Wegen schlechter Pisa-Ergebnisse: Markranstädt führt den Karzer wieder ein

Gerade noch rechtzeitig vorm Neujahrsempfang hat das Rathaus den Jahresrückblick 2023 in die Briefkästen der Leute stecken lassen. Ein geballtes Leistungsverzeichnis der letzten 12 Monate auf 16 Seiten! Aber zunächst gibt es in diesem Zusammenhang traditionell den besonderen Service der Markranstädter Nachtschichten, damit die Bürger nicht selber zu zählen brauchen: Diesmal waren’s nur 30.

Ein PR-Verlust gegenüber dem Vorjahr in Höhe von sage und schreibe rund 14 Prozent! Aber das ist nicht der einzige Fakt, der Anlass zu Sorge gibt.

Unter den vielen abwechslungsreichen Fotos, auf denen mal die Bürgermeisterin, mal unser Stadtoberhaupt, dann auch mal Nadine Stitterich und am Ende sogar die Chefin des Rathauses höchstselbst aufmunternd in die Linse lächeln, fällt ein Motiv deutlich aus dem Rahmen.

Das Fotoalbum des Jahres 2023 ist da!

Das Fotoalbum des Jahres 2023 ist da!

Auf Seite 12 finden wir in der Mitte der rechten Spalte die Abbildung eines „Multifunktionsraumes für mehr Inklusion“. Damit es nicht zu Irritationen kommt, wird im Bildtext eindeutig darauf hingewiesen, dass der Raum bereits freigegeben ist. Da fehlt also nix!

Damit wieder Zucht und Ordnung herrschen!

Die ältere Generation der MN-Leser hat natürlich sofort erkannt, dass hier das wichtigste Element pädagogischer Wertarbeit eine blühende Renaissance erfährt. Man kann die Gitter an den Fenstern sogar ohne Lesebrille erkennen.

Schlicht gehaltene Aufenthaltskultur gegen Reizüberflutung: Der neue Karzer im Markranstädter Schulcampus.

Schlicht gehaltene Aufenthaltskultur gegen Reizüberflutung: Der neue Karzer im Markranstädter Schulcampus.

Weil Deutschland bei der jüngsten Pisa-Studie sogar hinter europäische Länder wie Ruanda, Lummerland oder Gotham City zurückgefallen ist, geht Markranstädt jetzt einen eigenen Bildungsweg. Voilá – der Karzer ist zurück!

Wer genau hinschaut, erkennt die wesentlichen erzieherischen Elemente dieser als Funktionsraum getarnten bildungspolitischen Arrestzelle auf den ersten Blick.

Schwarze Pädagogik

Der Raum ist vergittert, ein Entkommen damit unmöglich. Eine Pritsche oder zumindest eine Sitzgelegenheit fehlt ganz. Dem Schüler soll eine aufrechte Haltung anerzogen und er so befähigt werden, den Weg vom elterlichen SUV auf dem Schulhof hin zum Klassenzimmer auch mal zu Fuß zurücklegen zu können.

Artgerechte Haltung

Zur Verrichtung der Notdurft befindet sich in der Mitte des Inklusionsraumes ein Gully im Fußboden. Etwaiger Stuhlgang ist aufgrund der Ernährung in der Zelle zwar nicht zu erwarten, aber die dem linkerhand befindlichen Wasserhahn entnommenen Stoffwechselprodukte können nach Verbüßung der Strafe vom Delinquenten per Wasserschlauch selbst in den Abfluss gespült werden. Da lernen die auch gleich noch was für zu Hause.

Aufenthaltskultur: dezent und ohne Feng Shui

Man staunt, wie wenig man braucht, um renitente Schüler auf den richtigen Weg zu bringen. Und wieviel weniger Funktion noch in einen solchen Funktionsraum passt, um der Reizüberflutung unserer Jugend einen Ruhepol entgegenzusetzen. Lediglich der Aspekt der Flächenversiegelung dürfte den ökologischen Fußabdruck dieses pädagogischen Instrumentes etwas zu groß ausfallen lassen.

Kritik: Zu viel Fläche für zu wenig Funktion versiegelt

In der DDR war man da schon weiter. Die Stasi hatte für solche Zwecke platzsparende Stehzellen errichten lassen. Auf dreißig mal dreißig Zentimetern Grundfläche konnte man bei vier Metern Höhe bis zu sechs aufmüpfige Bälger übereinander arrestieren und auf diese Weise gleich ein halbes Dutzend potenzieller Schulverweigerer zu leuchtenden Vorbildern der Gesellschaft umerziehen.

Erste Karzer-Aufenthalte von zwei jungen Grafitti-Künstlern sollen übrigens bereits zu frappierenden Ergebnissen geführt haben. „Der eine wusste nach seinem dreiwöchigen Aufenthalt im Inklusionsfunktionsraum gar nicht mehr, was eine Sprayflasche ist, der andere hat sich nach seiner Entlassung vor Angst die eigenen Hacken besprüht“, frohlockte der zum Pedell umgeschulte Seiteneinsteiger Gerd Haumichblau. Im nächsten Schritt des Bildungskonzeptes will er dennoch einen Tisch im Karzer aufstellen lassen. Den dazugehörenden Rohrstock habe er bereits im Keller des Gymnasiums gefunden und in mühevoller Kleinarbeit sorgsam restauriert.

Fazit: Aus dem Fotoalbum, das uns von der Stadt kostenlos übereignet wurde, kann man jede Menge lernen. Unter anderem auch sein religiöses und Geschichtswissen erweitern. Von wegen, das Papamobil wurde erst in den 1970-er Jahren von einem polnischen Stellvertreter erfunden.

Durch das Markranstädter Fotoalbum als Raubkopie eines Krakauer Priesters entlarvt. Von wegen Papamobil!

Durch das Markranstädter Fotoalbum als Raubkopie eines Krakauer Priesters entlarvt. Von wegen Papamobil!

Wer auf Seite 9 des Jahresrückblicks oben links genau hinschaut, wird die alternativen Fakten erkennen. Entweder geht das Papamobil auf Hugo Ruppe und damit das Jahr 1914 zurück, oder Markranstädt hat eine Päpstin. Der MAF als Mamamobil – Bilder lügen nicht.

Schon 1914 hatte Hugo Ruppe das MAF-Mamamobil gebaut. Habemus mamam: Wir haben eine Päpstin!

Schon 1914 hatte Hugo Ruppe das MAF-Mamamobil gebaut. Habemus mamam: Wir haben eine Päpstin!

Das war der Demontag in Markranstädt

Wollte man den regierungstreuen Medien Glauben schenken, bestand die größte Sorge der Gesellschaft darin, dass sich am Montag ein Landwirt mit rechter Gesinnung unter die Demonstranten mischen könnte. Der eigentliche Grund für die Bauernproteste wurde vor diesem Hintergrund kaum noch anständig ignoriert. Dabei waren es längst nicht nur Landwirte. In Markranstädt beteiligte sich gefühlt alles daran, was man nach gängiger Lehrmeinung noch zum unternehmerischen Mittelstand zählt, obwohl oder gerade weil dieser längst selbst unten angekommen ist.

Schon um 6 Uhr nahmen die Autokorsos in den Gewerbegebieten Großlehna und Ranstädter Mark Aufstellung für den großen Umzug. Die Stimmung vor Ort fühlte sich beinahe so an wie jene damals im Herbst 1989.

Über einhundert Fahrzeuge mögen es zu diesem Zeitpunkt schon gewesen sein, die an den Gestellungsorten bei eisigen Temperaturen unangemeldet und deshalb rein zufällig zusammentrafen. Lkw, Transporter, Pkw und Traktoren; geführt von Handwerkern, Landwirten, Dienstleistern, Unternehmern und ihren Angestellten, deren Systemrelevanz weit hinter denen von Banken, Presse oder Vermögensberatern angesiedelt ist.

Startaufstellung in der Siemensstraße um 6 Uhr morgens. Die Poole-Position wurde alphabetisch zugelost (A wie Abrissfirma), das Pace-Car stellte die Polizei.

Startaufstellung in der Siemensstraße um 6 Uhr morgens. Die Pole-Position wurde alphabetisch zugelost (A wie Abrissfirma), das Pace-Car stellte die Polizei.

Die bisher tadellos funktionierenden Versuche zuverlässiger Linienmedien, solche Proteste in bewährter Manier als antidemokratische Sabotageakte potenzieller Nazis (wohlgemerkt: nicht Nazi*-Innen) im Keime zu ersticken, sind diesmal kläglich gescheitert.

Zufälliges Treffen

Und so schlossen sich am Montag auch in Markranstädt im Verlaufe der Aktion immer mehr Protestierende dem Korso an. Am Ende mögen es ein paar hundert Fahrzeuge gewesen sein, die in beiden Richtungen in Schritttempo, mit eingeschalteter Warnblinkanlage und rot-weißen Bändchen am Rückspiegel hupend durch die Stadt defilierten.

Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich, wieviele Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe es in Markranstädt noch gibt. Damit das so bleibt, drehten sie am Montag acht Stunden lang Runden durch Lallendorf.

Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich, wieviele Handwerks- und Dienstleistungsbetriebe es in Markranstädt noch gibt. Damit das so bleibt, drehten sie am Montag acht Stunden lang Runden durch Lallendorf.

Zwischenzeitlich konnte sich die Katze dabei sogar in den Schwanz beißen. Gegen 7 Uhr hatte das Führungsfahrzeug auf der Route von der Siemensstraße über die Leipziger und Zwenkauer Straße zurück ins Gewerbegebiet schon Sichtkontakt zum Besenwagen des Pelotons.

Zorn hat viele Väter

Die von den Teilnehmern angeführten Gründe für den angestauten Zorn sind vielfältig. Hauptsächlich richteten sich die Kritiken gegen die Steuerpolitik der Bundesregierung und die Bürokratie. Die vielbesungene Spaltung unserer Gesellschaft werde von denen vorangetrieben, die sie gebetsmühlenartig beklagen, war unter anderem zu hören.

Bestimmte Berufsgruppen auf der einen Seite erhalten vierstellige Corona-Zahlungen und Inflationsausgleiche, während das Geld dafür ohne zu bitten und zu danken einfach denen weggenommen wird, die keinen Anspruch auf solche Unterstützung haben.

Mitgegangen, mitgefangen: Busse im Protestkorso.

Mitgegangen, mitgefangen: Busse im Protestkorso.

„Wir reden nicht von den reichen, global agierenden Großunternehmen, die sowieso keine Abgaben leisten.“  Die Milliardäre bekämen schließlich von Mitarbeitern der Finanzbehörden sogar noch Tipps, wie sie Steuern vermeiden können, klagte einer der Markranstädter Protestanten am Montag.

Von den Franzosen lernen heißt protestieren lernen: Die Gelbwesten sind übergeschwappt.

Von den Franzosen lernen heißt protestieren lernen: Die Gelbwesten sind übergeschwappt.

Sein Unternehmen sei im vergangenen Jahr gleich mehreren Tiefenprüfungen verschiedener Behörden unterzogen worden. Von dem, was sie im undurchdringlichen Dschungel der Paragrafen und Vorschriften fanden, habe er als Handwerker nichts wissen können und selbst sein Steuerberater sei überrascht gewesen. Trotzdem ist Letzterer fein raus, weil der Unternehmer allein für die Ausweisung der Abgaben verantwortlich ist.

Selbstredend sei der Handwerker sofort bereit gewesen, die vierstellige Nachzahlung zu leisten, sagt er. „Aber das reichte denen nicht. Ich wurde ob meiner Unkenntnis der Wege im bürokratischen Irrgarten auch noch kriminalisiert und mit rückwirkenden Strafzinsen belegt, von deren Höhe selbst Banken nur träumen können“, schimpfte er unter dem Einfluss von 280 Blutdruck.

Die Polizei konnte nur noch aufpassen, dass wenigstens Schritttempo gefahren wird.

Die Polizei konnte nur noch aufpassen, dass wenigstens Schritttempo gefahren wird.

Der kleine Steuerzahler als latent-potenzieller Straftäter, der deshalb von den gesellschaftlichen Bewährungshelfern prophylaktisch bis auf den Grund seiner Hosentaschen abgeklopft werden muss – das klingt in der Tat ziemlich bigott. Wieviel ehrlicher wäre es doch, solche Missetäter gleich einzusperren?

Klar, dass es auch eine zweite Seite der Medaille gibt. Unverständnis herrschte am Montag vor allem bei jenen Menschen, denen durch verstopfte Straßen der Weg zur Arbeit verwehrt blieb. „Ist ja nichts anderes als das, was die Klimakleber machen“, schimpfte ein zur Umkehr gezwungener Arbeitnehmer unter Missachtung der physikalischen Eigenschaften des Sekundenklebers. Der pappt bei minus 8 Grad bekanntlich nicht auf dem Asphalt – also freie Fahrt für freie Bürger.

Konflikte gebären die originellsten Ideen: Weil die Autos im Demozug durch Fähnchen aus Absperrband kenntlich gemacht werden mussten, hatte sich dieser Fußgänger das Symbol für seine Solidarität mit den Demonstranten zu eigen gemacht.

Konflikte gebären die originellsten Ideen: Weil die Autos im Demozug durch Fähnchen aus Absperrband kenntlich gemacht werden mussten, hatte sich dieser Fußgänger das Symbol für seine Solidarität mit den Demonstranten zu eigen gemacht.

Aber trotz der Kritik an der Art des Protestes: Ein Grundverständnis für den Unmut der Demonstranten war in der Bevölkerung vorhanden. „Wir sitzen doch mit im Boot“, sagte ein Fußgänger auf der Leipziger Straße beim Anblick des Demo-Korsos. „Die höheren Kosten und Steuern müssen die doch letztendlich auf uns Kunden umlegen und wir wissen schließlich auch nicht mehr, wo wir’s hernehmen sollen“, kritisierte der Senior und zeigte seine vor wenigen Tagen zugegangene Nebenkostenabrechnung vor, die ein Soll von 1.600 Euro auswies. „Das ist wahrscheinlich mehr, als so manches Dax-Unternehmen im letzten Jahr an Steuern gezahlt hat“, schloss er seine Auskunft zynisch lachend.

Überholen ohne einzuholen: Bei dem Tempo des motorisierten Demonstrationszuges konnte sogar der Stadtchronist mühelos mithalten.

Überholen ohne einzuholen: Bei dem Tempo des motorisierten Demonstrationszuges konnte sogar der Stadtchronist mühelos mithalten.

Womit sich auch für die Mittelständler der Kreis zu den eigentlich als Bauernproteste angelegten Demonstrationen schloss. „Während die fetten Rinder sogar noch staatliche Beratung erhalten, um immer mehr Futter horten zu können, werden die kleinen Kühe, die sich noch zur Melkanlage führen lassen, sukzessive geschlachtet“, meinte ein renommierter Lallendorfer Sanitärer.

MN-Tagestipp: Es ist mit Sicherheit nicht leicht, im Dschungel der Berichte belastbare Informationen zu erlangen, die der eigenen Standortorientierung dienlich sind. Deshalb bietet die VHS am Dienstagabend im Mehrgenerationenhaus eine Spannung verheißende Diskussionsrunde mit Experten an (siehe auch Hinweis in der linken Veranstaltungsspalte). Der Eintritt ist frei, aber das Kommen garantiert nicht umsonst.

Als Gandalf noch der Schwarze war

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Wie soll man da einen ordentlichen Wochenrückblick entbinden? Kaum ist es in der Stadt mal etwas ruhiger geworden, kommt der Druck von draußen. Bei Harry Potter half da ein Tarnumhang, im Rathaus greift man lieber auf einen alten Deckmantel zurück. Und dann ist da noch ein Sohn der Stadt, der gerade den Olymp von Youtube erklimmt. Das Video mit ihm als werbenden Freier ist der Burner im Netz und hat Follower ohne Ende! Man könnte ja mal das Bad nach ihm benennen. Aber erst dann, wenn das Schachspiel beendet ist, bei dem unter dem Deckmantel der „Aktion Minsk“ gerade der Kampf um den Endsieg tobt. All das heute in der Markranstädter Wochenschau.

Eine Frage des Namens

Die nichtöffentliche Sitzung des Stadtrats zum Thema Stadtbad schlägt weiter Wellen. Vorrangig zwar nur in den sozialen Netzwerken, aber wenigstens hält das die Sache am Laufen.

Hauptpunkt der Kritik ist, dass die Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand. Einerseits ist die öffentliche Teilhabe ein hohes Gut, andererseits fördert Nichtöffentlichkeit den Verdacht der Mauschelei hinter den Kulissen.

Seltsam ist es schon. Als es darum ging, dem Planungsbüro eine Bühne zur Selbstdarstellung seiner Kompetenzen zu bieten, wurde das gern und öffentlich genutzt. Jetzt aber, wo es Probleme gibt, wird der homo marcransis seit Monaten mit schwammigen Floskeln wie „aus verschiedensten Gründen“ eingelullt.

Ein Deckmantel als Tarnumhang

In Markkleeberg gab es eine ähnliche Situation. Dort musste jetzt einer Bürgerinitiative Recht gegeben und die Nichtöffentlichkeit der Sitzung rückwirkend aufgehoben werden. Warum? Weil es eine Stadtratssitzung war. Hätte man es als Stammtisch deklariert, wäre die Zusammenkunft in Ordnung gewesen.

In Markranstädt hat man das schlauer angestellt. So viel mal zur ewigen Meckerei, dass es hier bei uns angeblich drunter und drüber ginge. Das Gegenteil ist der Fall! Hier wurde der Zusammenkunft von vornherein ein Deckmantel übergeworfen und damit war alles rechtens. Die Bürgermeisterin hatte sogar den Mut, das mit dem Deckmantel genauso zu bezeichnen.

Das nennt man eine kreative Lösung. Weils keine Stadtratssitzung mehr ist, kann man das auch nichtöffentlich abhalten.

Das nennt man eine kreative Lösung. Weils keine Stadtratssitzung mehr ist, kann man das auch nichtöffentlich abhalten.

Wie wir danach feststellen durften, haben sich die Abgeordneten offenbar gern in diesen Mantel helfen lassen. Dann also: Das nächste Mal lassen sie sich zeigen, wie man die Schuhe zubindet, dann noch etwas Spucke aufs Taschentuch und die Mundwinkel abgewischt und jetzt husch, husch, raus mit euch an die frische Luft.

 

Auf Freiers Füßen

Auch in kultureller Hinsicht ist Markranstädt in der zurückliegenden Woche ganz groß rausgekommen. Dafür sorgte ein Video auf Youtube, das bundesweit Aufsehen erregt.

Über 10.000 Klicks und bundesweit 55 Kommentare in nur sechs Tagen, das ist doch mal ’ne echte Hausnummer! Natürlich geht der Dank dafür auch an Oliver Kalkofe, der das Video wo auch immer ausgegraben und sogar moderiert hat.

Das Original der MDR-Kuppelshow „Je t’aime – Wer mit wem?“ wurde samt Moderator Frank Liehr aus allen Kanälen gelöscht und schien auf ewig verschwunden. Jetzt ist es wieder da und ähnlich wie die Neuauflage von „Mein Kampf“ mit erklärenden Kommentaren hinterlegt, damit man auch bestimmt nichts falsch verstehen kann.

Alte Markranstädter werden sich bestimmt noch an die Erstfassung erinnern. Der Streifen entstand Mitte der 90-er Jahre in einer Seebenischer Gaststätte. Nachdem die Sendung ausgestrahlt wurde, war das ganze Dorf tagelang wie bekifft. Die Telenovela hatte alles, was ihr Protagonist forderte: Kult, Katastrophe, Kwote – alles mit K.

Das Original war besser

Was Kalkofes Remake nicht zeigt: Der legendäre Auftritt des Brautwerbers war wesentlich länger und bot ihm sogar noch Gelegenheit, der weiblichen Zielgruppe seine Anforderungen an deren Kochkünste mitzuteilen. Wie bei Muttern, oder so ähnlich.

Na ja, wir wissen ja wie sowas läuft. Jede Menge Versprechungen (erst Kinder, dann vögeln), und wenn nach elf Minuten die große Radtour mit dem Bonsai-Bike in die Bärenklau-Plantage ansteht, hat die Angebetete plötzlich Rücken. Es ist immer das gleiche Lied mit den Weibern. Freuen wir uns also lieber, dass wir nun um eine Berühmtheit in unseren Reihen wissen, nach der wir das Stadtbad benennen können.

 

Der Kampf tobt noch!

Lassen Sie uns abschließend noch zum Schachspiel der Nachtschichten gegen Markranstädt kommen. Ja es lebt noch! Zwar sind die Verluste groß, aber wer A sagt, muss auch Bäh sagen.

Es herrschte Gleichstand zwischen dem Zug des Turmes auf b8 und dem Zug des Bauern auf d5. Da es beiden Vorschlägen an einer sinnstiftenden Begründung mangelte, musste unser Experte entscheiden.

Und der hat in der Gedankenwelt des auf Seiten des Bürgertums kämpfenden SNU nicht nur einen lichten, sondern einen regelrecht glanzvollen Moment entdeckt. Zum Sieger des Tages gekürt, darf SNU seinen Bauern deshalb von d7 nach d5 entsenden.

Die Aktion „Minsk“

Auf diese Weise wird d5 für Weiß zum Feindgebiet und die weiße Dame auf ihrem Flug quer über das Brett genau dort zur Zwischenlandung gezwungen. Wie sowas ausgeht, wissen wir spätestens seit dieser Woche: Die Milf wird auf die Folterbank gebettet und so lange überzeugt, bis sie schwarz wird.

Nein, nicht mit uns! Wir haben uns entschlossen, diesem völkerrechtswidrigen Ansinnen mit einem Embargo zu begegnen. Die schwarze Front wird ausgehungert, indem wir alle verfügbaren Ressourcen in den eigenen Nachschub stecken. Unser Turm zieht von f1 auf c1. Die Aktion „Minsk“ hat begonnen, seit 5:45 Uhr wird jetzt … äh … ja … ziehen Sie erst mal, danach sehen wir weiter.

Hier also für den besseren Überblick der aktuelle Stand nach dem 21. Zug der ganz in unschuldigem Weiß spielenden Markranstädter Nachtschichten. Wir warten auf Ihre Vorschläge.

 

 

Ein besonders schwerer Fall des Diebstahls (3)

Was bisher geschah: Dem Vorsitzenden der Markranstädter Nachtschichten wird das Fahrrad gestohlen. Als er es wiederfindet, ist es brutal vergewaltigt worden. Er trifft die folgenschwere Entscheidung, das geschändete Teil trotzdem wieder bei sich aufzunehmen. Zuvor aber wird er durch die bürokratischen Mühlen gedreht, damit die Organe ihre Rolle der Bedeutung rechtfertigen können.

Ich schaue vom Balkon auf die beiden Uniformierten hinunter und gebe mich zu erkennen, indem ich ihnen die Parole „Fahrrad?“ zurufe. Sie bestätigen die Losung mit der Aufforderung: „Dann kommse bitte mal runter!“

So schnell hatte ich wirklich nicht mit dem Auftauchen der Polizei gerechnet. Ich ziehe mich an und gehe runter. Dort angekommen, fühle ich mich gemustert wie ein Täter, der grade erwischt wurde. Wir schauen uns an, eine gefühlte Ewigkeit.

Dann endlich fragt der Jüngere, wo denn nun das Fahrrad sei. Ich sage ihm, wo ich es gefunden habe, worauf er fragt, wie weit das entfernt sei. Nach Aufklärung der geografischen Situation werde ich gefragt, wie ich dahin zu gelangen gedenke.

Ich dachte, sie können mich gleich mitnehmen und wir fahren zusammen hin?

Schlecht! Wenn wir danach wieder zu einem Einsatz müssen, können wir sie nicht wieder zurück bringen.

Na ja, ich könnte mein Auto holen. Aber abgesehen vom ökologischen Faktor hat mir ihr Kollege gesagt, dass ich das Fahrrad zurücknehmen muss. Ich kanns ja nicht aufs Dach schnallen. Zeigen sie mich an, wenn ich es durchs Seitenfenster neben dem Auto mitführe … so am Lenker?

Die Beiden schauen sich an und der Jüngere stimmt meinem Argument zu.

Also nehmen sie mich mit?

Da müssen sie ihn fragen. (Zeigt auf den Älteren, der bereits zum Auto läuft.)

Ich soll wohl auf die Knie fallen und ihm hinterher flehen „Lasst mich nicht zurück!“ oder sowas. Fällt aus! Ich gehe einfach mit.

Nachdem die Rückbank leergeräumt wurde, darf ich einsteigen. Im Krimi halten sie dabei immer eine Hand schützend über den Kopf des Passagiers. Bei mir machen sie das nicht. Ich denke so: ‚Klar, bist ja nur Opfer und kein Täter.‘ Opfer können selber auf sich aufpassen. Täter haben gewöhnlich ’nen Anwalt oder kriegen einen gestellt. Einer, der sein Schrott-Fahrrad wiederhaben will, kann sich garantiert keinen Advokaten leisten und darf sich demnach ruhig auch mal an den Kopf rammeln.

Die Fahrt verläuft absolut still. Keine Fragen, absolutes Schweigen. Am Hotel angekommen, gibt’s dann die erste Frage. Wo denn das Fahrrad stehe. Ich antworte wahrheitsgemäß: „Auf der anderen Seite. Der Motor wird erneut gestartet, wobei sich der Fahrer den Hinweis nicht verkneifen kann, dass ich das gleich hätte sagen können.

Wir steigen aus. Auf dem Weg zu den Fahrradständern fragt mich der Jüngere: Wie sinnse denn darauf gekommen, ausgerechnet hier nach ihrem Fahrrad zu suchen?

Mein Hirn schüttet sofort Botenstoffe aus, die mich eine Falle wittern lassen. Solche Finten kenne ich aus Talkshows, wo man die Darsteller von der AfD mit sowas aufs Glatteis führen will. Er möchte jetzt wahrscheinlich hören, wer hier so wohnt und mich dann als Nazi in Beugehaft nehmen. Nicht mit mir! Ich glaube sowieso nicht dran, dass der Dieb aus diesem Hause kommt.

Guckense mal. Hier stehen so viele Fahrräder rum, da dachte ich, schaust immer mal vorbei. Mach ich übrigens auch am Bahnhof und an der Schule und so. Überall, wo Fahrräder rumstehen.

Ich glaube nicht, dass das jemand von da drin (zeige aufs Hotel) war. So doof, ein Fahrrad zu klauen und es bei sich vor der Haustür hinzustellen, ist kein Mensch.

Das ist übrigens der Punkt, der mich am meisten ärgert. Die Lallendorfer Junkees sind so degeneriert, dass sie die gleichen intellektuellen Merkmale auch bei ihren Mitmenschen voraussetzen. Ich schließe meine Indizienkette mit der Aussage:

Ich denke, dass das Markranster waren, die angesichts der technischen Parameter des Fahrrads überfordert waren und es nun einfach wieder loswerden wollten. Macht sich doch gut, es hier hinzustellen? Auch wegen sowas sollten die Kackbratzen endlich mal was auf ihre Langfinger kriegen. Drum will ich, dass das aufgeklärt wird.

Das scheint ihn zu überzeugen. Es beginnt wieder zu regnen. Der Kraftfahrer geht zum Auto zurück, der Jüngere taut langsam auf und wird freundlicher. Ich taufe ihn deshalb Freund und seinen Chauffeur Helfer. Freund und Helfer – passt!

Mein Fahrrad wird identifiziert. Jede Menge fehlende Teile sind nicht das Problem, dafür aber die zwei nicht zum Original zählenden Räder. Die gehören, obwohl sie kaputt sind, sozusagen nicht mir, was die Rückführung meines Eigentums in mein Eigentum erschwert. Das muss auf höherer Ebene geklärt werden, weshalb mein Freund jetzt auch zum Auto geht und mich allein im Regen stehen lässt.

Zum Glück bekomme ich bald Besuch. Ein Mann in uniformähnlicher Kleidung kommt aus dem Hotel. Figur und Erscheinungsbild lassen mich ahnen, dass er das Jüngelchen bewachen muss, das hier in der Nacht als Lagerkommandant Dienst schiebt.

Es entspinnt sich eine lockere Unterhaltung, bei der wir feststellen, dass wir das gleiche Interesse an Horror-Krimis hegen. Als ich beiläufig erwähne, welchem Beruf ich nachgehe, muss ich ihm in die Hand versprechen, nichts davon jemals zu erzählen. In seinem Alter würde er schlecht einen neuen Job finden. Ich halte mich dran. Es würde mir eh niemand glauben.

Der Freund kommt zurück. Es sei so weit alles geklärt, ich könne mein Rad nach Erledigung einiger Formalitäten wieder mitnehmen. Ich frage ihn, was mit Spuren sei, Fingerabdrücke und so. Das mache an einem Fahrrad keinen Sinn, meint er. Ich gebe mich geschlagen, wahrscheinlich gucke ich wirklich zu viele Krimis.

Da entdeckt er das Schild, das auf Videoüberwachung hinweist. Er fragt den Jüngelchen-Bewacher, ob dieser Bereich auch überwacht wird und wie lange die Aufzeichnungen zurückverfolgbar seien. Der sagt was von 48 Stunden, was drüber hinaus gehe, werde archiviert und da was zu suchen, wäre unheimlich aufwändig.

Der Bewacher bietet an, mal rückwärts zu spulen und fragt den Freund, ob er mitkommen und es sich ansehen möchte. Der jedoch gibt vor, mit mir inzwischen die Formalitäten erledigen zu müssen. Ich habe den Eindruck, dass er nicht sonderlich traurig darüber ist, das angrenzende Naturschutzgebiet nicht betreten zu müssen.

Ich gehe mit dem Freund zum Auto. Wir erledigen die Formalitäten. Während dieses Vorgangs erfahre ich, dass ich nicht Täter oder Opfer bin, sondern Zeuge. Entsprechend werde ich belehrt. Der Helfer daddelt inzwischen teilnahmslos auf seinem Handy rum. Als ich meinen Beruf angeben muss, kommt plötzlich Leben in seinen Körper. Er dehnt seinen Leib, dreht sich um und fragt mich, für welches Organ ich tätig sei.

Mich irritiert sein plötzliches Interesse an meiner beruflichen Situation. Solcherart Aufmerksamkeit hätte ich mir von ihm auch für mein Fahrrad gewünscht und vor allem für die Frage, wer der Dieb sein könnte. In diesem Moment klopfts von draußen ans Auto. Der Bewacher ist zurück und meldet, dass er sich die letzten 72 Stunden (???) angeschaut hätte und das Fahrrad immer da gestanden habe.

Ich rechne kurz zurück. Am Sonntag stand es noch nicht da. Das war vor ungefähr 69 bis 70 Stunden. Ich tippe dem Freund von hinten auf die Schulter und setze ihn vom Ergebnis meines Rechenvorgangs und der entstandenen Differenz in Kenntnis. Der dreht sich um und meint ratlos:

Er sagt so, sie sagen so. Was soll ich da machen?

Da er sich offenbar schon entschieden hat, wem er zu glauben bereit ist, will ich ihn nicht noch weiter verunsichern. Die Formalitäten sind jetzt eh erledigt. Mein Fahrrad gehört wieder mir. Bevor ich aussteigen kann, muss der Freund raus in den Regen. Meine Tür lässt sich nur von außen öffnen. Am Ende also doch wenigstens ein Hauch von Krimi.

Während ich mein Fahrrad-Wrack durch den strömenden Regen schiebe, ordne ich die Erlebnisse der vergangenen Stunden. Mein Sicherheitsgefühl hat sich entgegen der Prognosen der jüngsten Kriminalitätsstatistik nicht wirklich signifikant verbessert.

Ich bin mir sicher, sehr sicher sogar, dass der Dieb nicht im Hotel residiert. Mir wurden schon Fahrräder gestohlen, als dort noch das gesamte Spektrum vom Handelsvertreter bis zum heimlichen Liebespaar abgestiegen ist. Auch sehe ich täglich, was am Alten Friedhof, in der Parkstraße und vor den Einkaufsmärkten abgeht. Außerdem will ich nicht glauben, dass jemand ein Fahrrad stiehlt und es dann nur ein paar Meter weiter ganz offen vor seiner eigenen Haustür parkt.

Natürlich bin ich mir andererseits auch sicher, dass hinter den gelben Mauern nicht alles koscher zugeht. Aber wenn, dann geht es da um ganz andere Kaliber als darum, gebrauchte Fahrräder aus purer Langeweile so lange umzuschrauben, bis man nicht mehr damit fahren kann. Sowas scheint mir eher Sache von durch Drogen verändertem Gen-Material aus Markranstädter DNA. Ist aber auch nur ’ne Vermutung.

Schade, dass meine Freunde und Helfer die Sache mit dem Überwachungsvideo nicht einmal ordentlich ignoriert haben. Mit diesem Beweis auf dem Silbertablett hätte man vielleicht nicht nur eine ganze Diebesbande endlich mal auffliegen lassen können, sondern zugleich auch den durch den Fundort möglicherweise auf das Naturschutzgebiet abgelenkten Generalverdacht entkräften können.

Ist aber nicht. Und so warte ich nun wieder mal auf Post vom Staatsanwalt, der mir in Bezug auf den Tatvorwurf „Besonders schwerer Fall des Diebstahls“ mitteilt, dass das Ermittlungsverfahren eingestellt wurde, weil der Täter bisher nicht ermittelt werden konnte.

Das Schreiben werde ich dann zu all den anderen Einstellungsmitteilungen heften, die bereits in meinem Extra-Ordner „Staatsanwalt – Ermittlung eingestellt“ ruhen. Und dann werde ich geduldig warten, bis mir endlich auch mein ersteigertes 21-Euro-Rad geklaut wird. Das senkt die Kriminalitätsstatistik! Je billiger der Drahtesel, umso geringer der Schaden, desto besser die Statistik und umso größer das Sicherheitsgefühl. Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet, dass der Landrat auch morgen noch zufrieden lächelnd aus dem Rathaus schreiten kann.

 

Ein besonders schwerer Fall des Diebstahls (2)

Was bisher geschah: Dem MN-Vorsitzenden wird das Fahrrad gemaust. Ein paar Wochen später findet er es unweit des Tatortes wieder. Sein rechtsstaatlich verformter Geist frohlockt schon bei der Vorstellung, dem in Handschellen abgeführten Dieb bald Aug‘ in Aug‘ gegenüberzustehen. Ganz nebenbei könnte damit auch die Sicherheitslage in Markranstädt erhöht werden. Dazu muss er jetzt aber erstmal beim Polizeirevier anrufen.

Da unserem Mann während des Telefonats vor Lachen mehrmals der Hörer runtergefallen ist, kann das folgende Gespräch nur als eine Art Erinnerungsprotokoll wiedergegeben werden. Zum Glück war eine weitere Person zugegen, die etwaige Gedächtnislücken schließen konnte. Die Konversation hörte sich ungefähr wie folgt an:

Polizeirevier Südwest, guten Tag.

(Ich will erstmal testen, wie der Typ drauf ist und ob er Spaß versteht.) Ja, tach. Ich habe soeben einen besonders schweren Fall des Diebstahls aufgeklärt. Bin ich da bei ihnen richtig?

Jahaha, sinse! (lacht laut) Na dann erzählnse mal. (Es knarzt im Hörer. Klingt, als würde er es sich in seinem Sessel bequem machen)

(voller Stolz) Hab sogar ne Tagebuchnummer! Wollnse die erstmal?

(stutzt kurz) Jo, dann …ä…dann schießense mal los.

Ich diktiere ihm die Nummer.

So – und um was geht’s da nun?

Ja, das ist mein Fahrrad. Und ich habs grad wiedergefunden.

Ganz kurz gehe ich mit der Hoffnung schwanger, dass ihn diese kriminalistische Höchstleistung dazu motivieren könnte, mir spontan das Kommando über ein SEK anzubieten. Aber die Blase platzt nur Millisekunden später.

Na das ist doch schön.

Ja, nicht?

Pause

Sinse noch dran? Was machmern jetzt?

Wo stehts denn?

Markranstädt, Hotel Gutenb… (als hätte ich bei Google die Option „autovervollständigen“ aktiviert, spricht der Beamte weiter)

… ah ja, GU Krakauer Straße.

Wow!

Wieder Pause.

Un nu?

Jaaaä … es regnet grade und unsere Teams sind alle im Einsatz. Sobald eins frei wird, schicke ich es zu ihnen raus. Die gucken sich das vor Ort an und wenns ihr Fahrrad ist, löschen wir es aus der Fahndungsliste und sie können es wieder mitnehmen.

Wie jetzt? Das Teil ist Schrott! Ich will diesen Metallhaufen nicht wieder mitnehmen!

Müssense aber. Is ja ihrer. (hat sich von meiner Heiterkeit offenbar endgültig anstecken lassen)

Jetzt entwickelt sich das Gespräch zum telefonischen Kabarett.

Äh … pfff … urg … das ist ja nicht mal mehr fahrbereit. Ich meine: Wie soll ich’n das nach Hause kriegen?

(packt in Sachen Humor noch einen drauf) Ja also – ich kanns ja mal versuchen, aber ich glaube nicht, dass ihnen die Polizei extra für ihre Fahrradreste einen Transporter nach Markranstädt schickt.

Jetzt bekommen wir beide einen Lachanfall. Ich bedaure, dass es das Schicksal offenbar vorgesehen hat, so einen lustigen Typen bei den Kalkmützen vertrocknen zu lassen. Als Erfolgsautor bei einem deutschlandweit beachteten Satire-Organ hätte er deutlich bessere Perspektiven. Als ich mich frage, ob ich ihn darauf nicht mal ansprechen soll, setzt er die Konversation in ungebrochener Heiterkeit fort.

Wollnses nun wiederhaben oder nicht? Ich meine, wenns eh nur noch Schrott ist …

Nur mal für mich, so zum Verständnis: Jemand klaut mein Fahrrad, kloppts kaputt und ich muss es dann so wieder zurücknehmen?

Jepp!

Hm … und dass ich es nicht wieder zurücknehmen und selbst entsorgen muss, das geht nur dann, wenn ich … sagen wir mal …

… wenn sie sich geirrt haben und es nicht ihrs ist. Sagen wirs mal so: Wenn der Schrotthaufen ihr Fahrrad war und sie von der Versicherung dafür Geld bekommen haben, müssten sie es dann sogar zurückzahlen. Vielleicht gehen sie ja nochmal in sich? Schauen sie ruhig noch mal nach, ob es wirklich ihr Fahrrad ist. Man kann sich da ganz schnell mal irren.

Das hab ich verstanden. Aber ich finde den Typen so sympathisch, dass es mir ein aufrichtiges Bedürfnis ist, ihn vor weiterem unnützen Aufwand zu bewahren. Also gebe ich zu bedenken:

Wenns jetzt – sagen wir mal – nicht mein Fahrrad wäre, dann können sie es aber auch nicht aus ihrer Fahndungsliste streichen und müssten weiter danach suchen, obwohl sie jetzt wissen, wo’s steht …

Schweigen!

Oder war da doch ein Geräusch? So eine Art unterdrücktes Prusten?

In diesem Moment wird mir die Ungeheuerlichkeit meiner Aussage bewusst. Ich hatte mit meinem völlig weltfremden Argument unterstellt, dass nach meinem Fahrrad tatsächlich gefahndet wird. Oh Gott, wie peinlich!

Beschämt versuche ich, aus der Nummer irgendwie rauszukommen und sage dem Beamten, dass ich die Fragmente meines Fahrrads noch einmal genau inspizieren und mich danach melden werde.

Bis dahin solle er Einsatzkommando, KTU, Kriminalpathologie sowie Fährtenhunde zurückhalten und auch das BKA noch nicht informieren.

In den folgenden Minuten gehe ich wirklich in mich. Ich sehe im Geiste den geilen Rahmen (eine Sonderanfertigung!), den Sattel und den Lenkervorbau, die alle noch dran sind. Allein der Sattel ist mehr wert als das ganze Fahrrad.

Die Schutzbleche haben die Idioten abmontiert, damit sie die abgefuckten 28-Zoll-Räder aus einem anderen geklauten Fahrrad einbauen konnten.

Dass die Felgenbremse jetzt nicht mehr auf die Felge, sondern in die Speichen greift, konnten die Trottel leider nicht mehr erleben, weil sie ein kaputtes Hinterrad eingebaut hatten und deshalb wahrscheinlich nie auch nur einen Meter mit ihrer neuen Beute gefahren sind. Bremsweg drei Millimeter … ich hätt’s so gern gesehen. Kackbratzen, die.

Bevor die alte Wut wieder Besitz von mir ergreift, rufe ich meinen neuen Freund im Kabarett am Ratzelbogen zurück.

Hallo, hier ist wieder der Fahrrad-Mann.

(lacht und in seiner Stimme schwingt aufrichtige Freude)  Ich hörs! Und … überlegt?

Ja! (jetzt senke ich die Stimme und sage in John-Wayne-Slang) ICH ZIEHE DAS DURCH!!!

Am anderen Ende höre ich ein Geräusch, das mich an die Landung einer herabfallenden Kinnlade auf dem Schreibtisch erinnert.

Wie jetzt? Echt?

Ja! Wissen sie, ich bin Journalist und ich kenne Kollegen, die würden für so eine Story ’ne Menge geben. Mir fällt sie sozusagen gratis in den Schoß und da will ich jetzt natürlich auch wissen, wie sie ausgeht.

Das Kapitel mit dem Humor ist damit augenblicklich beendet. Die Stimme am anderen Ende wird wieder ernst, wobei ich auch einen Hauch Mitleid herauszuhören glaube.

Ja okay, dann … Ihre Nummer hab ich ja. Ich schicke ihnen dann zwei Kollegen vorbei, die melden sich bei ihnen.

Schön. Danke.

… derhörn. (Klack)

Als eine halbe Stunde später zwei Uniformierte scheinbar teilnahmslos durch den Hof spazieren und sich die Hausfassaden betrachten, beginnt der dritte Teil der Dramödie.

Nie hätte ich gedacht, dass die bisherigen zwei Akte noch zu toppen wären und ich mich irgendwann allein aus Gründen guter Unterhaltung sogar danach sehnen könnte, dass mir wieder mal ein Fahrrad geklaut wird.

(Fortsetzung folgt)

 

Ein besonders schwerer Fall des Diebstahls (1)

Mehr als die Hälfte aller im Freistaat Sachsen entwendeten Fahrräder werden im Bereich der Polizeidirektion Leipzig gestohlen. Gefühlte 156 Prozent davon in Markranstädt. Dem Nachtschichten-Team ist es kürzlich gelungen, einen „StGB § 243 besonders schweren Fall des Diebstahls“ aufzuklären. Ein nicht nur wichtiger Beitrag zur Steigerung des Sicherheitsgefühls in unserer Stadt, sondern zugleich ein neuer Höhepunkt satirischer Lebensqualität. Unglaublich, was’n Spaß kriminalpolizeiliche Ermittlungsarbeit mit sich bringt!

Es ist kaum eine Woche her, dass Landrat Henry „Smileface“ Graichen zufriedenen Schritts das Rathaus verließ. Kurz zuvor gabs ein Treffen mit Bürgerpolizist und -meister, dessen Extrakt den König des Landkreises offenbar noch zufriedener lächeln ließ. Heißt: Alles in Ordnung in Markranstädt, keine Probleme. Aber nur wenige Tage später neigte sich eine Geschichte ihrem Ende entgegen, die es angesichts des Trialogs im Rathaus nie gegeben haben dürfte.

Sonntag, 22. April, 14 Uhr:
Vier MN’ler starten zur Reportage-Umrundung des Kulki. Ich bin dabei! Allerdings sollte es für mich die letzte Fahrt auf meinem Drahtesel werden.

Sonntag, 22. April, 21 Uhr:
Tour beendet. Wir wollen uns im Bunker nochmal kurz zusammensetzen und unsere auf dem Trip gesammelten Erfahrungen zu Papier bringen. Ich stelle das Fahrrad in den Ständer vor der Haustür und schließe es an. Danach gehe ich zu Fuß in die Nachtschichten-Höhle.

Montag, 23. April, 17 Uhr:
Ganzen Tag unterwegs gewesen. Ich komme nach Hause und stelle fest, dass das Fahrrad weg ist. Leider ist mein ABV nicht mehr im Büro und im übergeordneten Revier in der Ratzelstraße geht niemand mehr ans Telefon. So beschließe ich, mit der Anzeige bis zum nächsten Tag zu warten und bis dahin meinen Zorn auf die gesellschaftlichen Bestandteile Dreckspack und Gesindel zu kultivieren. Vor allem die Ethnien der Pfoten-abhacken-müsste-man-denen kriegen zusammen mit den Ins-Lager-sperren reichlich zu hören.

Dienstag, 24. April, 15 Uhr:
Ich klingle am Bürgerbüro. Mein ABV öffnet die Tür, schaut mich entgeistert an und fragt:
’sn nu schon wieder los?
Wie immer: Fahrrad.

Schlagartig entweicht Luft aus seinen Lungen und seine Schultern geben im 45-Grad-Winkel der Erdanziehungskraft nach. „Hmm, gut … mmse rein.“ Seine Handgriffe sind routiniert, mit schlafwandlerischer Sicherheit findet er alle Formulare. Die Hefter, in denen sie ruhen, sind abgegriffen. Die Aufnahme von Diebstahlsanzeigen sind in diesem Raum quasi Lebensinhalt und Karriereende zugleich.

Am Schreibtisch wird mir klar, dass so ein Fahrrad fast sowas wie eine Frau ist. Man reitet ständig drauf rum, aber so richtig kennen tut man sie nicht. Wissen Sie, ob Ihr Fahrrad Bärentatzen hat oder ob es ein Touren,- Trekking- Cross- oder Reiserad ist? Oder gar ein MTB? Meins war von allem etwas und vor allem bin ich damit Fahrrad gefahren. Aber eine intersexuelle Auswahlmöglichkeit gibts auf dem Formular (noch) nicht.

Ist eh sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen. Das Teil ist weg und niemand – auch nicht mein ABV – wird ernsthaft danach suchen. Es geht nur um die Tagebuchnummer für die Versicherung. Also kreuze ich die Felder auf dem Zettel nach bestem Wissen und Gewissen an und reiche meinem Bürgerpolizisten das Dokument zurück.

Eine halbe Stunde später stehe ich, meine Anzeige in der Hand, wieder auf der Straße. Jetzt habe ich eine Tagebuchnummer! Die gebe ich wenige Minuten später meiner Versicherung durch. Der Geschlipste offeriert mir, dass ich für meinen Oldtimer maximal 120 Euro bekommen würde und das zudem letztmalig.

Mit dem dritten Diebstahl binnen zwei Jahren wäre ich ein Serienopfer und somit nicht mehr versicherungswürdig. Ich sollte mir deshalb sehr gut überlegen, ob ich die Lappalie wirklich zum Versicherungsfall machen wolle.

Der Schlipsträger unterstützt meine Entscheidung mit der Bemerkung, dass ich in Markranstädt wohne und es deshalb nicht lange dauern kann, bis mir wieder mal der komplette Keller ausgeräumt wird. Es würde doch mehr Sinn machen, die letzte der drei Haselnüsse für diesen Fall aufzuheben. Ich gebe mich geschlagen. Noch am Abend räume ich alles, was Wert hat und nicht mehr gebraucht wird, von der Wohnung in den Keller.

Samstag, 5. Mai, 10 Uhr:
Bei einer Fundsachenversteigerung erhalte ich den Zuschlag für ein nahezu neuwertiges Fahrrad, das zudem technisch top in Schuss ist. Es kostet mich ganze 21 Euro. Nun bin ich wieder mobil und kann damit nach meinem gestohlenen Rad suchen.

Es geht mir inzwischen längst nicht mehr um den materiellen Verlust, sondern um die Wiederherstellung meines verletzten Stolzes. Irgendwer muss solchen Typen doch mal mit einer Lenkstange die Pfoten brechen, damit endlich wieder Zucht und Ordnung einkehren!

Sonntag, 13. Mai, 19 Uhr:
Jemand hat mir mitgeteilt, dass er ein Fahrrad gesehen hat, das meinem sehr ähnlich sieht. Ich schwinge mich auf meinen ersteigerten Drahtesel und schaue vor Ort nach. Aber da ist nix (mehr). Einer inneren Eingebung folgend, fahre ich auf dem Rückweg am Hotel „Damaskus“ vorbei. Hab ich in den letzten Tagen schon immer mal wieder gemacht. Weiß auch nicht warum.

Gewisse Informationen aus Bevölkerungskreisen haben in mir den Verdacht geweckt, dass die Integration von fremdem Eigentum dort besser klappt als die der Hotelgäste. Aber als ich um 20 Uhr (bitte merken, diese Zeitangabe wird später noch mal wichtig!) dort ankomme, ist mein Fahrrad nicht im dort abgestellten Fuhrpark integriert.

Mittwoch, 16. Mai, 15 Uhr:
Sie haben eine E-Mail!“ Mein Paket ist da. Seit ich schmerzlich erfahren habe, dass beim Dienstleister dpd die Begriffe ‚Logistik‘ und ‚Logik‘ wirklich nichts weiter verbindet als eine Ähnlichkeit im Wortklang, lasse ich meine Pakete lieber im Pick-up-Shop abgeben. Da wissen die Zusteller wenigstens, wo das ist und ich weiß, dass es dort ankommt. Fortschritt und Wachstum entwickeln sich immer schneller. Ich hole mir meine Pakete jetzt selbst ab.

Auf dem Weg dorthin fahre ich rein prophylaktisch am Hotel vorbei. Beim schweifenden Blick über die Fahrradständer entdecke ich … Wahnsinn! … mein gestohlenes Fahrrad. Das heißt, eher seine Reste. Es ist wie ein Stich in die Seele. So muss das liebend Herz einer Trümmerfrau gefühlt haben, als ein menschenähnliches Wrack nach Jahren der Gefangenschaft in ihrer Tür stand und sich als ihr Mann ausgab.

Ich fotografiere den Schrotthaufen, streichle zärtlich über den Rahmen und flüstere ihm zu „Bleib hier und rühr dich nicht von der Stelle. Ich hole dich hier raus!“ Dann will ich ins gelbe Haus einrücken und das Gespräch mit der Lagerkommandantur suchen. Muss ja möglich sein, sowas per Dialog zu lösen.

Die Tür ist verschlossen, aber kaum habe ich den Klingelknopf losgelassen, surrt der Türöffner. In der Lobby kommt mir ein Jüngelchen entgegen, dem ich selbst bei optimistischster Sozialauswahl nur eine Perspektive als Steuermann in einem Ruderachter gegeben hätte.

Wissen sie, wer hier’n Hut auf hat? Hätte gern mal einen Verantwortlichen gesprochen.

Heimleitung erst morgen wieder.

Hier muss doch jemand da sein, der …

…bin ich. Eigentlich der Hausmeister hier, aber jetzt grade, abends …

In mir wächst der Respekt. Der Steuermann eines Ruderachters als nächtlicher Lagerkommandant in einem internationalen Schmelztiegel der Religionen. Kein Wunder, dass dieses Gemäuer weithin als Hort der Zucht und Ordnung gilt.

Ja dann – geben sie mir doch mal bitte die Rufnummer dieser … Heimleitung?!

Nee, erst morgen wieder.

Äh … ja … wie jetzt? Ist das eine Hotline, die nur zeitweise geschaltet ist oder kriegen sie die Nummer jeden Tag neu? Die müssen doch erreichbar sein.

Ja, morgen wieder. Um was geht’s denn?

Mir hamse’s Fahrrad geklaut und jetzt stehts bei ihnen da draußen.

Ja dann gehnse am besten gleich zur Polizei.

Okay, mach ich. Tschüß und viel Glück für heut‘ Nacht.

Ja danke, tschüß. (Geht in eine Art fest installierten Fahrstuhl und schließt sich dort ein.)

Ich radle zum Pick-up-Shop, hole mein Paket ab und fahre volley zum Büro des ABV. Natürlich nicht ahnend, dass Mittwoch ist und die Uhr außerdem schon 17 Uhr zeigt.

Die Tür ist verschlossen, aber weit und breit auch kein Schild mit den Öffnungszeiten zu sehen. Also klingle ich. Sekunden später knarzt es im Lautsprecher der Wechselsprechanlage.

Krrrtzkrrr …evier…ch-ch-cht… üdwest, ja bitte?

Ähm, ich bin hier wegen meines Fahrrades. Können sie mich bitte reinlassen?

Es ist niemand da!

Aha! Ich muss mich sammeln, blicke mich um nach einer Drohne oder wenigstens einer versteckten Kamera. Und mit wem spreche ich jetzt, wenn keiner da ist?

Hier ist das … In diesem Moment donnert ein LKW hinter mir durch die Zwenkauer Straße und übertönt die Stimme aus der Parallelwelt. Als sich der Lärm legt, höre ich gerade noch die Wortfetzen …hier in Leipzig.

Alle Wetter, so weit sind die schon! Können sich von Leipzig aus in Markranstädter Wechselsprechanlagen hacken und so ein tiefes Gefühl von innerer Sicherheit vor Ort bis in den letzten ländlichen Winkel transportieren. Das nenn ich mal innovativ. Als ich dem Lautsprecher antworten will, schaltet die Ampel hinter mir auf Grün und macht sämtliche Versuche interaktiver Kommunikation zunichte. Ich brülle in die Anlage: „Ich geh nach Hause und ruf sie von dort aus an!“

Durch ein mir physikalisch nicht erklärbares Wunder muss er diese Worte verstanden haben, obwohl hinter mir gerade ein ganzer Konvoi tonnenschwerer Mautflüchtlinge mit Vmax über die Bodenwellen vor der Ampel donnert.

Was wollnse denn? (der gehackte Lautspecher bleibt hartnäckig)

Macht so keinen Sinn. Ich ruf sie an!

Nach diesem abrupten Ende der Konversation fahre nach Hause.

Was mich in den folgenden drei Stunden erwartet, ahne ich in diesem Moment nicht einmal ansatzweise. Selbst unter Drogen kann sich der menschliche Geist nicht so weit öffnen, um die kommenden Geschehnisse wenigstens als Trugbild zuzulassen.

(Fortsetzung folgt)