Da hilft im Zweifel auch kein Schiedsrichter-Pfiff. Bestenfalls eine Trinkpause, in der Baldrian gereicht wird.

Wie man sich in Weltkonzernen wie Bayer oder Veolia beruflich durchsetzt, hat Kanefke schon bewiesen. Aber auch gesellschaftlich hat er Regierungserfahrung. Vor neun Jahren saß er im rheinischen Odenthal als Weinkönig auf dem Thron.

Wie man sich in Weltkonzernen wie Bayer oder Veolia beruflich durchsetzt, hat Kanefke schon bewiesen. Aber auch gesellschaftlich hat er Regierungserfahrung. Vor neun Jahren saß er im rheinischen Odenthal als Weinkönig auf dem Thron.

Apropos Schiedsrichter: Kanefkes Führungsphilosophie basiert auf Vertrauen und Teamwork, schreibt er. Er will den Mitarbeitern Verantwortung übertragen und ihnen im Erfolgsfall auch die Lorbeeren gönnen. Seine Kampfansage spart nicht mit Seitenhieben auf Social-Media-Dauerbespaßung. „Arbeit kommt vor Präsentation. Teamwork kommt vor Ego“, diktiert er in die Blöcke, wenngleich er ebenso wie sein Mitbewerber in jedem Bilderrahmen mit einem formatfüllenden Antlitz glänzen könnte.

Die familiäre Vorbelastung des Kandidaten liest sich indes erdrückend: Der Großvater war in Großlehna Wehrleiter und Karnevalschef, der Vater im Gemeinderat. Der Filius selbst wendet die Bratwurst bei der TSG Blau-Weiß Großlehna noch persönlich. Doch die Gratwanderung zwischen der großen Markranstädter Weltbühne und der lokalen Grillzange ist ein Ritt auf der Rasierklinge.

Taxi fahren oder totes Pferd reiten?

Wie wird er den Spagat meistern, vormittags über millionenschwere Wirtschaftsinvestitionen zu verhandeln und nachmittags am Bierwagen zu debattieren, ob die thüringische oder die einheimische Roster das wahre Brauchtum verkörpert? Merke: Wer in Markranstädt hierbei die falsche Entscheidung trifft, hat die Wahl eigentlich schon vor dem ersten Urnengang verloren.

Und dann ist da noch der Elefant im Raum. Denn Kanefke trägt nicht nur auf dem Fußballplatz Schwarz. Er geht an Bord eines Geisterschiffs ins Rennen. Ausgerechnet jetzt, wo die CDU auf Bundesebene schon die ersten Erdbrocken auf ihren Sargdeckel fallen hört, kandidiert er unter deren schwarzer Flagge. Wie will er mit diesem politischen Bleigewicht im lokalen Wahlkampf umgehen?

Das erste rein ostdeutsche Dreigestirn im rheinischen Karneval. Weil Kanefke (r.) aus Großlehna stammt und damit auf dem Lande aufgewachsen ist, wurde ihm die Funktion des Bauern zuteil.

Das erste rein ostdeutsche Dreigestirn im rheinischen Karneval. Weil Kanefke (r.) aus Großlehna stammt und damit auf dem Lande aufgewachsen ist, wurde ihm die Funktion des Bauern zuteil.

Kanefke geht das so pragmatisch an, wie man es von einem Naturwissenschaftler mit Trillerpfeife erwartet: Er redet einfach nicht darüber. In seiner Mitteilung taucht das magische Drei-Buchstaben-Kürzel exakt einmal auf – als rein formale Randnotiz. Bürgermeisterwahlkampf ist eh Personenwahlkampf und an der Stelle wird die Strategie erklärbar: Besser eine CDU ohne TÜV als Taxi für die Nominierung nutzen als zu Fuß mühsam Unterschriften sammeln zu müssen.

In der rheinischen Diaspora konnte der Exil-Sachse bereits mit ganz anderen Qualitäten punkten, die ihm auch in der satirischen Gemeinde Markranstädts helfen könnten. Denn der Mann hat richtig Humor! In seiner Zeit in Oberodenthal stand Kanefke in der Session 2016 im dortigen Dreigestirn als „Bauer“ auf der Karnevalsbühne.

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Entwicklungshelfer hat Rico Kanefke auch Kultur ins Rheinland gebracht. Zusammen mit drei anderen Jecken mit ostdeutschem Migrationshintergrund verfasste er ein Kochbuch.

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Entwicklungshelfer hat Rico Kanefke auch Kultur ins Rheinland gebracht. Zusammen mit drei anderen Jecken mit ostdeutschem Migrationshintergrund verfasste er ein Kochbuch.

Der Clou: Er war der erste Ossi in dieser Rolle! Da auch Jungfrau und Prinz aus dem Osten stammten, widmete der Kölner Stadt-Anzeiger dem Trio eine ganze Seite unter dem Titel: „Drei Ossis erobern den Wilden Westen“. Um auch etwas Kultur nach Westelbien zu bringen, haben die drei Jecken anschließend auch gleich noch das ultimative Kochbuch „11 ostdeutsche Rezepte für die jecke Jahreszeit“ verfasst. Das Werk wurde unter dem wegweisenden Titel „Die Kochossis: Was runterfällt, wird schnell verzehrt“ unters Volk gebracht.

Man darf gespannt sein, wie Gerichtsvollzieher Matthias Hanke auf diesen Vorstoß reagiert. Pfändet er im Zweifelsfall einfach Kanefkes Grillzange, wenn der Wahlkampf zu heiß wird? Wie reagiert Titelverteidigerin Stitterich, wenn Kanefke mit VAR-Bildern aus dem Videokeller kontert? Und wer weiß, welche Überraschungskandidaten bis Herbst 2027 noch ihren Hut in den Ring werfen – vielleicht meldet sich ja noch der örtliche Bademeister oder ein unzufriedener Steuerberater an.

Das Spiel ist jedenfalls offiziell eröffnet, die Nachspielzeit wird handgestoppt und die Pfeife sitzt locker.

Reden statt heulen: Großlehna im Bürgerdialog vom Sirenenmast

Eigentlich war es eine unscheinbare Nachricht, die das Rathaus in seinem grünen Blättchen verkündet hat: Großlehna bekommt eine neue Alarmsirene. Erst beim genauen Durchlesen der Botschaft offenbarte sich ein Merkmal, das auf den ersten Blick wie eine sensationelle Innovation klingt, dann aber sofort Fragen aufwirft. Denn die Sirene kann nicht nur jaulen und hupen, sondern sogar sprechen! Das rief sofort satirische Verschwörungstheoretiker auf den Plan, die dahinter eine fiese Masche wittern. Die MN-Faktenchecker klären auf.

In Großlehna soll jetzt eine Innovation Einzug halten, die bei der Alarmierung ganz neue Töne verspricht: Eine Sirene, die reden kann! Doch das sorgt in Teilen der Bevölkerung offenbar schon vor Inbetriebnahme der Anlage für Alarm.

Als Odysseus die Meere befuhr, haben Sirenen noch gesungen. Heute müssen sie auch sprechen können. Sprechgesang oder kurz: Rap.

Als Odysseus die Meere befuhr, haben Sirenen noch gesungen. Heute müssen sie auch sprechen können. Sprechgesang oder kurz: Rap.

„Ist doch klar: Der Wahlkampf steht vor der Tür und die Bürgermeisterin will das Teil nutzen, um uns rund um die Uhr mit ihrem Wahlprogramm und ihren Erfolgen zu beschallen“, fürchtet beispielsweise Rentnerin Heide Witzka (Name geändert).

Die Sorgen von Claire Grube reichen noch weiter. Im Geiste höre sie, so die Schülerin, sonntags um 6 Uhr schon den Weckruf der Bürgermeisterin, die ihr Volk mit einem zünftigen „Guten Morgen liebe Großlehnaerinnen und Großlehnaer, ich freue mich, dass ich sie wieder zum gemeinsamen Frühsport begrüßen darf,“ per Bandansage aus den warmen Federn reißt. Big Sister im 21. Jahrhundert.

Big Sister in „2026“?

Das Kollektiv „Faktencheck“ der Markranstädter Nachtschichten hat diese Aussagen auf Herz und Nieren geprüft. Das Fazit: Alles Quatsch, die Sorgen sind vollkommen unbegründet. Erstens nutzt die Bürgermeisterin fast ausschließlich Bildsprache, um zu kommunizieren und kann deshalb auf Beschallungsanlagen bequem verzichten.

Und zweitens nutzt sie für ihre Informationspolitik wesentlich effektivere Informationskanäle. Die Reichweite einer Sprech-Sirene beträgt nach Angaben ihres Stadtjournals gerade mal 1000 Meter, während ein Video vom Kulki die gesamte Menschheit rund um den Erdball missioniert. Also Entwarnung statt Alarm.

Mit lächerlichen 1.000 Metern kann so eine Sprechsirene nicht mal annähernd mit der Reichweite von Fotos oder Videos in den sozialen Netzwerken mithalten.

Mit lächerlichen 1.000 Metern kann so eine Sprechsirene nicht mal annähernd mit der Reichweite von Fotos oder Videos in den sozialen Netzwerken mithalten.

Auf der anderen Seite könnte die neue Technik allerdings zusätzliche Einnahmequellen für das gebeutelte Stadtsäckel erschließen. Man weiß ja nie, wie’s mal kommt. Und vor allem: wer. Also jetzt nicht nur die Russen. Schon wird gemunkelt, dass die Sirene perspektivisch auch als Minarett vermietet werden könnte. Der Muezzin müsste dafür nicht einmal mehr hinauf klettern, sondern könnte seinen Gebetsruf per Bluetooth von zu Hause aus auf den Maibaum vor der Feuerwehr senden.

Während anderswo noch über die Digitalisierung der Verwaltung diskutiert wird, käme der Gebetsruf in Großlehna bereits per Remote-Zugriff aus dem Homeoffice des Vorbeters. Zugleich ließen sich damit lange Planungsprozesse für den Neubau einer Moschee und unliebsame Bürgerproteste vermeiden. Natürlich nur gegen eine ordentliche Gebühr, die an den Preis für eine ortsübliche Wohnungsmiete gekoppelt ist. Auch Glaube ist schließlich nicht zum Nulltarif zu bekommen. Das haben in Markranstädt schon all die Ungläubigen erfahren, die angesichts ihrer Wohnkosten längst von selbigem abgefallen sind.

Der Maibaum als kostensprarende Lösung für den Träger der neuen Sirene ist nicht die einzige gute Idee, um die Stadtkasse zu entlasten. Angesichts der aktuellen Marktlage bei den Religionsanbietern könnte auch eine Vermietung der Sprechsirene als Minarett Geld in die Stadtkasse spülen. Und Punkte im Mach-mit-Wettbewerb "Weltoffene Kommune".

Der Maibaum als kostensprarende Lösung für den Träger der neuen Sirene ist nicht die einzige gute Idee, um die Stadtkasse zu entlasten. Angesichts der aktuellen Marktlage bei den Religionsanbietern könnte auch eine Vermietung der Sprechsirene als Minarett Geld in die Stadtkasse spülen. Und Punkte im Mach-mit-Wettbewerb „Weltoffene Kommune“.

Vor den alarmierenden Gefahrenlagen verblassen allerdings leider auch andere durchaus interessante Alternativen. Denkbar wäre zum Beispiel eine Vermietung als kommunales Lautsprecherportal. Vereine könnten ihre Jahreshauptversammlung darüber ankündigen, Blau-Weiß seine Fußballer per Ortsfunk zum Training rufen oder das Ordnungsamt seine Verwarnungen gleich „on air“ aussprechen. Das spart viel Schreibkram.

Vermarktung zwischen Ernstfällen

Dazwischen ließen sich auch Werbespots für ansässige Firmen verlesen, die bislang im Amtsblatt unter der Rubrik „Nachrichten aus der Wirtschaftsförderung“ kostenlos verschenkt werden. Es gibt reichlich Ideen, man muss sie nur umsetzen.

Und falls das alles nicht reicht, bleibt immer noch die klassische Nutzung der Sirene als Sirene: Im Ernstfall heult sie.

Seebad Markranstädt: So lief die erste Saison

Im Urlauberparadies am Kulkwitzer See kehrt langsam Ruhe ein. Die Blätter werden braun, das Wasser wird kühler. Maden vertilgen die letzten Zeugnisse opulenter Grillfeten, der Markranstädter Mittelstand durchkämmt das Gelände nach Pfandflaschen, im frischen Herbstwind treibt einen zurückgelassener Damenslip über die herbstlichen Ufergefilde. Während die Natur vorsichtig aufatmet, hat MN-Geschichtsschreiber Claus Narr zur Feder gegriffen und ein Fazit der 2026-er Saison entbunden.

Eins gleich vorab: Es war nicht alles schlecht. Auf dem Weg zur Kurstadt hat das Seebad Markranstädt in der vergangenen Saison sogar seinen eigenen Strandabschnitt bekommen.

In erster Linie ist das natürlich eine geradezu traumhafte Kulisse für Videoproduktionen von auf jung gestylten Milfs und Influenzerinnen. Schon spricht man im Volke über die Film-Hochburg am Markranstädter Westufer vom „Klein-Babelsberg“. Wobei die Betonung zwar auf „Babel“ liegt, aber das ist nur dem Neid geschuldet. Denn es wurde längst nicht nur gebabelt.

Hunde, Nudisten, Notdürftige – alle wurden bei der Strandreform 2026 bedacht. Allerdings war das Volk, wie so häufig, mit den Folgen dieser Umwälzung nicht immer einverstanden. So wurde zwar ein Hundestrand ausgerufen, dabei aber die Gemeinde der Nudisten bloßgestellt. Ein gefundenes Fressen für … nein, nicht für den prüden homo marcransis, sondern für die Umweltschützer!

Die Beschreibung eines traumatischen Erlebnisses: Der Anblick nackter Senioren ist ein unerträglicher Angriff auf die ethische Souveränität junger Menschen.

Die Beschreibung der unerträglichen Szene, dass man am Hundestrand auf nackte Senioren stoßen kann, mag sich auf den ersten Blick wie neopopulistische Altersdiskriminierung lesen. Da es aber keinen Aufschrei aus der demokratischen Szene gab, muss etwas anderes dahinterstecken. Nach längerem Nachdenken und erneutem Lesen kann man von selbst auf den wahren Hintergrund kommen.

Der gesellschaftliche Ekel richtet sich nicht gegen FKK-ler an sich, sondern speziell gegen nackte Senioren. Das hat tiefgreifende ökologische Gründe: Denn wenn sich die greisen Nudisten mit ihren Rollatoren vom Ufer gen Wasser quälen, ziehen sie mit ihren Hängebrüsten und Schlepphoden tiefe Furchen in den Boden. Dabei zerstören sie ökologisch wichtige Habitate von Ameisen, Regenwürmern, Löwenzahn oder Huflattich und nehmen so der jungen Generation jegliche Zukunftsperspektiven.

Generation Z im Clinch mit den Boomern

So viel Egoismus will die junge Generation „u 30“ heute offenbar nicht mehr dulden. Für alte Leute, die das Bedürfnis haben, unter Aufsicht fremder Personen mit Wasser in Berührung zu kommen, gibt’s schließlich Pflegeheime. Dort können die Geronten mit waschlappenschwingenden Servicekräften Spaß haben, ohne die Generation Z mit den körperlichen Verfallsprozessen zu konfrontieren, die in deren Hirnen längst begonnen haben.

Angestachelt von Alterssturheit und ihren Erfahrungen aus dem Herbst ’89 hat die Boomer-Generation am Westufer daraufhin eine eigene Republik ausgerufen. Okay – eher ein Reservat oder selbstgewähltes Ghetto, das aus der Not ihrer Deportation aus anderen Strandbereichen entstand. Allerdings sollte hier unter dem scheinbar demokratiefördernden Begriff einer „Wohlfühloase“ eine nicht hinnehmbare Ausgrenzung von Hunden, Musikliebhabern und Bekleideten erfolgen.

Dieser unerträglichen Ausgrenzung von Gebell und Mother-Fucker-Rap durch diskriminierte Nudisten wurde mit einem Schild-Bürgerstreich ein Ende gemacht und die H4-Lagune wieder in den Geltungsbereich des Markranstädter Grundgesetzes übernommen.

Das hat, wie nicht anders zu erwarten, sofort die rechtsstaatliche Exekutive auf den Plan gerufen. In einer konzertierten Sonderaktion wurden die in hartnäckige Stellungskämpfe mit dem ruhenden Verkehr verwickelten Einsatzkräfte mit Akkuschraubern bewaffnet und zum Einmarsch in das abtrünnige Gebiet befohlen, um dort die Demokratie wiederherzustellen. Ein wahrer Schild-Bürgerstreich, der den Beitritt der Lagune in den Geltungsbereich des Markranstädter Grundgesetzes zur Folge hatte. Sofort, unverzüglich.

Derweil hat sich auch im benachbarten Strandbad die Welt weitergedreht. Dort war zunächst ein neuer Betreiber eingezogen. Dessen Konzept hatte allerdings wohl noch ein paar Schwächen. Zwar galt das Versorgungsangebot rein quantitativ als ausreichend, doch nachdem so mancher Besucher sein Budget bereits auf dem Parkplatz investieren musste, wäre der Betrieb einer Bankfiliale zukunftsträchtiger gewesen als der Unterhalt zweier Toilettenboxen.

Strandbad erhält neue Seebrücke

Um das Strandbad für die Ansiedlung eines neuen Betreibers interessant zu machen, hat das Rathaus allerdings reagiert und mit einer touristischen Aufwertung des Ufers begonnen. Dazu wurde zunächst der schwimmende Steg ans Leipziger Ufer übergesetzt. Mögen sich die Grünauer mit diesem mobilen Lost Place rumärgern oder ihn zum „El Urinal“ umwidmen.

Der schwimmende Steg wurde ans Ostufer übergesetzt. An die damit verbundene Möglichkeit, ihr Geschäft gleich von dieser Plattform aus ins Wasser erledigen zu können, müssen sich die Grünauer offenbar erst noch gewöhnen.

Mit der Auslagerung des Steg-Problems war es aber nicht getan. Inzwischen hat die Kurstadt Markranstädt an der gleichen Stelle schon eine neue Attraktion geschaffen, die für noch mehr Anziehungskraft sorgen soll.

Spätestens seit unterhalb des Strandbades dieser eindrucksvolle Ersatzneubau in Form einer mondänen Seebrücke ins Wasser ragt, ist auch den letzten Zweiflern klar geworden, warum das neue Stadtbad in der Weststraße keinen behindertengerechten Ausstieg hat. Er wurde nicht eingespart, sondern aus Gründen knapper Haushaltsmittel nur an einem attraktiveren Standort installiert. Am Kulki.

Was Ahlbeck, Binz oder andere Ostseebäder auszeichnet, hat jetzt auch das Seebad Markranstädt! Wo vor kurzem noch ein lächerlicher Schwimmsteg vor sich hin oxidierte, lädt jetzt eine mondäne Seebrücke zum Genuss romantischer Sonnenuntergänge bei Wellenrauschen, Möwengeschrei und entspannendem Blasendruck ein

Dort soll die Attraktion jetzt einen multiprofressionellen Investoren anlocken. Glaubt man den Ausschreibungsunterlagen, darf sich der Gesuchte nebenbei zwar auch gern als Gastronom und Strandbetreiber versuchen, in erster Linie soll es sich jedoch um einen Ceramic-Director of Latrinen-Managing mit Kernkompetenzen in der Abführung von Stoffwechselendprodukten handeln.

Notdurft Hafenkante

Zur Erinnerung: Seit Mai ist die Aufgabe als Toilettenbeauftragter Bestandteil der Stellenbeschreibung des Ersten Beigeordneten der Bürgermeisterin. Höchste Zeit also, dass sich ein ausgebildeter Fachmann um den Scheiß kümmert.

Gastronomen mit Erfahrung in der Errichtung, der Unterhaltung und dem Betrieb von EU-konformen WC-Anlagen sind rar. Vielleicht sollte man doch lieber eine Klo-Frau suchen, die nebenbei noch ein bisschen servieren kann? Sie sollte halt nur die Wischtücher nicht verwechseln.

Leider hat der Fachkräftemangel auch die Lokus-Branche längst erreicht. Obwohl die Ausschreibung des Rathauses sogar in Fachorganen wie Facebook oder dem Wirtschaftsteil von Instagramm wieder und wieder erneuert wurde, hat sich offenbar noch kein Visionär gefunden, der über den erforderlichen Befähigungsnachweis nach DIN WC 00 für die Errichtung, Unterhaltung und den Betrieb sanitärer Vorrichtungen oder Anlagen zur Aufnahme von Körperausscheidungen verfügt.

Aber sind das nicht hervorragende Aussichten auf die nächste Saison? Es wäre doch stinklangweilig, wenn nicht ein paar Bedürfnisse bleiben würden, auf deren Befriedigung man sich noch freuen kann.