Abwöcheln mit Claus Narr jun.

Es passiert schon noch einiges in Lallendorf und den umliegenden Siedlungen. Aber offenbar ist bei unseren Lesern etwas die Luft raus, was im Umkehrschluss dazu führt, dass selbige uns jetzt auch fehlt. Obwohl die Zahl der Klicks nach wie vor überzeugend und die Nachtschichten die am meisten aufgerufene Seite in der Stadt ist, sind die Leser-Feedbacks ins Unterirdische abgesackt. Nicht mal halbwegs abartige Hass-Mails oder Beleidigungen scheinen wir Ihnen mehr wert zu sein. Weil wir also dazu verdammt sind, es unseren Lesern gleich zu tun und auch etwas kürzer zu treten, muss der Chef seit langem mal wieder persönlich zur Feder greifen. Hier die Wochenschau des MN-Schriftführers.

Jetzt auch das noch: Das Internet ist alle! Die Übertragungsraten in Markranstädt liegen seit Mitte der Woche irgendwo zwischen Postschnecken und berittenen Herolden.

Auf eine offizielle Erklärung von einer offiziellen Stelle brauchen wir nicht zu lauern. Inzwischen sind wir durchaus in der Lage, uns die Situation selbst zu erklären. Putin hat uns jetzt auch noch das Internet abgedreht, was sonst? Die dahinter stehende Logik haben die Älteren unter uns schon in der Schule gelernt: Die Ukraine ist die Webkammer Europas. Wer also auch am Krieg verdienen will, sollte schnellstens in Brieftauben investieren.

Eine Stadtratssitzung fand inzwischen auch wieder statt. Sie hat bestätigt, was wir bereits wussten: Es interessiert immer weniger Leute, was da so passiert. Grade mal eine Handvoll Besucher – Angehörige des Trainerteams und Spielerfrauen inbegriffen – hatte es vorvorigen Donnerstag ins KuK verschlagen.

Und selbst die wurden noch für 22 vertane Lebensminuten an die frische Luft geschickt. Raucherpause für die Unwissenden, während drinnen die einzig wirklich interessanten Infos des Tages zum Protonentherapiezentrum auf den Tisch kamen.

Einbringen und mitbestimmen

Am Ende hat das Publikum trotzdem alles erfahren. Inklusive der geheimen Summe von 301 Millionen Euro und sogar des noch geheimeren Namens der Volksbank Braunschweig, die auf der ganzen Knete sitzt. Da fragt man sich dann schon, warum man den Plebs erst raus schickt, wenn dann doch alles offiziell ausgeplaudert wird.

Aber wen außer sich selbst sollte man auch fragen, wenn sogar für eine halbwegs unterhaltsame Bürgerfragestunde nicht mehr genug Bürger kommen? Und das gerade jetzt, wo der Riesenbärenklau wieder so prächtig gedeiht. Unsere Edelfeder Pici Formes war trotzdem in der Duma und hat sich mal ihre eigenen Gedanken gemacht. Wen’s interessiert, der klicke einfach mal hier.

Da lobe ich mir doch die gute alte Technik. Am Sonntag gehts wieder rund auf der Via Regia.

Die Oldtimer tuckern

Im Gegensatz zu den modernen John-Deere-Traktoren unserer Tage sind die mit den physikalisch-mechanisch nötigsten Teilen robust ausgestatteten Oldtimer nicht mal durch Putins neueste Software stillzulegen. Eigentlich müssten Markranstädter MAF erste Wahl sein, wenn es um die Lieferung zuverlässiger deutscher Technik an die Ukraine geht.

Kunst kommt von Können: Andreas Bürger malte am Freitag das MAF-Logo auf die Giebelwand der alten Halle. Da wissen die Zuschauer am Sonntag auch, wo sie sind.

Seit Freitag strahlt das MAF-Logo an der Halle.

Wer es sich anschauen mag: Am Sonntag um 9.30 Uhr erfolgt an den historischen MAF-Hallen in der Ziegelstraße der Startschuss. Vielleicht ist es das letzte Mal, dass man die Leute mit Benzin im Blut in den Autos mit Benzin im Tank live sehen kann. In der Ferne grollt schon eine grün gefärbte Abwrack-Prämie für stinkige Oldtimermotoren, die den Anreiz zur Umrüstung auf Elektroantriebe mit Strom aus dem Kohlekraftwerk Lippendorf schaffen soll. Sauber – vielleicht nicht im Kopf, dafür aber auf der Straße.

Job-Angebot für Mutige

Dann wäre da noch ein interessantes Job-Angebot für Führungskräfte, die gerade freie Spitzen haben. Im ansässigen Hotel in der Krakauer Straße wird eine neue Heimleitung gesucht. Meist wird ja in solchen Fällen nur aufgezählt, was man vom Bewerber erwartet und nicht das, was der Bewerber erwarten darf.

Das ist beim Arbeitgeber ITB Dresden anders. Ganz der FDGB-Tradition verbunden, werden ein verantwortungsvolles Aufgabengebiet mit hoher Eigenverantwortung, Betreuungskostenzuschuss für Kinder, ein 40 Euro-Sachgutschein pro Monat und 125 Euro pro Monat arbeitgeberfinanzierte Altersversorgung geboten.

Und als Clou gibt’s obendrauf Zugang zu vergünstigten Angeboten über Corporate Benefits (u.a. Reisen, Events und Shopping). Da kann man dann wahrscheinlich mit Jugend-Tourist ins Ringberghaus Suhl fahren.

Weil der Arbeitgeber auffordert, „wenn Sie sich mit all diesen Punkten identifizieren können, dann bewerben Sie sich jetzt schriftlich per Post oder E-Mail bei uns!“, ist zugleich ausgeschlossen, dass es hinterher lange Gesichter beim Blick auf all die staatlichen Abzüge gibt, die einen Lohnsklaven in anderen Unternehmen erwartet. Hotelier in Markranstädt – da weiß man, was man hat.

Das Leben der Anderen

Und weil es irgendwie zum Thema passt: Nicht minder interessant dürfte eine Bürgersprechstunde sein, zu der die Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen am 7. Juni ins Rathaus einlädt. Am interessantesten liest sich allerdings die Einladung dazu, die vom Rathaus auf dessen Facebook-Seite veröffentlicht wurde.

Screenshot Markranstädt News

„In der DDR wurden zahlreiche Menschen aus politischen Gründen verfolgt …“, heißt es da gleich im ersten Satz. Unter dem Foto mit dem Rathaus erfährt der Leser dann allerdings: „Auf dieser Webseite werden Cookies gemäß unserer Datenschutzbestimmungen verwendet…“ Da haben wir die eine Verfolgung noch gar nicht richtig bewältigt und werden schon von den neuen Verfolgern der Verfolgung verfolgt. Hört denn das nie auf?

Die Markranstädter Nachtschichten kommen übrigens von Anfang an ohne Cookies aus. Vielleicht ist das ja der Grund dafür, dass niemand mehr Lust hat, ein paar motivierende Worte zu hinterlassen? Sozusagen der fehlende Reiz, den man in CIA-Thrillern immer findet, wenn es heißt: „Sie haben das Recht, die Aussage zu verweigern. Alles was sie uns schreiben, kann später gegen Sie verwendet werden!“ Wir sollten wahrscheinlich statt US-Krimis wieder mehr Filme aus der Reihe „Für Freunde der russischen Sprache“ gucken.

In diesem Sinne: Doswidannja.

Neues aus der vierten Etage (26)

Der alte Hoppenstedt hat’s schon immer gewusst: Früher war mehr Lametta. Vielleicht ist es ein Zeichen vorgerückter Alterungsprozesse, von früher zu reden, aber in diesem Fall bezieht sich „früher“ schlicht auf die Zeit, als man die Leute noch am Gesicht erkannte und nicht an der farblichen Gestaltung des Papiers, das heute an der Gesichtsfront befestigt werden muß. Früher jedenfalls, in der gesichtspapierfreien Zeit, war es auch bei den Nachtschichten ein Highlight, wenn die Stadtratssitzung anstand.

Wir zogen sogar Hölzchen, wer die Berichterstattung vornehmen darf und es freute sich wie eines der nervenden Bälger vorm Christbaum, wer den Jackpot gewonnen hatte.

Heute jedoch ist es andersherum: Wer den Kürzeren zieht, muß hingehen, die anderen dürfen weiterhin beim 25er im Keller bleiben. Ähnlich scheint es allerdings inzwischen auch den andern Bürgern zu gehen. Auch sie vermissen offensichtich Erkenntnisse in politischer Hinsicht oder zumindest satirische Lichtblicke.

Zur letzten Sitzung hatten sich nur noch ganze sieben Markranster eingefunden, um als Öffentlichkeit im KuK zu fungieren. Einer davon war noch nicht mal freiwillig da. Den Holzmedien verpflichtet, war er dazu vedammt, qualitätsmedial über das Event berichten.

Allerdings kann man es den Bürgern auch nicht übel nehmen, denn heute wird ihre Geduld auf härteste Proben gestellt. Früher war die Bürgerfragestunde bei jeder Sitzung ein inhaltliches oder zumindest ein satirisches Highlight.

Heute wird dieses Moment gelebter Demokratie fernmündlich angeschrieben.Wenn einer fragt, wo das Grünzeug geblieben ist, wird darauf verwiesen, daß an dieser Stelle sonst immer einer gefragt hat, wo denn nur das ganze fremdländische Grünzeug herkäme.

Früher durfte die Öffentlichkeit, egal aus wie vielen Personen sie bestand, auch an der öffentlichen Sitzung teilhaben. Heute wird die Öffentlichkeit für geschlagene 22 Minuten aus dem Sitzungssaal verbannt, da die Bürgermeisterin „Internas“ mit dem Stadtrat besprechen muß. Der Plural ist allerdings verzeihbar wenn man weiß, dass der Verwendende sein Abi in einem musisch orientierten Gynmasium gewonnen hat.

Nach der Tratschrunde vor dem KuK wird die Öffentlichkeit, also die sieben Bürger, wieder hereingebeten und der Inhalt der 22 Minuten wird ihr auch noch vorgestellt. Es ging um das seit 2015 geplante Protonentherapiezentrum im Gewerbegebiet, darum, ob denn in der Zwischenzeit jedes Proton austherapiert sei oder ob der Investor nach sieben Jahren wenigstens mal eine Finanzierungszusage über sein Bauvorhaben vorlegen kann.

Früher hätte sich die Öffentlichkeit darüber beschwert, geschlagene 22 Minuten von zwei Stunden öffentlicher Sitzungszeit einfach rausgeschickt zu werden. Immerhin wird Gastlichkeit in Markranstädt groß geschrieben: 120 ukrainische Kriegsflüchtlinge wurden bislang hier aufgenommen. Sieben Bürger in der Stadtratssitzung nicht.

Harmonie unterm Christbaum

Früher hätte man angesichts der Situation aber sowas von auf den Bürgermeister geschimpft, dass wenigstens diese Tiraden den fehlenden Unterhaltungswert ausgeglichen hätten.

Heute herrscht zwischen Stadtrat und Verwaltungsleitung die pure Harmonie. Der Bürgermeisterin ist gelungen, woran all ihre Vorgänger seit 2005 kläglich scheiterten: Die Gräben sind zugeschüttet. Was unter der Grasnarbe blubbert, kriegt man bei all der gelebten Zufriedenheit nicht mit. Gleich gar nicht beim Warten vorm Ratssaal.

Früher war halt mehr Lametta, aber wer braucht das Zeug schon?

Markranstädter klären Kriminalfälle jetzt selbst auf!

So schräg kann man gar nicht denken. Ein Unternehmen aus Nürnberg ist jetzt offenbar auf die Kriminalitätsstatistik der Stadt Markranstädt aufmerksam geworden und hat einen Weg gefunden, das sträflich vernachlässigte Sicherheitsgefühl des homo marcransis wiederherzustellen. Weil die unzähligen Kellereinbrüche, Fahrraddiebstähle und Vandalismusdelikte sowieso nie aufgeklärt werden, soll uns mit einem Spiel das nötige Rüstzeug vermittelt werden, um die Fälle künftig selbst aufklären und sogar Mordfälle im Do-it-yourself-Verfahren lösen zu können.

Sie wollen wissen, wer Ihr Fahrrad gestohlen hat, in Ihren Keller eingebrochen ist oder Ihre Hausfassade beschmiert hat? Ja nun – bisher wissen Sie nur, wer es auch nicht weiß: die Polizei.

Aber das wird sich jetzt ändern. Also nicht das mit der im Dunkeln tappenden Polizei, sondern dass Sie es nicht wissen. Denn bald schon können Sie es selbst herausfinden. Das Nürnberger Unternehmen CityHunters hat dazu etwas entbunden, das an Realitätsnähe kaum noch zu übertreffen ist.

So heißt es in der Ankündigung: „Ein ungeklärter Mordfall erschüttert Markranstädt! Wer steckt dahinter?“ Und weil man offenbar selbst in Nürnberg schon von der lächerlichen Aufklärungsquote sogar primitivster Fahrraddiebstähle gehört hat, räumt man bei CityHunters ganz offen ein: „Die Polizei steht vor einem Rätsel und bittet Sie um Mithilfe!“ Realistischer gehts kaum. Also das mit der vor einem Rätsel stehenden Polizei. Was die Bitte um Mithilfe angeht, gibt es hingegen Reserven.

Vom Dealer zum Kommissar

Und so kommt der weitere Werbetext einer logischen Aufnahme eigener Ermittlungen gleich. „Bei der Krimi Rallye von myCityHunt übernehmen Sie selbst die Regie! Sie entscheiden den Ort, den Tag und die Uhrzeit und gehen auf eigene Faust auf Tätersuche.“ Eine traumhafte Vision. Statt vom Tellerwäscher zum Millionär kann man in Markranstädt ab sofort vom Drogendealer zum Kriminalkommissar werden.

Der Erfolg liegt dabei praktisch schon in der Wiege, denn es ist selbst unter Anwendung reziprok proportionaler Rechenoperationen rein statistisch unmöglich, noch weniger Diebstähle aufzuklären als die Organe, die für die Aufklärung bezahlt werden. Willkommen im Team der Schutzmacht!

Pokemon Go für Große

„Ihr Smartphone ist Ihr Lotse durch Markranstädt und versorgt Sie gleichzeitig mit allen Infos und Rätseln rund um den perfiden Mord“, heißt es weiter. Das ist quasi ein Update für die der Pokemon-Go-Generation entwachsenen Gesellschaftsteile. Das Spiel geht weiter, nur eben jetzt mit dem nötigen Ernst.

Lediglich bei der Aufforderung „Suchen Sie sich in Ihrem Freundes- und Verwandtschaftskreis mutige Unterstützer, starten Sie das Krimispiel auf Ihrem Smartphone und schon geht´s los!“, liegen die Planer von CityHunters daneben. Unterstützer, noch dazu mutige, findet man in Markranstädt für kein Vorhaben der Welt. Schulterklopfer, Zustimmer und „ich-mach-mit-geh-du-schon-mal-voran“-Sager, ja die gibt es zu Hauf. Knapp 15.000 vielleicht. Aber Leute, die mitmachen und dabei vielleicht noch gesehen werden könnten?

Hätten die Nürnberger Kriminalprogrammierer vorher mal bei den Markranstädter Nachtschichten angefragt, wir hätten sie warnen können. Zum Beispiel vor Leuten, die händereibend hinter den Gardinen hocken und uns anonym dazu anstacheln, das komplette Rathaus zu stürzen, aber sich selbst nicht einmal wagen, einen wenigstens anonymen Kommentar zu schreiben.

Zumindest geografisch haben sich die Macher des Spiels aber in das urbane Siedlungsgebiet des homo marcransis realitätsnah vertieft. „Gemeinsam werden Sie sich beim Krimispiel in Markranstädt durch die verwinkelten Gassen spielen und dem Verbrechen ein Schnippchen schlagen“, ist man in Nürnberg sicher.

Schnippchen und Schnäppchen

Wer nächtens vom Stammtischbesuch im Handwerkerhof schon mal durch die Siedlung an der Schachtbahn nach Hause mäandern musste, der weiß ein Lied über die verwinkelten Gassen zu singen.

Demnächst zielsicher mit ein paar Kumpels und dem Smartphone als Navi auf Tätersuche nach einem Fahrraddieb. Ein unterhaltsamer Heimweg für 12,99 Euro. Damit können Sie nicht nur dem Täter ein Schippchen schlagen, sondern haben im Vergleich zur Versicherungsprämie auch ein Schnäppchen macht.

Also dann … wie sagte Derrick immer? Harry, fahr schon mal den Wagen vor.

Seilschaften im Rathaus

Um Ihnen sowohl den Abschied von der alten als auch den Start in die neue Woche zu versüßen, gibt es die Wochenrückschau diesmal nicht zu den Sonntagsbrötchen beim Frühstück, sondern zu den Fettbemmen am Abend. Lassen Sie uns dabei gemeinsam auf ein Ereignis zurückblicken, das so rätselhaft und geheimnisvoll war, dass es die Phantasie des homo marcransis in bislang kaum vorstellbarer Weise beflügelte. Es geht um die mysteriösen Vorgänge auf den Dach des Technischen Rathauses.

Die Kreuzung war halbseitig gesperrt, aber auf der Straße tat sich nichts. Ein Luftloch im Asphalt? In der Tat konnte man den Grund zumindest ansatzweise erahnen, wenn man seinen Scheitel mal kurz gen Himmel gerichtet hat.

Menschen auf dem Dach! Mit Haken, Stricken und Ösen gesichert, kletterte eine Seilschaft auf dem Oberstübchen genau jenes Gebäudes herum, in deren Inneren eben jene schon seit Jahrzehnten vermutet wird. Da macht man sich als homo marcransis doch gleich so seine Gedanken.

Zu hoch fürs Pressefoto

Okay, dass es vorab keine erklärende Informationen zu den Vorgängen oberhalb der Dachrinne gab, ist nicht verwunderlich. Schließlich war es kein Pressetermin mit Luis Trenker, demzufolge gab’s auch kein Gipfel-Foto mit ihm und ihr (was zumindest den Begriff „First Lady“ ein für allemal erklärt hätte) und war deshalb erst mal auch keine Mitteilung wert.

Straßensperrung mal anders: Nicht wegen Schlaglöchern, sondern wegen Löchern im Dach.

Straßensperrung mal anders: Nicht wegen Schlaglöchern, sondern wegen Löchern im Dach.

Also waren die Passanten dazu verdammt, sich ihre eigenen Gedanken zu machen. Während Rentner Paul W. (73) ins Grübeln versunken nach oben blickt, murmelt er: „Jetzt hauen sie schon übers Dach ab!“ Nach dem Hintergrund seiner Aussage gefragt, wird er redselig.

Fluchtwelle nach Kündigungsstopp

Weil in der aktuellen Ära bereits über zehn Mitarbeiter – sowohl in leitender als auch leidender Doppelfunktion – das Rathaus verließen, habe die Bürgermeisterin jetzt über die gesamte Verwaltung einen Kündigungsstopp verhängt. Niemand komme dort mehr raus, ist sich der Senior sicher. Die Erste Beigeordnete habe demnach noch einmal richtig Glück gehabt, mutmaßt er.

Aber das sieht Frührentnerin Brunhild M. (50) anders. „Wenn man die Möglichkeit hat, auch zu Hause mit jemandem zu sprechen, der einem nicht zuhört, muss man dazu doch nicht extra noch ins Büro fahren“, stellt sie fest. Insofern habe die Beigeordnete nicht hingeworfen, sondern mache bis zur Rente lediglich eine Art individuelles Home-Office.

Allerdings gebe es auch unter den aktuell noch bei der Stange gebliebenen Insassen des Rathauses einige, denen gute Angebote aus anderen Stadtverwaltungen der Gegend vorliegen, wirft die Kosmetikerin Claire Grube (28) ein. Angesichts der ausgelobten Kündigungssperre gebe es für diese nur einen Weg, um unerkannt raus zu kommen: Übers Dach!

Seilschaften hatte man eher unter als auf dem Dach vermutet.

Seilschaften hatte man eher unter als auf dem Dach vermutet.

Inzwischen hat sich der Informatiker Timo Beil (41) zur Gruppe der Diskutanten gesellt. Er hält eisern an der Theorie der Seilschaften fest.

Tatsachen schaffen

Weil sich ein Freier Wähler um den von den Christdemokraten abonnierten Posten des Stellvertretenden Bürgermeisters bewirbt, wollte der CDU-Vorstand demnach vollendete Tatsachen schaffen und den Vize-Thron vorab heimlich besetzen. So nach der Art des Märchens von Hase und Igel: „Ich bin schon da.“ Damit niemand merkt, wie er durch den normalen Eingang auf den Thron gelangt, lasse man ihn jetzt als Alpinist getarnt über den Turm einschweben, vermutet Beil.

Unten am Sicherungsseil soll übrigens der SPD-Fraktionschef gestanden haben. So zum Mittäter gemacht, könne er sich hinterher nicht rausreden und die Reihen des Widerstands bleiben fest geschlossen.

Ganz und gar nicht politisch ist eine dritte Theorie, mit der Christian Harten (31) die umherstehenden Passanten verblüfft.

„Nach dem plötzlichen Ende der Corona-Pandemie wollen jetzt alle in den Urlaub und die Ferienorte wetteifern um die attraktivsten Merkmale“, weiß er aus den Nachrichten. „Mittendrin Markranstädt – mit viel Wasser als Alternative zur Ostsee und einem kleinen Hennigpark als Schwarzwald-Ersatz. Aber was wir nicht haben, sind Berge!“

Die große Frage, die letzte Woche ganz Markranstädt beschäftigte: Waren das Mitarbeiter, die raus oder Putschisten, der rein wollten?

Die große Frage, die letzte Woche ganz Markranstädt beschäftigte: Waren das Mitarbeiter, die raus oder Putschisten, der rein wollten?

Wie also könne man Alpinisten einen Urlaub bieten, für den sie nicht erst an die Zugspitze fahren müssen, fragt er. Es liege auf der Hand, mit der Erstbesteigung des Mount Markranst zu locken. Um die Natur zu schützen, können die gleichen Eisen genutzt werden, die der letzte Bürgermeister zu DDR-Zeiten für seinen Abstieg genutzt habe, argumentiert Harten.

Klettertouren in Markranst

„Außerdem befindet sich der Gipfel unterhalb der Schneegrenze“, führt der 31-Jährige weiter aus. „Da müssen die touristischen Weicheier aus dem Westen keine Angst haben, dass sie beim Eintrag ins Gipfelbuch Erfrierungen davontragen.“ Dass diese Gefahr durchaus real ist, begründet der Passant mit einem Hinweis auf Reinhold Messner, der inzwischen nur noch Schuhgröße 24 habe und dessen Frau vorm Altar beim Anstecken des Traurings ins Leere fuhr.

Nur dummes Gequatsche

Am Ende erwiesen sich allerdings all die Verschwörungstheorien als dummes Gequatsche. Wie im Nachgang aus dem Rathaus verlautete, hat es sich lediglich um Reparaturarbeiten gehandelt.

Die waren aufgrund des Sturmschadens im Oktober letzten Jahres notwendig geworden. Zur Erklärung: Der Sturm tobte draußen und nicht in der vierten Etage, in der seit Oktober letzten Jahres Windstille herrscht. Die Kosten für den Einsatz der Alpinisten in Höhe von rund 8.000 Euro habe die Versicherung getragen.

Abenteuer im Pappelwald

Weil ja sonst nichts passiert, was lustig wäre: Offenbar motiviert vom Erfolg des Lachers „Notdurft Hafenkante“ haben uns in den letzten Tagen zwei weitere Lieblingswitze ambitionierter Humorschaffender aus Markranstädt erreicht. Warum eigentlich nicht? Bevor sie an irgendwelchen Stammtischen untergehen oder bis zum bitteren Ernst ausgeschmückt werden, sind gute Witze bei uns immer noch am besten aufgehoben. Da können alle mitlachen, so wie bei folgender Geschichte, die angeblich auf Tatsachen beruhen soll.

Ein Markranstädter Landwirt hat ein riesiges Problem. In seinem Stall stehen zehn Schweine, genauer gesagt: zehn Sauen.

Damit auch immer genügend Ferkel nachkommen, hat er einen sehr fortpflanzungswilligen Zuchteber dazu gestellt, dessen Lendenkraft sich auf dem Zenit der Fertilität befindet. Doch trotz allem will sich im Stall kein Nachwuchs einstellen.

Der daraufhin herbeigerufene Tierarzt stellt fest, dass den Sauen ein paar Hormone fehlen, die normalerweise im Zuge des Deckaktes ausgeschüttet werden. Um deren Produktion anzukurbeln, empfiehlt der Veterinär: „Laden sie die Sauen beim nächsten Vollmond auf ihren Transporter, fahren mit ihnen auf die Lichtung im Pappelwald und decken sie die Schweine dort selbst.“ Dabei werde zwar nichts herauskommen, aber allein durch den Akt werde die Homonproduktion angeregt und der Eber habe in den nächsten Tagen im Stall leichtes Spiel.

Der Landwirt tut wie ihm geheißen, lädt beim nächsten Vollmond seine Schweine auf und gibt im Pappelwald wirklich alles. Als sich in den folgenden Wochen im Stall noch immer nichts tut, ruft er verärgert den Tierarzt an. Der besänftigt den Schnitzelschaffenden: „Das ist die Natur, da klappt nicht immer alles sofort. Wiederholen sie die Aktion beim nächsten Vollmond.“

Hauptverkehrsstunde Mitternacht

Noch von der ersten Runde erschöpft, fährt der Bauer seine Schweine beim nächsten Vollmond wieder in den Pappelwald und nimmt sich erneut jede Sau einzeln vor. Er kriecht förmlich auf dem Zahnfleisch, erfüllt den Auftrag aber wacker.

Nachdem sein wund gescheuerter Bubenspitz verheilt ist und er einen ersten Blick in den Stall wirft, liegen die Sauen dort nach wie vor träge herum und der Eber arbeitet seine Zeugungskraft frustriert an einer Schubkarre ab.

Völlig entrüstet ruft der Bauer erneut den Tierarzt an, der sich seinerseits wiederholt auf die Natur beruft und ihn zu einem neuerlichen Versuch beim nächsten Vollmond motiviert.

Der in Sachen Libido völlig entkräftete Landwirt wagt daraufhin einen dritten Versuch. Mit den letztes Reserven seiner Manneskraft und unter Aufbietung all seiner Phantasie (bei Nummer 10 hat er sich die Situation mit Angela Merkel schöngedacht, mit der er auf einer einsamen Insel gestrandet war und der Begriff „alternativlos“ eine völlig neue Dimension erhielt), hat er sich noch einmal bis zum bitteren Ende durchgekämpft.

Vier Wochen später, es naht der nächste Vollmond, klingelt beim Tierarzt erneut das Telefon. „Sie müssen mir helfen“, fleht der Bauer. Der Veterinär unterbricht ihn und weist erneut darauf hin, dass man Geduld brauche und der Natur ihre Zeit geben müsse. „Darum geht es nicht“, antwortet der Landwirt, „Die Schweine sitzen im Auto und hupen!“

Wie eine digitale Sekte unsere Jugend fängt

Die zurückliegende Woche stand ganz im Zeichen unserer Kinder und Jugend. Während halb Markranstädt, vom Weihrauch der optimistischen Botschaften betäubt, völlig entrückt durch die Straßen mäandert, sehen sich die Markranstädter Nachtschichten die Lage wie gewohnt aus einer anderen Perspektive an. Willkommen zur aktuellen Wochenschau.

Da wurde zum Beispiel gemeldet, dass am 2. Mai eine neue Anmelde- und Verwaltungssoftware online geht, die es Eltern jederzeit ermöglicht, sich im Internet umfassend über das Angebot aller Markranstädter Kitas zu informieren.

Kivan heißt das Programm. Jede Ähnlichkeit mit Kevin ist rein zufällig und frei erfunden. Schöne Sache allerdings, über die man sich bestimmt auch in jenen Gebieten der Stadt freut, in denen die Kids noch ganz ohne die schädliche Strahlenbelastung unserer digitalen Welt aufwachsen können.

Buffern statt Puffern

So richtig mit Videos, die im Minutentakt als Einzelbilder rüber kommen und die Präpubertiere glauben lassen, dass „Buffering“ eine entspannte Sex-Stellung ist, bei der man sich nicht bewegen muss. Aber was solls? In puncto Glauben ist die junge Generation schließlich sowieso völlig wertfrei. Sagen zumindest die Alten, also die Großeltern.

Die fleischlichen Erzeuger der Kids, die jetzt auch digital nach einem Platz für die zeitweise Verbringung ihrer geplanten oder ungeplanten Brut suchen können, wissen derweil anderes zu berichten.

Von wegen die Kinder hätten heutzutage keinen Glauben mehr. Neun von zehn Quälgeistern jenseits des Windelalters, so eine bundesweite Erhebung, sind einer Sekte anheim gefallen, die sich vor Zulauf kaum noch retten kann. Aktuell haben die Zeugen des Sofas bereits mehr Anhänger als alle abendländischen Kirchen zusammen!

Die „Zeugen des Sofas“

Derart im festen Glauben an die digitale Welt gestählt, sind diese Kids eher in der Lage, ihre kleinen Geschwister online in der Kita anzumelden, als ihre homiziden Festnetzteflonierer. Im unerschütterlichen Glauben, dass ein influenztes Video vom Zeugungsakt als Willensbekundung für einen Kita-Antrag reicht, filmen sie heimlich ihren Kohlebeschaffer, wie er mit seiner Hormonlanze in Mums Speckofen rumstochert. Und noch bevor der Alte abgelaicht hat, ist der Clip übers Kivan-Portal schon viral gegangen. „Wir brauchen einen Kita-Platz, ihr Opfer!“

Es lohnt sich deshalb ganz bestimmt auch für diverse, geimpfte oder aus anderen Gründen kinderlose Mitglieder unserer Gesellschaft, immer mal auf Kivan vorbei zu schauen. Da ist garantiert auch für Erwachsene was dabei.

Vorbeischauen kann man demnächst auch mal auf der ehemaligen Festwiese neben dem Stadion am Bad. Die Einschränkung „ehemalig“ ist dabei nicht auf die Funktion des Areals bezogen, sondern auf deren Bezeichnung als Wiese. Das war einmal. Jetzt ist das Terrain komplett asphaltiert, damit die Kids dort Fahrradfahren üben können, ohne sich den Steiß bei einem Sturz an einem Grashalm zu spalten.

Wider die Asphaltflechte

Keine schlechte Sache in einer Stadt, in der man schon das Schwimmen nicht lernen kann. Dann wenigstens Radfahren. Das ist in Markranstädt auch viel wichtiger, um sich nach der hier üblichen Eigentumsübertragung eines Drahtesels mit selbigem schnell genug vom Tatort entfernen zu können. Mit schwimmen kommt man da nicht weit. Maximal bis ans Ostufer, wo einem die Beute schon wieder von missgünstigen Neidern abgenommen wird. Die können damit zwar auch nur nicht fahren, haben aber zumindest schon mal eindrucksvoll bewiesen, dass sie in der Lage sind, lange Strecken zu laufen.

Die Lehre der Woche lautet also: Wir leben in Markranstädt. Wer’s hier schafft, der schafft’s überall!