Wie man ganz einfach Ortschaftsrat wird und wo die Superkondensatoren bleiben

Was ‘ne Woche! Mit einer Notbekanntmachung hat die Stadt auf fehlende Bewerber um die Sitze in den Ortschaftsräten Göhrenz, Kulkwitz und Quesitz reagiert. Wer Lust hat, sich durch die Formulare zu kämpfen und aufstellen zu lassen, hat jetzt noch bis zum 6. Mai Zeit. Aber es gibt einen viel einfacheren Weg: Man kann nämlich auch gewählt werden, ohne zu kandidieren. Das ist viel unbürokratischer und entspannter. Wie das geht, erklärt Ihnen Claus Narr im folgenden Beitrag. Doch zuerst kümmert er sich um das ominöse Superkondensatorenwerk in Kulkwitz. Statt dass hier, wie großspurig angekündigt, ab 2024 weltweit einzigartige Energiespeicher produziert werden, ist das Objekt jetzt zur Vermietung ausgeschrieben. Zieht da vielleicht endlich das Protonentherapiezentrum ein?

Es ist ein riesiger Klotz, der sich mit seiner in lebensbejahendem Schwarz gehaltenen Hülle harmonisch in die Zukunftserwartungen des Gewerbegebietes Kulkwitz einfügt. Aber was soll damit geschehen?

Was bisher bekannt ist: Eine Firma namens Skeleton wollte hier gemeinsam mit Siemens leistungsfähige Kondensatoren herstellen. Weniger bekannt ist der Umstand, dass keiner der beiden Akteure Bauherr des Objektes ist. Und am wenigsten wissen die Leute draußen von dem Gerücht, dass es einen Deal geben soll, wonach die Betreiber der Kondensatorenfabrik in Markranstädt keine Steuern zahlen müssen.

Superkondensatoren aus dem Homeoffice?

Das könnte jetzt ein Aufreger sein, wäre aber sinnlos investierte Lebenszeit. Denn wer dieser Tage mal einen Blick ins Internet wirft, könnte zu dem Schluss gelangen, dass es sowieso keine Kondensatoren „made in markranstädt“ geben wird. Nicht nur, weil es in letzter Zeit ziemlich ruhig um die einst gefeierte Ansiedlung geworden ist, sondern auch, weil im Portal immobilienscout24 gleich mal 8.000 Quadratmeter Hallenfläche zur Vermietung angeboten werden.

In Nordkorea werden so die "Sonderwirtschaftszonen" vermarktet, aber in Markranstädt sollten hier eigentlich von einem internationalen Konsortium weltweit einzigartige Energiespeicher produziert werden.

In Nordkorea werden so die „Sonderwirtschaftszonen“ vermarktet, aber in Markranstädt sollten hier eigentlich von einem internationalen Konsortium weltweit einzigartige Energiespeicher produziert werden.

Gut, optimistisch wie wir Markranstädter sind, könnte man jetzt mit der Hoffnung schwanger gehen, dass moderne Kondensatoren halt weniger Platz benötigen und deshalb im großzügigen Neubau an der B 186 noch ausreichend Kapazitäten für andere Interessen frei sind. Wenn da nicht noch ein zweites Angebot im Portfolio wäre.

Weiter unten in der Vermietungsanzeige werden nämlich weitere rund 11.600 Quadratmeter angepriesen.

Macht zusammen rund 20.000 qm. Müssen die Kondensatoren jetzt in der Pförtnerbude zusammengeschraubt werden oder wird die Produktion ins Homeoffice verlegt?

Macht zusammen rund 20.000 qm. Müssen die Kondensatoren jetzt in der Pförtnerbude zusammengeschraubt werden oder gehts ins Homeoffice?

Bei zusammen fast 20.000 Quadratmetern Hallenfläche, für die da neue Mieter gesucht werden, bleibt für Skeleton & Co., vom Pförtnerhäuschen mal abgesehen, nicht mehr viel übrig, um den Weltmarkt bedienen zu können. Es sei denn, die sind technologisch schon so weit, dass man Superkondensatoren heutzutage bereits im Homeoffice basteln kann. Das würde zumindest erklären, warum einige Markranstädter Bewerber um die ausgeschriebenen Stellen selbst nach Wochen noch keine Antwort erhalten haben. Sie verfügen zu Hause einfach nicht über ausreichend Produktionsflächen.

Wie man Ortschaftsrat werden kann, ohne davon zu wissen

Zu Hause viel Arbeit hat man auch, wenn man Ortschaftsrat ist. Noch größer ist der Aufwand allerdings, wenn man sich um einen Sitz in diesem Gremium bewerben will. Bis auf die Farbe der Unterhose und die Angabe sexueller Vorlieben ist in den erforderlichen Formularen für fast alles eine Rubrik vorgesehen. Da scheitern selbst studierte Geister mitunter schon am Unterschied zwischen der Staatsangehörigkeit und der Nationalität.

Das wollen sich in Kulkwitz und Quesitz nur noch je sechs Personen antun, in Göhrenz sogar nur vier. Gebraucht werden in allen drei Ortschaften aber mindestens je acht Bewerber. Deshalb hat das Rathaus jetzt eine Notbekanntmachung erlassen und die Bewerberfrist bis zum 6. Mai verlängert. Zumindest in Göhrenz haben sich Ortsvorsteher Jens Schwarzer (BfM) und schließlich auch Tommy Penk (Grüne) ein Herz gefasst und weitere ihrer Schäfchen zu einer Kandidatur motiviert.

Womit? Nun, sie haben ihnen versprechen müssen, sie beim Ausfüllen der Unterlagen zu unterstützen, weil sie sonst frühstens vor den Kommunalwahlen 2076 so weit wären.

Dabei gibt es einen viel einfacheren Weg, sich in den Ortschaftsrat wählen zu lassen. Das folgende Szenario ist keine im Suff entstandene Vision satirischer Querdenker, sondern vom Gesetz gedeckte Realität. Wenn sich nämlich nicht genügend Kandidaten finden, werden dem Wähler auf dem Zettel drei leere Felder präsentiert, in die er die Namen von wählbaren Personen eintragen kann. Ab damit in die Urne und fertig ist der Lack.

Betreutes Kandidieren: Tommy Penk und Jens Schwarzer führen ihre Bewerber durch den bürokratischen Dschungel.

Betreutes Kandidieren: Tommy Penk und Jens Schwarzer führen ihre Bewerber durch den bürokratischen Dschungel.

Alles andere geht dann seinen Weg. Bei Landwirtin Claire Grube, die weder Ahnung von Kommunalpolitik, noch Lust auf dieses Ehrenamt hat und nicht einmal selbst zur Wahl gegangen ist, könnte am nächsten Tag das Telefon klingeln. „Guten Morgen Frau Grube und herzlichen Glückwunsch zu ihrer Wahl in den Ortschaftsrat“, erfährt die Mistschaffende. Unter gewissen Umständen (wichtige Hinderungsgründe) kann sie den Kelch zwar ablehnen, aber wenn nicht, ist sie ganz ohne Unterstützerunterschriften, Formulare, Wählbarkeitsbescheinigungen und Rennereien Ortschaftsrätin geworden.

So einfach kann der erste Schritt in die Kommunalpolitik sein. Statt immer nur rumzumeckern und Probleme zu suchen, muss man nur die Sächsische Gemeindeordnung richtig lesen und zur Anwendung gelangen lassen. Vielleicht ist es dann im kommenden Jahr ausgerechnet die Stimme von Claire Grube, die für die Weichenstellung im Gewerbegebiet Kulkwitz sorgt. Statt Kondensatoren herzustellen, werden dann auf zwei Hektar Fläche die längst fälligen Protonen therapiert. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit.

Markranstädter Wochenschau: Das Schicksal der Propheten im eigenen Land

Weil große Ereignisse ihre Schatten voraus werfen, muss die Markranstädter Wochenschau diesmal ausnahmsweise mal schon am Mittwoch erscheinen. Und obwohl uns der Weg dabei in Provinznester wie Bad Dürrenberg oder gar Leipzig führt, sind auch dort irgendwie immer Markranstädter ganz vorn dabei. Es scheint, als würde die Bundesrepublik da draußen von Lallendorfer Propheten leben, die im eigenen Land oftmals kaum wahrgenommen werden. Drei Beispiele, die in dieser Woche Schule machen.

Am Freitag beginnt in Bad Dürrenberg die Landesgartenschau (Laga) Sachsen-Anhalt.

Allein dem Namen der Veranstaltung wird in manchen Kreisen mehr Schein als Sein nachgesagt. Hinter vorgehaltener Hand spricht man in der Markranstädter Nachbarstadt von der Gartenschau des Landes Brandenburg. Zumindest sollen von dort die meisten Impulse und Leistungen für den naturnahen Umbau des vorher nur natürlichen Kurparks gekommen sein. Selbst in Bad Dürrenberg ansässige Blumenfeen kamen demnach bei dem Event vor ihrer eigenen Haustür nicht zum Zuge.

Drei Markranstädter Firmen dagegen schon. So durfte die LAV jede Menge Erde in den Kurpark liefern. Keine Ahnung, worauf die Pflanzen dort bisher wuchsen, aber Erde braucht’s nun mal, damit neu angesiedelte Pflanzen im Gleichschritt Wurzeln schlagen können.

Wohnideen für die Zeit danach: So geht Sachsen

Weil gärtnerische Höchstleistungen bekanntlich auch im Friedhofswesen gefragt sind, gibt es bei der Laga zudem auch einen Schau-Gottesacker im Kurpark. Hier haben es mit der Gärtnerei Ifland und dem Steinmetzbetrieb Peschel gleich zwei Markranstädter Unternehmen auf die hart umkämpfte Liste der Aussteller geschafft. Die Geschichte dahinter hat allerdings was.

Erstmal war nur die Gärtnerei Ifland von Heike Riedig im Boot. Nachdem der Laga-Veranstalter ihrem Mann Sven eines der Grabmale vorgestellt hatte, die in eine florale Lebensgeschichte eingebunden werden sollten, wollte Riedig schon die Segel streichen. „Das Monument sah aus wie eine riesige Hängebrust, die sich auf den Friedhof ergießt. Das ging gar nicht“, erinnert er sich an den Moment der Präsentation.

Zwei Sachsen rocken die Gartenausstellung im Nachbarland Sachsen-Anhalt: Sven Riedig und Florian Peschel.

Zwei Sachsen rocken die Gartenausstellung im Nachbarland Sachsen-Anhalt: Sven Riedig und Florian Peschel.

Die Laga hatte dem wohl wenig entgegenzusetzen, zog die Reißleine und gestattete es der Gärtnerei Ifland daraufhin, einen anderen Steinmetz einzubinden.

Also stand Riedig kurz darauf in der Werkstatt von Florian Peschel und entwickelte mit ihm zwei letzte Ruhestätten, die dem Laga-Publikum nun als innovative Beispiele für Wohnideen „made in markranstädt“ im Leben danach dienen.

Und noch eine bemerkenswerte Parallele zwischen Bad Dürrenberg und seiner Nachbarstadt gibt es: Die 178 Tage Laga kosten rund 50 Millionen Euro und damit Stand heute so viel wie die Utopie einer Umgehungsstraße für Markranstädt. Die Moral von der Geschichte: Nehmet ortsansässige Unternehmer und lasset uns eine Allee voller Blumen pflanzen.

Nur jenseits von Markranstädt mehr Rudi als Völler

Ebenfalls nur im Ausland scheinen die Reputationen des Markranstädter WM-Schiedsrichters Rudi Glöckner auf fruchtbaren Boden zu fallen. In Leipzig-Grünau wird jetzt eine Schule nach ihm benannt. Allein in seiner Heimatstadt hebt das niemanden an. Hier setzt man bei der Namensverleihung seit jeher auf Kreativität und Vielfalt.

Wahrscheinlich nur in seiner Heimatstadt Markranstädt denkt man bei "Ruuudi" zuerst an Käthe Völler.

Wahrscheinlich nur in seiner Heimatstadt Markranstädt denkt man bei „Ruuudi“ zuerst an Käthe Völler.

In der Quasi-Geburtsstadt der weltberühmten Comic-Figuren Fix und Foxi erhalten Kindertagesstätten solch ebenso originelle wie einfallsreiche Bezeichnungen wie „Kita am Bad“ oder „Kita am See“, während das Kriterium bei der Vergabe von Schulnamen schon mal die Erfüllung der Frauenquote ist. Vom Ruhm, den ein weltbekannter Markranstädter Maler wie Kurt Schiering hinterließ, lässt man lieber junge Entwicklungsländer wie Chile profitieren, die ihm sogar ganze Ausstellungen widmen.

Da ist es nur folgerichtig, diese Linie auch im öffentlichen Verkehrsraum konsequent weiterzuverfolgen. Ob in der Birkenallee auch nur eine Birke wächst oder der Kranichweg je einen Kranich sah, ist unerheblich. Und ja: Der Eisvogelweg heißt wohl genau deshalb so, weil dort noch nie ein Eisvogel gesichtet wurde.

Rudi Glöckner hingegen war ein Markranstädter, wurde hier auch oft gesehen und deshalb wird sein Name in dieser Stadt wohl auch nie irgendwo auf einem Schild stehen. Wie heißt es gleich in der Sendung mit der Maus: Klingt komisch, ist aber so.

Bones hat fertig

Damit wären wir beim dritten Beispiel für Leistungen „made in markranstädt“ angelangt, die vor Ort mehr oder weniger unter dem Radar laufen. Aber wenn man auch das Sportcenter nie nach ihm benennen wird, droht Rüdiger Bones wenigstens ein würdiger Abschied von den Piranhas. Unter dem von seiner Frau kreierten Slogan „Ich habe fertig“ nimmt das Trainer-Urgestein am Samstag beim Spiel gegen Buxtehude offiziell seinen Hut.

Wieder ein Großer, der Großes für Markranstädt geleistet hat und nun die Bühne verlässt: Alles Gute, Rüdiger Bones.

Wieder ein Großer, der Großes für Markranstädt geleistet hat und nun die Bühne verlässt: Alles Gute, Rüdiger Bones.

Nach seinen ersten Trainerstationen an der Kinder- und Jugendsportschule beim Berliner TSC (ab 1988) und der BVG Berlin (ab 1994) kam Bones 2003 erstmals zu den Piranhas und führte das Team mehrmals in die Aufstiegsrelegation.

Die erfolgreichste Zeit des SC Markranstädt ist seitdem mit seinem Namen verbunden. Anno 2019 erinnerten sich die Piranhas seiner und klopften erneut bei ihm an. In den fünf darauf folgenden Jahren gelang es Bones, den Club trotz Mini-Kaders und bescheidener Mittel jeweils frühzeitig in sichere Tabellenregionen zu führen. Jetzt also sein Abschiedsspiel.

Gänsehaut für 5 Euro

Der Hinweis des Vereins auf den Kartenvorverkauf hat übrigens gute Gründe. Man rechnet angesichts der Überraschungen, die für die Verabschiedung des 65-jährigen „Mister Erfolg“ vorbereitet wurden, mit einer bis auf den letzten Platz gefüllten Hütte. Sogar die Aufwartung von Gästen mit Handball-Weltruf wird in der Markranstädter Gerüchteküche kolportiert. Allein das zu erwartende Gänsehaut-Feeling dürfte den aufgerufenen Vorverkaufspreis von 5 Euro damit locker bezahlt machen. In diesem Sinne: Allen ein denkwürdiges Wochenende.

Neues aus der vierten Etage: Verschwundene Akten und FKK im Stadtbad

Im öffentlichen Dienst soll der Montag bekanntlich der arbeitsreichste Tag sein, weil da immer gleich drei Kalenderblätter auf einmal abgerissen werden müssen. In Markranstädt begann die Woche diesmal aber sogar mit einer echten Sonderschicht: Stadtratssitzung am Montag – das war nicht nur für die Volksvertreter mal eine völlig neue Erfahrung.

Neben den üblichen Verdächtigen hatten sich auch einige neue Gesichter im Ratssaal eingefunden. Demokratie hautnah erleben, oder so ähnlich, lautete wohl der fromme Wunsch.

Volker Kirschner hatte den Wissensdurst der Neuen mit seinem sensiblen Verständnis für die Belange pflegebedürftiger Patienten sofort erkannt und führte sie zunächst in die Grundlagen der Basisdemokratie ein. „Auch wenn es inzwischen zur Gewohnheit geworden scheint, dass ich hier vorn sitze, möchte ich betonen, dass ich nicht der Bürgermeister bin, sondern immer noch Stadtrat“, klärte er die neuen Gäste zur Erheiterung des Stammpersonals auf. Am Ende seiner kurzen Präambel wies Kirschner darauf hin, dass die Bürgermeisterin erneut krankheitsbedingt verhindert sei.

Sorge und Anteilnahme

Dem Raunen im Publikum war aufrichtige Anteilnahme am tragischen Schicksal ihrer Stadtoberhäuptin zu entnehmen. Mit besorgten Mienen wurde darüber getuschelt, welch heimtückische Krankheit es denn sein könne, die es ihr seit einem Vierteljahr nicht erlaubt, Stadtrats- oder Ausschusssitzungen zu leiten, gleichwohl aber eine nahezu lückenlose Fotodokumentation über zwischenzeitlich wahrgenommene Repräsentationstermine wie den Feuerwehrball, runde Geburtstage, einen Workshop mit der Sozialministerin oder flammende Osterfeuer vorzulegen.

Fragen hier, Fragen da

Aber wenn selbst die Rechtsaufsicht bereit ist, Anweisungen gegenüber der Stadt wegen Krankheit der Bürgermeisterin um gleich mal ein dreiviertel Jahr im Voraus zu verlängern, sollten spätestens damit alle Zweifel verstummen. Was sollen denn die jungen Demokraten im Publikum denken, wenn es heißt, dass in Markranstädt sogar das Landratsamt nicht mehr ernst genommen wird?

Die hatten ohnehin schon genügend Fragen mitgebracht. So wollten sie beispielsweise erneut wissen, warum vom Stadtrat und aus dem Rathaus niemand an den jüngsten Demonstrationen für Menschenrechte in Markranstädt teilgenommen hat.

Und in der Tat scheint das sehr nötig zu sein. Wenn erwartet wird, dass sich Menschen öffentlich dafür erklären müssen, warum sie an einer Demo teilgenommen haben oder nicht, dann ist es wirklich höchste Zeit, wieder mal für Menschenrechte mobil zu machen.

Ähnlich unterhaltsam wurde es nur einmal noch in der Sitzung. Satte 180.000 Euro sollten zurückgestellt werden, um eine Klage des Bautzener Unternehmens abzusichern, das die ersten Planungen für das neue Stadtbad erstellt hat, bevor es zurück in die sorbische Wüste geschickt wurde.

Halb gewonnen, halb zerronnen

Hier war Mathematik gefragt. Weil das „Prozessrisiko bei 50 Prozent liegt“, wollte das Rathaus die Hälfte des Streitwertes schon mal vorsorglich beiseite legen. Die Stadträte rechneten mehrheitlich anders. Entweder man verliert und zahlt alles oder man gewinnt und löhnt nichts. Also muss sich die Kämmerei jetzt Gedanken machen, wo sie den gesamten Streitwert in Höhe von 360.000 Euro abzweigt.

Diese Gelegenheit ließ sich der Akteneinsichtssausschuss nicht entgehen, um gleich die nächste Bombe platzen zu lassen. Das Gremium wurde im vergangenen Jahr gebildet, weil inzwischen kaum noch jemand zu wissen scheint, was beim Stadtbad gehauen und gestochen ist.

Ausschuss wirft hin

Der Ausschuss sollte durch Aufarbeitung der Akten Licht ins Dunkel bringen. Doch statt froh zu sein, dass sie nur lächerliche drei der rund 15 Ordner vorgefunden haben und auf diese Weise schnell Feierabend hatten, klagten die Ausschussmitglieder den Stadträten nun ihr Leid.

Neuer Haarschnitt für die Akten?

Demnach waren 12 Ordner plötzlich spurlos aus dem Bauamt verschwunden und im Rathaus habe man sich deren Verbleib ebenfalls nicht erklären können. Selbst für das Mysterium, woher und wie die Akten zwei Wochen später wie von Geisterhand getragen wieder an ihren Platz gelangen konnten, hat niemand eine plausible Erklärung.

Statt dessen hatte aber der Ausschuss eine Erklärung mitgebracht, allerdings mit einer bedingungslosen Kapitulation als Inhalt.

Die Kapitulationserklärung

Wörtlich heißt es darin, dass „das Vertrauen und die Gewissheit in die Vollständigkeit der Akten“ fehlt und man die Arbeit daher nicht fortsetzen werde. Frei aus dem Juristendeutsch übersetzt: Der Ausschuss befürchtet, dass die Papiere zwischendurch beim Friseur waren und legt deshalb seine Arbeit nieder.

Das klärt sich von allein

Auch hier lernten die jungen, nach Demokratieerfahrungen lechzenden Besucher der Sitzung wieder etwas dazu: Was in jedem C-Krimi auf Netflix binnen drei Minuten für den Hubschrauber-Einsatz eines SEK sorgt, ist in der Markranstädter Realität ein Routinevorgang, den man auch ganz ohne Ermittlungsbehörden nicht aufklären kann.

Zumindest das nächtliche Treiben an den sozialen Brennpunkten der Stadt hat sich auf Anfrage eines Stadtrats geklärt. Das Security-Unternehmen ist seit Oktober raus aus dem Vertrag, Aktuell, also schon ein halbes Jahr später, laufe bereits eine Neuausschreibung.

Finanziell auf Siegeskurs

Und dennoch war diese Montagssitzung des Stadtrats eine der erfolgreichsten Veranstaltungen der letzten Jahre. Nachdem die 180.000 Euro für den Rechtsstreit um das Stadtbad abgeschmettert wurden, sollen nichtöffentlich nochmal 65.000 Euro für die Abfindung einer in Ungnade gefallenen Rathaus-Mitarbeiterin eingespart worden sein. Zwar muss die Ärmste demnach jetzt offiziell weiterarbeiten, aber erstens ist geteiltes Leid halbes Leid (weil auch die Chefin weiter mit ihr arbeiten muss) und zweitens blieben nach diesem Abend in der vierten Etage damit unterm Strich satte 245.000 Euro im Stadtsäckel.

Auf 12 Sitzungen gerechnet, könnten bei konsequenter Fortführung dieses Kurses stolze 2,9 Millionen Euro pro Jahr auf der Haben-Seite stehen. Oder anders gesagt: In drei Jahren hätten wir ein Hallenbad mit Fußbodenheizung, FKK-Bereich und kostenlosem Bikiniverleih.

Droht jetzt eine SKHT-Pandemie? Warum in Markranstädt ein Fuchs sterben musste

Wenn die Woche bereits mit einem Feiertag beginnt, was ist dann von ihrem Rest noch zu erwarten? Das hat sich auch Markranstädts Hofkasper Claus Narr gefragt, als er seinen traditionellen Wochenrückblick in die Tasten hämmern und ihm dazu einfach nichts einfallen wollte. Zum Glück gibt es aber noch Leser, die mit offenen Augen durch die Stadt laufen. Was sie dabei gefunden haben, sind Puzzleteile, die sich erst unter der satirischen Lupe zu einer plausiblen Geschichte mit dramatischen Inhalten zusammenfügen lassen.

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche. Während es die Menschen woanders zum traditionellen Osterspaziergang in die Natur zog, pilgerte der homo marcransis am Ostermontag im geschlossenen Familienverband in die Nähe des Hirzelplatzes.

Auch dort gab es die Folgen eines Naturereignisses zu bewundern. Der ewige Kreis des Werdens und Vergehens hatte sich für einen Fuchs ausgerechnet beim Transit zum Wasserturm geschlossen.

Pilgern zum Verwesungsort

Schon breitete sich in der Albertstraße quetschender Enge und niedriger Häuser dumpfen Gemächern die Frage aus, welchen Tierbestatter, Jäger oder Metzger man an einem Feiertag anrufen könne? Doch offenbar einte alle in Frage kommenden Entsorger die feste christliche Überzeugung, dass die Prophezeiung der österlichen Wiederauferstehung gerade an einem Tag wie diesem auch einem Fuchs zuteil wird und ein proaktives Handeln demnach nicht erforderlich sei.

Ostern in Markranstädt: Damit der Fuchs nach seiner Wiederauferstehung nicht weglaufen kann, hat ihn die Polizei mit Absperrband an einen Baum gefesselt.

Ostern in Markranstädt: Damit der Fuchs nach seiner Wiederauferstehung nicht weglaufen kann, hat ihn die Polizei mit Absperrband an einen Baum gefesselt.

Und so sprach sich die Kunde vom Dahingeschiedenen auf dem Fußweg auch im Rest der Stadt schnell herum. Sieh, wie behend sich die Menge durch die Gärten und Felder zerschlägt, selbst von des Rodelberg fernen Pfaden blinken uns farbige Kleider an.

Familienandacht am Kadaver

Ja, sogar die in den Kitas für ihr mutiges Eintreten gegen jedwede Form traumatisierender Ereignisse gefürchteten Mütter scheuten sich nicht, ihre Kinder unter dem Deckmantel der Befriedigung eigener Sensationsgier zur Andacht an den Kadaver zu führen. Auf welchem Wege schließlich auch die Polizei erfuhr, dass sich da eine vom Staat nicht kontrollierbare Pilgerstätte zu entwickeln drohte, ist noch nicht geklärt.

Letztendlich ist das aber auch nicht wichtig, weil die Einsatzkräfte dem verwesenden Leichnam außer einer fußballerischen Kapitulationserklärung nichts entgegenzusetzen hatten. Der Kadaver wurde nach einem gekonnten Dribbling per Außenrist an einen Baum geflankt und dort mit Absperrband markiert. Mit dem Hinweis, dass der Leichnam abgeholt werde, war der Einsatz der Uniformierten schon kurz danach erfolgreich beendet.

Wunderheilung nachgewiesen

Die sterbliche Hülle des Fuchses indes konnte noch den gesamten Ostermontag über bis in die späten Abendstunden als Lehrobjekt für die Veranschaulichung der verschiedenen Phasen des Verwesungsprozesses dienen. Ein wahres Fest für jede außerschulische Arbeitsgemeinschaft „Junge Pathologen“ und die Geburt einer abendländischen Pilgerstätte zugleich. Und tatsächlich soll sich im Laufe des Tages so manches Wunder zugetragen haben. So berichtet ein blinder Passant, dass er einen Taubstummen gesehen habe, der nach regloser Betrachtung des Fuchses plötzlich wieder gehen konnte.

Sorgen wegen Infektionsgefahr

Derweil machten sich andere Menschen allerdings Sorgen über den Grund, der dem Fuchs so unvermittelt alle Lebensgeister entweichen ließ. Von Fuchsbandwurm war die Rede und von Tollwut, sogar H5N1 wurde für das Hinscheiden des Tieres verantwortlich gemacht. Schließlich soll sich laut Medienberichten zuletzt ein Mensch sogar bei einer Kuh mit Vogelgrippe angesteckt haben.

Ein österliches Festessen für Karl Lauterbach, der schon vom nächsten Lockdown im Rinderoffenstall träumt. Selbst Gebärmutterhalskrebs bei Männern scheint plötzlich möglich

Während sich das Opfer jetzt wahrscheinlich im Stadium der Mauser befindet, träumt  Karl Lauterbach  schon vom nächsten Lockdown mit Home-Office im Rinderoffenstall .

Angesichts dieser latenten Infektionsgefahr hat sich wohl bei so manchem Passanten in der Albertstraße schon von weitem das Gefieder gesträubt. Und so wurden im Laufe des Tages nicht nur Zweifel an der mangelhaften Ausdehnung der abgesperrten Fläche immer lauter, sondern schließlich sogar die weiträumige Evakuierung des gesamten Wohngebietes rund um den Wasserturm gefordert.

Des Rätsels Lösung lag am Abend in der Mailbox der Markranstädter Nachtschichten. Zwei Leserfotos vom Alten Friedhof haben die Puzzleteile zu einem aussagekräftigen Bild geformt.

Dort hatten in jeder Osternacht seit Gründonnerstag einige mit dem SKHT-Virus (Schleichender Klinischer Hirntod) infizierte Personen die bevorstehende Cannabis-Freigabe mit Feuerwerken gefeiert, gegen die jeder Jahreswechsel in New York wie eine Urnenbeisetzung wirkt.

So sieht es am Morgen danach aus, wenn die "Walking Dead" in Markranstädt zu Ostern unbehelligt Silvester gefeiert haben. Hauptsache der ruhende Verkehr ist unter Kontrolle.

So sieht es am Morgen danach aus, wenn die „Walking Dead“ in Markranstädt zu Ostern unbehelligt Silvester gefeiert haben. Hauptsache der ruhende Verkehr ist unter Kontrolle.

Das wurde Gevatter Reineke zum Verhängnis. Nicht dass er sich angesichts der Knallerei etwa zu Tode erschreckt hätte. Nein, vielmehr hatten die infizierten Untoten für ihre Feier ausgerechnet das Revier des Fuchses annektiert und als der am Morgen des Ostermontag an den verbrannten Abschussrampen, dampfenden Urinpfützen oder herumliegenden Kanülen geschnüffelt hatte, muss er sich wohl einen solchen SKHT-Virus eingefangen haben. Die Inkubationszeit beträgt offenbar nur wenige Minuten und so konnte sich das Tier gerade noch bis zur Albertstraße schleppen, bevor die letzten Lebensgeister es verließen.

Ende gut, alles gut

Man könnte jetzt traurig sein, aber für den Fuchs war es ein schnelles und damit zugleich gutes Ende. Ein Blick auf den Alten Friedhof (meist reicht sogar schon die akustische Wahrnehmung) zeigt, wie lange hingegen infizierte Menschen leiden müssen, bevor ihnen Erlösung zuteil wird.

Dass auch hier die Polizei und andere, vorwiegend mit ruhendem Verkehr ausgelastete Ordnungskräfte überfordert sind und nicht einmal mit Absperrband auftrumpfen können, ist aber nicht weiter schlimm. Es handelt sich schließlich um die letzte Generation, das Ende ist also nah – so oder so.

Der schwere Weg zum neuen MKR-Kennzeichen

Die ersten Markranstädter haben es sich schon gesichert, andere gucken (bislang) noch in die Röhre. Nachdem der erste Run auf die neuen Kfz-Kennzeichen zumindest bei der Online-Antragstellung etwas abgeebbt ist, wird der Blick auf den Bodensatz des Geschehens klarer. Noch vor Inkrafttreten der neuen Regelung haben nach Behördenangaben immerhin 278 Markranstädter Fahrzeughalter von der Möglichkeit Gebrauch gemacht, sich ihr neues MKR-Wunschkennzeichen schon vorab per Internet zu sichern. Aber das wurde zu einem Lotteriespiel, weil auch andere Städte wie Zwenkau (ZWE) oder Markkleeberg (MKL) neue Kennzeichen erhalten und der Ansturm die Server in Borna zeitweise lahmgelegt hatte.

Die Einführung der ab diesem Monat im Landkreis Leipzig geltenden neuen KFZ-Kennzeichen (die alten behalten übrigens weiterhin ihre Gültigkeit) war rein mathematisch längst überfällig.

Rechnen wir mal: Das L für Leipzig ganz vorn ist gesetzt. Danach zwei Buchstaben, die 26 mal 26 und damit 676 mögliche Kombinationen zulassen. Dann noch einmal 4 Ziffern, die 9999 Varianten ermöglichen. Nun addiert man diese 9999 mit den 676 Buchstabenkombinationen und kommt nach Adam Riese auf 10.675 verschiedene Kennzeichen.

Höhere Mathematik aus Buchstaben und Zahlen

Die waren im Landkreis schon vor Jahren längst vergeben, aber weil es mit den Kreisstädten wie BNA für Borna oder GRM für Grimma (nicht Germanien!) noch ausreichend Alternativen gab, wurden erst diese ausgeschöpft, bevor man jetzt die Karten neu gemischt hat.

Ansturm: Server abgestürzt

Dass da ein Run auf die Kfz-Kennzeichnungsbehörde zukommt, wenn zeitgleich Markkleeberger, Zwenkauer und Markranstädter Fahrzeughalter ab sofort die Möglichkeit haben, für ihre Autos neue Kennzeichen anzumelden, das war abzusehen.

Die Analogie des Digitalen

Dumm gelaufen ist es allerdings trotzdem, weil man sich zwar auf einen analogen Ansturm ab dem Start-Termin am 1. April eingestellt hat, dabei aber nicht berücksichtigt wurde, dass es schon in der Woche davor möglich war, die Neuanmeldung oder Ummeldung des Fahrzeuges online zu beantragen.

Obwohl das Internet auch im Landkreis Leipzig noch Neuland ist, war der Anstrum wohl zu groß.

Obwohl das Internet auch im Landkreis Leipzig noch Neuland ist, war der Anstrum wohl zu groß.

„Unsere Server sind zur Zeit leider überlastet, bitte versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal“, leuchtete es den Nutzern auf den Bildschirmen entgegen, nachdem sie im Laufe der vergangenen Woche versucht hatten, sich einzuloggen. Allein aus Markranstädt seien bis letzten Donnerstag trotzdem 278 An- und Ummeldewünsche für das neue MKR-Kennzeichen online eingegangen, hieß es aus dem Amt.

Weitere 168 Anträge kamen demnach aus Zwenkau (ZWE) und sogar satte 1.773 aus Markkleeberg, wo ebenfalls seit heute das MKL-Kennzeichen zugelassen ist.

Zu den Markranstädter Glückspilzen, die wenigstens nach einem Dutzend Anläufen ihr Wunschkennzeichen erhalten haben, zählt auch der MN-Chef. Der hatte sich mehr aus Angst vor weiblichen Stalkern als vor Terroranschlägen bislang standhaft geweigert, den Zeitwert seines Autos mit dem Logo der Markranstädter Nachtschichten noch weiter nach unten zu drücken. Jetzt erkennt man sein Kommen am neuen Kennzeichen: MKR MN 001.

"An ihren Nummern sollt ihr sie erkennen!" Der MN-Chefsatiriker konnte sich das erste Kennzeichen mit Doppelbuchstaben sichern.

„An ihren Nummern sollt ihr sie erkennen!“ Der MN-Chefsatiriker konnte sich das erste Kennzeichen mit Doppelbuchstaben sichern.

Das war insofern schwierig, als Kennzeichen mit einem Doppelbuchstaben deutlich mehr nachgefragt werden als die mit nur einem Buchstaben nach dem MKR. „Weil Fahrzeughalter darin gern Vor- und Zunamen verewigen möchten“, begründet eine Behördensprecherin. Wie das Amt mitteilt, werden KFZ-Schildern mit Doppelbuchstaben allerdings nur drei Zahlen zugewiesen, während Kennzeichen mit nur einem Buchstaben von einer aus vier Ziffern bestehenden Zahlenkombination ergänzt werden.

Über letzteres freut sich in Markranstädt unter anderem Andreas Zetzsche. Der ist nicht nur die unangefochtene Nummer 1 unter den Bestattern der Region, sondern war auch einer der ersten Markranstädter überhaupt, denen es gelungen ist, sich das neue Kennzeichen zu ergattern.

Ist nicht nur die Nummer eins unter den Bestattern der Region, sondern war auch einer der ersten Markranstädter, die das neue Kennzeichen erhielten: Andreas Zetzsche.

Ist nicht nur die Nummer eins unter den Bestattern der Region, sondern war auch einer der ersten Markranstädter, die das neue Kennzeichen erhielten: Andreas Zetzsche.

„Das Z steht für Zetzsche und die 0104 für diesen besonderen Tag“, strahlt der Erdschaffende zufrieden. Zwar hätte auch er lieber ein Kennzeichen mit Doppelbuchstaben gehabt (wenn schon nicht AZ, dann wenigstens BB wie „Beliebtester Bestatter“), doch da sei beim besten Willen kein Rankommen gewesen.

Schon wurde über die Osterfeiertage an den Markranstädter Stammtischen leidenschaftlich darüber diskutiert, welche originellen Kennzeichenvarianten hinter dem MKR noch so in Frage kämen.

Angeschraubt und fertig! Ab jetzt fährt Andreas Zetzsche Werbung für seine Heimatstadt.

Angeschraubt und fertig! Ab jetzt fährt Andreas Zetzsche Werbung für seine Heimatstadt.

Als sehr beliebt hat sich dabei das Buchstabenpaar IQ erwiesen, dem dann allerdings auch eine möglichst hohe Zahl folgen sollte. Schließlich kann man mit einem IQ unter 100 nur schwer erklären, wie man die Führerscheinprüfung bestehen konnte. Auch die Kombination CO 2 als Gegenentwurf zum E der mit Braunkohlestrom befeuerten Elektroautos ist unter Fans des Verbrennungsmotors sehr beliebt.

Als ebenso gesetzt wie unantastbar gelten in Markranstädt hingegen sämtliche Varianten, die eine Kombination mit den Buchstaben C und R enthalten. CR 2 sei personengebunden, heißt es. Andere Kürzel, wie beispielsweise NS, genießen ebenso wie SM oder die Zahl 69 vor allem in Beobachterkreisen von Xhamster oder Yourporn einen zweifelhaften Ruf.

Die Suche nach dem Besonderen

In anderen Städten haben es die Fahrzeughalter da einfacher, weil schon die ersten Buchstaben allein für ausreichend originelle Heiterkeit sorgen. So beginnen die Kennzeichen für Biberach in Baden-Württemberg künftig mit BBW, was vor allem die Fans üppiger weiblicher Herzkranzgefäße ins Schwärmen geraten und über einen Umzug ins Schwäbische nachdenken lassen dürfte. Andere Städtekürzel schreien hingegen geradezu nach einer Ergänzung durch die folgende Buchstabenkombination. Auf der Insel Rügen sollen beispielsweise in Putbus (PUS) Kennzeichen mit den Folgebuchstaben SY ganz hoch im Kurs stehen.

So auf den ersten Blick scheint MKR dagegen wenig Spielraum für kreative Entfaltung auf den Fahrzeugkennzeichen zu bieten. Trotzdem oder gerade deshalb darf man gespannt sein, auf welche Kombinationen man in den kommenden Wochen auf den Lallendorfer Straßen stoßen wird.

Wort für(s) Wort: Wie das Runde ins Eckige passt

Mit rechteckigen Steinen Kurven zu verlegen, das klingt erstmal wie der Versuch, drei Bowlingkugeln übereinander zu stapeln. Wer sowas in einer MPU versucht, fällt durch. Aber wenn man sich dann doch mal ein Herz fasst und das scheinbar Unmögliche versucht, kann das zu überraschenden Ergebnissen führen. Pfarrer Michael Zemmrich hat sich zu Ostern mal Gedanken über sowas gemacht. Also über rechteckige Rahmen in unserer Gesellschaft, in die anders geformte Dinge auf den ersten Blick irgendwie nicht reinpassen wollen. Denn es kann funktionieren mit dem Runden im Eckigen. Man nehme: Liebe. Oder wie Atheisten sagen würden: Respekt.

Liebe Leserinnen und Leser, „Alles, was ihr tut, geschehe in Liebe.“ Diese Jahreslosung ist eine Provokation. Nur Idealismus? Nur Utopie? Das tun nur die ganz Guten? Die ganz Klugen, die, es am besten wissen? Liebe! Klar!

Aber: Hier meint es jemand anscheinend ernst. Sehr ernst. Denn dieser Satz ist ein Einspruch. Er spricht hinein. Mitten in die Spannungen und Polarisierungen unserer Zeit. In all die Irritationen und Vereinnahmungen, die uns täglich prägen und herausfordern. In all die politischen, wirtschaftlichen und moralischen Konflikte der Gegenwart, die so viel Sprengkraft besitzen. In all die Diskussionen und Streitigkeiten in unseren Familien, auf unseren Arbeitsplätzen, in unserer deutschen Alltagsgesellschaft bis hinein in unsere Gemeinde.

Auch uns ist es nicht verborgen geblieben: Vor allem in den sozialen Medien wird der Umgangston rauer und unbarmherziger. Ja, aggressiv. Es wird über politische Ziele, Ein- und Ausgrenzungen, Geschlechterrollen und Familienbilder, religiöse Zugehörigkeiten und wirtschaftlich drängende Fragen diskutiert und geurteilt. Bis hin zu Demonstrationen und Streiks.

Unsere Jahreslosung hinterfragt jeden einzelnen unserer Sätze, Posts und Transparente. Fragt provokant: „Hast du das aus Liebe gesagt und getan?“ Dabei geht es um eine Liebe, die Macht und Kraft hat, alles zu verändern. Konflikte in Korinth veranlassen den Brief des Paulus an die Gemeinde dort. Nachdem Paulus strittige Themen detailliert angesprochen hat, ist unsere Jahreslosung gewissermaßen sein Schluss-Satz. Zu lieben, das ist etwas sehr Aktives. Kein “wäre aber schön, wenn…”. Sondern eine innere Haltung, in der alles geschieht. Deshalb Straßenkunst. Im wahrsten Sinn des Wortes. Kurven lassen sich ja nicht so leicht verlegen mit rechteckigen Straßensteinen.

Aber schauen wir auf das Titelbild: Da hat offensichtlich einer noch ein bisschen Zeit übriggehabt und ein Herz gefasst. Stellen wir uns die Ziegelpflasterung bewegt, als Fluss vor, dann gibt es da mitten in den Strömungen unserer Lebenswege den Widerstand des Herzens. Einen Störfaktor im Strom des Alltags. Aus dem gleichen Material. Aber doch besonders angeordnet. Zwei große Herzkammern, die den Weg geheimnisvoll beleben.

Wird es uns gelingen, diesem Halt Platz einzuräumen auf unseren Wegen? Einen Liebes-Raum zu eröffnen, den Gott uns eröffnet? Mit beiden Füßen im Fluss der Zeiten zu stehen und doch neu ausgestattet zu sein? Mit Maßstäben der Liebe? Ich lade ein zu einem Gebet: „Herr, mache mich zum Raum deiner Liebe, die den Fluss der Zeit verändert. Schenke mir Widerständigkeit, wo Gewalt und Unrecht stürmen. Damit ich anders bleibe, wie du es uns durch deinen Geist verheißen hast. Amen“.