Die letzte Stadtratssitzung des Jahres, zugleich die allerletzte in der vierten Etage, brachte für die über 40 Beobachter im Publikum vor allem zwei Erkenntnisse. Erstens die, dass es höchste Zeit für den Umzug ins KuK ist und zweitens, dass die prosperierende Stadt am See inzwischen als monetäre Lebensader des Landkreises gilt. Ohne finanzielle Infusionen aus der Markranstädter Kämmerei sieht’s schlecht aus um den Öffentlichen Personennahverkehr. Und dann brachte da noch jemand eine Lösung für den angespannten Lallendorfer Wohnungsmarkt mit.
Gleich zu Beginn der Sitzung stand mal wieder die Zukunft der Bürgermeisterin als Stadträtin auf der Tagesordnung.
In einem Akt vorweihnachtlicher Menschlichkeit bewies der Stadtrat aber erneut mehrheitlich humanitäre Züge. Wieder stellte er sich hinter sein Mitglied Nadine Stitterich und ließ sie nicht gehen.
Eine Spitze auf die Spitze
Und das, obwohl sie der Öffentlichkeit bereits die Hand gereicht und sich mit einem Rückzug auf ganzer Linie offenbar arrangiert hat. Getreu vorweihnachtlich-christlicher Gepflogenheiten hatte Stitterich das Volk zuvor mit einem Gleichnis auf das mögliche Szenario eingestimmt. Der Weihnachtsbaum, den sie auf dem Marktplatz direkt vor dem Rathaus aufstellen ließ, hat keine Spitze. Deutlicher kann man ein Zeichen nicht setzen, ohne zu deutlich zu werden.

Einfach Spitze! Vor allem in der Vorweihnachtszeit, in der die Liturgie des christlichen Abendlandes oft mit Gleichnissen arbeitet, hat dieses Symbol eine deutliche Aussagekraft.
Jedenfalls war dieses Thema im Stadtrat nach drei Minuten durch. In Borna wetzt deshalb Weihnachtsmann Henry schon die Rute. Pünktlich zum Fest will er den Stadtrat mit einer Disziplinarmaßnahme überziehen, auf dass künftig so abgestimmt werde, wie es die Demokratie vorsieht.
Zwischen Durst und Heimweh
Dann begann die Leidenszeit für das Publikum. Die Gastfreundschaft des hohen Hauses hatte sich zuvor schon in der Bereitstellung zusätzlicher Stühle für den unerwartet hohen Besucheransturm vollkommen erschöpft.
Und so richteten sich die begehrlichen Blicke der Gäste angesichts gefühlter 35 Grad und von Körperausdünstungen auf 90 Prozent geschwängerter Luftfeuchtigkeit zunehmend auf die vor den Ratsleuten aufgetürmten Erfrischungsgetränke.
Aber jedwede Hoffnung des Volkes auf Nächstenliebe aus dem Kreise ihrer Volksvertreter erstarb mit jedem zischenden Öffnen eines Flaschenverschlusses und lächelnd entspanntem „Stößchen“ der Ratsleute ein Stück mehr. Wie hieß es doch schon am Vorabend der französischen Revolution? Wenn sich das Volk Wasser nicht leisten kann, soll es doch Smoothies trinken.
Arbeitsschutzkleidung
Als sich die Bürgermeisterin dann noch ihres wärmenden Tops entledigte und darunter ein geschickt geschnittenes, sommerlich knappes Textil zum Vorschein kam, war es um den Neidfaktor im Publikum endgültig geschehen. Reihenweise war in den Gesichtern des Publikums der Ärger darüber abzulesen, dass man mit seiner eigenen bürgerlichen Feinripp-Fashion unter dem Winterpullover denkbar schlecht vorbereitet war für einen längeren Aufenthalt im kommunalen Höllenfeuer.
Ein Fenster im Advent
Nicht nur um sich den lauernden Gefahren sowohl geistiger als auch körperlicher Dehydrierung zu entziehen, machten sich immer mehr Zuschauer auf den Heimweg. Von der Verheißung, dass sie damit auch ein Zeichen gegen die eingeschränkte Willkommenskultur in der vierten Etage setzen könnten, waren sie zwischenzeitlich längst geheilt. Das hohe Haus konnte sein Gewissen immerhin damit beruhigen, dass sich inzwischen ein Fenster geöffnet hatte. Es ist Advent.
Tanken, Parken, Wohnen
Und so bekamen die aus dem Ratssaal Geflüchteten leider nicht mehr mit, welch wegweisende Meilensteine auf die mit reichlich Erfrischungsgetränken gelabte Duma dann noch hernieder kamen.
So will ein Berliner Unternehmen mit einem Wohnbauprojekt in der Leipziger Straße alle Sorgen auf einen Streich lösen. Zwischen 70 und 90 Wohnungen will es errichten. Klar, dass dieser Umstand die überwiegend in sicherem Wohneigentum fernab des City-Ghettos siedelnden Hobby-Politiker wenig interessiert.
Wenn überhaupt, wurde der Begriff „bezahlbarer Wohnraum“ in den letzten Jahren bestenfalls von Heike Kunzemann (Linke) in den Mund genommen, wobei jeder ihrer Vorstöße von ihren Stadtratskollegen nicht einmal formgerecht ignoriert wurde.
Und so war es auch diesmal wieder nur Kunzemann, die zu dem Wohnprojekt auch Wohnungsfragen stellte.
Die anderen Räte interessierten sich eher für die Zukunft der Tankstelle oder wieviele Parkplätze dort geschaffen werden.
Infrastruktur für neuen Wohn-Adel
Richtig so, schließlich ist es den Bevölkerungsgruppen, die für Wohneigentum über 4.000 Euro pro Quadratmeter oder für Miete ab 13 Euro kalt aufwärts hinblättern können, nicht auch noch zuzumuten, dass sie zum Tanken nach Quesitz fahren oder vom Parkplatz bis ins traute Heim mehr als zehn Meter zu Fuß zurücklegen müssen.
Kommune übernimmt den Nahverkehr
Für Wohnungsfragen ist ohnehin kein Geld da, weil Markranstädt inzwischen als Großsponsor in den ÖPNV eingestiegen ist. Nachdem erst der Deutschen Bahn jährlich 30.000 Euro zugesagt wurden, damit deren Passagiere barrierefrei auf den Bahnsteig gelangen können, wird nun auch das neu eingerichtete Rufbus-System mit 40.000 Öcken pro Jahr beatmet.
Die Stadt Markranstädt entwickelt sich zum führenden Nahverkehrsversorger der Region und somit zum Vorreiter in der Mobilitätswende.
Vorreiter bei der Mobilitätswende
Als Dank gibt es vom eigentlichen Leistungsträger des ÖPNV, dem Landkreis, mannigfaltige Gegenleistungen in Form von Naturalien. Da werden auch schon mal eine Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge geschlossen oder ein Beschluss des Stadtrates ersetzt, damit dieser nicht Gefahr läuft, sich zu verstimmen. Die Netzwerke funktionieren.
Survival im Homeoffice
Aber davon haben viele der Live-Besucher nichts mehr mitbekommen. Durst, Klimaerwärmung und der natürliche Überlebenswille haben sie vorzeitig dahin zurückgetrieben, wo die Miete während der Veranstaltung trotzdem unbarmherzig weiterläuft.































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