Neues Spechtfutter im Stadtforst

Markranstädt am Montag: In der Stadt und ihren Ortschaften herrscht eine seltsame Atmosphäre. Es ist ruhiger als sonst. Nur das Geäst der vom Herbstlaub befreiten Bäume wiegt sich sanft im winterlichen Wind. Wer genau hinschaut, entdeckt dabei neue Stämme, Äste und Zweige. Der Markranstädter Stadtforst hat Zuwachs bekommen.

Während andernorts Bäume gefällt, in die heimischen Wohnzimmer verschleppt und dort für ihre letzten Tage geschmückt werden, macht man in Markranstädt derzeit genau das Gegenteil. Hier werden Bäume gepflanzt.

Die seit 8. Dezember erfolgenden Neupflanzungen von Bäumen im Stadtgebiet haben einen Grund.

Für den Erweiterungsneubau am Gymnasium mussten seinerzeit zwei Eichen gefällt werden. Hierfür werden jetzt die gesetzlich vorgeschriebenen sechs Ersatzpflanzungen vorgenommen.

Sechs für zwei

Die kräftigen Linden, Eichen und Kastanien werden in der Parkanlage „Alter Park“, auf dem Freigelände der Kindertagesstätte Marienheim und an der ÖPNV-Verknüpfungsstelle am Bahnhof in die Erde gebracht. Für die Maßnahme wurden rund 23.000 Euro veranschlagt, heißt es aus dem Rathaus.

Die Kosten der Kosten

Rechnen wir mal: 23 durch sechs macht drei (fünf im Sinn und eine Null dran), macht 50 durch sechs … Was soll’s: also rund 3.833 Euro pro Gehölz.

Da möchte so mancher Unternehmer gerne Baum sein in diesen Tagen, an denen die Werte der Firmen auf den Corona-Hilfsanträgen in geheimnisvollen Rechenoperationen auf einen Bruchteil dessen zusammenschrumpfen.

Mit der Ausführung der Pflanzungen ist der in Seebenisch ansässige Gartenservice Leipzig beauftragt. Chef Sven Baumann weiß, warum da was und wieviel kostet. „Erstmal sind das Starkbäume mit einem Durchmesser von mindestens 30 Zentimetern und teilweise schon um die sieben Meter Länge.“

Lukas Ifland vom Gartenservice Leipzig wässert seinen neuen Schützling in der Parkstraße ordentlich ein. Drei Jahre lang werden die Neuanpflanzungen vom Seebenischer Betrieb gepflegt.

Lukas Ifland vom Gartenservice Leipzig wässert seinen neuen Schützling im Alten Park ordentlich ein. Drei Jahre lang werden die Neuanpflanzungen vom Seebenischer Betrieb gepflegt.

Dann seien sie mit einer speziellen Unterflurverankerung versehen, um die Standfestigkeit zu gewährleisten, bis die Wurzeln vollständig ausgebildet sind. Nicht zuletzt kamen bei den Pflanzungen auch unvorhergesehene Situation dazwischen. „Am Bahnhof mussten wir erst die Wurzel einer alten Kastanie ausheben, die vorher dort stand“, so Baumann.

Und schlussendlich ist auch ein Pflegevertrag über drei Jahre Bestandteil des Auftrages. Gießen, verschneiden, pflegen – das komplette Programm, nur eben nicht als Präsenzunterricht in der Baumschule, sondern per Homeschooling vor Ort.

Es geht natürlich auch günstiger – zumindest für den Steuerzahler. Die ESTEL Europe GmbH aus dem Markranstädter Ortsteil Frankenheim hat anlässlich ihres 10-jährigen Firmenjubiläums zehn Bäume gespendet.

Jubiläumsbäume

Es handelt sich dabei um Feldahorn, Apfelquitte, Trauerweide, Silberlinde, Traubeneiche, Amerikanische Roteiche und Zürgelbaum.

Die Gehölze mit einem wesentlich geringeren Alter, Stammumfang und Wuchshöhe sind demzufolge auch preisgünstiger in der Anschaffung. Wie die Stadtverwaltung mitteilt, werden sie in der Kernstadt und in den Ortsteilen Frankenheim und Priesteblich gepflanzt.

Die Spende hat einen Wert von 4.176 Euro. Auch hier übernimmt das Team von Sven Baumann die Pflege während der Anwachsphase. Ein Feldahorn und eine Apfelquitte werden auch auf der Festwiese in Frankenheim gedeihen.

Wie Luther schon sagte…

Es gibt da einen rund 500 Jahre alten Satz, der Martin Luther zugeschrieben wird. Angesichts der aktuellen Stimmungslage war dieses Zitat wohl selten so aktuell wie heute: „Und wüsste ich, dass morgen die Welt unterginge, würde ich noch heute einen Baum pflanzen“.

Passt irgendwie in das gegenwärtige Corona-Szenario rund um den Globus von Markranstädt.

 

Markranstädter Weihnachtsprogramm geht auf Sendung!

In elf Tagen ist Weihnachten. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Jagdsaison nach Geschenken macht Mutter Staat ab Montag die Buden zu. Also die Analogen zumindest, die noch mit Menschen funktionieren und nicht per Hotline. Aber während die Gebetsmühlen in Berlin und Dresden unablässig ihr Lied vom Zusammenhalt leiern und die Kredite für Hilfsmaßnahmen noch unsere Ururenkel belasten werden, dürfen die großen Online-Kombinate ihre Milliardengewinne steuerfrei abzocken. Das ist die neue Solidarität, die zu verstehen wir einfach noch zu dumm sind. Überlassen wir es also den GEZ-finanzierten Medien, für uns zu denken und machen uns derweil unsere eigenen Gedanken. Damit haben wir allein in Markranstädt schon ein volles Programm.

Die Stadtverwaltung beweist gerade in diesen Tagen, dass man digitale Möglichkeiten auch anders nutzen kann, als die Gesellschaft ordentlich und vor allem steuerfrei abzuzocken. Man kann auf diesem Wege nämlich nicht nur nehmen, sondern auch geben. Ist ja auch viel seliger, wie uns so kurz vor Weihnachten immer wieder klar wird.

Bereits mit Beginn des diesjährigen Lebendigen Adventskalenders zeichnete sich ab, dass er nicht wie geplant ablaufen kann. Am Montag wird das öffentliche Leben und damit das Angebot weiter deutlich eingeschränkt.

Damit der Lebendige Adventskalender 2020 trotzdem vorweihnachtliche Stimmung verbreitet, ist er ab 14. Dezember sowohl online als auch offline unterwegs.

Markranstädt streamt

In kurzer Zeit wurden unter Regie von Heike Helbig in Zusammenarbeit mit den Akteuren des Mehrgenerationenhauses, Schülern des Gymnasiums, Sven Riedig vom Krakschen Papiertheater Markranstädt, Rainer Küster von der hiesigen Werbemanufaktur und Petra Stiehler aus der Stadtbibliothek vier weihnachtliche Episoden als Kurzfilme produziert.

Szene aus der Weihnachtsgeschichte des Krakschen Papiertheaters.

Szene aus der Weihnachtsgeschichte des Krakschen Papiertheaters.

Diese werden über den  YouTube-Kanal der Stadt Markranstädt bereitgestellt. Das kleinste Problem dabei: Nicht jeder ist in Lallendorf online.

Deshalb wird ab Montag im Fenster der Stadthalle Markranstädt in der Leipziger Straße 4 ein großer Bildschirm aufgestellt und die digitalen Angebote von 10 bis 18 Uhr übertragen.

Das lokale Fernsehprogramm des Lebendigen Adventskalenders sieht wie folgt aus:

Das Fernseh-Programm vor Ort aus dem Ort

Am Montag, dem 14. Dezember, liest Petra Stiehler das Gedicht „Weihnachten“ von Joseph von Eichendorff, eingebettet in winterliche Impressionen von Markranstädt, vor.

Petra Stiehler hat gleich zwei Sendungen bekommen.

Petra Stiehler hat gleich zwei Sendungen bekommen.

Am Mittwoch, dem 16. Dezember, wird der Film des Mehrgenerationenhauses „Musik und Physik“ übertragen.

Markranstädter Jugendliche beeindrucken hier mit physikalischen Experimenten zum Mitmachen und wer genau hinschaut, wird auch eine 2,13 Meter große, sehr sympathische Überraschung entdecken. Zu groß für die miefige Enge alteingefahrener Gleise, aber umso beliebter bei denen, deren Geist sich noch frei entfalten will.

Theater am Freitag

Am Freitag, dem 17. Dezember, soll dann „Die Weihnachtsgeschichte“ vom Krakschen Papiertheater Markranstädt gezeigt werden und am Montag, dem 21. Dezember, steht einer der Weihnachtsklassiker auf dem Programm. Petra Stiehler liest die „Weihnachtsgans Auguste“, wiederum eingebettet in stimmungsvolle Bilder und Grafiken, vor.

Gut möglich, dass sogar noch ein weiterer Kurzfilm hinzu kommt. Aus den Resten der Filmschnipsel, die beim Schnitt der Videos abgefallen sind, hat der CEO der Markranstädter Nachtschichten einen rund 5-minütigen Streifen zusammengeklebt, der durch das winterlich verschneite Markranstädt und seine Ortschaften führt.

Freude schenken

„Ich freue mich, dass so schnell so viele fleißige Hände dafür gesorgt haben, diese schöne Idee umzusetzen“, strahlt Bürgermeisterin Nadine Stitterich über den „Lebendigen Adventskalender online und offline“.

Den Menschen in dieser schwierigen Zeit ein paar schöne Momente zu schenken, sei der Stadtverwaltung eine Herzensangelegenheit, bekräftigt sie.

Das absolute Highlight: Junge Physiker aus dem Gymnasium zaubern gemeinsam mit ihrem Dumbledore. Ihren Clip haben sie auch noch selbst gedreht und geschnitten!

Das absolute Highlight: Junge Physiker aus dem Gymnasium zaubern gemeinsam mit ihrem Dumbledore. Ihren Clip haben sie auch noch selbst gedreht und geschnitten!

Die kleine Markranstädter Fernsehserie gibt es nicht nur live vor der Stadthalle und im Youtube-Kanal der Stadt. Sie können sie auch hier in Ihren Markranstädter Nachtschichten verfolgen. Wir veröffentlichen sie tagesaktuell.

Live in den Nachtschichten

Sozusagen als Pausengestaltung im Home-Office, als kulturelle Umrahmung eines entspannten Frühstücks und – falls Ihr WLan-Signal bis dahin reicht – gern auch auf der Toilette, in der Badewanne oder als Abschluss des Tages auf dem Sofa.

Wir wünschen Ihnen einen gesegneten 3. Advent und eine uneingeschränkt entspannte letzte Woche vor Weihnachten.

 

Neues aus der vierten Etage (12)

Kurz vorm totalen Shutdown, der diesmal eigenartigerweise nur harter Lockdown genannt wird, kam es am Donnerstag im KuK noch einmal zu einer sehenswerten Corona-Party. Insgesamt 55 Personen, allesamt aus unterschiedlichen Haushalten, hatten sich legal zusammengerottet, um der 12. Sitzung des Markranstädter Stadtrats beizuwohnen. Allen Virenwarnungen zum Trotz! In Sachen Unterhaltung hat es sich aber gelohnt und außerdem wird Corona bekanntlich erst ab kommenden Montag so richtig gefährlich.

Für die Denunzianten, die aus Feigheit vorm unsichtbaren Feind nicht kamen und trotzdem was zum Anzeigen haben wollen, hier erst mal die Zahlen:

Beeindruckende 27 Besucher auf den Rängen, 20 Stadträte im Auditorium, sieben Verwaltungsmitarbeiter auf dem Podium und ein Beschaller am Mischpult.

Wieder mal absoluter Teilnahmerekord im gesamten Speckgürtel um Leipzig! So angerichtet, hatten sich sogar längst in Vergessenheit geratene Gonokokken und andere Erreger vorfreudig ihre Lätzchen umgebunden. Motto: Es ist genug für alle da.

Mit drei Minuten Verspätung eröffnete Bürgermeisterin Nadine Stitterich die Spreader-Party, um schon im nächsten Satz quasi zwischen den Zeilen mitzuteilen, dass diese Aussage noch nicht ganz zutrifft. Also das mit der Bürgermeisterin.

Warten auf die Krönung

Ihre Vereidigung fiel den Corona-Beschränkungen ebenso zum Opfer wie manch anderer Punkt der Tagesordnung.

Also haben wir jetzt noch für eine Weile eine unvereidigte First Lady an der Verwaltungsspitze. Was soll’s. In Corona-Zeiten ist alles möglich und wenn die Kommunalaufsicht grünes Licht gibt, soll sowas das kleinste Problem sein.

Obwohl die Bürgerfragestunde laut Gerüchteküche auch geopfert werden sollte, fand sie dennoch statt. Ein bekannter Paparazzo der Stadt, witterungsbedingt diesmal mit Wollmütze statt Strohhut angereist, schien darauf wenig vorbereitet und hatte sich, weil er trotzdem was sagen wollte, statt eine Frage zu stellen spontan zu einem Statement entschlossen.

Ein frühes Omen

Okay, freie Rede ist nicht jedem gegeben und ein wenig Aufregung kam sicher auch noch hinzu. Was er da allerdings durchs Mikrofon auf die Reise in die Lautsprecher schickte, geriet zum ersten satirischen Höhepunkt des Abends. An Stitterich gerichtet, sprach er die unheilvolle Prophezeiung aus: „Die Gesellschaft der Stadt bedankt sich, dass Sie sich für dieses verantwortungsvolle Amt übernommen haben.“

Mit einem in über 50 Jahren gereiften Erfahrungsschatz in Sachen Humor kombiniert man da als Satiriker messerscharf. 

Entweder ist der Mann kurz vor seinem Aufbruch ins KuK durch einen Blick in die heimische Glaskugel spontan bekehrt worden oder sein Wunsch ist auf dem Weg vom Herzen zur Zunge dem berühmten Freud’schen Versprecher zum Opfer gefallen. Wie auch immer: Der Preis für den besten Lacher des Abends geht in die Südstraße.

Leider war das zugleich der Letzte. Danach wurde die Sitzung so trocken, dass sogar die Corona-Viren dehydrierten. Bestenfalls das Gähnen war noch ansteckend. Lediglich dreimal noch schreckte der Besucher aus Morpheus‘ Armen auf, allerdings nicht wegen lockenden Humors.

Da war einmal der Plan fürs neue Gerätehaus der Gärnitzer Feuerwehr. Angestachelt von einer offenbar nicht ganz eindeutigen Verwaltungserläuterung, schwante dem Räpitzer Ortsvorsteher Roland Vitz, dass die darin enthaltene räumliche Reserve für 30 Kameraden und ein drittes Fahrzeug quasi Tatsachen für die Bildung der bereits abgelehnten „Südwehr“ schafft.

Neue Südwehr-Kaserne?

Da ging’s dann rund im Ratssaal. Klare An- und Aussagen, dass der Bildung einer gemeinsamen Wehr der südlichen Ortschaften eine Absage erteilt wird, gab es dabei vom Podium nicht.

Gleichwohl zog Vitz seinen Antrag auf erneute Beratung schließlich zurück, um nicht als Verhinderer des Vorhabens dazustehen. „Gärnitz braucht einen Neubau“, betonte Vitz, hob aber den warnenden Zeigefinger: „Wenn daraus eine Südwehr wird, werden die Räpitzer nicht kommen. Es ist eine Freiwillige Feuerwehr, da kann man auch freiwillig austreten.“

Ein Geschmäckle hatte auch der Beschluss über die weitere Verfahrensweise mit den Kulkwitzer Vernässungsflächen. Der wurde schon mal verschoben, weil die geplante Lösung mit den Interessen der Ortschaft Quesitz kollidierte.

Jetzt wollte Heike Kunzemann wissen, ob denn der neuerlich eingebrachte Vorschlag auf Zustimmung aus Quesitz stoße. Um genau zu sein, fragte sie das sogar zweimal. In beiden Fällen erhielt sie keine Antwort. Vielmehr ging es nach der Wiederholung ihrer Frage direkt zur Abstimmung. Und das, obwohl mit Mike Hienzsch der oberste Interessenvertreter der Quesitzer im Gremium saß.

Weder wurde er aufgefordert zu antworten, noch meldeten er oder ein anderer Quesitzer Abgeordneter sich von selbst. Statt dessen kam dann von Hienzsch die einzige Gegenstimme zur Beschlussvorlage. Da musst du als Satiriker lange suchen, um daraus eine halbwegs fluffige Pointe zu zaubern. Versuchen wir’s also gar nicht erst.

Biete Kinder, suche Zeit

Bliebe noch die Diskussion um eine Interimslösung für 25 benötigte Kita-Plätze. Die zog sich über 37 Minuten hin. Jeder wollte dazu mal was sagen und sei es nur, um seinen Vorredner zu bestätigen.

Fest steht, dass die Abgeordneten, ebenso wie bei den beiden vorangegangenen Punkten und in zahllosen Sitzungen der letzten Jahre zuvor, wieder mal eine ad hoc-Entscheidung unter Zeitruck fällen mussten. Entweder du stimmst zu, oder du verhinderst es. Für Alternativen ist keine Zeit.

Das ist nicht Schuld der Verwaltung. Die Ursache liegt hauptsächlich in der Fördermittelvergabe und hier insbesondere bei deren Fristen. Im Ergebnis dieser seltsamen Politik muss aber endlich auch mal eingestanden werden, dass die Stadträte bei Bauvorhaben weder Beschlüsse fassen, noch Entscheidungen treffen.

Wenn sie ihre Hände heben, dann sind das bestenfalls Willensbekundungen. Die Entscheidung trifft allein der Fördermittelgeber und nicht der Stadtrat. Drum gibt’s dafür ja auch nur Sitzungsgeld und nicht Entscheidungsbonus.

Gelungene Premiere

Für Nadine Stitterich war dieser Abend die Premiere im Stadtrat. Man hätte ihr deshalb allerhand verziehen. Aber das musste man nicht. Es war eine souveräne Leistung, die sie abgeliefert hat. In Sachen Eloquenz mit Sicherheit einer der überzeugendsten Starts, seit Bürgermeister in Markranstädt wieder richtig gewählt werden dürfen.

Dass da noch kein Feuerwerk an Gags zu erwarten ist, war klar. Es waren die ersten Schritte mit Schlittschuhen auf glattem Eis. Da dreht man noch keine Pirouetten, wenn man stehenbleiben will. Aber ihr flammendes Plädoyer für ein kinderfreundliches Markranstädt als Schlusswort vor der Kita-Beschlussfassung, das war schon mal eine selbstbewusste, rhetorisch eindrucksvolle Duftmarke.

 

Hier gibt’s jetzt was auf die Glocken

Hochbetrieb auf dem Marktplatz und das zu einer Tageszeit, in der Nachtschichtler ihr Hirn gewöhnlich noch ins Kopfkissen schmiegen. Am Mittwochmorgen ist das Gebälk für den neuen Glockenstuhl der Stadtkirche angekommen. In den nächsten zwei Tagen werden die 38 Balken aus massiver Eiche zusammengesetzt. Ein gigantisches 3-D-Puzzle mitten im Kirchturm: Grade die richtige Beschäftigung in der besinnlichen Adventszeit. Titelfoto: Nadine Stitterich (2.v.r.) mit Pfarrer Zemmrich (r.), Fördervereinschef Burkhard Schmidt (2.v.l.) lassen sich von Helmut Rudolph (l.) und seinem Gesellen (vorn) den Aufbau des neuen Glockenstuhls erklären.

Rund drei Kubikmeter deutsche Eiche, oder genauer gesagt, 76 laufende Meter Balken mit einem Gesamtgewicht von rund 2,5 Tonnen, wurden in knapp einer dreiviertel Stunde zur Glockenstube in 22,5 Meter Höhe hinauf gehievt.

Mit einem Kran selbstverständlich. Beim Bau vor 500 Jahren musste das noch manuell per Flaschenzug-App bewerkstelligt werden. Vor diesem Hintergrund kam am Mittwoch bei den Beobachtern des Geschehens noch nach einem halben Jahrhundert tiefe Ehrfurcht auf.

Handmade by Rudolph

Wenns ein Auto wäre, könnte man den neuen Glockenstuhl nicht mehr als neu bezeichnen, denn er wurde schon einmal aufgebaut. Das geschah vor wenigen Tagen in der Werkstatt von Helmut Rudolph in Schönnewitz. Der Zimmerermeister ist der handwerkliche Vater der Konstruktion.

Per Kran wurden die 38 Einzelteile des neuen Glockenstuhls 22,5 Meter auf den Turm gehievt.

Per Kran wurden die 38 Einzelteile des neuen Glockenstuhls 22,5 Meter auf den Turm gehievt.

„Wir mussten ja sehen, ob alles passt. Drum haben wir den Glockenstuhl schon mal zusammengebaut, einem letzten Feinschliff unterzogen, dann wieder demontiert und heute hierher gebracht“, sagt Meister Rudolph, bevor er in die Frühstücksbemme beißt, um Kraft für den letzten Akt zu sammeln.

3-D-Puzzle im Turm

In nur anderthalb Tagen will er mit seinem Team die neue Konstruktion sozusagen „glockenfertig“ übergeben. Also gleich ran an die Arbeit. Die Beine bilden einen rotierenden Kreis, jeder Finger einen Propeller. Und siehe, schon drei Stunden später hatten die Schönnewitzer Zimmerer das Gebälk aufgerichtet.

Da wäre auch Bürgermeisterin Nadine Stitterich beinahe zu spät gekommen, um die Handwerker in Markranstädt zu begrüßen und sich vom Baufortschritt zu überzeugen. In ihrer Mittagspause riskierte sie den beschwerlichen Aufstieg ins Glockenstübchen.

Sie war wohl froh, dass der Pfarrer und ein zwei Zentner schwerer Satiriker samt Fotoausrüstung die steile, nicht ganz unlawede wirkende Stiege vor ihr testeten. Staub und Sägespäne kann man sich vom Kostüm klopfen, aber mit einer Laufmasche in 15 DEN-Nylons ins Büro zurückzukehren, macht sich auf dem Catwalk des Rathaus-Flures schlecht. Doch es ging alles gut.

Und aus der Kirche ehrwürdiger Nacht, war sie schließlich ans Licht gebracht. In der Mittagspause nutzte Nadine Stitterich die Gelegenheit, den Kirchturm zu besteigen.

Und aus der Kirche ehrwürdiger Nacht, war sie schließlich ans Licht gebracht. In der Mittagspause nutzte Nadine Stitterich die Gelegenheit, den Handwerkern einen Besuch abzustatten.

Was derzeit im Kirchturm passiert, ist eh erst die halbe Miete auf der Etappe zur Ertüchtigung des Glockenstuhls. Anschließend müssen die Glocken wieder abgesenkt und eingehängt, die neuen Klöppel angebracht und die Läuteanlage wieder angeschlossen werden.

Nicht zuletzt muss auch die Turmuhr gewartet, eingestellt und in Betrieb genommen werden, damit die Läuteanlage weiß, wann sie den Markranstädtern die Stunde schlagen oder die Schäfchen zum Gottesdienst rufen muss.

Der neue Glockenstuhl schlägt mit rund 13.000 Euro zu Buche, das gesamte Projekt ist mit Kosten in Höhe von rund 140.000 Euro kalkuliert. Den Eigenanteil von 4.700 Euro haben die Kirchgemeinde und Unterstützer durch Spenden bereitgestellt. Da blieben sogar noch rund 3.000 Euro Spendenmittel übrig, die nun als Anschubfinanzierung für das finale Ziel genutzt werden.

Sicher, der Neubau der Konstruktion war auch aus anderer Sicht notwendig, damit der Kirche die Glocken nicht wie bei einer überreifen Großmutter irgendwann mal in den Schoß fallen.

Aber noch eigentlicher wurden mit der Maßnahme die baulichen Voraussetzungen geschaffen, dass in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft mal wieder der harmonische Klang traditioneller Bronzeglocken durch die Markranstädter Lüfte schwingt.

Kleine Spielerei mit dem Photoshop für die Markranstädter Chronisten.

Kleine Spielerei mit dem Photoshop für die Markranstädter Chronisten.

„Im Gegensatz zur Ertüchtigung des Glockenstuhls ist das allerdings ein Vorhaben, für das es keinen Cent Fördermittel gibt“, bremst Pfarrer Michael Zemmrich verfrühte Erwartungen, dass da in den nächsten Tagen möglicherweise auch gleich neue Glocken eingehängt werden.

Wer schon mal beim seltenen Ereignis eines Gusses dabei war oder wenigstens Schillers Exklusiv-Reportage aus dem VEB Glockenguss Apolda gelesen hat, der weiß, warum ein Geläut so viel kostet, was es kostet.

Rund 100.000 Euro müssten aufgebracht werden, um das vorm Ersten Weltkrieg vorhandene Original-Geläut wiederherzustellen. Das ist mal ein Ziel, von dem sich alle Markranstädter angestachelt fühlen sollten.

Während andernorts aus eigener Kraft der Gemeinde ganze Gebetstempel samt Bose-Anlage für den Ausrufer finanziert werden können, wäre es doch traurig, wenn wir für das, was wirklich zu Deutschland gehört, nicht mal ein paar Glocken zustande bekommen.

Freude dieser Stadt bedeute
friedlich sei ihr erst Geläute.

 

Mit Live-Video von MN-TV: Die letzte Stunde der Zeit

Das Haus in der Lützner / Ecke Schkeuditzer Straße hatte in vielerlei Hinsicht einen Bezug zur Zeit. Es galt als eines der ältesten Gebäude der Stadt, in ihm residierte einst „Uhren-Sonntag“ und am Montag schlug die letzte Stunde des Gebäudes. Ausgerechnet die Zeit selbst war es, die das Gemäuer sturmreif geschossen hatte, wenngleich ohne nennenswerte Gegenwehr seiner Eigentümer.

Wieder ein Stück Stadtgeschichte vom Erdboden getilgt. Zwar war es am Ende wirklich nicht mehr zu retten (was Denkmalpfleger grundsätzlich anders sehen, solange sie nicht selber drin wohnen müssen), aber ein paar sentimentale Fragen bleiben trotzdem.

Man munkelt, die Denkmalschützer hätten nur deshalb kapituliert, weil es am ganzen Haus keinen einzigen Quadratzentimeter gab, an dem man das Uhu-Schild hätte befestigen können. Schon beim ersten Hammerschlag wäre der gesamte Komplex berstend kollabiert.

Trotzdem gab es lange Gefechte mit den Vertretern der Denkmalbehörde. Die dauerten so lange, bis es nichts mehr gab, worüber man hätte verhandeln können. Ein paar Scheingefechte noch … weil der alte Dachstuhl doch so schön war, soll der neue genauso aussehen.

Am Montag rückten die Abrissbagger an und schafften Baufreiheit für die „Neuen Höfe“ wie der Arbeitstitel des Bauprojektes lautet. Ganz im Sinne der Zukunft Markranstädts soll im Erdgeschoss mal eine Altentagespflege einziehen.

Im Obergeschoss will der Investor, die Sächsische Grundvermögen GmbH, selbst residieren und im hinteren Bereich sollen Wohnungen entstehen. Mit Balkonen selbstverständlich. Von Schallschutzfenstern war noch nicht die Rede am transeuropäischen Verkehrsdrehkreuz.

So ändern sich die Zeiten. Während sich der Ossi neue Häuser mit Seeblick kauft, müssen die einstigen Sieger aus dem Westelbischen Raum jetzt schon mit den runtergekommenen Ruinen vorlieb nehmen und die auch noch entsorgen. Mal schauen, was da jetzt wächst.

 

Wort für(s) Wort

Wie angekündigt, kommt mit der heutigen Ausgabe der Markranstädter Nachtschichten ein Beitrag zu Ihnen nach Hause, der Sie in etwas anderer Form zur Besinnlichkeit in dieser unsicheren Zeit anregen könnte. Pfarrer Michael Zemmrich nimmt Sie mit auf einen Gedankenweg, der das kommende Weihnachtsfest nicht von der leuchtenden Spitze aus betrachtet, sondern von den Wurzeln her. Aus dieser Perspektive relativieren sich so manche Beschränkungen, die uns in diesem Jahr auferlegt werden.

Weihnachten unter schwierigen Umständen … ja, so wird es 2020 sein. Unter welchen Bedingungen werden wir Christvespern feiern? Wir wissen es noch nicht. Aber wir wissen: Auch damals war es schwierig, damals in Bethlehem.

Stellen Sie sich nur die Unsicherheit vor, die es für Maria bedeutet hat, hochschwanger loszulaufen und nicht zu wissen, unter welchen Umständen ihr Kind geboren werden soll. Welche Hebamme, welches Geburtshaus, welche Klinik – Besichtigung des Kreißsaales, Geburt im Sitzen, Liegen oder unter Wasser – alles was heute genau vorab besprochen und geplant wird – nichts wusste Maria von alledem. Nur das Joseph da sein würde, das war wahrscheinlich. Immerhin.

Es fällt uns heute schwer, damit zu leben, dass sich die Umstände ständig ändern. Planungen hinfällig werden, Gäste nicht kommen können, Reisen nicht stattfinden, Trauungen und Taufen abgesagt werden. Warum setzte GOTT die Geburt seines Sohnes solchen Unsicherheiten aus? Hätte nicht alles römisch korrekt und sicher ablaufen können?

Oder noch weiter zurückgeschaut: Hätte GOTT das Christuskind nicht wie Mose durch eine Königstochter finden lassen und die Ausbildung im Palast sicherstellen können, anstatt es mit seinen Eltern auf die Flucht nach Ägypten zu schicken?

Nein, hätte GOTT nicht. Warum? Weil GOTT da sein wollte, wo die Unsicherheit zu deinem und meinem Leben gehört. Jetzt nehmen wir sie besonders wahr. Durch ein unsichtbares Virus wird uns deutlich, wie unsicher wir leben. Und dass all unsere Pläne nicht sicher sind.

Den Himmel wollten viele stürmen und alle Grenzen. Nun sehen wir uns in eine Begrenzung und Unsicherheit gesetzt, in der wir uns von Monat zu Monat, manchmal von Tag zu Tag fragen, wie es weiter gehen soll.

Dass GOTT genau in solche Unsicherheit hinein – hinein in bohrendes Nichtwissen, was sein wird – seinen Sohn zur Welt kommen lässt, das können wir so verstehen: Unsere Pläne können scheitern. Aber GOTTES Möglichkeiten sind überraschend stabiler als wir oft denken. Obwohl es nicht so aussieht. GOTT bleibt zu Weihnachten handlungsfähig. Genau dort, wo es für uns schwierig ist und wird. Das ist die Botschaft.

Und die ist nicht simpel. Denn wir lieben unsere Pläne. Und wie sehr macht es uns zu schaffen, wenn sie durchkreuzt werden. Lieben wir auch das Geschehen, dass durch GOTT verursacht wird? Lieben wir Weihnachten? Wirklich? Erwarten wir, dass GOTT in die Unsicherheit kommt? Ja, er kommt in Deine Unsicherheit. Das ist es, was dir hell leuchtet.

Freue dich weihnachtlich über dieses Licht aus der Krippe. Unter schwierigen Umständen.