L’amour toujours: Ein Lied geht um die Welt

Hatten Sie vor der großen Werbeaktion der deutschen Medien schon mal was von dem Lied „L’amour toujours“ gehört? Wir auch nicht, und Claus Narr gleich gar nicht. Der stand bisher mehr so auf alte Märsche. Doch seit dieser Woche ist auch der MN-Führer ein absoluter Fan heliumleichter Ballermann-Musik. Diese Abkehr von revanchistischem Liedgut, in dem es im wummernden Takt frisch geputzter Stiefel um Leute geht, die gen Engeland ziehen oder in fest geschlossenen Reihen ihre Fahnen hoch halten, hätte er ohne die meinungsbildende Unterstützung der deutschen Medien allerdings nie geschafft. Zeit für tief empfundene Zeilen eines aufrichtigen Dankes.

Vor einigen Jahren hatte ich mal einen Prozess gegen einen Politessrich gewonnen. Der hatte seelenruhig dabei zugesehen, wie ich mein Auto auf einem Behindertenparkplatz abgestellt habe und mir dann ein aufmunterndes Knöllchen an die Scheibe gespeichelt.

Das heißt: So richtig gewonnen habe ich leider nicht, aber der uniformierte Kommunalscherge hat auch ganz schön was auf den Deckel gekriegt. Er hätte nämlich schon bei meinem Versuch, das Fahrzeug falsch abzustellen, energisch einschreiten müssen. Neben der verpflichtenden Vereitlung von Untaten kam im Prozess auch die jedem Bürger obliegende „Schadensminderungspflicht“ zur Sprache.

Den Schaden multipliziert

Die hat jeder und immer, erfuhr ich aus dem berufenen Munde des Richters. Aus dem Juristendeutsch übersetzt heißt das, dass man die Pflicht hat, alles zu tun, damit ein entstandener Schaden nicht noch größer wird.

Wenn ich mir vor diesem Hintergrund anschaue, wie Deutschlands Qualitätsmedien in dieser Woche mit einem auf Sylt gedrehten Video umgegangen sind, beschleichen mich allerdings ernsthafte Zweifel an diesem hehren Grundsatz.

Vorm Gesetz gleicher?

Auf der Schwelle des 75. Lebensjahres unseres Grundgesetzes stehend, muss ich feststellen, dass nicht nur alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, sondern die Medien offenbar sogar noch ein ganzes Stück gleicher. In den Redaktionen wurden sämtliche Register gezogen, um die mutmaßlich verfassungsfeindlichen Inhalte des Videos allen Bürgern zugänglich zu machen.

Der Rettungsstand am Strand auf Sylt ist verwaist. Nachdem die Medien sowohl das Lied als auch dessen Text in ganz Deutschland verbreitet haben, kommt jede Hilfe zu spät.

Der Rettungsstand am Strand auf Sylt ist verwaist. Nachdem die Medien sowohl das Lied als auch dessen Text in ganz Deutschland verbreitet haben, kommt jede Hilfe zu spät.

Mit bemerkenswertem Erfolg allerdings, das muss ich zugeben. Hatte ich das Lied „L’amour toujours“ bis dato noch nicht einmal gehört, kenne ich jetzt sogar dessen Text. Binnen weniger Stunden konnte ich die Hymne fehlerfrei mitsingen. Zumindest die deutsche Version.

Im Hirnumdrehen ein Hit

Die Propagandamaschine der deutschen Medien hat mich und Millionen andere im Hirnumdrehen als Follower generiert und den Ohrwurm damit in die Charts katapultiert. Eine beachtliche Leistung.

Sorgen mache ich mir eigentlich nur darüber, dass mich mal jemand dabei filmt, wie ich meine Verwandtschaft nach einer Feier vom Balkon aus verabschiede und ihr nachwinke, während sie zurückwinkt.

Im richtigen Moment angehalten, lässt sich da bestimmt ein Standbild herauskopieren, auf dem mein Arm gerade zu einem veritablen deutschen Gruß erigiert ist. Ich lese schon die Schlagzeile: „So braun ist Markranstädt: Hofnarr hält Führeransprache vom Balkon aus – das Volk jubelt ihm zu!“

Ähnliche Erfahrungen hat wohl auch die neu entdeckte Syltkröte gemacht, die von Forschern der Politanthropologischen Unität Ostfriesland unmittelbar nach Verbreitung des Videos aufgespürt wurde und die mit ausgestrecktem Vorderlauf seither durch die sozialen Netzwerke geistert.

Die Syltkröte erhielt ihren Namen, weil sie einen formidablen deutschen Gruß hinbekommt.

Die Syltkröte erhielt ihren Namen, weil sie einen formidablen deutschen Gruß hinbekommt.

Auf der anderen Seite erübrigen sich damit auch die üblichen Floskeln. „Oh, ihr seid im Urlaub aber braun geworden, wo wart ihr denn?“ Die ehrliche Antwort auf das geheuchelte Interesse kann nur lauten: Auf Sylt!

Die Kernbotschaft der Woche lautet also: Wer was zu sagen hat, das den meinungsstalinistischen Grundsätzen unserer Gesellschaft entgegensteht, der weiß jetzt, wie man die Medien bei deren Verbreitung einspannen kann. Da behaupte noch einer, in den Schreibstuben und Sendestudios wäre man linientreu.

Die wahren Sorgen der Medien

Aber die Fernsehmacher haben aktuell sowieso ganz andere Probleme. Vor allem das ZDF, das soeben das „wokeste Jahr“ seiner Geschichte ausgerufen hat, blickt in eine spannende Zukunft. Stichworte wie kulturelle Aneignung, rassistische Stereotype, sexistische Inhalte, Diversität und so weiter lassen sich im Zeitalter der legislativen Monarchie zusammengefasst in die Rolle der Bedeutung orgastischer Verknispelung der Synapsen  pressen.

Neger dürfen nur noch von Negern gespielt werden (kein Blackfacing), Chinesen von Chinesen (kein Yellowfacing) und Indianer von Indianern (kein Redfacing). Allein die Tatsache, dass einer wie Gojko Mitic für seine kulturell aneignenden und rassistische Stereotype bedienenden Darstellungen der DEFA-Vergangenheit heute auch noch eine Rente bekommt, ist vor diesem Hintergrund geradezu unerträglich. Howgh, ich habe gesprochen!

Aber so weit, so gut. Schwierig wird das Ansinnen des ZDF allerdings bei Filmen, in denen Nazis mitspielen sollen (Brownfacing).

Wo castet man Mörderinnen?

Reicht da beim Casting die Vorlage eines Parteiausweises oder sollte der Bewerber um die Rolle des Hauptsturmführers Fritz Müller wenigstens schon mal durch einen gepflegten Schusswechsel bei einer Demo in Leipzig polizeibekannt aktenkundig geworden sein? Und wo rekrutieren die Produzenten von Kriminalfilmen künftig eigentlich ihre Mörder oder Vergewaltiger?

Sylt den Syltern, Landeier raus! Der feministische Frauenkreis der CSU-Jugend "Garmisch-Partenkirchener Maiden" räumt seine Stellung auf der Nordseeinsel.

Sylt den Syltern, Landeier raus! Der feministische Frauenkreis der CSU-Jugend „Garmisch-Partenkirchener Maiden“ räumt seine Stellung auf der Nordseeinsel.

Zum Glück ist das Problem aber nur halb so groß wie es scheint. Ebenso wie Nazis, Täter, Steuerhinterzieher oder Raser, gibt es auch Mörder und Vergewaltiger in den woken Medien nur in männlicher Ausführung. Die feminimöse Hälfte der Bevölkerung darf weiter nach Herzenslust gecastet werden, da sie ja per se ausschließlich sämtliche Charaktereigenschaften zwischen gut und unschuldig repräsentiert.

Ganz meiner Deinung

Und so bleiben uns nach dem Ende der vom deutschen Gesinnungsadel angezettelten Kulturrevolution, an dem die Meinung durch die Deinung ersetzt sein wird, wenigstens Filmfiguren wie Krankenschwesterin Agnes Kraus oder die Rüdin Lassie erhalten. Rüdiger wie Idefix oder Pluto müssen hingegen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen werden, bevor sie wieder auf das Publikum losgelassen werden können.

Das Truthuhn und Put*in

Bei Neuverfilmungen werden wir uns beispielsweise in Dokus aus dem Tierreich allerdings an Spezies wie das Truthuhn oder die Dina-Saurierin „Rosalie“ (ein friedliches, sich vegan ernährendes T-Rex-Weibchen mit rosa Schuppen) gewöhnen müssen. Und in politischen Formaten an zurechtgegenderte Hauptdarsteller wie Put*in.

Impfstoff als letzte Chance für die Menschheit

Und dann kursieren ja auch immer noch die Verschwörungsgedanken, wonach der Corona-Impfstoff das Erbgut der Menschen verändern würde. Wie sehr wünsche ich mir an Tagen wie diesen, dass an der Theorie wirklich was dran wäre.

Wenigstens eine kleine Veränderung in irgendeiner Amino-Säure-Kette oder sowas. Es kann nur positive Auswirkungen auf den Fortbestand der Menschheit haben. Sozusagen die letzte Chance für die letzte Generation.

Eingemeindung: Wie Markranstädt der Stadt Leipzig eine Abfuhr erteilt

In letzter Zeit wurden die Befürchtungen immer lauter, dass Markranstädt auf eine Eingemeindung in die Stadt Leipzig zusteuert – oder zugesteuert wird. Die Markranstädter Nachtschichten haben deshalb die letzten Tage genutzt, um sich auf die Suche nach Indizien für dieses Gerücht zu machen. Das Ergebnis ist eindeutig: Alles Quatsch! Sowas wie Markranstädt würde Leipzig allein schon deshalb nicht haben wollen, weil man dann in der Messestadt sozusagen gleich zwei Eisenbahnstraßen und auch noch zwei Zoos zu verwalten hätte. Hier drei Ereignisse aus den zurückliegenden Tagen, die das eindeutig belegen.

Die Botschaft steckt schon im Begriff: Es herrscht Wahlkampf und damit ist Markranstädt traditionell Kriegsgebiet.

Was derzeit ab Einbruch der Dämmerung in Lallendorf los ist, hat in diesem Jahr aber eine ganz neue Qualität erreicht. Hier wird nicht mehr gelabert und gleich gar nicht übt man sich im gepflegten Austausch von Meinungen oder Argumenten. Es wird gekloppt, was das Zeug hält.

Schlachtfeld Weststraße: Der Grund dieses Angriffs gibt Rätsel auf, denn die SPD hat gar keine Erziehungslager in ihrem Programm stehen.

Schlachtfeld Weststraße: Das passiert, wenn keine der Parteien die Errichtung von Erziehungslagern im Programm hat.

Ein Blick auf das, was in den Straßen der Stadt von den Wahlplakaten übrig ist, macht dem Phänomen der „Wahlverdroschenheit“ alle Ehre.

Wahlverdroschenheit

Zum Glück herrscht woanders Krieg und Deutschland hat die Chance genutzt, seinen Schrott der Ukraine anzudrehen. Nicht auszudenken, wenn Lallendorfer Militaria-Sammler die Fronten vor Ort aufrüsten könnten.

Achtung! Nachdem am Kreisel in der Leipziger Straße die Ampel ausgeschaltet wurde, hat Vorfahrt, wer von rechts kommt.

Achtung! Nachdem am Kreisel in der Leipziger Straße die Ampel ausgeschaltet wurde, hat Vorfahrt, wer von rechts kommt.

Okay, ein Blick in die Historie zeigt, dass man auf allen Seiten auch früher schon nicht zimperlich war.

Während die Bolschewiken sogar heute noch stolz darauf sind, dass die Arbeiterfahne ihre Farbgebung einst durch Menschenblut erhielt, zählte es bei der SA zu den schlagfertigsten Argumenten, wenn man bei Wahlveranstaltungen mindestens einen Bierkrug auf dem Schädel des politischen Gegners zertrümmerte. Und das war erst der Anfang.

Reden und überzeugen scheint heute ebenso unmöglich wie zuhören und sich überzeugen lassen – und sei es nur zu einem Kompromiss oder einer Geste des Verständnisses. Aber mit wem auch sollte man reden?

Recycling der Kasperköpfe

Die sich heute nach Gesprächen und einer zivilisierten Streitkultur zurücksehnen, waren 2015 in Dresden oder Leipzig selbst nicht bereit, mit Demonstranten, Andersdenkenden oder einfach nur von Angst getriebenen Menschen zu sprechen. „Wer Pack sät, wird Sturm ernten“, heißt bei Erzengel Gabriel im 4. Buch Siegmar.

Und so sieht es in diesen Tagen in Markranstädt aus, wie es in diesen Tagen in Markranstädt aussieht: Jede Menge zerrissenes Papier. Hier könnten sich allerdings mal die Jüngsten gesellschaftlich einbringen. Wenn sie in den Kitas die zerfetzten Plakate einweichen und Pappmache draus machen, ließen sich daraus herrliche Kasperköpfe herstellen. Recycling in reinster Bedeutung des Wortes.

Das neue Stadtbad

Auch ein Zustand, der Leipzig im Falle einer Eingemeindung schlecht zu Gesicht stehen würde, ist der barrierefreie Zugang zum Bahnhof.

Vorerst nur eine Vision: Wenn erst der Fahrstuhl da ist, kann das Wasser mit ihm nach oben transportiert werden.

Vorerst nur eine Vision: Wenn erst der Fahrstuhl da ist, kann das Wasser mit ihm nach oben transportiert werden.

Am Mittwoch war er nicht einmal für Nichtbehinderte erreichbar. Grund waren offenbar die zwei Wochen zuvor in der Unterführung zelebrierten Mäharbeiten. Die haben die Pflanzen derart geschwächt, dass ihre Wurzeln kein Wasser mehr aufnehmen können. Den Rest hat der Regen am Mittwochmorgen erledigt.

Eigentlich eine Steilvorlage für den Wahlkampf. Die Kritiker des von der Stadt co-finanzierten Fahrstuhls könnten mit dem Argument mundtot gemacht werden, dass man dann zum Abschöpfen des Wassers keine Menschenkette mehr bilden muss, sondern die vollen Eimer mit dem Lift nach oben fahren kann. Oder besser noch: Einfach den Elevator im Erdgeschoss öffnen, das Wasser reinfließen und oben wieder raus lassen. Aber das ist alles noch Zukunftsmusik.

E-Mobilität ausgeträumt

Die Technologie des kabellosen Aufladens von E-Fahrzeugen soll aus Polen stammen. Jetzt auch am Markranstädter Markt möglich.

Die Technologie des kabellosen Aufladens von E-Fahrzeugen soll aus Polen stammen. Jetzt auch am Markranstädter Markt möglich.

Eine andere Zukunftsvision ist in Markranstädt allerdings schon ausgeträumt. Kurz nach dem Start ins Elektro-Zeitalter ist es in Lallendorf nicht mehr möglich, sein E-Auto an einer öffentlichen Ladesäule aufzutanken. Nachdem vor drei Wochen alle zehn E-Zapfhähne in der Siemensstraße gekappt wurden, traf es jetzt auch die in der Schulstraße stationierte letzte Tankmöglichkeit. Wer CO2-frei in die Zukunft reisen möchte, muss es jetzt wohl den Amish-People in den USA gleich tun und sich Pferde zulegen.

Technik von gestern: Wo sich die roten Punkte befinden, baumelten in der Siemensstraße einst Ladekabel in der Gegend herum.

Technik von gestern: Wo sich die roten Punkte befinden, baumelten in der Siemensstraße einst Ladekabel in der Gegend herum.

In Anbetracht der wegen des verzögerten Glasfaserausbaus steigenden Zahl von Brieftaubenzüchtern sowie der sich an Wahlplakaten vergehenden Hornochsen und Rindviecher droht sich Markranstädt auf diese Weise zu einem Zoo zu entwickeln. Aber auch den hat Leipzig schon, also besteht hinsichtlich einer Eingemeindung wirklich keine Gefahr.

Ausgeeiert: Markranstädter Markt verliert Institution … und die Stadt die Kontrolle?

Das Pfingstfest steht vor der Tür. Weil kaum noch einer weiß, was da eigentlich gefeiert wird, hat man sich in Markranstädt offenbar auf gesamtgesellschaftliche Trauerarbeit geeinigt. Die begann am Montag mit einer Diskussionsrunde zu den bevorstehenden Kommunalwahlen, erlebte am Donnerstag mit einer nahezu teilnahmslosen Sondersitzung des Stadtrats ihren Höhepunkt und endete am Freitag mit einer Schlagzeile, die nicht nur Auswirkungen auf den Markranstädter Wochenmarkt haben wird. Aber der Reihe nach.

Das Restaurant in der Meri-Sauna war am Montagabend rappelvoll. Die lokale Tagesgazette hatte zum Stammtisch vor der Kommunalwahl geladen.

Wer spät kam, fand nicht nur keinen unbesetzten Stuhl mehr vor, sondern konnte sich durchaus in eine andere Zeit an einem anderen Ort versetzt fühlen. Beim Blick von hinten über Köpfe des in Ehren ergrauten Publikums konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich hier ein Baumwollfeld sanft im Wind der amerikanischen Südstaaten wiegt – nur ab und zu unterbrochen von einem brach liegenden Flecken, in dem sich das Licht der Saalbeleuchtung in lustigen Spektralfarben spiegelte.

Wahlkampf am FKK-Strand

Was hat der Abend gebracht? Nun – zunächst einmal weiß der homo marcransis jetzt aus erster Hand, wo und wann es sich am Kulki zu baden lohnt, um seine Volksvertreterinnen hüllenlos zur Rede stellen zu können.

Leider reicht das Selbstbewusstsein der Kandidatinnen noch nicht, um sich in dieser Form auch gleich auf den Wahlplakaten zu präsentieren. Allerdings würde das angesichts der in der Druck- und Papierindustrie geltenden DIN-Formate auch wenig Sinn machen. Also muss der Wähler sehr früh raus an den Kulki, um den direkten Kontakt mit seiner Legislative zu pflegen.

Ein sich sanft im Winde wiegendes Baumwollfeld.

Ein sich sanft im Winde wiegendes Baumwollfeld.

Zweite Erkenntnis des Abends war die seit Jahren sprichwörtlich ungeklärte Klo-Situation am Kulki. Da fragte der LVZ-Moderator völlig ungläubig: „Wir bauen in diesem Land Brücken und riesige Fabriken: Können sie den Menschen erklären, was daran so schwierig sein soll, ein Toilettenhäuschen zu bauen?“ Zwar wussten alle darauf eine Antwort, eine kurzfristige dauerhafte Lösung allerdings blieb der Abend schuldig. Mehr als reden und fordern kann da auch ein Stadtrat nicht, was SPD-Chef Frank Helge Meißner zum Fazit trieb: „Wir haben schon Fransen an der Gusche.“

Stadtrat jetzt auch krank?

Sieht bekanntlich hässlich aus um die Lefzen, wenn die oralen Manschetten der Stadträte in Fetzen runterhängen. Um diese Hautveränderungen dermatologisch behandeln zu lassen, war die Mehrheit der Duma-Verordneten am Donnerstagabend offenbar geschlossen beim Hautarzt.

Möglicherweise haben sie sich den Termin ganz bewusst so gelegt in der Annahme, dass die Bürgermeisterin sowieso wieder nicht da ist. Wer wollte schon mit dieser überraschenden Art spontaner Selbstheilung rechnen?

Privatvorstellung in der vierten Etage

Und so kam es nach vier Sitzungen des Stadtrats ohne Bürgermeisterin diesmal zu einer Sitzung der Bürgermeisterin ohne Stadtrat. Zumindest ohne beschlussfähige Mehrheit. Selbst die beiden im letzten Moment persönlich herbeizitierten Rechtsaußen vermochten es nicht mehr, ein Team in Mannschaftsstärke auf die Beine zu stellen. Aber wo die B-Elf nun schon mal da war, konnte man statt der Einstellung je eines Fachbereichsleiters 3.1. und 3.2. wenigstens ein paar Trainingseinheiten absolvieren und den Sonderstadtrat als Informationsveranstaltung zu Ende bringen, damit zumindest die Zahlung der Antrittsgage gerechtfertigt werden kann.

Nichts als die Wahrheit

Derweil haben die Freien Wähler nachhaltig mit einem üblen Gerücht aufgeräumt. Böse Zungen behaupten ja noch immer, dass die Bürgermeisterin bei den Stadtratswahlen als Fake antritt und im Falle eines Erfolges ihr Mandat gar nicht annehmen will. Diese bösen Gerüchte haben inzwischen dazu geführt, dass andere Parteien ihre Flyer mit Sprüchen wie „Alle Kandidaten nehmen ihre Wahl an!“ (SPD) oder „Unsere Kandidaten treten an, um ehrlich gewählt zu werden und ihr Mandat wahrzunehmen“ (CDU) zieren. Jetzt kontern die Freien Wähler und schwören auf ihrem Flyer feierlich: „Unsere Versprechen gelten auch nach der Wahl!“ Also wird deren Spitzenkandidatin ihr Mandat verantwortungsbewusst wahrnehmen und Wort halten. Wir glauben fest daran.

Beteuerungen statt Parolen: Völlig neue Töne im Wahlkampf 2024.

Gleichklang wie bei der Nationalen Front.

Und schon spielt am frisch geheilten Arm wieder der Bizeps. Noch am Freitag ging den Stadträten ein Ultimatum zu. Sonderstadtrat in sieben Tagen und wenn keiner von Euch kommt, reichen die eigenen Verbündeten. Es genügen drei anwesende Volksvertreter, um die anstehenden Beschlüsse durchzuwinken. Demokratie im Eilverfahren, im Verzug oder am Ende – wie auch immer.

Da lehnt sich der homo marcransis doch gleich entspannt zurück und fragt sich, warum er am 9. Juni angesichts solcher Möglichkeiten 22 Stadträte wählen soll, wo man doch mit deren drei völlig locker, viel billiger und vor allem einfacher hinkommt?

Wahrscheinlich aus Gründen des Selbstschutzes wurde im Wahlkampf bisher auch nicht erwähnt, dass man als Volksvertreter auch die ebenso sprichwörtlichen wie oft vermissten Eier in der Hose haben sollte. Okay, zumindest unter der Woche konnte man noch davon ausgehen, dass es in Markranstädt auch künftig nicht an Nachschub solcher Hühnerprodukte mangelt. Am Freitag allerdings folgte die Hiobs-Botschaft.

Wochenmarkt enteiert

Es hat sich ausgeeiert in Markranstädt. Der auf den bürgerlichen Namen Lutz Brause hörende Eiermann gab am Freitag auf dem Wochenmarkt seine Abschiedsvorstellung. Kurz vor 12 Uhr hatte der 61-Jährige sein letztes Ei verkauft. Zwei habe er zwar noch, aber die wolle er behalten, räumte der Händler nach einem vorsichtigen Seitenblick auf den Stand mit den Küchenmessern ein.

Wer allerdings glaubt, dass er die verbleibenden zwei treuen Begleiter braucht, um auch im Rentnerdasein noch etwas Spaß zu haben, ist auf der falschen Fährte. Auf anderen Wochenmärkten, beispielsweise in Markkleeberg, ist Brause weiterhin am Start.

Hat für die Markranstädter Kunden sein letztes Ei verkauft und beim Abschied sogar feuchte Augen bekommen: Eiermann Lutz Brause.

Hat für die Markranstädter Kunden sein letztes Ei verkauft und beim Abschied sogar feuchte Augen bekommen: Eiermann Lutz Brause.

Was ihn zum Aufhören in Markranstädt bewogen hat, wollte der ansonsten mitteilsame Markthändler nicht sagen. Wichtiger sei es ihm, einen tiefempfundenen Dank an seine Kunden für die 20 Jahre währende Treue zu richten, sagte der Mann, der auf dem Markranstädter Markt als die Institution schlechthin gilt. Und weil sich der Markranstädter Marktplatz nun mal in Markranstädt befindet, gibt es getreu der lokalen Folklore auch für den Eiermann weder eine Eigeordnete noch sonst eine Stellvertreter- oder Nachfolgeregelung.

Keine Eigeordnete

Markranstädt ohne Eier, das ist in vielerlei anderer Hinsicht sicher keine ungewöhnliche Vorstellung, aber für die Versorgungslage in der Stadt schon ein ziemlicher Dämpfer. Nudeln, Bratensoße, Marmelade, Groschenhefte – das alles hatte Brause an Bord und was nicht, das konnte er besorgen: vom Kleiderhaken bis zum Einweckgummi. Was er aber neben Eiern stets dabei hatte, waren ein offenes Ohr und immer ein Wort für seine Kunden. Beides wird wohl am meisten fehlen.

Weltweites Medienecho auf Markranstädter Schlagzeilen

Dass die Schlagzeilen der Woche auch mit Fotos dokumentiert werden können, verdanken wir wieder einmal ausnahmslos aufmerksamen MN-Lesern, denen hiermit der herzlichste Dank gilt. Lesen und sehen Sie deshalb heute: Der weltweit erste Video-Beweis im Amateurfußball wurde in Markranstädt geführt. Auch den Fußballplatz mäht man hier und jetzt mit Schaufel, Besen und Schubkarre. Die erste Schauvorführung dazu fand zwar unter Tage statt, über Nacht wurde dafür ein weltweit einmaliges System für kabelloses Aufladen von E-Autos installiert. Derweil treibt die neue Armut den homo marcranis in völlig neue Formen der Beschaffungskriminalität. Und nicht zuletzt gibt es auch noch einen wichtigen Tipp „pfumm erpfolgreiffem Pfatertag“!

In der letzten Woche hatte der Sportplatz in Kulkwitz für Schlagzeilen gesorgt. Satte 19.000 Euro müssen die SSV-ler pro Jahr für die Beregnung des Platzes mit Trinkwasser hinblättern. Aber das ist noch nicht alles.

Weil jetzt auch die Mähtechnik (gefühlt ein 1972 aus dem Ganzen gefeiltes Aggregat aus den sowjetischen Traktorenwerken „Agrotechnika Pamiatnik“) ihren Geist aufgegeben hat, wollten die Kulkwitzer Fußballer von der Stadt Markranstädt nun 10.000 Öcken für eine neue E-Sense haben. Geld muss ja schließlich da sein, wo doch die Personalkosten im Rathaus quasi schon gegen Null gehen und selbst Krankengelder nur noch halb so viel wert sein sollen.

Mähen bis der Sensenmann kommt

Vor 2026 geht da allerdings kein Weg rein, heißt es aus dem Rathaus. Trotzdem will die Stadt den Verein mit seinen Problemen nicht alleine lassen und hat ihm deshalb eine beeindruckende Schauvorführung alternativer Technologien organisiert. Und so wurden staunende Zuschauer nun Augenzeugen spektakulärer Mäharbeiten in der Unterführung des Markranstädter Bahnhofs.

Glatt wie ein Damenzwickel nach der Intimrasur: Die Markranstädter Bahnhofsunterführung nach erfolgreicher Mahd.

Glatt wie ein Damenzwickel nach der Intimrasur: Die Markranstädter Bahnhofsunterführung nach erfolgreicher Mahd.

Das Ergebnis ließ die Kinnladen der Beobachter gleich reihenweise runterklappen. Ganz ohne teure Technik, vollkommen CO2-neutral und damit absolut nachhaltig, wurde der Tunnel binnen weniger Minuten von lediglich einer Arbeitskraft und nur mithilfe einer Schubkarre, einer Schaufel und eines Besens (Investitionskosten: 60 Euro!!!) vom Grase befreit.

Nachhaltige Grünflächenpflege mit Schaufel, Besen und Schubkarre statt teurer Mähtechnik. Was unter Tage möglich ist, sollte auch Vorbild für Fußballvereine sein.

Nachhaltige Grünflächenpflege mit Schaufel, Besen und Schubkarre statt teurer Mähtechnik. Was unter Tage möglich ist, sollte auch Vorbild für Fußballvereine sein.

Angesichts der sich daraus ergebenden finanziellen Ressourcen frohlockte man sogar beim SSV Kulkwitz. Die eingesparten Mittel bei der Rasenpflege will man jetzt in die Anschaffung von Jute-Säcken investieren, mit denen man dann das Tageslicht einfangen und selbiges in die Flutlichtanlage einspeisen kann. Angesichts dieser Einsparungen droht dem Verein binnen kürzester Zeit ein solcher Reichtum, dass man den Rasen sogar mit Selters, Volvic oder Red Bull aus dem Supermarkt bewässern kann und nicht mehr auf immer knapper werdende Trinkwasser-Ressourcen zurückgreifen muss.

Erstmals VAR-Beweis aus dem Kulkwitzer Video-Keller

Einen ersten Ausblick auf die Folgen des wirtschaftlichen Aufstiegs gab es am vergangenen Wochenende beim Freundschaftsspiel des SSV Kulkwitz gegen die Markranstädter Montagsmaler in der Karl-Schwenk-Arena an der Südstraße. Dort hatte der Schiri nach einer Aktion im Strafraum auf Elfmeter für Markranstädt entschieden. Aber die Kulkwitzer, aufgrund des Reichtums im Gegensatz zum verarmten DFB bereits mit mobiler VAR-Technik angerückt, holten den Referee an den Spielfeldrand und ließen ihn die Szene anhand der Aufnahmen aus dem Kulkwitzer Videokeller noch einmal in Zeitlupe durchleben.

Was dann folgte, war ein absolutes Novum in der Bierdeckel-Liga: Der Schiedsrichter nahm seine Entscheidung nach der Video-Analyse zurück!

Das FIFA-Pressefoto des Jahres: Der Schiri bei der Betrachtung des weltweit ersten Video-Beweises im Amateurfußball.

Ein Ball war auch auf dem FIFA-Pressefoto des Jahres ’24 dabei: Der Schiri bei der Betrachtung des weltweit ersten Video-Beweises im Amateurfußball.

Ein Hauch Bundesliga-Feeling in den Niederungen des Amateurfußballs, der in die Annalen der FIFA eingehen wird: Der weltweit erste Videobeweis im Amateurfußball wurde in Markranstädt zelebriert. Chapeau und Dank an den VAR für die Aufnahme!

Der Videobeweis vom ersten Videobeweis in der Geschichte des Amateurfußballs.

Weltneuheit: Kabelloses Aufladen in Markranstädt

Video-Aufnahmen hätte man wohl gern auch vom Geschehen auf dem Parkplatz vor Möbel-Boss gehabt. An den dort befindlichen Ladesäulen für E-Autos hatten findige Ingenieure am vergangenen Wochenende über Nacht die Voraussetzungen für ein kabelloses Aufladen von Fahrzeugen geschaffen.

Modul zur kabellosen Übertragung von Ladestrom auf dem Parkplatz vor dem Möbelhaus. Trotzdem oder gerade deshalb: Früher war nicht alles schlecht.

Modul zur kabellosen Übertragung von Ladestrom auf dem Parkplatz vor dem Möbelhaus. Trotzdem oder gerade deshalb: Früher war nicht alles schlecht.

Weil das Projekt sowohl ganz ohne Presserummel als auch unter Umgehung langwieriger Genehmigungsverfahren und Fördermittelanträge umgesetzt wurde, wird jegliche Beteiligung deutschen Erfindergeistes an dieser bahnbrechenden Neuerung konsequent bestritten.

Und dennoch hält die Technologie des kabellosen Aufladens auch für den germanischen Heimwerker noch viele ungeahnte Möglichkeiten bereit. Schon soll an einer App getüftelt werden, mit der es möglich ist, die Akkus von E-Autos, E-Bikes und sogar E-Rollatoren von zu Hause aus per W-Lan an den Ladestationen vorm Möbelmarkt aufzutanken. Damit bekommt endlich auch der Begriff „upload“ die ihm zustehende Bedeutung.

Kritische Stimmen behaupten zwar nach wie vor, dass hier Buntmetalldiebe am Werke waren, die damit das Meth-Konto ihrer Haushaltskasse aufbessern wollten, aber diese Theorie wurde nahezu zeitgleich von einem anderen Vorfall in Kulkwitz widerlegt.

Auf der Suche nach Essen

Dort wurde ein Snack-Automat zerbombt. Die gesellschaftliche Lehre: Die durch Mietwucher befeuerte Armut ist in Markranstädt so groß geworden, dass sich die Beschaffungskriminalität inzwischen auf Nahrungsmittel konzentriert. Crystal war gestern, heute geht es um das nackte Überleben!

Die gesellschaftliche Gesamtsituation treibt die Bevölkerung in völlig neue Formen der Beschaffungskriminalität. Ging es früher noch um die Finanzierung des Drogenkonsums, stehen heute Nahrungsmittel und damit das nackte Überleben im Fokus.

Die gesellschaftliche Gesamtsituation treibt die Bevölkerung in völlig neue Formen der Beschaffungskriminalität. Ging es früher noch um die Finanzierung des Drogenkonsums, stehen heute Nahrungsmittel und damit das nackte Überleben im Fokus.

Zum Abschluss des Rückblicks noch ein kurzer Ausblick in die Zukunft, also auf den Vatertag. Der lockt mit frühlingshaften Aussichten an die frische Luft. Für die während der trüben Wintermonate völlig unterhopfte Zielgruppe ein traditioneller Anlass, die eigene Leber mal wieder richtig auf Betriebstemperatur zu bringen.

„Wo pfind meine Pfähne?“

Man sollte in diesen fröhlichen Stunden aber auch mal all jener Menschen gedenken, die an diesem Tage harte Frondienste zur Aufrechterhaltung des gesellschaftlichen Lebens leisten. Mitarbeiter in den kommunalen Klärwerken beispielsweise, die infolge oraler Lebensmittelverklappungen in den häuslichen Toiletten Sonderschichten an den Filteranlagen schieben müssen, um teure Gebisse herauszufischen, bevor die in den Schreddern zu abbaufähigem Feinstaub zermahlen werden.

Nicht jeder schafft es allerdings mit seinen Ulf-Rufen bis nach Hause und so sind die Hauptverkehrswege der Durstigen am Tage nach der Nacht zuvor oft von Wegweisern geziert, anhand derer sich sämtliche Phasen des menschlichen Verdauungsprozesses nachweisen lassen. Nicht selten befindet sich dann unter jenem Konvolut unzerkauten Kartoffelsalats, entleerter Bratwurstdärme und entalkoholisierten Hopfenextrakts auch das eine oder andere Gebiss.

Wer am Vatertag hinter der Prozession her läuft, kann allein durch den Finderlohn reich werden.

Wer am Vatertag hinter der Prozession her läuft, kann allein durch den Finderlohn reich werden.

Damit es den Opfern solch plötzlichen Verlustes nicht so geht wie dem Herren, der sich an der Anschlagtafel einer Gartenanlage mit dieser Suchmeldung outen musste, sollten Sie die Häufchen entlang der väterlichen Ausflugsstrecke ein paar Tage liegenlassen. Sie dienen den Suchenden als Landmarken bei der Rückverfolgung ihres Weges zur Wiederherstellung ihrer Kauleistung. Sie tun damit ein gutes Werk, denn Sie entlasten die Krankenkassen bei der Finanzierung neuen Zahnersatzes.

MN-Tipp zum Vatertag

Und den nach ihren Gebissen suchenden Männern sei noch ein Tipp mit auf den Weg gegeben: Beginnen Sie mit der Suche erst, wenn Sie wieder nüchtern sind. Schon so manch temporär Zahnloser hat im Suff gesucht und dabei in nur einem Haufen gleich drei oder mehr Gebisse gefunden, aber jedesmal feststellen müssen, dass keines davon gepasst hat.

Markranstädter Wohnkonzept, Mitarbeitermotivation, Neurodermitis und ein Keuscheitsgürtel

Die 17. Woche des Jahres war in Markranstädt so voll von unterhaltsamen Ereignissen, dass pünktlich zum Wochenende sogar die Sonne wieder scheint. Doch nein, wir wollen die vergangenen Tage nicht noch einmal aufwärmen, zumal der unterhaltsamste Teil bereits von der Qualitätspresse aufgegriffen wurde. Dass wir trotzdem ein aktuelles Angebot des Rathauses beleuchten, hat andere Gründe. Aber es gab noch mehr Interessantes in dieser Woche. So hat Markranstädt beispielsweise einen Ausweg aus der Wohnungskrise gefunden und außerdem gibt es eine kaum für möglich gehaltene Lösung für ein besseres Leben. Und dann wären da noch die Gründe, warum Soda und Gomorrhum in ein Nachbardorf zurückkehren.

In der lokalen Tagesgazette hatte man die vergangenen Tage offenbar zur „Themenwoche Wohnungsmarkt“ erhoben. Kaum eine Seite im Blatt, die nicht dem aktuellen Drama um die individuellen Behausungen gewidmet war.

Das kann nur heißen, dass der Wohnraum selbst für gut bezahlte Meinungsbildner langsam unbezahlbar wird. Mehr als eine längst bekannte Situationsbeschreibung ist dabei allerdings nicht rumgekommen. Wo sind die Tipps, wie man der Vermietermafia mal ordentlich dazwischenfunken kann, wo die Aufrufe zu Demonstrationen gegen das Vier-Wände-Kartell, wo der Ausweg aus der Spirale?

Spektakuläres Pilotprojekt

Bevor es in Markranstädt zu zivilem Ungehorsam oder gar Ausschreitungen durch verarmte Mieter kommt, wurde im Rahmen eines geheim gehaltenen Politprojektes der Test einer alternativen Wohnidee gestartet: Voilá – das Tiny-House „Lallendorf“.

Der Prototyp des Tiny-House "Lallendorf" in Kulkwitz: Großzügige Terrasse mit Seeblick in alle Richtungen.

Der Prototyp des Tiny-House „Lallendorf“ in Kulkwitz: Großzügige Terrasse mit Seeblick in alle Richtungen.

Der Prototyp wurde inmitten der Gärnitzer Vernässungsfläche errichtet und besticht durch gleich eine Vielzahl unschlagbarer Merkmale. Das Haus beansprucht kein wertvolles Bauland, verfügt in alle Himmelsrichtungen über Seeblick und selbst ein Anschluss ans Abwassernetz inklusive teurer Entsorgungskosten erübrigt sich angesichts des wasserreichen Umfeldes. Ein Loch im Fußboden, durch das man nach der Notdurft auch gleich die Angelschnur herablassen kann, reicht völlig für ein autarkes Dasein.

Weil man als Insasse eines solchen Lebensmittelpunktes kein Fahrrad benötigt, kann einem auch keins geklaut werden und vor anderen Dieben, lärmenden Neubürgern oder sprayenden Vandalen muss man sich ebenfalls nicht fürchten.

Die können meist sowieso nicht schwimmen und sich demnach nicht einmal auf Hörweite nähern.

Zwar gilt das auch für Lieferanten wie Flaschenpost, Amazon oder den Pizza-Service, aber mit einer Angel und einer Steinschleuder kann man sich selbst versorgen. Jeden Tag kostenlos Ente oder Fisch auf dem Tisch, wo hat man das sonst noch?

Mit Erfahrungen aus dem Kompetenzzentrum

Frisch auf dem Tisch ist auch eine Mitteilung aus dem Rathaus gelandet. Für das Unternehmerfrühstück am 8. Mai hat die Bürgermeisterin mit dem Thema „Was tun, damit meine Mitarbeiter im Unternehmen bleiben“ so zielsicher ins Schwarze getroffen, dass davor sogar der gleichfarbige Humor verblasst.

Weil die Impulsreferentin auf der Liste der Freien Wähler nur fünf Plätze hinter Nadine Stitterich für den Stadtrat kandidiert und damit exklusiven Zugriff auf deren ausgewiesene Expertise in Sachen Haltung von Mitarbeitern hat, können damit endlich auch gestandene Unternehmer von den Erfahrungen aus dem Rathaus profitieren. So funktioniert moderner Wissenstransfer in Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik.

Besser leben mit einer Krankheit

Aber auch für Menschen, die keine Unternehmer sind und deshalb auf die Erkenntnisse moderner Mitarbeiterführung verzichten müssen, gibt es jetzt Hoffnung auf ein besseres Leben. Dazu braucht man nicht etwa mehr Geld, das einem für eine halbwegs würdevolle Wohnung sowieso gleich wieder aus der Tasche gezogen wird und auch nicht, wie einem immer gewünscht wird, mehr Gesundheit.

So ändern sich die Zeiten: Bislang glaubte man, dass es sich ohne besser lebt. Demnächst in Ihrer Apotheke, gleich neben dem Tripper

So ändern sich die Zeiten: Bislang glaubte man, dass es sich ohne besser lebt. Demnächst in Ihrer Apotheke, gleich neben dem Tripper

Im Gegenteil: Das Pharma-Unternehmen AbbVie warb in dieser Woche via Anzeige im Internet mit einem Leben, das erst mit einer Krankheit wieder so richtig schön wird.

„Besser leben mit Neurodermitis“ heißt es da begeistert. Und tatsächlich müssen auch gleich Millionen von Markranstädtern sofort losgerannt sein, um sich Neurodermitis zu besorgen. Jedenfalls ernteten die MN-Mitarbeiter in sämtlichen drei Apotheken der Stadt bei ihrer Nachfrage nach wenigstens einer Packung von dem Zeug nur hilfloses Schulterzucken. Offenbar ausverkauft. Tja, das alte Lied: Wer zu spät kommt, den bestraft das schlechtere Leben ohne Neurodermitis.

Biwak in Großgörschen: Frauen endlich wieder „unten ohne“

Abschließend noch ein Blick voraus. Jahrelang gehörten Erwin Littmann und seine historische Feldschmiede quasi zum Inventar beim alljährlichen Biwak zur Erinnerung an die Schlacht bei Großgörschen. Seit er dabei war, herrschte auch in den Zelten Zucht und Ordnung, denn Littmann hatte auch die Kontrolle über die Fortpflanzung der Zeltbewohner. Dazu hatte er auf seinem Amboss in sorgfältiger Handarbeit individuell angepasste Kontrazeptiva gefertigt, die nicht nur unter den Marketenderinnen als „Mittelalterpille“ gefürchtet waren.

Obwohl er sie den Damen persönlich so auf den Leib geschneidert hatte, dass sich die eisernen Mittelalterpillen zärtlich wie ein Seidentanga in den Schritt schmiegten, waren Erwin Littmanns Keuschheitsgürtel vor allem bei den Marketenderinnen gefürchtet. Jetzt ist endlich auch der Weg frei für frischen Nachwuchs bei den Gefechtsdarstellern.

Obwohl er sie den Damen persönlich so auf den Leib geschneidert hatte, dass sie sich zärtlich wie ein Seidentanga in den Schritt schmiegten, waren Erwin Littmanns Keuschheitsgürtel weithin gefürchtet. Jetzt ist endlich der Weg frei für frischen Nachwuchs bei den Gefechtsdarstellern.

Auch mancher Familienvater hatte beim Anblick dieser stählernen Sittenwächter so seine Mühe, dem Sohn oder der Tochter zu erklären, dass das mal Soldatenhelme werden sollen, die der Schmied nur noch nicht vollenden konnte.

Zwar ist Erwin Littmann 2019 leider verstorben, aber wegen der Angst vor der Neuzeit-Pest Corona hat es dann doch noch vier Jahre gedauert, bis die Sitten im Biwak endlich wieder auf Vorkriegsniveau gefallen sind. Zur Freude aller, die das muntere Treiben an nächtlichen Lagerfeuern und die von Eisen befreite Wollust nach dem Siegestrunke ausgelassen genießen wollen. Live mitzuerleben am 4. und 5. Mai drüben in Großgörschen.

Wie man ganz einfach Ortschaftsrat wird und wo die Superkondensatoren bleiben

Was ‘ne Woche! Mit einer Notbekanntmachung hat die Stadt auf fehlende Bewerber um die Sitze in den Ortschaftsräten Göhrenz, Kulkwitz und Quesitz reagiert. Wer Lust hat, sich durch die Formulare zu kämpfen und aufstellen zu lassen, hat jetzt noch bis zum 6. Mai Zeit. Aber es gibt einen viel einfacheren Weg: Man kann nämlich auch gewählt werden, ohne zu kandidieren. Das ist viel unbürokratischer und entspannter. Wie das geht, erklärt Ihnen Claus Narr im folgenden Beitrag. Doch zuerst kümmert er sich um das ominöse Superkondensatorenwerk in Kulkwitz. Statt dass hier, wie großspurig angekündigt, ab 2024 weltweit einzigartige Energiespeicher produziert werden, ist das Objekt jetzt zur Vermietung ausgeschrieben. Zieht da vielleicht endlich das Protonentherapiezentrum ein?

Es ist ein riesiger Klotz, der sich mit seiner in lebensbejahendem Schwarz gehaltenen Hülle harmonisch in die Zukunftserwartungen des Gewerbegebietes Kulkwitz einfügt. Aber was soll damit geschehen?

Was bisher bekannt ist: Eine Firma namens Skeleton wollte hier gemeinsam mit Siemens leistungsfähige Kondensatoren herstellen. Weniger bekannt ist der Umstand, dass keiner der beiden Akteure Bauherr des Objektes ist. Und am wenigsten wissen die Leute draußen von dem Gerücht, dass es einen Deal geben soll, wonach die Betreiber der Kondensatorenfabrik in Markranstädt keine Steuern zahlen müssen.

Superkondensatoren aus dem Homeoffice?

Das könnte jetzt ein Aufreger sein, wäre aber sinnlos investierte Lebenszeit. Denn wer dieser Tage mal einen Blick ins Internet wirft, könnte zu dem Schluss gelangen, dass es sowieso keine Kondensatoren „made in markranstädt“ geben wird. Nicht nur, weil es in letzter Zeit ziemlich ruhig um die einst gefeierte Ansiedlung geworden ist, sondern auch, weil im Portal immobilienscout24 gleich mal 8.000 Quadratmeter Hallenfläche zur Vermietung angeboten werden.

In Nordkorea werden so die "Sonderwirtschaftszonen" vermarktet, aber in Markranstädt sollten hier eigentlich von einem internationalen Konsortium weltweit einzigartige Energiespeicher produziert werden.

In Nordkorea werden so die „Sonderwirtschaftszonen“ vermarktet, aber in Markranstädt sollten hier eigentlich von einem internationalen Konsortium weltweit einzigartige Energiespeicher produziert werden.

Gut, optimistisch wie wir Markranstädter sind, könnte man jetzt mit der Hoffnung schwanger gehen, dass moderne Kondensatoren halt weniger Platz benötigen und deshalb im großzügigen Neubau an der B 186 noch ausreichend Kapazitäten für andere Interessen frei sind. Wenn da nicht noch ein zweites Angebot im Portfolio wäre.

Weiter unten in der Vermietungsanzeige werden nämlich weitere rund 11.600 Quadratmeter angepriesen.

Macht zusammen rund 20.000 qm. Müssen die Kondensatoren jetzt in der Pförtnerbude zusammengeschraubt werden oder wird die Produktion ins Homeoffice verlegt?

Macht zusammen rund 20.000 qm. Müssen die Kondensatoren jetzt in der Pförtnerbude zusammengeschraubt werden oder gehts ins Homeoffice?

Bei zusammen fast 20.000 Quadratmetern Hallenfläche, für die da neue Mieter gesucht werden, bleibt für Skeleton & Co., vom Pförtnerhäuschen mal abgesehen, nicht mehr viel übrig, um den Weltmarkt bedienen zu können. Es sei denn, die sind technologisch schon so weit, dass man Superkondensatoren heutzutage bereits im Homeoffice basteln kann. Das würde zumindest erklären, warum einige Markranstädter Bewerber um die ausgeschriebenen Stellen selbst nach Wochen noch keine Antwort erhalten haben. Sie verfügen zu Hause einfach nicht über ausreichend Produktionsflächen.

Wie man Ortschaftsrat werden kann, ohne davon zu wissen

Zu Hause viel Arbeit hat man auch, wenn man Ortschaftsrat ist. Noch größer ist der Aufwand allerdings, wenn man sich um einen Sitz in diesem Gremium bewerben will. Bis auf die Farbe der Unterhose und die Angabe sexueller Vorlieben ist in den erforderlichen Formularen für fast alles eine Rubrik vorgesehen. Da scheitern selbst studierte Geister mitunter schon am Unterschied zwischen der Staatsangehörigkeit und der Nationalität.

Das wollen sich in Kulkwitz und Quesitz nur noch je sechs Personen antun, in Göhrenz sogar nur vier. Gebraucht werden in allen drei Ortschaften aber mindestens je acht Bewerber. Deshalb hat das Rathaus jetzt eine Notbekanntmachung erlassen und die Bewerberfrist bis zum 6. Mai verlängert. Zumindest in Göhrenz haben sich Ortsvorsteher Jens Schwarzer (BfM) und schließlich auch Tommy Penk (Grüne) ein Herz gefasst und weitere ihrer Schäfchen zu einer Kandidatur motiviert.

Womit? Nun, sie haben ihnen versprechen müssen, sie beim Ausfüllen der Unterlagen zu unterstützen, weil sie sonst frühstens vor den Kommunalwahlen 2076 so weit wären.

Dabei gibt es einen viel einfacheren Weg, sich in den Ortschaftsrat wählen zu lassen. Das folgende Szenario ist keine im Suff entstandene Vision satirischer Querdenker, sondern vom Gesetz gedeckte Realität. Wenn sich nämlich nicht genügend Kandidaten finden, werden dem Wähler auf dem Zettel drei leere Felder präsentiert, in die er die Namen von wählbaren Personen eintragen kann. Ab damit in die Urne und fertig ist der Lack.

Betreutes Kandidieren: Tommy Penk und Jens Schwarzer führen ihre Bewerber durch den bürokratischen Dschungel.

Betreutes Kandidieren: Tommy Penk und Jens Schwarzer führen ihre Bewerber durch den bürokratischen Dschungel.

Alles andere geht dann seinen Weg. Bei Landwirtin Claire Grube, die weder Ahnung von Kommunalpolitik, noch Lust auf dieses Ehrenamt hat und nicht einmal selbst zur Wahl gegangen ist, könnte am nächsten Tag das Telefon klingeln. „Guten Morgen Frau Grube und herzlichen Glückwunsch zu ihrer Wahl in den Ortschaftsrat“, erfährt die Mistschaffende. Unter gewissen Umständen (wichtige Hinderungsgründe) kann sie den Kelch zwar ablehnen, aber wenn nicht, ist sie ganz ohne Unterstützerunterschriften, Formulare, Wählbarkeitsbescheinigungen und Rennereien Ortschaftsrätin geworden.

So einfach kann der erste Schritt in die Kommunalpolitik sein. Statt immer nur rumzumeckern und Probleme zu suchen, muss man nur die Sächsische Gemeindeordnung richtig lesen und zur Anwendung gelangen lassen. Vielleicht ist es dann im kommenden Jahr ausgerechnet die Stimme von Claire Grube, die für die Weichenstellung im Gewerbegebiet Kulkwitz sorgt. Statt Kondensatoren herzustellen, werden dann auf zwei Hektar Fläche die längst fälligen Protonen therapiert. Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit.