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Vom Sklavenmarkt zur Wellness-Oase für Azubis

Mit der 11. Auflage der MUM wird am Freitag eine neue Stufe der Markranstädter Berufsorientierungs- und Unternehmermesse ausgeklinkt. Das Event hat sich in den zurückliegenden Jahren grundlegend gewandelt. Haben die Firmen anfangs noch ob des Aufwandes gestöhnt und mussten mit Argumenten wie „Prestige“ oder der Verheißung einer messerscharfen Modenschau gelockt werden, sind sie heute dankbar für dieses Podium zur Nachwuchsgewinnung. Hier ein kurzer Rückblick mit Vorschau.

Vor einem Jahrzehnt wurde die MUM noch belächelt: Lehrstellen waren knapp, Bewerber gabs im Überfluss. Die Öffentlichkeit der Messe war für die Aussteller bestenfalls eine Verpflichtung, ihre Absagen besonders eloquent formulieren zu müssen. Möglichst besser als die Konkurrenz am Nachbarstand.

Als dann das mehr oder weniger ausbildungswillige Konzentrat ganzer Schulklassen völlig befreit von jeglicher Erwartung in die Stadthalle einfiel, legten die Firmen hastig ein paar Kugelschreiber oder Flyer auf ihre Tische. Die Jugend der Stadt stürzte sich zielgerichtet auf die dargebotene Beute und gelangte so stets zu einem befriedigenden Fazit.

Aller Anfang war schwer

Wenn ein Einser-Abiturient dann doch mal zufällig mit einem Termin für ein Einstellungsgespräch bei einem Call-Center oder als Zeitungsausträger raus kam, wurde er vom Rest der Clique schief angeguckt. Nicht wegen seines Glücks, das dann später doch nicht eintrat, sondern weil er beim Labern am Stand zu viel Zeit vergeudet hatte und deshalb auf lediglich drei Schlüsselbänder kam.

Irgendwann in den letzten Jahren begann sich das Bild aber zu wandeln. Zwar war die MUM noch immer von Mangelwirtschaft gezeichnet, aber aus dem Lehrstellenmangel ist ein Fachkräftemangel geworden. Jetzt mussten beide Seiten plötzlich umschulen.

Die Firmenvertreter hinter den Messeständen interessierten sich auf einmal nicht mehr nur für Abiturienten, sondern waren zunehmend auch für Anfragen von Realschülern zugänglich. Das gesamte seit der Wiedervereinigung mühsam erlernte Vokabular kam auf den Prüfstand und neue Slogans wurden einstudiert. Der Begriff „Absage“ wurde gar mit einem grundsätzlichen Anwendungsverbot geächtet.

Jetzt wurde die Messe allerdings auch für so manch potenziellen Berufsbewerber zur Existenzfrage. Der in der heimischen Bedarfsgemeinschaft vorgelebte Lebensweg drohte plötzlich mit einer Abzweigung.

Darauf war die künftige Kampfreserve der deutschen Wirtschaft nicht vorbereitet. Für den barrierefreien Zugang ins wahre Leben hatte das Bildungswesen die Förderung handwerklicher Fähigkeiten zeitgemäß durch Bildungsprogramme zum Ausfüllen von Hartz IV-Anträgen ersetzt.

Wie ignoriere ich ein Angebot?

Derart auf eine schnurgerade Lebenslinie konditioniert, waren die Jugendlichen nun völlig unvorbereitet den hinterhältigen Tricks der Unternehmen ausgeliefert. Um nicht zufällig arbeiten zu müssen, trainierten sie in Selbsthilfegruppen schon Tage vorher, wie man an den Messeständen mit Ausbildungsverträgen winkende Hostessen übersieht.

Ihr Bewerberlein kommet, ach kommet doch all.

Andere hingegen waren froh über die Entwicklung und nutzten die sich bietenden Chancen, auch ohne akademischen Abschluss oder Doktortitel lernen zu dürfen, wie man Zündkerzen wechselt. Gute Noten und anständiges Verhalten wurden zwar trotzdem noch gefordert, aber für die paar Stunden am Tag kann man sich schließlich mal zusammenreißen. Das war die zweite Stufe der MUM.

Lehrjahre zu Herrenjahren?

Seit letztem Jahr wurde das Buhlen um Auszubildende dann aber noch einen Zacken schärfer. Im Grunde genommen haben sich sämtliche Vorzeichen komplett umgedreht. Wie visionär müssen die Initiatoren vor elf Jahren gewesen sein, als sie für die Messe einen Namen erfanden, der sich vorwärts genauso wie rückwärts liest und daher das MUM auch heute noch für das Event stehen kann?

Nicht die Azubis sind es nämlich, die sich jetzt bei Firmen bewerben, sondern die Unternehmen rennen den jungen Leuten hinterher. Und weil es nicht reicht, um die Gunst der Messebesucher mit Gesten wie Willy Brandt einst in Warschau zu werben, schieben sie Angebote nach, die vor Jahren noch völlig undenkbar waren.

So locken Gastronomen mit der Finanzierung des Führerscheins, Handwerker bezahlen Lehrlingsentgelt auf Niveau von Industriebetrieben, Dienstleister übernehmen die Fahrtkosten zu Berufsschulen und bezahlen die Aufenthalte in Internaten; Bücher und andere Unterrichtsmittel inklusive.

Statt Schlüsselbänder und Kugelschreiber gabs im letzen Jahr sogar Schnupperangebote und Eignungstests.

Wer am Freitag als Schüler zur MUM kommt, ist der King! Nur der Umstand, dass sie noch nicht volljährig sind, dürfte die Aussteller davon abhalten, die Jugendlichen auch noch mit Sekt zu begrüßen.

Wenn sich Visionen erfüllen…

Jetzt tritt ein, was sich die Initiatoren vor elf Jahren in ihren kühnsten Träumen erwünscht hätten: Egal ob vor oder hinter dem Messestand – auf allen Seiten sind die Erwartungen groß. Aus dem einstigen Sklavenmarkt für billige Azubis ist ein Bewerberpodium auf Augenhöhe geworden.

Das haben auch andere Kommunen mitbekommen, denen ihr einst geringschätzendes Lächeln im Antlitz inzwischen so festgefroren ist, dass sie die MUM krampfhaft zu kopieren versuchen. Aber elf Jahre Erfahrung sind nicht so einfach aufzuholen. Rund 60 Aussteller sind eine beachtliche Hausnummer. Markranstädt hat Vorsprung und der zahlt sich jetzt aus.

 



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One Comment to Vom Sklavenmarkt zur Wellness-Oase für Azubis

  1. Bernd Hollwitz sagt:

    MUM
    Das Ganze ist ja eine prima Idee der Stadtverwaltung Markranstädt!

    Vor allem finde ich gut: Zitat-Anfang: „Der Vortrag „Business Knigge für Berufsstarter“ um 14.00 Uhr gibt erste wertvolle Tipps für ein sicheres und zeitgemäßes Auftreten beispielsweise beim Vorstellungsgespräch, im Berufs- und Geschäftsleben.“ Zitatende aus [Markranstädt 24 – NEWS]

    und natürlich auch was noch so rundherum in der Halle passiert …

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