Ein Jahr vor der Bürgermeisterwahl sorgt ein Markranstädter Schiedsrichter für den endgültigen Anpfiff zum Showdown vor der Urne. Seine Mission: Statt Selfies sollen Bilder künftig aus dem Videokeller kommen und Tatsachenentscheidungen nicht durch den Kapitän getroffen werden. Regierungserfahrung bringt er jedenfalls schon mal mit: In seiner Zeit als Entwicklungshelfer im Westen saß er schon als Weinkönig auf dem Thron und war Mitglied des ersten ostdeutschen Dreigestirns im rheinischen Karneval.
Zwar finden die nächsten Bürgermeisterwahlen in Markranstädt erst in 12 Monaten statt, doch haben jetzt schon drei Bewerber ihre Hüte in den Ring geworfen. Neben Titelverteidigerin Nadine Stitterich, die als amtierende Bürgermeisterin in Lostopf 1 als gesetzt gilt, hatte sich vor drei Monaten schon Gerichtsvollzieher Matthias Hanke beworben.
Dessen ungewöhnlich frühe Kampfansage hat jetzt den nächsten Bewerber aus der Deckung gelockt, obwohl bis zur Wahl noch ein Jahr Zeit ist. Punkt 9 Uhr hat am Dienstag Dr. Rico Kanefke sein Bewerbungsschreiben an die Presse geschickt.
Der Dritte im Bunde
In der Vergangenheit hatten die Kandidaten mit ihrer offiziellen Bewerbung gern bis zum letzten Tag gewartet, damit den Gegnern möglichst wenig Zeit bleibt, die Vita nach eventuellen Mitgliedschaften in der FDJ oder der Pionierorganisation zu durchforsten, antikommunistische Äußerungen aus ihrer Jugendzeit aufzuwärmen oder Klassenarbeiten auf der Suche nach Plagiaten zu zerpflücken.
Kanefke sitzt zwar seit knapp zwei Jahren im Stadtrat, aber den Markranstädtern ist der erfolgreiche Manager wohl eher aus einer anderen Sparte bekannt. An Wochenenden reist der 48-Jährige als Fußball-Schiedsrichter durch die Region. Erst am Sonntag hat er in Kitzen die Begegnung zwischen Blau-Gelb und dem Leipziger SV Südwest geleitet. Als Unparteiischer ist Kanefke also im Umgang mit Streithähnen und Gegnern ebenso gestählt wie in Sachen Spielführung und Tatsachenentscheidungen.

Wem Schiri Dr. Rico Kanefke hier die Rote Karte zeigt, ist nicht bekannt. Der Platzverweis in seinem Bewerbungsschreiben als Kandidat für die Bürgermeisterwahlen ist allerdings klar adressiert.
Obwohl der promovierte Ingenieur viele Jahre als Entwicklungshelfer im rheinischen Exil verbracht hat, ist ihm der sächsische Heimatklang nicht abhanden gekommen: Also Markranstädt, nicht Markraaahnstädt. Wer Kanefkes Bewerbung liest, spürt förmlich den Atem des gelernten Naturwissenschaftlers: Verstehen, warum etwas nicht funktioniert, effiziente Lösungen entwickeln und diese dann umsetzen. Das klingt auf dem Papier super, wirft in der kommunalen Praxis aber sofort die erste Frage auf.
Wie wird der in Weltkonzernen wie Bayer und Veolia gereifte Geist reagieren, wenn sich sein hocheffizienter Masterplan zur Digitalisierung der Stadtkasse zu einem achtbändigen analogen Papierwerk auswächst? Wer internationale Konzernstrukturen gewohnt ist, unterschätzt gern das Beharrungsvermögen einer deutschen Amtsstube. Da hilft im Zweifel auch kein Schiedsrichter-Pfiff. Bestenfalls eine Trinkpause, in der Baldrian gereicht wird.

Wie man sich in Weltkonzernen wie Bayer oder Veolia beruflich durchsetzt, hat Kanefke schon bewiesen. Aber auch gesellschaftlich hat er Regierungserfahrung. Vor neun Jahren saß er im rheinischen Odenthal als Weinkönig auf dem Thron.
Apropos Schiedsrichter: Kanefkes Führungsphilosophie basiert auf Vertrauen und Teamwork, schreibt er. Er will den Mitarbeitern Verantwortung übertragen und ihnen im Erfolgsfall auch die Lorbeeren gönnen. Seine Kampfansage spart nicht mit Seitenhieben auf Social-Media-Dauerbespaßung. „Arbeit kommt vor Präsentation. Teamwork kommt vor Ego“, diktiert er in die Blöcke, wenngleich er ebenso wie sein Mitbewerber in jedem Bilderrahmen mit einem formatfüllenden Antlitz glänzen könnte.
Die familiäre Vorbelastung des Kandidaten liest sich indes erdrückend: Der Großvater war in Großlehna Wehrleiter und Karnevalschef, der Vater im Gemeinderat. Der Filius selbst wendet die Bratwurst bei der TSG Blau-Weiß Großlehna noch persönlich. Doch die Gratwanderung zwischen der großen Markranstädter Weltbühne und der lokalen Grillzange ist ein Ritt auf der Rasierklinge.
Taxi fahren oder totes Pferd reiten?
Wie wird er den Spagat meistern, vormittags über millionenschwere Wirtschaftsinvestitionen zu verhandeln und nachmittags am Bierwagen zu debattieren, ob die thüringische oder die einheimische Roster das wahre Brauchtum verkörpert? Merke: Wer in Markranstädt hierbei die falsche Entscheidung trifft, hat die Wahl eigentlich schon vor dem ersten Urnengang verloren.
Und dann ist da noch der Elefant im Raum. Denn Kanefke trägt nicht nur auf dem Fußballplatz Schwarz. Er geht an Bord eines Geisterschiffs ins Rennen. Ausgerechnet jetzt, wo die CDU auf Bundesebene schon die ersten Erdbrocken auf ihren Sargdeckel fallen hört, kandidiert er unter deren schwarzer Flagge. Wie will er mit diesem politischen Bleigewicht im lokalen Wahlkampf umgehen?

Das erste rein ostdeutsche Dreigestirn im rheinischen Karneval. Weil Kanefke (r.) aus Großlehna stammt und damit auf dem Lande aufgewachsen ist, wurde ihm die Funktion des Bauern zuteil.
Kanefke geht das so pragmatisch an, wie man es von einem Naturwissenschaftler mit Trillerpfeife erwartet: Er redet einfach nicht darüber. In seiner Mitteilung taucht das magische Drei-Buchstaben-Kürzel exakt einmal auf – als rein formale Randnotiz. Bürgermeisterwahlkampf ist eh Personenwahlkampf und an der Stelle wird die Strategie erklärbar: Besser eine CDU ohne TÜV als Taxi für die Nominierung nutzen als zu Fuß mühsam Unterschriften sammeln zu müssen.
In der rheinischen Diaspora konnte der Exil-Sachse bereits mit ganz anderen Qualitäten punkten, die ihm auch in der satirischen Gemeinde Markranstädts helfen könnten. Denn der Mann hat richtig Humor! In seiner Zeit in Oberodenthal stand Kanefke in der Session 2016 im dortigen Dreigestirn als „Bauer“ auf der Karnevalsbühne.

Im Rahmen seiner Tätigkeit als Entwicklungshelfer hat Rico Kanefke auch Kultur ins Rheinland gebracht. Zusammen mit drei anderen Jecken mit ostdeutschem Migrationshintergrund verfasste er ein Kochbuch.
Der Clou: Er war der erste Ossi in dieser Rolle! Da auch Jungfrau und Prinz aus dem Osten stammten, widmete der Kölner Stadt-Anzeiger dem Trio eine ganze Seite unter dem Titel: „Drei Ossis erobern den Wilden Westen“. Um auch etwas Kultur nach Westelbien zu bringen, haben die drei Jecken anschließend auch gleich noch das ultimative Kochbuch „11 ostdeutsche Rezepte für die jecke Jahreszeit“ verfasst. Das Werk wurde unter dem wegweisenden Titel „Die Kochossis: Was runterfällt, wird schnell verzehrt“ unters Volk gebracht.
Man darf gespannt sein, wie Gerichtsvollzieher Matthias Hanke auf diesen Vorstoß reagiert. Pfändet er im Zweifelsfall einfach Kanefkes Grillzange, wenn der Wahlkampf zu heiß wird? Wie reagiert Titelverteidigerin Stitterich, wenn Kanefke mit VAR-Bildern aus dem Videokeller kontert? Und wer weiß, welche Überraschungskandidaten bis Herbst 2027 noch ihren Hut in den Ring werfen – vielleicht meldet sich ja noch der örtliche Bademeister oder ein unzufriedener Steuerberater an.
Das Spiel ist jedenfalls offiziell eröffnet, die Nachspielzeit wird handgestoppt und die Pfeife sitzt locker.














Letzte Kommentare