Neues aus der vierten Etage (17)

Mit 25 Punkten auf der öffentlichen Tagesordnung hatte der Stadtrat am Donnerstag einen Blockbuster vor der Brust. Obwohl sie in den Reihen der Privilegierten sitzt und damit zumindest mit Getränken versorgt wird, hatte Stadträtin Birgit Riedel mit dem niederen Promuchel Mitleid und sorgte dafür, dass die Vorstellung in zwei Akte geteilt wurde. Da konnte das leidgeprüfte Publikum seine durstigen Mäuler in der Pause wenigstens auf dem Klo mal unter den Wasserhahn halten.

Wir lernen: Gastfreundschaft ist nicht so das Ding unseres Stadtrats. Sowohl bei den Hygienemaßnahmen mit Glasscheibe zwischen jedem Tisch als auch bei der Versorgung mit Getränke-Dreierlei auf dem Platz, lassen sie das einfache Publikum schon beim Betreten wissen, welcher Bereich des Saales hier Wandlitz ist und wo die Klasse der Arbeiter und Bauern applaudieren darf.

Gleich zum Beginn gewährte die Bürgermeisterin einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben. Besser gesagt in ihre Vorlieben. Da mag so mancher Zuschauer enttäuscht gewesen sein ob des Politik-Fetisch, der sich da offenbarte. Als sie in der Tagesordnung zu Punkt 1.3. kam, ließ Nadine Stitterich jedenfalls wissen: „Kommen wir nun zu meinem Lieblingspunkt in der Tagesordnung: Benennung der Protokollanten.“

Wer hätte das gedacht? Mit so einfachen Dingen kann man die Bürgermeisterin glücklich machen. Wer also noch ein originelles Geburtstagsgeschenk sucht, sollte sich einen Protokollanten vormerken. Geimpft, entwurmt und möglichst schlicht verpackt, kann man damit nachhaltig punkten. Man kann schließlich nie wissen, wann man sie mal braucht. Irgendwann könnte man auch vor Deinem Haus mal Stadtmöbel errichten wollen.

Neue Ehrenbürgerin

Im nächsten Punkt wurde Hanna Kämmer als Ehrenbürgerin vereidigt. Die höchste Auszeichnung Markranstädts wird einem, wenn überhaupt, traditionell erst im hohen Alter zuteil. Laudator Micha Unverricht hat die Gelegenheit genutzt, sich dafür schon mal selbst ins Spiel zu bringen, indem er dem Publikum seine eigenen Leiden fortgeschrittenen Alters offenbarte. Quasi blind erklomm er das Podium, um am Pult öffentlichkeitswirksam festzustellen, dass er seine Lesebrille vergessen hatte.

Wenn er die Grabenkämpfe bis dahin überlebt, könnte Unverricht damit irgendwann so um das Jahr 2098 der nächste Ehrenbürger werden. Ob es allerdings erstrebenswert und wirklich eine so hohe Auszeichnung ist, gemeinsam mit Hitlers Steigbügelhalter, der zudem nie in Markranstädt war, auf einer Liste zu stehen? Allein die Stadträte wollten solche Töne bislang nicht hören oder lesen, obwohl sie ihnen allein von den Markranstädter Nachtschichten schon jahrelang gebetsmühlenartig vorgetragen werden.

 

Den Aufruf des Punktes „Einwohnerfragestunde“ könnte sich Nadine Stitterich inzwischen getrost verkneifen. Es würde die Ankündigung reichen: „Und nun erteile ich Ronald Gängel und Rüdiger Kunzemann das Wort“. Weil jeder Bürger maximal zwei Fragen stellen darf, war Stitterichs Geduld bei Kunzemann bald aufgebraucht und sie unterbrach ihn deshalb. „Sie haben schon mindestens 5 Fragen gestellt“, ließ sie ihn vom Stand ihrer Strichliste wissen. Der Bürger konterte die bürokratische Zurechtweisung mit dem Hinweis: „Ja! Es werden ja auch immer mehr.“

Es folgte ein zäher, endlos langer Akt der Beschlussfassungen, welcher schließlich von einem Embargo-Vorschlag aus den Reihen der CDU beendet wurde. Pause! Wie menschlich ist das denn?

Schach mit Kindern

Danach gings mit Hick-Hack um die Schulnetzplanung weiter. Wenn man neun Schüler hierin verschiebt, bekommt man vom Land acht Lehrer da und dort hin; teilt man drei Schüler hierin und fünf dahin auf, gibt’s vom Freistaat nur sieben Pädagogen. Irgendwie so jedenfalls.

Weil es auch um Großlehna ging, hatte Carina die Große ihre Schritte erst ins KuK und dann ans Mikrofon gelenkt. Rhetorisch geschliffen, da ist ihr nach wie vor kein anderer Wortführer des hohen Hauses gewachsen, und die Argumentationskette astrein geölt, ließ sie ihre Version von der Aufteilung der Schulbezirke wissen. Sie reichte von der Genesis über die aktuelle Situation bis hin in die Zukunft.

Vielleicht hätte sie dafür sogar stehende Ovationen verdient und noch vielleichter hat sie sogar mit diesen geliebäugelt. Aber Radon konnte es wieder mal nicht lassen, persönliche Noten in die Komposition einfließen zu lassen. Mit der mehrfachen namentlichen Erwähnung ihrer Feindbilder verpufften die wirkungsvollen Akkorde des Oratoriums in den Ohren vieler Zuhörer schließlich zu einer individuell motivierten Sakraloperette. Eigentlich schade vor dem Hintergrund, dass allein schon ihre Argumente genug Gewicht hatten.

Das Finale der aktuellen Folge „Neues aus der vierten Etage“ bildeten dann – mal wieder – die inzwischen schon legendären Stadtmöbel. Da gings erneut heiß her im hohen Haus.

 

Den Stein ins Rollen brachte – mal wieder – SPD-Chef Frank Meißner. CDU-Vize Unverricht sprang ihm – mal wieder – sofort bei. Allerdings redete er sich diesmal derart in Rage, dass seine Frau am gleichen Abend wohl noch die drei oberen Knöpfe seines Hemdes annähen musste.

Wo Rede ist, gibt’s auch Gegenrede. So wünschte AfD-Chef Bodo Walther jedem, der für die Aufstellung der Stadtmöbel ist, ein verstopftes Klo. Allerdings ließ Walther zugleich geografische Zweifel an der Standortauswahl des Mobiliars aufkommen und verortete diese, weil’s wahrscheinlich öffentlichkeitswirksamer ist, gleich mal in die Einfahrt des Grundstücks. Mit dieser visionären Neuigkeit war das Auditorium dann offenbar so überfordert, dass die Diskussion schlagartig verebbte.

Der Klo-Fluch

Kurz und gut: Die weißen Tauben sind müde. Der Ältestenrat hat den Schwarzen Peter der Bürgermeisterin zugeschoben und die soll das jetzt alleine entscheiden. Weil sich aktuell sowieso keine Firmen an den Ausschreibungen der Stadt beteiligen und daher grade sowieso nichts zu tun ist, will Stitterich ihr Bauamt mal ein paar Varianten planen lassen. Mit der Zielstellung, das Areal unter dem Baum mitten in der Einfahrt so mit Stadtmöbeln zu bepflanzen, dass Markranstädt auch in Zukunft noch sorgenfrei kacken kann.

Einzig für die Bürgermeisterin bleibt die Situation im wahrsten Sinne des Wortes beschissen. Alles andere als die Aufstellung eines Tisches und zweier Bänke ist ein Einknicken der öffentlichen Hand vor privaten Interessen, zumal man sich dann auch nicht des Prozessrisikos vor Gericht hätte aussetzen müssen. Wird hingegen eine Alternative gewählt, kommt das einem Öffnen der Büchse der Pandora gleich. Dann kann künftig ohne Zustimmung des dahinter wohnenden Anrainers nicht mal mehr ein Blumentopf auf dem Fußweg aufgestellt werden.

Die Provinzposse, inzwischen beim Upgrade 8.2 angekommen, wird wohl auch in diesem Jahr das Sommerloch füllen. Aber besser diese Öffnung als den Abfluss der Toilette. Bleiben wir also optimistisch, auf dass wir auch morgen noch kraftvoll spülen können. Und lasst uns das Pressen auf der Toilette nicht mit Erpressung im wahren Leben verwechseln…

 

… und verschließ uns unsere Aerosolausgänge!

Die aktuelle Lage zeigt es deutlich: Wenn die Sonne scheint, sind die Menschen nicht mehr zu halten! Keine Allgemeinverfügung der Welt, sei sie von Bund, Land, Landkreis, Stadt, Dorf oder dem Stammesältesten erlassen, scheint dann mehr zu gelten. Es hat sowieso niemand den Überblick darüber, was wo grade gilt. Aber irgendwas fehlt trotzdem noch …

Unsere Volontärin Tusnelda Babelei hat sich mal mit der drohenden vierten Corona-Welle beschäftigt. Ausgangspunkt ihrer Studie sind die Aerosole. Ein kreuzgefährliches Zeug, das nicht einmal vor Politikern Halt macht.

Aerosole gelten als Hauptinfektionsträger der Corona-Viren. Es handelt sich dabei um so kleine Luftpartikel, die wir ausstoßen und an die sich die kleinen Coronen und Coroninnen dranhängen, um sich daran zum nächsten Wirtstier zu hangeln. Die Bereiche, in denen es Aerosole gibt, nennt man Spreaderzonen.

Heute schon gespreadet?

Spreaderzonen wurden bislang dort vermutet, wo Aerosole aus unserem Körper gelangen. Also an jenen Ausgängen, an denen sich Husten, Niesen oder andere von Auswurf begleitete Körperreaktionen den Weg in die freie Natur bahnen.

Das ist oft mit einer ziemlichen Sauerei verbunden. Wer im Theater seinem Vordermann schon mal in den Rücken geniest hat, wird die Peinlichkeit der Situation spätestens dann verstanden haben, wenn dessen Gattin ihm in der Pause den angetrockneten Auswurf im Ganzen vom Rücken seines Sakkos gezogen hat.

Mund zu beim Niesen!

Darum galt auch vor der Pandemie schon: Beim Niesen immer Hand vor den Mund halten. Während der Pandemie haben wir dann infolge des beispielhaften Umgangs mit der Ethnie der Querdenker gelernt, den Mund grundsätzlich zu halten. Ist besser so. Was sich dahinter so angestaut hat, schießen wir seitdem hygienegerecht via Kutscherpfiff durch die Nase in die Armbeuge.

Nun hat aber die Evolution für eine unangenehme Besonderheit gesorgt, die bislang wegen der kalten Jahreszeit zu vernachlässigen war und die deshalb niemand auf dem Schirm hatte. Unsere Nase und der Mund sind nicht die einzigen Öffnungen, aus denen wir spreaden können.

Genau das könnte nun zum Problem werden und für eine vierte Welle sorgen, befürchten Wissenschaftler. Denn die anderen Auslassöffnungen sind eigentlich so platziert, dass sie durch unsere Beinkleider sozusagen mit einer natürlichen Maske bedeckt sind. Normalerweise. Also im Alltag.

Spreaden am Strand

Am Strand – und hier speziell am FKK-Strand – neigt Mensch jedoch bekanntlich dazu, auch eben diese Maske fallenzulassen. Und genau da lauert die Gefahr einer vierten Welle und genau deshalb werden neben den Sitten- auch die Gesundheitspolizisten in diesem Sommer hart durchgreifen!

Safer-Bathing am FKK-Strand: "Kann ich so gehen?"

Safer-Bathing am FKK-Strand: „Kann ich so gehen?“

Reden wir zunächst nur mal von der Flatulenz, die man landläufig auch als Darmwind kennt. Es gibt sie in trockener und feuchter Ausführung, mal als kalte und auch so genannte heiße Fürze, mal leise, dann piepsend und schlussendlich auch die ganz lauten, bisweilen sogar schmerzhaften Auslassungen.

Liebhaber von Hülsenfrüchten kennen sich damit bestens aus und können deshalb auch rechtzeitig unterscheiden, welche Variante da gerade im Anmarsch ist. Besonders unangenehm am Strand ist es, wenn man nach einer kompletten Salve Dauerfeuer leichtsinnig wird und man zu spät feststellt, dass da beim letzten Schuss neben Luft auch etwas Land mitkam.

Luft, Land und Wasser

Zwar könnte man an keinem besseren Ergebnisbild auch nur annähernd so überzeugend die Streuwirkung einer Spreaderzone veranschaulichen, aber es bleibt, was es ist: Ein beschissenes Beispiel.

Im Gegensatz zum Husten oder Niesen, was man neuerdings in die Armbeuge (wohlgemerkt: die eigene!) vollzieht, ist es uns beim Flatulieren genetisch nicht vergönnt, den Vorgang hygienegerecht auszuführen. Es ist schlichtweg unmöglich, sich mit dem Anus in die Kniekehle zu pupsen. Weder im Schneidersitz noch bei anderen Verrenkungen.

Gegenseitig ja. Also beispielsweise bei der 69-er Stellung. Es soll zwar auch Leute mit gewissen Vorerkrankungen geben, die ihren Prolaps wie einen Gartenschlauch in die Kniekehle legen können, aber die meiden FKK-Strände schon aus anderen Gründen.

Damit soll unsere Vorstellungskraft zur Genüge strapaziert sein. Ersparen wir uns deshalb den Hinweis darauf, dass es auch noch ganz andere Öffnungen gibt, aus denen Winde entfleuchen können. Lesen Sie einfach das Kamasutra oder schauen sie bei Wikipedia unter Flatus Vaginalis nach.

Der Hot-Spot in der Hose

Fakt ist jedenfalls, dass man mitten in einer Pandemie nicht so einfach komplett entblößt unter Menschen gehen kann. Auch und gleich gar nicht am FKK-Strand, der so zum Hot-Spot werden könnte. Diese Infektionswege auf den Strandtüchern kriegt man mit keiner App der Welt nachvollzogen!

Nachdem ein Unterwäsche-Hersteller seine überschüssigen Zwickel schon heute als Schutzmasken für Blasinstrumente auf den Markt wirft, sollte es doch langsam an der Zeit sein, auch am Ufer des Kulki für Ordnung zu sorgen. Vielleicht findet sich ein Hersteller von Kopftüchern für den Unterleib?

Wer einen Arsch mit Ohren hat, kann die Gesichtsmaske nachnutzen.

Wer einen Arsch mit Ohren hat, kann die Maske aus der ersten Welle nachnutzen.

Das einzige Problem für Hüftmasken ist deren Befestigung. Weil es keinen Arsch mit Ohren gibt, müssen sich die Ingenieure da eine andere Lösung einfallen lassen als bei den FFP-2-Gesichtsmasken. Vielleicht so eine Art Einbaufilter?

Reich werden mit Corona

Als Basis-Modell „Lativ“ reicht da schon eine Schraubmanschette mit Halbzoll-Gewinde. Die Sonderausführung „Superlativ“ könnte dann beispielsweise vibrieren und wäre doppelt so teuer.

Sie sehen: Die Zeit der Geschäftsideen mit Corona ist noch lange nicht vorüber.

Gefahren im Schatten der Pandemie

Wenn schon nicht in aller Blutbahn, ist Corona zumindest in aller Munde. Die Bedrohung ist bedrohlich, lenkt sie uns doch von allerlei Gefahren ab, die sonst noch so auf uns lauern. Neben Messer, Schere, Gabel und Licht gibt es noch tausend andere Fallen im Hausstand, die uns nach Leben und Gesundheit trachten. Pici Formes hat sich mal eine davon herausgegriffen. Unfreiwillig!

Ich bin mit meiner Hündin spazieren gegangen und dabei auf dem Haufen eines anderen Hundes so dumm ausgerutscht, dass mein Wadenbein brach. Hörbar, was die Diagnose selbst für eine Laiin wie mich eindeutig machte.

Leider landete ich zudem mitten in Brennesseln und die Hündin war mir auch keine große Hilfe. Das Tier entdeckte direkt hinter seinem verunfallten Frauchen ein Mauseloch. Nett, dass das fürsorgliche Haustier für Proviant sorgt, dachte ich so, als es auch noch zu regnen begann, während ich neben der Bundesstraße auf die SMH wartete.

Speed auf Rezept

In Brennesseln liegend, nass geregnet und mit immer dicker werdendem Knöchel, kann einem nur ein Malteserteam der Schkeuditzer Heliosklinik wieder zum Grinsen verhelfen. Ein irres Zeug, das die einem da in die Venen spritzen. Man könnte glatt süchtig nach Wadenbeinbrüchen werden.

Die Versorgung war so klasse, dass ich, dienstagmittags verunfallt, drei Stunden später operiert, sechs Stunden später wieder wach und drei Tage später zu Hause war. Hinkend, versteht sich, mit diversen Hilfsmitteln versehen, die als „Unterarmstützen“ bezeichnet werden.

Mit Dope vom Doktor in der Blutbahn hat man gut lachen.

Mit Dope vom Doktor in der Blutbahn hat man gut lachen.

Und dann erst wird es natürlich spannend, denn zu Hause – man ahnt es – ist es kreuzgefährlich.

Beim Betreten des Balkons geschah der nächste Fehltritt. Von langer Hand geplant freilich, denn hinter der Idee, quer über den Balkonzutritt eine Rollschiene für die Tür zu verlegen, kann nur die Pharmaindustrie stecken.

Wie 1000 Corona- Spritzen

Trotz Unterarmstützen entschied ich mich noch im Moment des Fallens, bloß nicht auf den nur mit 20 kg belastbaren operierten rechten Fuß zu stürzen. Die Zeit des Fallens, laut Tafelwerk 9,81 Meter pro Sekunde, vergeht allerdings zu schnell, um unterwegs Alternativen abzuwägen. Wahrscheinlich hätte ich mich sowieso für eine Variante entschieden, die naturwissenschaftlich gar nicht möglich ist.

Wo die fehlenden Stacheln dieses Bio-Womanizers stecken, kann man nur raten.

Wo die fehlenden Stacheln dieses Bio-Womanizers stecken, kann man unschwer erraten. Auf alle Fälle war das Event nachhaltig.

Die Physik zwang mich gerade noch zu einem beschleunigenden Schritt, der mich – den Kopf voran – geradezu mitten in die auf unserem Balkon liebevoll gesammelte Botanik meines Mannes hechten ließ. Ich liebe meinen Mann. Er hingegen liebt nicht nur mich, sondern auch Kakteen.

Das bekomme ich in den folgenden Stunden unter körperlichen Schmerzen zu spüren, als er jeden einzelnen Stachel, den er mit vorwurfsvollem Blick aus meinem Leib zieht, dem jeweiligen Kaktus zuordnet und ihm mit entschuldigenden Worten Trost für den Verlust zuspricht.

Wem schon mal wenigstens ein Dorn eines Stetsonia coryne aus dem Bauchnabel gezogen wurde, der weiß einen Wadenbeinbruch zu schätzen. Oder eine Wurzelbehandlung per Darmspiegelung. Nur so viel noch: Sein Lieblingsexemplar, ein klavertes Monster mit der Bezeichnung Schwiegermutterstuhl, hat meine Bauchlandung auf ihm besser überstanden als ich.

Es ist übrigens auch bei einem Sturz in Kakteen ein völlig natürlicher Instinkt, dass man sich mit den Händen schützen und den Fall mit den Armen abfedern will. Da kannst du echt nichts dagegen machen. Da ist es ganz blöd, wenn man seine perforierten Extremitäten anschließend in Unterarmstützen zwängen muss, um sich mit einem gebrochenen Bein fortbewegen zu können.

Kurzum: Mit gebrochenem Bein habe ich jetzt eh viel Zeit. Also sitze ich auf einem Rollhocker, während die letzten Stacheln aus mir herauseitern und die Hündin sich derweil zum Assistenzhund weiterbildet. Sie kann jetzt schon meine Socken von Spielzeug unterscheiden, bringt mir aber immer noch Highheels, wenn ich um Sneaker bitte. Doch das sind verzeihliche Fehler. Nur der Stylist findet es komisch, wenn ein Mensch einseitig eine Socke trägt und am anderen Fuß einen Mörderabsatz hat.

Wahrscheinlich sollte ich lieber zur Arbeit gehen, wie alle anderen Menschen, die lieber in Sicherheit leben. Einen homeofficetauglichen Beruf habe ich zwar nicht, aber vielleicht ist das ja auch besser so. Auf Arbeit gibt es keine Kakteen und keine Hundehaufen, dafür jedoch Rollhocker. Man kann sich zwar bei Kollegen mit Viren anstecken, aber ehrlich, was soll denn daran gefährlich sein?

 

 

Binke banke, durch die Schranke

Markranstädt und Schranken – das passt zusammen wie Dolly Buster und der Papst. Noch gut in Erinnerung ist das Drama um den Schlagbaum in der Priesteblicher Straße, das der nördlichen Enklave Markranstädts den Beinamen Schrankenheim einbrachte. Dann folgten die Schlagbäume am Parkplatz in der Oststraße und jetzt haben sich die Beschränkten an das Bauwerk vorm Pappelwald gewagt.

Im Fachhandel für Schrankenzubehör ist die Markranstädter Stadtverwaltung Premiumkunde. Zwar gibt’s nur eine Handvoll dieser Bauwerke, aber der Bedarf an Schrankenarmen kann hier nur per Lieferung als Kilometerware befriedigt werden.

Markranstädt und seine Schranken ...

Markranstädt und seine Schranken …

Fast hat es den Anschein, als hätten die Baumärkte bei der Erfindung ihrer Slogans nur ihre Marktanteile in Markranstädt vorm geistigen Auge. „Es gibt immer was zu tun“, heißt es bei Hornbach und Toom tönte angesichts offener Schranken einst gar: „Ohne Scheiß, wir sind total offen“.

 

Die Kassenautomaten am Parkplatz in der Oststraße sind – mit oder ohne Schranken – gerade neu ausgeschrieben worden, in Schrankenheim hat man sich dem Volkswillen gebeugt und eine Schlagbaum-Ruine als Mahnmal stehenlassen. Und jetzt?

Das Täterprofil hat sich verändert. Schranken werden nicht mehr durchbrochen, sondern geknackt.

Das Täterprofil hat sich verändert. Schranken werden nicht mehr durchbrochen, sondern geknackt.

Na klar. Die rot-weiße Stange vorm Pappelwald in der Zwenkauer Straße war ja geradezu eine Einladung an die Beschränkten. Zumindest ist das anzunehmen. Andererseits könnte dem Akt der Zerstörung auch eine Verzweiflungstat zugrunde liegen.

 

Demnach wollte der Eigentümer des im Pappelwald notgelandeten Autos sein Fahrzeug wiederhaben oder wenigstens ordnungsgemäß zu Hause parken. Weil die Ausfahrt jedoch von einer Schranke blockiert wurde, musste er zu Maßnahmen des zivilen Ungehorsams greifen und sich den Weg mit brachialer Gewalt frei schneiden.

Es ist aber auch wirklich bedenklich. Sobald man in Markranstädt mal ein wenig für Ordnung und Sauberkeit sorgen will, wird man durch Schranken, Schlösser und Barrieren daran gehindert. So kann das doch nicht weitergehen.

 

Wort für(s) Wort

Schon wieder ein Vierteljahr vorüber. Manche merken es daran, dass der neue  „geMEINdeBRIEF“ im Postkasten liegt. Damit auch die restlichen Teilnehmer unserer Gesellschaft in den kommenden drei Monaten etwas zum Nach- und Mitdenken haben, lassen wir an dieser Stelle vor jedem neuen Quartal traditionell Pfarrer Zemmrich zu Wort kommen. Diesmal hat er für uns eine ganz besondere Lesart der Pisa-Studie aufbereitet.

Der schiefe Turm von Pisa war anfangs nicht schief. Die Baumeister haben 1173 n.Chr. bei Planung und Bau getan, was sie für richtig hielten. Die ersten drei Stockwerke waren scheinbar gelungen.

Doch dann sackte nach zwölf Jahren Bau das Fundament ab. Alles, was richtig schien, war plötzlich fraglich. Unsichtbar unter der Erde lag eine Bedrohung verborgen.

Solche unsichtbaren Bedrohungen gibt es immer wieder. Und sie erzwingen einen Baustopp. Im Falle von Pisa dauerten Erschütterung und Ratlosigkeit einhundert Jahre lang. Nach drei Generationen hatte man sich vom Schock des Scheiterns erholt und baute weiter. Nein, keinen neuen Turm. Sondern den alten.

Die ersten drei Stockwerke, die sich als schief und gefährdet erwiesen hatten, wurden zur Grundlage für den weiteren Bau. Jedes weitere Stockwerk musste nun das Problem aufnehmen und gleichzeitig Teil der Lösung sein.

Das war nur möglich, weil die Baumeister die Schwachstellen des Anfangs kannten, sich und andere darüber nicht täuschten, nichts versteckten und deshalb souverän weiterbauen konnten. Nur halb so hoch in den Himmel wie ursprünglich gedacht, aber immerhin.

Wir leben im Umbruch. Im Einbruch. Wir sehen, was schief ist, absackte. Wir streiten uns über ein offenbar nötiges aber auch ungerechtes Wirrwarr an Einschränkungen und Freiheiten. Sind traurig, gestresst, wütend, ratlos und haben Angst vor dem Ende dessen, was uns normal zu sein schien.

Wir versuchen, die bereits gebauten Stockwerke des Turms mit Injektionen zu halten. Aber wir werden nicht so weiterbauen können wie bisher. Wir können uns aber auch keine Schockstarre und kein Vergessen leisten, die einhundert Jahre dauern.

Es kommt alles darauf an, wie offen und ehrlich wir uns über die Schwachstellen der ersten Stockwerke klar und einig werden.

Ein vollkommen neuer Turm ist nicht die Lösung – weder politisch, noch wirtschaftlich, noch sozial. Wir sollten mit der Zuversicht weiterbauen, die auf eine Verheißung des Propheten Jesaja zurückgreift – lange vor Pisa und lange vor dieser Pandemie: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“

Gerade wenn wir meinen: jetzt ist es aus, jetzt kannst du aufhören, das wird nie mehr so, wie wir es ursprünglich gedacht hatten – gerade dann gilt uns diese Botschaft. Wir stehen heute vor einem Bau in Schieflage. Es wird professionell sein, vor weiterem Tun zu lauschen. Worauf? Auf welche Weise GOTT bewahrt.

Dass sich die Turmbauer von Pisa gemäßigt haben, ist ihrem Esprit zu danken. Nun wird es auf unseren Geist ankommen, dass er sich nicht aufgibt, sich weder verwirrt, noch maßlos wird, nicht nur vom Geld leiten lässt, sondern vom Heiligen Geist.

 

Als Gandalf noch der Schwarze war

Wie soll man da einen ordentlichen Wochenrückblick entbinden? Kaum ist es in der Stadt mal etwas ruhiger geworden, kommt der Druck von draußen. Bei Harry Potter half da ein Tarnumhang, im Rathaus greift man lieber auf einen alten Deckmantel zurück. Und dann ist da noch ein Sohn der Stadt, der gerade den Olymp von Youtube erklimmt. Das Video mit ihm als werbenden Freier ist der Burner im Netz und hat Follower ohne Ende! Man könnte ja mal das Bad nach ihm benennen. Aber erst dann, wenn das Schachspiel beendet ist, bei dem unter dem Deckmantel der „Aktion Minsk“ gerade der Kampf um den Endsieg tobt. All das heute in der Markranstädter Wochenschau.

Eine Frage des Namens

Die nichtöffentliche Sitzung des Stadtrats zum Thema Stadtbad schlägt weiter Wellen. Vorrangig zwar nur in den sozialen Netzwerken, aber wenigstens hält das die Sache am Laufen.

Hauptpunkt der Kritik ist, dass die Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Einerseits ist die öffentliche Teilhabe ein hohes Gut, andererseits fördert Nichtöffentlichkeit den Verdacht der Mauschelei hinter den Kulissen.

Seltsam ist es schon. Als es darum ging, dem Planungsbüro eine Bühne zur Selbstdarstellung seiner Kompetenzen zu bieten, wurde das gern und öffentlich genutzt. Jetzt aber, wo es Probleme gibt, wird der homo marcransis seit Monaten mit schwammigen Floskeln wie „aus verschiedensten Gründen“ eingelullt.

Ein Deckmantel als Tarnumhang

In Markkleeberg gab es eine ähnliche Situation. Dort musste jetzt einer Bürgerinitiative Recht gegeben und die Nichtöffentlichkeit der Sitzung rückwirkend aufgehoben werden. Warum? Weil es eine Stadtratssitzung war. Hätte man es als Stammtisch deklariert, wäre die Zusammenkunft in Ordnung gewesen.

In Markranstädt hat man das schlauer angestellt. So viel mal zur ewigen Meckerei, dass es hier bei uns angeblich drunter und drüber ginge. Das Gegenteil ist der Fall! Hier wurde der Zusammenkunft von vornherein ein Deckmantel übergeworfen und damit war alles rechtens. Die Bürgermeisterin hatte sogar den Mut, das mit dem Deckmantel genauso zu bezeichnen.

Das nennt man eine kreative Lösung. Weils keine Stadtratssitzung mehr ist, kann man das auch nichtöffentlich abhalten.

Das nennt man eine kreative Lösung. Weils keine Stadtratssitzung mehr ist, kann man das auch nichtöffentlich abhalten.

Wie wir danach feststellen durften, haben sich die Abgeordneten offenbar gern in diesen Mantel helfen lassen. Dann also: Das nächste Mal lassen sie sich zeigen, wie man die Schuhe zubindet, dann noch etwas Spucke aufs Taschentuch und die Mundwinkel abgewischt und jetzt husch, husch, raus mit euch an die frische Luft.

 

Auf Freiers Füßen

Auch in kultureller Hinsicht ist Markranstädt in der zurückliegenden Woche ganz groß rausgekommen. Dafür sorgte ein Video auf Youtube, das bundesweit Aufsehen erregt.

Über 10.000 Klicks und bundesweit 55 Kommentare in nur sechs Tagen, das ist doch mal ’ne echte Hausnummer! Natürlich geht der Dank dafür auch an Oliver Kalkofe, der das Video wo auch immer ausgegraben und sogar moderiert hat.

Das Original der MDR-Kuppelshow „Je t’aime – Wer mit wem?“ wurde samt Moderator Frank Liehr aus allen Kanälen gelöscht und schien auf ewig verschwunden. Jetzt ist es wieder da und ähnlich wie die Neuauflage von „Mein Kampf“ mit erklärenden Kommentaren hinterlegt, damit man auch bestimmt nichts falsch verstehen kann.

Alte Markranstädter werden sich bestimmt noch an die Erstfassung erinnern. Der Streifen entstand Mitte der 90-er Jahre in einer Seebenischer Gaststätte. Nachdem die Sendung ausgestrahlt wurde, war das ganze Dorf tagelang wie bekifft. Die Telenovela hatte alles, was ihr Protagonist forderte: Kult, Katastrophe, Kwote – alles mit K.

Das Original war besser

Was Kalkofes Remake nicht zeigt: Der legendäre Auftritt des Brautwerbers war wesentlich länger und bot ihm sogar noch Gelegenheit, der weiblichen Zielgruppe seine Anforderungen an deren Kochkünste mitzuteilen. Wie bei Muttern, oder so ähnlich.

Na ja, wir wissen ja wie sowas läuft. Jede Menge Versprechungen (erst Kinder, dann vögeln), und wenn nach elf Minuten die große Radtour mit dem Bonsai-Bike in die Bärenklau-Plantage ansteht, hat die Angebetete plötzlich Rücken. Es ist immer das gleiche Lied mit den Weibern. Freuen wir uns also lieber, dass wir nun um eine Berühmtheit in unseren Reihen wissen, nach der wir das Stadtbad benennen können.

 

Der Kampf tobt noch!

Lassen Sie uns abschließend noch zum Schachspiel der Nachtschichten gegen Markranstädt kommen. Ja es lebt noch! Zwar sind die Verluste groß, aber wer A sagt, muss auch Bäh sagen.

Es herrschte Gleichstand zwischen dem Zug des Turmes auf b8 und dem Zug des Bauern auf d5. Da es beiden Vorschlägen an einer sinnstiftenden Begründung mangelte, musste unser Experte entscheiden.

Und der hat in der Gedankenwelt des auf Seiten des Bürgertums kämpfenden SNU nicht nur einen lichten, sondern einen regelrecht glanzvollen Moment entdeckt. Zum Sieger des Tages gekürt, darf SNU seinen Bauern deshalb von d7 nach d5 entsenden.

Die Aktion „Minsk“

Auf diese Weise wird d5 für Weiß zum Feindgebiet und die weiße Dame auf ihrem Flug quer über das Brett genau dort zur Zwischenlandung gezwungen. Wie sowas ausgeht, wissen wir spätestens seit dieser Woche: Die Milf wird auf die Folterbank gebettet und so lange überzeugt, bis sie schwarz wird.

Nein, nicht mit uns! Wir haben uns entschlossen, diesem völkerrechtswidrigen Ansinnen mit einem Embargo zu begegnen. Die schwarze Front wird ausgehungert, indem wir alle verfügbaren Ressourcen in den eigenen Nachschub stecken. Unser Turm zieht von f1 auf c1. Die Aktion „Minsk“ hat begonnen, seit 5:45 Uhr wird jetzt … äh … ja … ziehen Sie erst mal, danach sehen wir weiter.

Hier also für den besseren Überblick der aktuelle Stand nach dem 21. Zug der ganz in unschuldigem Weiß spielenden Markranstädter Nachtschichten. Wir warten auf Ihre Vorschläge.