Das war mal eine Markranstädter Woche mit gaaanz viel Herz! So viel Herz und Emotionen, dass die Markranstädter Nachtschichten für diesen Rückblick eigentlich Rosamunde Pilcher oder Utta Danella als Ghost-Writer hätten engagieren müssen. Der Ausgangspunkt ist allerdings weniger erfreulich. Obwohl sich in Markranstädt immer mehr selbsternannte Weltmarktführer ansiedeln, die sich an den Ausgangsmuskeln ihrer Mokkastübchen auch gern von den Zungen der öffentlichen Hand verwöhnen lassen, muss in Bezug auf die Unterstützung Markranstädter Vereine gerade bei diesen Unternehmen eine latente Hartleibigkeit diagnostiziert werden. Die neue Pandemie heißt „morbus geiz“.
Das Krankheitsbild stellt sich so dar: Selbst wenn ein Verein heute nur mal 10 Euro für einen Satz neue Schnürsenkel braucht, kommt er bei den großen Markranstädter Globalplayern mit seinem Bittgesuch nicht mal mehr am Pförtner vorbei.
Zum Glück für den homo marcransis sind normale Menschen, bodenständig gebliebene Handwerker und wirklich lokal verwurzelte Unternehmer gegen diesen Virus immun. Nicht ohne Grund sind Vertreter dieser wahren Elite auf dieser Webseite als zuverlässige Partner der Markranstädter Nachtschichten zu finden.
Das Herz an der richtigen Stelle
Aber es gibt noch andere Heinzelmännchen in dieser Stadt, die ihre Herzen an der richtigen Stelle haben und deshalb nicht ihre großen Klappen, sondern die Zwickel ihrer Sparstrümpfe aufreißen. Und an dieser Stelle beginnt die Markranstädter Geschichte der Woche.
Das rund 100 Kinder und Jugendliche umfassende Tanz-Geschwader der Kulkwitzer Karnevalisten hat in den letzten Monaten Geschichte geschrieben! Nach 5 (in Worten: FÜNF!!!) sächsischen Landesmeistertiteln, vier Vizemeisterschaften und einem dritten Platz, kamen beim Halbfinale um die Deutschen Meisterschaften noch mal ein dritter, ein fünfter, ein siebter und zwei neunte Plätze dazu.
Kulkwitzer Jugend startet bei Deutschen Meisterschaften
Damit waren sowohl die Jugendgarde als auch das Junioren Tanzpaar mit Ella und Ben für das Finale um die Deutschen Meisterschaften im karnevalistischen Tanzsport qualifiziert. Und das fand, wo sollte es anders sein, in der rheinischen Weltmetropole des deutschen Karnevals statt. Kölle Alaaf, mer hole dä Dom nach Markranst!
Eine Fahrt für die Kinder und Jugendlichen samt Trainerstab und Betreuer nach Köln, Verpflegung sowie Unterkunft, Startgebühren und Rückreise und was sonst noch so dazu kommt– das geht ins Geld. Geld, dass sich gemeinnützige Vereine bei zu gesellschaftlicher Verantwortung geneigten Unternehmen zu erbetteln verdammt sind.
Doch den holländischen Schmieden von Coca-Cola-Flaschen, chinesischen Metallschnitzern oder estnischen Galvanologen geht es wider anderslautender Selbstdarstellungen aktuell offenbar noch schlechter als der Gilde der Markranstädter Bürgergeldler und anderer nicht systemrelevanter Berufsgruppen. Es sind die kleinen Unternehmen, die hier einmal mehr großes Herz zeigen. Aber nicht nur die.
In einem unscheinbaren Markranstädter Hinterhof kommt einmal in der Woche ein kleines Häuflein ehrlicher Arbeit nachgehender Freunde zusammen, die sich hier traditionell zu einem gepflegten Feierabend-Bier treffen. Es sind Bauarbeiter, Klempner, Sanitärer, auch Hausfrauen und Büroangestellte befinden sich darunter. Und ja, selbst die Senioren in der Truppe nutzen ihre Tageszeit noch, um statt gepflegt abzurentnern lieber einer wertschöpfenden Arbeit nachzugehen.

Großes Herz für Markranstädter Vereinskinder: Die Hinterhof-Wochenrunde mit Mario Hödt, Roland Bressau, Heinz Hering, Ines Hödt, Jens Radtke und Kai Thieme (v.l.). Der ebenfalls zur Truppe zählende Dieter Lange hatte diese Woche mal ausgesetzt.
Diese wöchentlichen Treffen wurden bereits in den 1980er Jahren von den Vätern der heutigen Teilnehmer ins Leben gerufen. Eine Tradition, nicht tot zu kriegen durch Wiedervereinigungen, EU-Vorschriften, Gender-Gaps oder Pandemien. Wahrscheinlich auch deshalb so lebensfähig, weil es hier keinen Vorsitzenden gibt, dessen Chefsessel auf Grundlage des Einigungsvertrages von einem Wessi besetzt werden konnte, der das Ganze an die Wand fährt. Aber das nur nebenbei.
Die bei den Wurzeln bleiben
Das Solidarprinzip in dieser sympathischen Gemeinschaft beruht auf einer einfachen Grundlage: Es darf friedlich und vorurteilsfrei über alles gequatscht werden und für jede Flasche Bier, die man sich dabei in den Hals stellt, wandert ein Euro in die auf der Mitte des Tisches platzierte Kasse.

Eine schöne Tradition mit gesellschaftlichem Nährwert: Wenn pro Bierkasten sechs Euro übrigbleiben, läppert sich im Laufe der Zeit ganz schön was zusammen.
„Da musste bloß mal nachrechnen“, sagt Heinz Hering, in Sachen Ausschank gastronomischer Stimmungsaufheller die Markranstädter Legende schlechthin. „Pro Kasten bleiben damit immerhin sechs Euro übrig.“ Im Laufe der Zeit hatte sich auf diese Weise allerhand Euromaterial in der kleinen Geldkassette angesammelt.
„Sechs Euro, das läppert sich!“
Weil die wöchentliche Runde nicht als Echokammer für Klagen über die Zustände in diesem unserem Lande (oder der Stadt) dient, sondern man sich auch über wichtige Themen austauscht, kam die Sprache vor einigen Wochen auf einen LVZ-Artikel. In dem ging es um die jüngsten Erfolge der Kulkwitzer Karnevalisten. Inzwischen hatte es sich bereits herumgesprochen, dass nicht nur international agierende privatwirtschaftliche Sponsoren mehr und mehr ihre Geldhähne zudrehen, sondern auch andere, in solchen Angelegenheiten sonst eher zuverlässige öffentliche Einrichtungen wie die am Markt.
„Was die Kulkwitzer Kids da geleistet haben, kann man gar nicht hoch genug würdigen“, hat Mario Hödt in der Wochenrunde festgestellt. Dass die Markranstädter zwar in Köln einen Höhepunkt abgeliefert haben, aber in ihrer Heimatstadt eher unter „was sonst noch geschah“ abgehandelt werden, das hätte man kritisieren und bei einem Bierchen trefflich drüber meckern können. „Aber das Gejammer ist nicht unser Ding“, betont Jens Radtke.
Nicht meckern: Machen!
Also hat er den Vorschlag unterbreitet, die Bierkasse endlich mal zu entleeren und deren Inhalt den kleinen Tänzern … nein, nicht zu spenden. Zu schenken! „Die sollen sich dafür mal was schönes leisten, zusammen Eis essen gehen oder eine Pizza“, hat Ines Hödt, die einzige Frau in der unterhaltsamen Runde, vorgeschlagen.
Was von 33 Bierkästen blieb
Das Ding war schnell durch. „Es gab keine Diskussion darüber“, blickt Roland Bressau auf den Tag zurück, als die Kasse kurzerhand umgestülpt wurde und der Mehrwert aus rund 33 Kästen Bier auf dem Tisch lag. Sofort hakt Kai Thieme mit einer ergänzenden Erklärung ein: „Das sieht jetzt auf den ersten Blick so aus, als würden wir hier nur saufen, aber der Betrag hat sich über Jahre zusammengeläppert.“ Über wieviele Jahre, das kann er allerdings nicht sagen. Zumindest befand sich in der Schenkung keine D-Mark mehr.

Bei der Vorstandssitzung des KFV sollte es an diesem Donnerstag in Gärnitz eigentlich nur um die Auswertung der Karnevalssession gehen, aber das wurde zur Nebensache angesichts der großen Geste aus der Kernstadt.
Ja, auch der gesunde dreistellige Betrag hat beim Kultur- und Faschingsverein Seebenisch riesige Freude ausgelöst, aber mehr noch war es die Größe der Geste. Von Gänsehaut war bei der Vereinsversammlung des KFV am Donnerstag die Rede und sogar ein paar Tränen sind gerollt. „Wenn sowas so spontan und überraschend kommt und noch dazu mitten aus der Bürgerschaft, dann ist das überwältigender als jeder Meistertitel“, strahlt KFV-Cheftrainerin Patricia Gollas.
Prosa in den Nachtschichten statt Bundesverdienstkreuz
Auch der Nachtschichten-Chef war völlig ergriffen von so viel Emotion. „Mein Herz weitete sich zu einem saftigen Steak, ich hatte einen Erpelpullover auf den Unterarmen“, räumte er nach seinem Besuch im Hinterhof ein.
Und so hat die Story letztendlich auch das ganze MN-Team dazu bewogen, auf der Suche nach der „Geschichte der Woche“ den Pfad der Satire zu verlassen und ausnahmsweise mal die schönen und vor allem wertvollen Facetten des wahren Lebens zu zeigen.
Grade weil es für sowas keine öffentlichen Auszeichnungen oder Verdienstkreuze gibt, ist das die mindeste Würdigung für so viel moralischen Anstand. Man möchte sich verneigen und rufen: „Hut ab – und trinkt weiter so, diese Stadt braucht Menschen wie Euch!“



































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